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Nr. 197.
Wiesbaden, Donnerstag, 29. April 1909.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt. _
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Ae ul lch-lranM j che Anuirherung.
Baron d'Estournelles öe Constant, Mitglied des französischen Senats, seinerzeit Delegierter der sran. zösischen Regierung auf der Friedenskonferenz im Haag, Präsident des deutsch-französischen Annäherungs- tomitees, sprach an: Mittwochabend in Berlin im Herrenhause über die Frage, wie eine weitere Annäherung zwischen beiden Staaten und Völkern vorbererret und durchgeführt werden könnte. Das deuisch-franzö- . fische Komitee, das sich die schöne Aufgabe gestellt hat, diesem Werke des Friedens und der Eintracht seine und aller vernünftigen Leute Kräfte zu widmen, steht, wie man weiß, und soweit es sich um die Organisation bei uns handelt, unter der Leitung des Herrenhaus- Präsidenten Frhrn. v. Manteuffel, und das^will sagen, daß dre betreffenden Bestrebungen auf die Zustimmung auch unserer Konservativen zu rechnen haben, Ergent- lich sollte das selbstverständlich sein, eigentlich, sollte es nicht nötig sein, diese Tatsachen zu unterstreichen; wir tun es auch nur, um die Einmütigkeit der Gesinnungen in allen politischen Lagern bei uns hervorzuheben. Es gibt keinen besonnen urteilenden Menschen in Deutschland der feindselige Gefühle gegen Frankreich und die französische Nation hegte. Tie Zeiten sind vorbei, wo man von dem „Erbfeinde" sprach, und es Ware ja auch unnatürlich, toenn_ hierzulande ein Dolk^ gehaßt würde, mit dem wir uns vor bald vierzig Jahren so i refflief) auseinandergesetzt haben, daß wir wahrhaftig keinen Anlaß zum Groll besitzen. Wenn man also die Aussichten der Bemühungen, zu einer deutsch-franzö- sischen Annäherung zu gelangen, sorgfältig Prüfen will, so empfiehlt es sich vom deutschen Standpunkt aus, nicht sowohl unsere Empfindungen gegenüber dem westlichen Nachbar zu untersuchen, als vielmehr zu fragen, ob f r a n z ö s i s ch er s e i t s die gleiche Geneigtheit besteht oder in absehbarer Zeit erwartet wer- den darf, aus einem Verhältnis kühler Korrektheit zu einem solchen aufrichtiger Intimität zu gelangen, Nun ist es ja nichts Geringes, wenn ein in seinem Vaterlande so hochgeschätzter und mit amtlichen Würden reich begabter Mann wie Baron d'Estournelles, de Constant den Weg zu uns findet und hier für eure
Niederlegung der Schranken wirken möchte, die sich immer noch zwischen beiden Ländern und Völkern erheben. Der ausgezeichnete französische Senator wirb dabei mit manchen Kundgebungen des Unwillens, init manchen bösartigen Gehässigkeiten aus dem nationalistischen Lager rechnen müssen, und wenn er auch die Zuversicht hegen mag und hegen darf, daß unzählige verständige Franzosen seinen Schritt billrgen, so gehört immerhin Mut dazu, in dieser Werfe hervorzutreten. Qbne uns auf die Rede des Barons d'Estournelles hier einzulassen, möchten wir aber jetzt schon eins betonen, was unabhängig von deni Inhalt seiner Ausführungen ist und naturgemäß auch bleiben wird, nämlich daß die Franzosen den größten Teil der Arbeit zu leisten haben werden, die man als „Annäherung zwischen beiden Ländern bezeichnet. Denn was können wir Deutsche schließlich weiteres in dieser Hinsicht tun, als was wir schon getan haben? Frankreich hat sich seit Jahrzehnten nickt über uns zu beklagen gehabt, weder über unlere Politik noch über die Volksstimmung diesseits der Vogesen. Wir haben hier die Gelegenheit wahrgenommen, manchmal vielleicht sogar mit allzu beflissenem Eiter, die Nachbarn fühlen zu lassen, daß wir mit ihnen in bestem Einvernehmen zu leben wünschen Wir haben freilich eines nicht leisten können, was die Franzosen bisher stets als Vorbedingung, einer Annäherung közeichneten. nämlich eine Korrektur des Frankfurter Friedens, und wir werden das Nachbarvolk in dieser Beziehung auch weiter enttäuschen müssen. Aber daraus braucht sa nicht die Unmöglichkeit einer Annäherung zu folgern, sondern felgt
daraus nur, daß es den Franzosen allerdings schwerer als uns fallen muß. eine Brücke zu dgusrndem Einvernehmen zu schlagen, daß jedoch auch die Schwere -ur Wirklichkeit- werden kann,und wohl auch werden w i r d. In diesem Sinne werden wir solchen redlichen
und rühmlichen Bemühungen, wie cs die des Baron!
d'Estournelles sind, eine doppelt herzliche Sympathie entgcgenzubringen haben.
Das Grlrrscht des Reichs.
Was wird aus dem Erbrecht des Reichs? Mit nur einer,Stimme Mehrheit ist die Vorlage von der Finanzrommission angenommen worden, und nach den Äußerungen verschiedener Parteiführer zu urteilen, möchte man fürckten daß der Entwurf im Plenum kein gutes Schicksal erfahren wird, Oder soll man lieber nicht von „fürchten" sprechen? Soll man eine etwaige Ablehnung der Vorlage nicht lieber mit, Gleichmut hin- nehmen oder gar zufrieden damit, sein? Es liegt nämlich wunderlich genug. Tie freudige Anteilnahme aller guten Deutschen begrüßte die so ausgezeichnete Anregung des wackeren Justizrats Georg Bamberger. in Aschersleben, dem immer das Verdienst bleiben wird, einen außerordentlich nützlichen und zugleich wahrhaft
volkstümlichen Weg zur Heilung der Frnanznot ge« wiesen zu haben. Aber ein bedauernswertes Durchs einander von Kleinlichkeit, Zaghaftigkeit, sauertöpfischem Zweifel und bnreaukratischer Steifheit, ein Mischmasch vonBedenken undllnverständnis hatten aus der schönen Anregung bereits ein Zerrbild gemacht, bevor noch die Kommission mit dem solchermaßen mißratenen Gesetzentwurf zu tun _ bekam, und die Kommission, in der ebenfalls das rechte Verständnis für die Vorzüge der Lex Bamberger fehlte, tat nichts dazu, um die begangenen argen Fehler zu korrigieren. Kein Mensch wird je begreifen, weshalb der Geist des Bambergerschen, Vorschlages, das Jntestaterbrecht des Reichs mindestens schon hinter den Geschwistern eintreten zu lassen, derartig verkümmert werden konnte, daß die Vorlage nicht bloß die Neffen und Nichten als Jntestaterben beibehalten will, sondern sogar die Geschwisterenkel, ja die Geschwisterurenkel. "Der Gedanke der Fannlienzusammen- Hörigkeit wird durch diese Verschlechterung des Vorschlages einfach zu einen: K a r i k a t u r. Welche
Mängel sonst noch die Vorlage aufweist, dabei wollen wir uns hier nicht weiter aufhalten: es wäre des
Klagen? und Beklagens fein Ende, Warum z. B. sollen die E i n z e l st a a t e n ein Viertel des Ertrages be< kommen? Für das bißchen Mühe, das den Behörden die Erhebung der Steuer bereiten mag, wären 2 oder 3, allenfalls 5 Prozent, wirklich genug. Nun aber sollen es 28 Prozent sein. Wir sagten vorhin, man habe sich zu fragen, ob ein etwaiges Scheitern, der Vorlage be- fürchtet werden müsse, ober man nicht lieber van .Furcht" schweigen solle. In der Tat wäre es, wie die Dinge jetzt »erfahren sind, am Ende ebenso gut. wenn nichts zustandekäme, denn , das Flickwerk. auf das allenfalls zu rechnen wäre, verzerrt nur den Gedanken des Jntestaterbrechts des Reichs. Und da, dieser Ge- danke so viel siegende Kraft in sich hat, daß er niemals wieder wird verschwinden können, so ist es vielleicht besser, die Reform wird später zu einer gelegeneren Zeit unternommen als jetzt, wo sie zwar tn allen urteilsfähigen Schichten der Nation, nicht aber leider bei der Regierung und beim Reichstag auf das ihr gebührende Verständnis trrfft. Wir können Hunderte von Millionen aus dieser Reform ziehen und wir werden sie einmal aus ihy ziehen.
Glossen über dorr Maeineetor.
Ein höherer Seeoffizier macht in der vom Reichstagsabgeordneten Dt.. L eanhart herausge- gebenen trefflichen Zeitschrift „Fortschritt" beachtenswerte Glossen über den Marineetat, bei dem, wie er behauptet, mancherlei gespart werden könnte. Insbesondere spricht er über die große Höhe der Tafel« gelder. „Bis vor zwei Jahren", so erzählt er, „erhielt der Chef einer Flotte tn den Reichskriegshäfen 30 M, in den beimischen Gewässern 36 und im Ausland 60 M. täglich an Tafelgeldern. Tie Kommandanten der größeren Schiffe 10, 12 und 18 M., je nach
MgyMilMer toi Sumpf um KUMMMl.
Luigi Barzini, der bekannte italienische Korrespondent, zeichnet im „Corriere della sera" folgende Augenblicksbilder von den jüngsten türkischen Ereignissen:
Am Freitag, noch dem Selamlik, schien in Konstanti- nopcl alles Leben zu stocken. Die bange Erwartung kommenden Unheils lag über der Stadt, leer und verödet waren die sonst belebten Straßen, die meisten Läden geschlossen. Dumpf hallten die Hufschläge der Kavalleriepatrouillen und Meldereiter an den Straßenwänden wieder: den ganzen Tag über stürmten Reiter vom Jildis-Kiosk zum Kriegs- ministerium und wieder zurück. Als die Sonne unterging, breitete sich die schwüle Ruhe ungewissen Bangens über die schlafende Stadt. „Morgens gegen sechs ließ mich das dumpfe Dröhnen der Geschütze aufspringen und zum Fenster eilen. Dort unten lag das goldene Horn; es war ein herrlicher, sonniger Morgen. In der Ferne sah ich aufsteigende zuckende kleine Wölkchen: Gewehrfeuer. Zorniger dröhnte der Lärm im Norden. Und inmitten des Tumultes lag stumm und unbeweglich die Stadt, wie gebannt vor Schrecken. Niemand wagte die Häuser zu verlassen. Als ich hinauseilte, stieß id) auf die ersten Detachements der mazedonischen Truppen, die in kleinen Gruppen durch das Straßengewirr zu den Hügeln von Pera hinaufzogen. Schnell, ruhig und sicher waren ihre Bewegungen, und man merkte, das sie nach einem genau ausgearbeiteten einheitlichen Plane handelten.
Immer wilder dröhnte der Schlachtenlärm. Man glaubte, der Iritis würde angegriffen. Viel war erzählt worden von den neuen Befestigungen, die in den letzten Tagen aufgeführt wurden, von den Verteidigungsbatterien, und vyn e'ner Garnison von 6000 Mann, die den Valast
bis zum äußersten verteidigen solle. Aber als ich die große Perastraße hinauseilte, sah ich, daß der Kampfplatz viel näher lag. Am Ende der Perastraße, wo der Weg. zum Bosporus hinunter abzweigt, lagen Gruppen rumelischer Gendarmen im Feuer. Der Angriff galt der Taschkischla- und der Taxim-Kaserne. Vom Ende der Grande Rue sieht man die Kasernenbauten, in ihrer Mitte ein altes Militärhaus mit großen viereckigen Fenstern, von alten Bäumen beschattet. Rechts davon erhebt sich ein alter Karakal, eines jener Wachthäuser, die an strategischen Stellen der Stadt errichtet sind. Die Kasernen und das Wachthaus wurden mit verzweifelter Hartnäckigkeit verteidigt. Ein wüster Lärm tobt hier. In die Mauern reißen Granaten donnernd ihre Löcher, zerschmetterte Fenster klirren und fallen auf die Straße, Staub wirbelt auf und dringt bisweilen bis zur Perastraße in dichten Wolken.
Die rumelischen Soldaten sind prachtvoll. Sie feuern wie aus dem Exerzierplatz, mit der größten Ruhe und Kaltblütigkeit. Die ganze Nacht sind sie marschiert, aber sie scheinen nicht ermüdet. Kräftige, sehnige Gestalten von slawischem Typus, mit dem ruhigen Phlegma^des Slawen. In den Winkeln der Häuser haben sie ihre Stellung; den Gewehrlaus an die Wand gelehnt, schießen sie kniend oder stehend; zwischen jedem Schuß nehmen sie einige Züge aus der Zigarette, die sie kn der Linken zwischen zwei Fingern halten. Wenn eine Kugel sitzt, zieht ein befriedigtes Lächeln über ihre Züge. Die Ruhe der Schützen überträgt sich auf die Bevölkerung. Neugierige schlendern herbei, um zuzuschauen. Da plötzlich, in der Mitte der Straße, schreit ein junger Mann auf, die Hand fährt zum Kopfe; er taumelt zwei, drei Schritte, dreht sich um sich selbst und fällt schlaff und schwer zur Erde. Der erste Tote . . . Die Zuschauer begreifen: dies ist Ernst. Eine Panik droht auszubrechen. Alles flüchtet. Nur die rauchenden und schießenden Rumelier bleiben am Platz.
Um Salb acht konzentriert eine Batterie ihr Feuer auf
die Taxim-Kaserne. Die Haltung der Bevölkerung ist völlig umgewandelt. Seltsames Schauspiel: die Leute, die gestern vor dem Ungewissen zitterten, verlieren heute, da der Kampf wütet, jede Furcht und jubeln den Truppen zu. Aus dem Wachtturm wird das Feuer langsamer. Eine weiße Fahne erscheint und schließlich kommen die Verteidiger Mann um Mann dahergeschrilten. Sie halten das Gewehr hoch in der Lust, werden umringt, entwaffnet und setzen sich ruhig in der Nähe eines Marmorbrunnens auf die Erde. Ich frage einen: „Warum habt ihr euch verteidigt?" Eine
ungewisse Gebärde ist seine Antwort. Er weiß nichts; der Befehl hieß kämpfen, sic haben gekämpft, bis die Munition zu Ende war und dann haben sie eben aufgehört . . .
Die Taschkischla-Kaserne ist noch um 11 Uhr der Gegen- stand eines wilden Feuergesechts. Ein mazedonischer Stabsoffizier, der, in der Uniform des gemeinen Soldaten, den Kampf beobachtet, hat plötzlich einen genialen Einfall: er läßt einen Trompeter kommen. Im Laufschritt stürmt ein Baschi-Bosuk herbei; von der Wichtigkeit seiner Mission erfüllt, setzt er sein Instrument an und hell klingt das Signal durch den Lärm. Im selben Augenblick kommt ein Schweigern Noch ein Gewehrschuß, dann noch einer: jetzt ist es still . . . Auch die Belagerten stellen das Feuer ein. Sie haben das Signal gehört, auch sie sind türkische Soldaten: sie befolgen es. Verhandlungen werden eingclertct, wenige Minuten später übergibt sich auch die Taschkischla-Kaserne. In der ganzen Stadt herrscht jetzt eine Stille, die nach dem stundenlangen Dröhnen der Geschütze und Knattern der Gewehre fast unheimlich wirkt. Durch die Straßen schlc,r- man Verwundete. Hier kommt mit langsamen Schritten rin yünerm haster Albanese daher, das Gesicht vom Mure- grausig ent- stellt. Er schreitet ruhig dahin und sucht einen Wundarzt. Von den Balkons starren die Einwohner herab und bereiten dem Verwundeteir eine brausende Ovation. Aber der Koloß bleibt völlig gleichgültig. Ein reines Taschentuch wäre ihm vielleicht anaenedmer ... Der Widerstand der Meuterer
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