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Wiesbaden, Dienstag, L7. April 1KAV.

57. Jahrgang.

Nr. 11)3.

Morgen - Ausgabe.

1. HZt'att.

Jür: War und Juni

auf vas

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.Aoch in dieser Sesslsn?^

ist der einmütige Wille der Verbündeten Regie­rungen. die Lösung der Frage noch in dieser Session des Parlaments herbeizusühren." So hat der Reichs­kanzler Fürst Bülow am Dienstag bei dem Empfang der Abordnungen in Sachen der Reichsfinanzreform erklärt. Die Aufnahme, welche die Ausführungen des leitenden Staatsmannes insonderheit über die Erb­schaftssteuer bei der Rechten, an deren Adresse sie ja in erster Reihe gerichtet waren, gefunden haben, sind alles eher als geeignet, die in der Rede des Fürsten Bülow zutage getretene o p t i m i st i s ch e Auffassung als berechtigt erscheinen zu lassen. Jene Rede galt eben­so wie die Kundgebungen der Deputationen derReichs- erbschastssteuer. Aber obwohl die Verbündeten Regie­rungen unterdessen trotz der Erklärung des Reichs- schatzsekretärs Shdow, daß die allgemeine Nachlaß­steuer „eine conditio sine qua non für das Zustande­kommen der Reichsfinanzreform bildet", die Nachlatz­steuer in eine Erbansallsteuer verwandelt haben, sind die an dre Adresse der konservativen Partei gerichteten Beschwörungen des Reichskanzlers bisher wirkungslos verhallt. Innerhalb der konservativen Fraktion sollen sich nur 12 Mitglieder für die Erbschaftssteuer erklärt haben, während die ganz überwiegende Mehrheit in ihrer Oppositionsstellung verharrt. Die Kundgebung des engeren Ausschusses der konservativen Partei zur .Reichsfinanzreform, die sich ebenso gegen die Erb­schaftssteuer wie gegen die „von seiten der Regie- r u n g neuerdings zur Durchführung ihrer Vorschläge eingeleitete und offensichtlich unterstützte Bewegung" richtet, läßt in dieser Beziehung kaum einen Zweifel, wenn auch die endgültige Entscheidung über die Stellungnahme der konservativen Partei erst in der am 30. April in Berlin stattfindenden Sitzung des weiteren Vorstandes, des sogenannten 50er Aus­schusses fallen wird. Unterdessen haben die Konser­vativen. der alten Fechterregel folgend, daß der Hieb die beste Deckung ist. die Kampagne gegen die Erb­schaftssteuer durch einen neuen Gegenstoß verstärkt, indem sie in der Finanz- und Steuerkommission des Reichstags ihren Antrag, betreffend die Einführung

der Reichswertzuwachssteuer auf Grundstücks und Wert­papiere einbrachten und damit bereits insofern einen positiven Erfolg erzielten, als die aus den Konser­vativen. der Wirtschaftlichen Vereinigung, dem Zen­trum und den Polen bestehende Mehrheit der Kom­mission gestern den verblüffenden Beschluß gefaßt hot. die Beratung über die indirekten Steuern abzubrechen, um sofort in die des konservativen Antrags einzu- treten. Es ist nicht zu verkennen, daß durch diesen Be­schluß. der eine erneute Sprengung des soeben erst notdürftig und freilich nur äußerlich zusammen­geleimten Blocks bedeutet, abermals eine außer­ordentliche kritische Lage geschaffen worden ist, und daß man unter diesen Umständen schon über eine starke Dosis Optimismus verfügen muß. um an die Durch­dringung der Reichsfinanzreform „noch in dieser Session" und an ihre Erledigung durch den Block überhaupt zu glauben.

Was nun die Reichswertzuwachssteuer an sich be­trifft, so wird der vernünftige und sozial denkende Steuer- und Sozialpolitiker gegen einen solchen Steuervorschlag grundsätzliche Bedenken kaum er­heben können, da der Wertzuwachs der Immobilien, der ja ganz überwiegend nicht der eigenen Arbeit, sondern der der Allgemeinheit auf die Rechnung zu setzen ist, zweifellos als ein brauchbares Steuerobjekt anzusehen ist. Nur darf nicht vergessen werden, daß dieser Wert­zuwachs in erster Reihe auf der Arbeit und auf den Leistungen der Gemeinden und nicht des Staates beruht, und daß jedenfalls ein wesentlicher Anteil an dieser Steuerauelle den Gemeinden, die sich ihrer ja auch vielfach bemächtigt haben, schon deshalb reser­viert werden muß. weil gerade die großen Gemein­den, in denen der Wertzuwachs an Grundstücken eine erhebliche Rolle spielt, entsprechend höherer Aufwen­dungen und stärkerer Steuerquellen bedürfen. Könnte also hier nur ein Teilbetrag der Wertzuwachs­steuer für das Reich in Frage kommen, so wird bei dem Vorschlag einer Zuwachssteuer auf Wertpapiere recht gründlich die Erfahrung der letzten Jahre außer acht gelassen, daß dem Wertzuwachs ein sehr starker Wert- v e r l u st an die Seite tritt, so daß steuerpolitische Spaßvögel am Ende als Ergänzung der Wert­zuwachssteuer eine Wertvcrluststeuer Vorschlägen könnten.

Jedenfalls tarnt, , da, wenn die Branntweinsteuer, über welche die Einigung auch noch aussteht, 100 Millionen Mark, die Biersteuer 100 Millionen und die Tabaksteuer 50 Millionen bringen, während die Aus­sichten der Weinsteuer auf Null gesunken sind, auch mit den Matrikularbeiträgen noch ein Ausfall von über 200 Millionen Mark zu verzeich­nen ist, eine Reichswertzuwachssteuer immer nur neben der Erbschaftssteuer als Ergänzung in Betracht kommen, die ja auch zweifellos in das Finanzprogramm ausgenommen werden wird,' da die meisten der anderen vorgeschlagenen Ersatzsteuern einer ernsthaften Prüfung nicht standhalten können.

Die Sachlage ist also die, daß, da die Verbündeten Re. gierungen für. eine Reichsvermögensteueu oder R eichsecnkom m e n st e u e r nicht zu haben sind, die Reichsfinanzreform nach wie vor mit der Erbschafts ft euer steht und fällt, wie die Dinge zurzeit zu liegen scheinen, fällt, da Fürst Bülow bisher wenigstens vergeblich auf den Anbruch des „Tages von. Damaskus" gewartet hat! Wie unter diesen. Umständen „die Lösung der Frage noch in dieser Session des Parlaments" herbeigeführt werden soll, ist, da am 21. Mai die Pfingstferien beginnen sollen und der Reichstag nach Pfingsten schwerlich noch lange zusammengehalten werden kann, ein Geheimnis der Regierung, es sei denn, daß man die Session nicht schließen, sondern zum Herbst vertagen will. Aus diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege ließe sich „die Frage" vielleicht „noch in dieser Session" lösen!

Politische Übersicht.

Die netten Artleiherr.

L. Berlin, 24. April.

Die neue Anleiheoperation des Reichs und Preußens wird mindestens den einen Erfolg haben, daß sich das allgemeine Interesse dem Versuch mit dem doppelten Anleihetypus so stark znwenden wird, daß ein Mißlingen als ausgeschlossen gelten kann. Man wird auf erhebliche lr b e r z e i ch n u n g e n rechnen dürfen, nur daß es freilich ungewiß ist, ob die Z^prozentigen Anleihen so viel Glück beim Publikum haben werden wie die 4prozentigen. Man mag den Sparern noch so eindringlich vorrechnen, daß schließlich der größere Vorteil bei der Zeichnung auf di- Zt/siprozentlgen Werte liegen wird, so wird der verlockende Eindruck,-' der in dem Schlagwort „4 Prozent" beruht, schwerlich zu überbieten und zu überwinden sein. Indessen droht den Lprozentigen Anleihen in neun Jahren ebenso das Schicksal der Konversion wie den vorjährigen Iprozentrgen Anleihen, während die Z^prozentigen immer­hin die Verrnutung einer erheblichen Kurssteigerung für sich haben. Das Publikum wird aber, wie gesagt, so weit hinaus wohl nicht denken. Es wird sich an die faszi­nierende Tatsache der 4prozentigen Zinsen halten, zumal die tatsächliche Verzinsung, den Emisstonskurs zugrunde gelegt, bei den 4Prozen.tigen Anleihen 3,89 Prozent ausmachen wird, bei den 3^prozentigen nur 3,66 Prozent. Immerhin wird ein Mißerfolg der Zlhprozentigen Anleihen nicht zu befürchten sein, und schon aus diesem Grunde waren das Reich und Preußen nicht nur berechtigt, sondern auch ver­pflichtet, es mit der Rückkehr zum Z^prozentigen Typus zu versuchen. Das Reich, das aus früheren Krediten noch 147 Millionen zu begeben hatte, und das durch das Etatsgesetz vom 2. April d. I. weitere 202 Millionen aufzunehmen er­mächtigt ist, hätte hiernach 349 Millionen zu fordern, nimmt aber nur 320 Millionen auf. Preußen dagegen, das jetzt 480 Millionen von den Sparern zu haben wünscht, könnte von Rechts wegen die Riesensumme von 1669 Millionen flüssig zu machen suchen; denn auf so viel belaufen sich die offenen

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

Uaristr Schmihritskonkurren;.

Von Karl Lahm.

Paris, 25. April.

Herr Armand Fallitzres, Präsident der Republik, präsi­dierte einer französisch - englischen Schönheitskonkurrcnz. Madame Armand Fallitzres war zugegen. Sie blieb an der Seite ihres Gemahls bis zum Ende. Fünfzig englische beauties wettbewarben sich mit fünfzig französischen vsantes um die Palme, die Herr Armand Fallitzres zuerkeunen sollte. Es war eine schwierige Ausgabe. Der Apfel, den Paris einer der drei Göttinnen zu geben hatte, und der Apfel, den Wilhelm Tell vom Haupte seines geliebten Sohnes nieder- schießen mußte, waren zusammengerechnet mit anderen histo. rischen Äpfeln nichts im Vergleich mit der Palme, die Herr Armand Fallitzres zuerkennen sollte. Die Besichtigung dauerte lange; sie war eingehend. Man bedenke: fünfzig englische, fünfzig französische Schönheiten. Madame Armand Fallitzres blieb bis zum Ende. Es waren Schönheiten aus dem 16. Jahrhundert.

Solches geschah 1909, am 22. des Monats April. Und zwar in der Salle du Jeu de Paume, dem Ballspielsaal den die Kommune als letztes unnützes Überbleibsel der Tuilerien stehen ließ. Unnütz, weil die Nachfolger Napoleons und Eugenies, die Präsidenten der Republik und die Präfix deMinnrn, wenn sie schon statt tm ElhsSe der Pompadour unbeengter in den Tuilerien gewohnt hätten, mit der Salle du Jeu de Paume nichts anzufangen wissen, sintemalen sie nicht dem Ballspiel huldigen.

Für die Schönheitskonkurrenz der entsnts-eordiale hatte Armand Dayot, Inspecteur General , des Beaux-Arts, das zweiteilige Gebäude mit raffiniertem Geschmack ausschmücken lassen. Das Wassmboudoir für hundert de; schönsten Schön­

heiten von dies- uiid jenseits des Ärmelkanals konnte nicht verführerisch genug ausfallen, zumal sie für vierzehn Mil­lionen versichert werden mußten. Eine solche Einschätzung — auch für hundert Damen — ist keine kleine Galanterie und würdig des Pariser Generalinspektors der Schönen Künste. Vierzehn Millionen ist aber nicht zu hoch: Man bedenke — unter der Ägide von Englands Königin Alexandra waren sieben Reynolds, sieben Gamsborough, vier Lawrence, vier Raeburn, sechs Romney, vier Hogarth, fünf Hoppner, zwei Ramsay, ein Thomas Hudson, zwei Francis Cotes, zwei Opie, ein Owen, ei:, Northcote, ein Zoffanh, ein Morland-Vater und ein Knapton zusammen- gebracht worden, um mit acht Nattiers, drei Perroneaus, einem Lepicis, vier Drouais, einem Boucher, einem Frago nard, einem Duplessts, mehreren Grenze, einem Labille Guiard, einem Tocque, einem Prndhon, einem Roslin, vier Danleux, einem Michel und einem Karl van Loo, zwei Louis David und einigen Vigse-Le Brun den Kamps aus zunehmen. Die wunderbarsten Franenportraits des 18. Jahrhunderts! Keine „Museumsware"! Armand Dayoi ließ den öffentlichen Orten, was der Blick der großen Menge „profaniert" hatte. Es gelang ihm — und mit welch' un endlichen Mühen! — aus den Privatsammlungen beider Länder die Perlen dieser unwiederbringlich vergangenen Portraitkunst zum guten Zweck — zur Unterstützung der Seemannswaisen — in der Salle du Jeu de Paume für eilte Weile ansznstellen. Wem es, wie uns, vergönnt war, diesem liebenswürdigen Kunstenthusiasten Dayot von Anfang an bei der Organisation seiner Exposition de cent portraits de femmes des ecoles anglaise et frangaise du XVIII. siede" zuzuschauen, wird bestätigen können, daß diese Frauen der englischen und französischen Schulen des XVIII. Jahrhunderts wirklich in festen Händen sind. Kein Lord oder Baron Rothschild wollte von April bis Juni seine Schönheiten herleihen, und es bedurfte diplomatischer Kniffe, um sie nach dem Ballsvielsaal ru entführen. Bei diesen

Kniffen war Monsieur Dayoi auf englischer Seite Graf Plymouth unendlich nützlich.

Diese Schönheitskonkurrenz ist das sensationelle Er­eignis der Pariser Saison 1909; es lohnt die Reise von weit­her denn die Gelegenheit ist einzigartig. Zum erstenmal sah oer Präsident der Republik so lieblich und reizvoll die Vorbewohnerin des Elystze, Madame Pompadour von Boucher, die das Edinüurger Museum gesandt hatte. Man kennt diese königliche Geliebte meist nur von Bildern aus rhrer reiseren Blütezeit. Boucher zauberte eine so charmante Pompadour, daß selbst die Republik keinen Augenblick zögern würde, wieder zum Weiberregiment zurückzukehren, wenn diese Pompadour neugeboren vom Olymp hernieder- ^tiege. Georges Clemenceau würde trotz seiner siebzig Jahre die Waffen strecken. — Um die Wahrheit zu sagen Madame Pompadour im Verein mit Bouchers Pinsel rettet Frankreichs guten Ruf vor den englischen beauties! Die gar zu paßen, wenn auch unnachahmlichen Marguisen Nattiers waren fabelhafte „parvenues" gegen diese Aristo­kratinnen Old-Englands, die Raeburn, Romneh, Hogarth und Hoppner verführen. Das waren keine aufgeputztcn und bemalten Püppchen, das waren durchgeistigte, geistreiche Ladies, die ohne Puder und Stifte keine Gemälde — Ge­mälde waren! Als Dokumente eines Gesellschaftsniveaus stehen die englischen Portraits über den französischen als Dokumente eines Kunstniveaus nicht minder, so sehr die Pariser darauf pochen, daß die Largillitzres, Rattlers'und Perroneaus, die Lehrer, jene drüben die Schüler waren. Gamsborough, der diese Bildnisse der Königin Charlotte und ihrer beiden Töchter zeichnete, war dann zum mindesten ein so gelehriger Schüler gewesen, daß seine Lehrer bei ihm hätten in die Schule gehen können . . .

Ich gestehe es mir und erröte nicht, daß keine deutsche Portraitschule des 18. Jahrhunderts hier mitkommcn könnte, Es fehlte an deutschen Portrartisten zu dieser unglücklichen Zeit, nicht an deutschen Schönheiten. Heute wie damals