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Nr. LV».

Wiesbaden, Freitag, ZN. April ISNS.

57. Jahrgang.

Morgen ° Kusgabe.

1. Wcatt. _

§tür Wcri und Znni

auf Sas

Wiesbadener Tagblatt"

zu advniiiereil, findet sich Gelegenheit

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Usch einmal die Einfuhrschrmr.

Im Reichstag wurde lange Uttd lebhaft über da-? System der Einfuhrscheine gestritten. Was sind Ein­fuhrscheine? In seiner heutigen Verfassung beruht das Institut ans dem Zolltarifgesetz von 1906, worin (im § 11) bestimmt wurde, daß die Quittung, die ein Getreideexstorteur bei der Ausfuhr von der Zollbe­hörde ausgestellt bekommt und die deni nominellen Zollbetrage entspricht, der für dasselbe Getreide bei der Einfuhr hätte gezahlt werden müssen, innerhalb sechs Monate bei der Zollbehörde in Zahlung ge­geben werden kann, wenn Getreide irgend welcher Art oder Petroleum oder Rohkaffee eingeführt wird. Sollte die Einrichtung den Landwirten im östlichen Deutsch­land. dessen Getreideproduktion den Bedarf übersteigt, eine bessere Verwertung ihrer Erzeugnisse im Aus­lande ermöglichen, so ergab es sich verhältnismäßig schnell, daß diese Einfuhrscheine eine ganz besondere Verwendung fanden- Es entwickelte sich nämlich die Praris, daß die Einfuhrscheine bald nach ihrer Aus­stellung bei Banken diskontiert wurden, so daß die Exporteure früher als ohne dies Institut iit. den Be­sitz von Barmitteln gelangten, was denn wieder zur Steigerung der Getreideausfuhr über das durch die Verhältnisse gegebene Maß hinaus veranlagte. Die Folge war eine Steigerung des Getreidepreises über die Linie hinaus, die andernfalls bei der natürlichen gegenseitigen Anpassung von Angebot und Nachfrage innegehalten worden wäre. Kein Vorkämpfer der Einfuhrscheine kann bestreiten, daß sie wie eine P m i e auf forcierte Getreideausfuhr wirken, daß also die Bevölkerung genötigt wird, das durch die hohen Zölle verteuerte Getreide des A u s l a n - des anstelle des inländischen Getreides an beziehen. Welche finanzielle Wirkung die Einfuhrscheine gehabt polen und noch haben, mag die eine Tatsache belegen, daß in den vier Monaten, August bis November 1908, n u r 4% Millione n Mark an Zöllen für Roggen und Roggenmehl eingegangen sind, während die R e i ch s k a s s e in E i n f u h r s ch e i n c n 23 Millio-

neu Mark auszugeben hatte. Man sicht, welches Interesse das Reich, das doch gegenwärtig unter ge­häuften Finanznöten leidet, an der Frage oer Einfuhr- fcheine hat oder haben sollte. Man sieht aber auch, wie groß die Liebe der Regierung für die Land­wirtschaft ist, wenn sie es unter solchen abnormen Um­stünden fertigüringt, die Frage der Einfuhrscheine mit der kühlen Ruhe zu betrachten, von der auch die Rerchs- lagsrede des Herrn v. Bethmann-Hollweg Zeugnis

ablegte. , ^ , ,.. L ...

Was nun die letzte Reichstagsrede betrifft, so ist zu­nächst festzustellen, daß der freisinnige Antrag, um den sich der Kampf bewegte, keineswegs mit den Einfuhr- scheinen aufgeräumt wissen will, sondern die GeI - t u n g s f r i st der Scheine soll nur von sechs Monaten auf höchstens drei herabgesetzt werden, und sie soll ferner beschränkt bleiben auf die W a r e n g a t t u n g, für die bei der Ausfuhr der Einfuhrschein erteilt wurde, so daß also keine Konfundierung von Getreide, Petroleum und Rohkaffee stattfinden darf. Wir wollen hier nicht über den Antrag selber und darüber sprechen, was für oder gegen ihn anzuführen wäre, sondern wir wollen oern zugeben, daß es sich nur eine sehr schwierige Angelegenheit handelt, die man nicht so einfach wieder erledigen könne: denii sie ist verzweigt mit so vielen Fragen des Getreidehandels, der Müllerei usw., daß es wahrscheinlich überhaupt nicht würde gelingen können, eine Lösung zu finden, die allen Interessen ölcid)ittäf3i0 bienen imirbc. Aber inet» mein boo.) beeilt 3 sprachen kann, das ist und bleibt, daß die Regierung diese schwierigen Probleme nicht bloß vom Standpunkt der landwirtschaftlichen Interessen allein , betrachten möge und daß sie den iRut haben sollte, eine Reform des Einfuhrscheinwesens trotz des agrarischen Wider­spruchs durchzuführen, sobald sich besonders. krasse Mängel gezeigt naben. Das ist u. a. ohne Zweifel der Fall inbezug auf die Rückwirkung, die das Institut der Einfuhrfcheine auf die Lage der Müllerei gehabt hat. Indem das Getreide künstlich in das Ausland abge- stoßcn wird, verlieren die kleinen Müller das Material, ohne das sie nicht arbeiten können. Das wieder ein­geführte Getreide aber wird von den Großmüllern ausgekaust, und an dm Stelle des in übertriebenen Mengen ausgeführten Getreides tritt erngefuhrtes ausländisches Mehl. Diese Übelstände, die, wie gesagt, gar nicht bestritten werden können, sollen sogar den Agrariern strenger Observanz, als abstellungsbedürftig erscheinen, aber wenn einmal resormierl würde, dann käme nach der Meinung der Konservativen womöglich das ganze künstliche Gebäude ins Wanken, Und dies soll durchaus verhindert werden. Wir,erwarten mast, daß die Kommission, an die der freisinnige Antrag ver­wiesen worden ist. Vorschläge zur Besserung machen wird wft rechnen resigniert mit der unveränderten Fortdauer des' Systems der Einfuhrscheine, aber von Nutzen sedensalls wird es sein, sich die Lage selber und ihre Grundbedingungen klarzumachen. Agrarisch

Die französische Marmeürlanz.

bleibt Trumpf. _

s. Paris, 28. April.

Eben bei den Festen zur Enthüllungsfeier des Gambetta-Tenkmals in Nizza hat der Präsident der Republik wieder eine jener pompös steifleinenen Jubel­reden den in gehobener Banrettstimmung bersalls- feligen Gästen gehalten, die nicht zum mindesten unter dem Regime demokratischer Aufrichtigkeit und Ein­fachheit für das Eigenlob der geschasfeneii Einrichtun- gen und der bestehenden Organisierungen zu dem fest- stehenden Zeremoniell bei solcheii Anlässen gehören Aber diese offizielle Dithyrambe hat doch eine etwas originellere Färbung und deshalb ist sie Gegeifitant einiger Verwunderungs-Kommentare geworden. Feilst und unverzagt Hai nämlich das Staatsoberhaupt die Marine nach allen Richtungen mit Komplimen- t e n iibcrfjänft, biefclbe Marine, über bte fett Monaten ununterbrochen die empörendsten Ent­hüllungen gebracht werden, die das wahre Schm erzenskind der Negierung i,nd auch das Parlaments geworden ist- Sollte etwa der gutmütige und friedliche Herr Falleres den Marinegewaltigen, denen das Wasser bereits bis an den Hals geht, die rettciide Hand reichen wollen?

Das könnte für ihn selbst bedenklich werden, denn die Dinge sind seit den Nachforschungen des Unter­suchungs-Ausschusses der Kammer zu weit gediehen, um mit einigen rosigen offiziellen Beschwichtigungen abgetan zu werden. Die Marinebilanz, die. Herr Alfred Picard bei seinen, Amtsaiitritte ver­brochen hatte, ohne seine Verheißung bisher erfüllt zu haben, ist somit eigentlich schon aufgestellt und ihr Ein­druck kann nicht mehr verwischt werden. Tie Fran­zosen sind mit der Tatsache befreundet worden Verzeihung für die wirklich unbeabsichtigte Ironie! daß ihre Seemacht nahezu auf den A n s st e r b e. e t a t gesetzt ist. Das ist das Gesamtergebnis m großen Umrissen und die leidenschaftlichen, wortreichen Er- örterungen über die zutage geförderten Einzelheiten können im Hinblicke auf dieses nur kleinlich, wenn nickst lächerlich wirken. Und nun gar erst das Suchen nach verantwortlichen Persönlichkeiten! Als ob es rncht längst in die Augen gesprungen wäre, daß die ganze p o l i ti s ch e Entwickelung im Innern . wie nach außen hin aus dieses Resultat hintreiben mußte! Man gerät freilich immer in Gefahr, bei noch so zurück- haltenden und nach Sachlichkeit strebenden Besprechun­gen dieser Art der Beeinflussung durch die gehässig gc- sammelten Argumente der unerbittlichen Widersacher des bestehenden Regimes bezichtigt zu werden. Aber es muß doch gesagt und kann auch kurz und scharf be­wiesen werden: Übertriebene Zuversicht auf

Bündnisse undEnteistes", Schwächeanfälle her der Handhabung der unumgänglichen Disziplin, die auf parlamentarische und sonstige Umschmerchelun- aen der A r b e i t e r m affen zurückzufuhren sind,

FemlLstE.

(Nachdruck verboten.)

Herenbeseu und Herensalben.

Von A. v. Falke-Harttung.

In der Walpurgisnacht vom 30. April bis zum ,1. Mai fliegen die Hexen zum Blocksberg. Das ist be­kannt, denn nicht nur der Volksmund, die alte Über­lieferung melden davon, auch die verschiedensten Dichter geben uns davon Kunde. Goethe und Wilbrandt haben haben es besungen und bei Hölty heißt es:

Ein schwarzer Bock,

Ein Besenstock,

Die Ofengabel, der Wecken

Reißt uns geschwind

Wie Miß und Wind

Durch sausende Lüfte zum Brocken.

Dient so der Besen den Heren als Reitpferd, ist es nicht weiter z:r verwundern, daß ihm auch noch andere zauberkräftige Eigenschaften zugeschoben werden. Aller­lei Glück und allerlei Tücken stecken im Besen, den ja auch Goethe in seinemZauberlehrling" Geisterd,cnste verrichten läßt.

Ein unter's Dach gesteckter Besen schuht vor Blitz und Hagelschlag. Wenn beim Taufgang sämtliche Teilnehmer über einen Besen wegschreiten, dann kann das Kind nicht behext werden. Zu ähnlichem Zweck legt man gekaus- tein Vieh beim Eintritt in den neuen Stall einen Besen in den Weg. Um Schutz gegen Feldungeziefer zu er­langen, empfiehlt es sich, am Karfreitag auf einem B,esen um das Feld zu reiten, während man zur Ver­treibung und Fernhaltunq der Hausmäuse am Tage vor Ostern alle Winkel des Hauses mit einem neuen Besen oder einem am Gründonnerstag gekauften fegt. Es soll Segen bringen, wenn man beim Pflanzen von

Kraut und Kohl einen Besen in eine Ecke des Feldes steckt. In ein neues Haus soll n,an unter anderen Gegenständen, wie Salz und Brot, auch einen abgenutz­ten Besen mitbringen: dagegen hat man sich zu hüten, einen gefundenen Besen mit nach Hanse zu nehmen, weil ein böser Zauber darin stecken könnte. Eure Kuh, welche man zum erstenmal dem Bullen zufuyrt, laßt man über einen Besen schreiten. Wadenkrampfwird man los, wenn man einen Birkenbesen ^ zum Schlas- kameraden nimmt. Der Warzen entledigt man sah durch Bestreichen mit einem Besen, den man vor dem Broteinschieben in den Backofen gesteckc ha-.. Wen,: Kühe blutige Milch geben, muß man sie durch etnen Besen melken. Das Kalben erleichtert man der Kuh, wenn man sie mit einem Besen über den Rucken streicht. Mit einem alten über Bord geworfenen Besen können Schiffer sich günstigen Wind zaubern; der Wind kommt von bet Seite, nach welcher oer Leien ge-- warfen wurde. Noch mancherlei sonstige Wirkungen werden diesem Hausgerät zugeschrieben. So soll man einen Blick in die Zukunft tun können, wenn man sich nachts auf einem Kreuzweg oder an der Grenze dreier Grundstücke auf einen solchen stellt. Ein Mädchen soll ihren Liebsten zitieren können, wenn sie um Mrtter- nackt das Zimmer kehrt, wobei sie sich aber aller Klei­dungsstücke zu entledigen hat. Einen, Wechselbalg schafft man sich von, Halse, wenn man ihn mit dem Besen zur Tür hinausfegt: die Zwerge kommen dann und bringen das wahre Kind wieder. Zu den nicht am wenigsten sonderbaren Anschauungen gehört .(§, daß die Seelen böser Menschen bin und lvieder iyre Strafe in Gestalt vor, Besen verbüßen müssen.

Für die Hexe ist der Besen erst zauberkräftig und als Flugmaschine geeignet, wenn er mit einer Salbe bestrichen ist, wie aus nachstehender wahrhaftiger Historia hervorgeht, die ein Rechtsgelehrter aus

Italien in dem voi, l>r. I. Fischart übersetzten Buche: 1)6 I)n6monomania Majorum" berichtet:

Im Jahr MPXXVI ist bei Rom ein Baues- man gewesen, welcher, nachdem er gesehen, daß sein Weib bei Nacht gantz Nackend sich angestrichen oder ge­salbt gehabt, vnd darauf nit mehr im Hauß anzutreffen war, den folgenden Tag sei zugefahren vnd mit eim guten handvölligen Knüppel sie so lang Hab abae- schmiert, biß siebte gäutzliche Wahrheit Hab bekamt und darüber vm Verzeihung vnd Giiad gebetten. Welcye ir der Man widerfahren lassen, doch mit dem Anhang, daß sie jhn auch zu diser Versamlung, darvon sie sagte, führen vnd bringen solte. Nachgehenden Tags schafft sie. daß der Man sich eben mit der Salb wie sie bestrich vnd fuhren darmit beyde aufs eyncni Bock sehr ring, fertig zum Herentag dahin. Aber bas Weib hat oen Man gewarnct sich zu hüten, daß er Gott nicht nennet, es geschehe dan zu Gespött oder Gott dadurch zu lästeren. Nach gethaner Reverentz sähe er. daß man eynem Runden Tantz oder Reyen hielte, doch daß sie das Angesicht ans demReyen kehrten, also daß keyns das ander in Angesicht sehen kvnte, wie sonst in anderen ge- mcyneii Täntzen Pflegt zu geschehen. Vieleicht nutz bisem bedenken, damit keyns bas ander so leuchtlin) ins Gesicht fasse vnd es erkennen lehren vnd hernach, wenn was auß der Gespilschafft von der Oberkeit ge­fänglich vngczoacn vnd befragt Wirde das ander ver- rhate vnd angebe Hierauff ist er mit den andern zu Tisch gesessen, vnd als er gesehen, daß weder die Essen gesaltzen waren, noch kern Saltz auff dem Tisch stund, rufst'vnd schrcyt er so lang, biß man jhm Saltz bracht, wie ihm bebitnefet. (§he er nun basielbig versuchte, sprach er:Nun, das sei Gott gelobt, das mir eynmal Saltz zugestanden ist." Sobald er gesagtGott sei ge- lobt" ist gleich eynsmals alles verschwunden, die Leut, die Tiich, sampt den Essen vnd sein Saltz, .also daß er

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