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Abend -Ausgabe.

1. Matt. __

Die neue Mge in der Türkei.

Die Straßcnkämpfe in Konstantinopel.

Die Mannschaften in der Mehrzahl der Taximkascrnen haben sich ergeben. Am Samstagvorniittag ließ die jung- türkische Armee vor dem französischen Hospital ein Geschütz ausfahren, um die Kasernen zu bombardieren, worauf die Mannschaften einen von zwei Soldaten begleiteten Offizier als Parlamentär entsandten, der ihre Ergebung anzeigte. Dadurch war der Weg zur deutschen Botschaft frei gewor­den, in deren Umgebung ein großer Teil des Kampfes sich abgespielt hatte. Viele Soldaten flohen über den der Bot­schaft gegenüberliegenden alten Friedhof; Offiziere ver­suchten vergebens, sie aufzuhalten. Am Botschaftsgebäude sind einige Fensterscheiben von Kugeln zertrümmert worden, sonst hat es keinen Schaden erlitten. Niemand wurde ver­letzt. In der Umgebung der Taxrmkaserne sind die Fassaden aller Häuser von Kugeln beschädigt und alle Fenster­scheiben zertrümmert. Das französische Hospital ist von Verwundeten überfüllt. Trupps der mazedonischen Armee ziehen, zum Teil sichtlich erschöpft, in Pera ein, von der Be­völkerung mit stürmischem Händeklatschen begrüßt. Der KreuzerMessudjeh" hat sich an der Beschießung der Kasernen beteiligt. Pera ist in der Nacht besetzt worden; nur in den benachbarten Seitengassen irren noch planlos be­waffnete und unbewaffnete Flüchtlinge herum. Die Haupt­straßen sind von Salonikicr Truppen gesperrt, deren Hal­tung und Disziplin gegenüber der Bevölkerung musterhaft ist.

Auch die Mannschaften der Tophanskaserne haben sich ergeben. Als der KreuzerMcssndjch" zur Beschießung vor der Kaserne erschien, erbat sich die Mannschaft eine zwei­stündige Bedenkzeit, worauf die Übergabe erfolgte. Die Kämpfe um die Kasernen sind sehr verlustreich gewesen, und zwar hauptsächlich auf Seiten der mazedonischen Armee, da die Garnisontrnppen in den Kasernen ver­schanzt wareir.

Aus der Menge der sich häufig widersprechenden Nach­richten läßt sich über den Verlauf des Samstags folgendes Bild gewinnen: Um 4% Uhr früh griffen die mazedonischen Truppen die auf der Ostseite des Goldenen Horns gelegenen Pulvermagazine in Kassim-Pascha, Okmeidan und Kiathane an, drangen sodann ostwärts in der Richtung auf den Jildis vor und besetzten die Kriegsschule in Pancaldi. Die Artilleriekaserne im Taximgarten erössnete daraus gegen vre Kriegsschule ein heftiges Feuer und zugleich entspann stcy ein Kampf um die Taschkrschta- und Matschkakaserne. Um 11 Uhr ergaben sich die Taxim- und Matschkakaserne, wäh­rend ein heftiger Kampf um die Taschkischiakaserne m;t äußerster Heftigkeit sortgeführt wurde, im dort fünf Bataillone Infanterie lagerten, unter ihnen das vierte Salonikier Jägerbataillon, von dem der letzte Aufstand aus­ging und deren Auslieferung die Belagerungsarmee g- fordert hat. Mehr als die Hälfte der Kasernenbesatzung soll gefallen sein. Auch die Verluste der mazedonischen Armee waren hier sehr bedeutend. In Stambul wurden die Pforte und das Kriegsministerium nach leichtem Kamps besetzt. Das Marmearsenal in Tcrschana, dessen Besatzung für stark sultanfreundlich galt, ergab sich kampflos, ebenso zwei in nächster Nähe des Jildis gelegene Kasernen, die 17 Ge­schütze übergaben. Am Abend befanden sich somit sämtliche Kasernen, ausgenommen die Jildisbesatzung, in den Händen der Belagerungsarmee. Die Zahl der Toten und Verwun­deten wird ans 2000 geschätzt. Die mazedonischen Truppen erlitten besonders dadurch große Verluste, daß die Gegner mehrmals die Weiße Flagge hißten, die Truppen so hera-.-.- lockten, dann aber feuerten. Alle Ärzte, Apotheker urw Hospitäler in Pera stellten sich der Armee zur Verfügung.

Am Samstagabend war, soweit die Situation zu über­blicken war, die mazedonische Armee Herrin der Stadt. Der Stadtkommandant von Pera erklärte, daß sämtliche Kasernen in den Händen der Jungtürken seien. Tatsächlich ist bei einem großen Teil der Garnisonen die Entwaffnung bereits durchgeführt. In Pera herrschte völlige Ruhe. Die Straßen waren von dichten Menschenmassen angefüllt, die die Eretg nisse des Tages lebhaft besprachen und jede vorbeiziehende Truppcnabteilung lebhaft begrüßten. Enver-Bei, der am Mittag erschien, war Gegenstand besonderer Ovationen. Allgemeine Bewunderung findet die bis ins kleinste durchgeführte Organisation des Sicherheitsdienstes. Ms der erste Schuß fiel, waren sämtliche Botschaften und öffent­lichen Gebäude von Schutzwachen besetzt, unter denen sich stets einige der französischen Sprache mächtige Militärschiwer befanden. Infolge dieses Gefühls der Sicherheit sieht die Bevölkerung Peras den weiteren Ereignissen ohne Besorg­nis entgegen. Unter den zufällig Verwundeten befinden sich auch der erste Dragoman der dortigen amerikani­schen Botschaft und unter den zufällig Getöteten ein Matrose eines italienischen Kriegsschiffes.

Die Operations-Armee hat massenhafte Verhaf­tungen von Hodschas und sonstigen auf ihren Listen stehenden Personen vorgenommen. Beim geringsten Wider­stand wurde der Betreffende sofort erschossen.

Wiesbaden, Montag, DG. April rs«S.

Der Kampf um den JillliS.

Die Zahl der Belagerungstruppen beträgt 7000 Mann. Sie sind mit allem reichlich versehen und umzingeln das Palais in einem dichten Kordon. Niasi-Bei sandte Dem Sultan eine Note mit der Mitteilung, daß das Palais voll­ständig umgeben sei und daß ihm geraten werde, sich zu ergeben. Die Zahl der Toten und Verwundeten beträgt nach Aussage von Soldaten 2060 Mann. Etwa 500 davon sollen auf die Mazedonier entfallen. Die Stimmung der Mazedonier ist stark gegen den Sultan und die Hodschas. Der Jildis ist durchweg umzingelt. 40 Geschütze sind gegen den Jildis gerichtet. Der Großwesir, der Kriegsministcr und einige andere Minister wurden vorgestern abend vom Sultan im Jildis als Geiseln zurückgehalten. Falls der Jildis sich nicht bedingungslos unterwirft, wird wahrschein­lich heute früh seine Beschießung erfolgen.

Saloniki, 26. April. Gerüchtweise verlautet, daß der I i l d i s in der vergangenen Nacht unter Zuhilfenahme der Scheinwerfer bombardiert worden ist.

Die Übergabe des Jildis.

^ace Havas" meldet aus Konstantinopel vom Sonn­tag: Die gesamte Besatzung des Jildis ergab sich und lieferte die Waffen aus. Torpedoboote kreuzen im Hasen, um eine Flucht des Sultans zu verhindern.

Am Abend verließen die Truppen der Jildisbesatzung in kleinen Trupps den Jildis und wurden am Wege aufge- fangcn, entwaffnet, untersucht und in die Kasernen geführt. Die Gefangenen wurden meist mit dem Ruse:Sultan Abd nl Hamid ist vernichtet!" begrüßt, welchen Ruf die Ge­fangenen wiederholten. Der Sultan soll die Salonikier Truppen zur Bewachung verlangt haben. Die Offiziere er­klärten, daß alles bereits erledigt sei. Die Stimmung gegen den Sultan ist in der ganzen Stadt im Z u n ehme n be­griffen. Gegen 7 Uhr abeilds ritt Nizam-Bei mit dem Bul­garen Panitza an der Spitze der Albaner und der Frei­willigen unter dem Jubel der Bevölkerung in die Militär­schule von Pankaldi ein. Der Polizeiminister hat im Au; trag der Nationalversammlung Maßregeln zur Sicherheit des Thronfolgers ergriffen. Bei Eintritt der Dunkelheit rückten zahlreiche Soldaten aus Barken nach der asiatischen Seite.

Wie verlautet, hatte sich der Sultan zur Abdankung be­reit erklärt, wenn die Thronfolge auf seinen Sohn Burhan ed din übergehe, andernfalls sei er entschlossen, sich bis zum äußersten zu verteidigen. Wie ferner verlautet, hat der Sultan Sonntagnachmittag eine große Zahl von Ministern und anderen hohen Beamten in den Jildis rufen lassen. Die Mehrzahl leistete dieser Aufforderung keine Folge; nur einige Minister begaben sich in das Palais, unter ihnen der Großwestr und der Kriegsminister, Die Verhandlungen zwischen der Armeeleitung und dem Jildis werden schrift­lich geführt. In der Kriegsschule wurde am Samstag ein Kriegsgericht abgehalten. In der Nacht sind wahrscheinlich bereits mehrere Füsilierungen, darunter die einiger Hodschas und Derwische sowie zweier Sofias vorgenommen. Der Geistlichkeit soll es gelungen sein, im 4. Armeekorps emc reaktionäre Bewegung hervorzurufcn.

Die Kämpfe ans der asiatischen Seite.

Von ganz Konstantinopel leistete nur die Besatzung von Selimie gestern in Skutari Widerstand. Dort liegt vor allem Artillerie, die mindestens 80 Geschütze zur Verfügung hat, aber wenig Munition und kaum Platz zum Auffahren. Gestern mittag haben 12 Dampfer mazedonische Truppen nach Skutari übergesührt, so daß man stündlich einen Kamps erwartet, in den die Flotte eingreisen würde. Da sich viele Flüchtlinge aus Taschkischla und Taxim sowie Teile ver Jildisgarnison nach Skutari geflüchtet haben, so erscheint ein Kampf'dort sehr wahrscheinlich. Sollte die Selimiebesatzurm mit der Artillerie Pera und vor allem die deutsche Botschaft zu beschießen versuchen, so wird die Flotte sofort Selimie beschießen.

Gestern mittag 2 Uhr 30 Min. ertönte aus Skutari Ge­wehrfeuer. Die Besatzung der Selimie-Kaserne bat bic Waffen gestreckt.

Die Schlnßaktion.

Der Schlüssel für die Schlnßaktion, die gegen den Sultan in Vorbereitung zu sein scheint, liegt in der Depesche Mahmud Scheskets an den Großwesir, die ungenau wieder­gegeben wurde/ In dieser Depesche hieß es tatsächlich, daß die Gerüchte, die mazedonische Armee sei gekommen, um den Sultan zu entthronen, falsch und von Agitatoren lanziert seien. Sollten aber, während die Soldaten ihre Pflicht tun, irgendwelche Zwischenfälle hervorgerusen werden, so werde die Verantwortung ans den Schuldigen fallen. Da man die Inszenierung des gestrigen Widerstandes dem Sultan zu­schreibt, so kann dies als Vorwand benutzt werden, ihn als Schuldigen zu betrachten und zur Verantwortung zu ziehen. Diese Betrachtung und Beurteilung bilden wenigstens die Basis für die gemeldeten Stimmungen gegen den Sultan.

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Der Arnautenanfstand.

Aus Uesküb wird telegraphiert: Der Arnautenanfstand verbreitet sich allmählich. Viele Arnauten in Altserbicn und Mazedonien haben zur Waffe gegriffen. Die Behörden rwiillien Petsch und Tetova sind in die Hände der ansständk

C7. Jahrgang.

schcn Arnauten gefallen. Bei Tetova wurde ein Infanterie- hauptmann getötet und mehrere Soldaten mißhandelt. Aus anderen Ortschaften in Altserbien kommen ähnliche Nach­richten.

Die Metzeleien in Adana.

Die türkische Botschaft in Wien behauptet, daß die Un­ruhen im Wilajet Adana lediglich durch die Armenier her- vorgerufen seien. Mehrere tausend gut bewaffneter urw mit Boniben ausgerüsteter Armenier hätten die musel­manische Bevölkerung angegriffen und daraufhin sei es zu den Metzeleien gekommen.

Serbische Banden in der Türkei.

Nachdem das jungtürkische Komitee Kenntnis davon erhalten hat, daß zahlreiche serbische Banden die türkische Grenze überschritten hätten, hat es die Grenzsperre gegen Serbien verhängt. Das Betreten türkischen Bodens ist solchen Personen, die keinen ordnungsmäßigen Paß haben, strengstens verboten.

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Gerüchte über Abmachungen der Dreibundmächte zur Teilung der Türkei.

DasFremdenblatt" schreibt zur Behauptung deS Eclair", daß zwischen den Dreibundmächten Abmachungen über die Teilung der Türkei getroffen seien, von einem solchen Plane sei in maßgebenden Kreisen des Dreibundes niemals die Rede gewesen, und gerade die Annexionspolitik des Wiener Kabinetts widerspreche ihm aufs gründlichste. Hätten wir, fährt das Blatt fort, die Dinge auf dem Punkte gelassen, auf dem sie sich zur Zeit des Ausbruches der türki­schen Julirevolution befanden, so wären wir aller Wahr­scheinlichkeit nach in die Konvulsionen hineingezogen wor­den, die das ottomanische Reich jetzt durchmacht, über die Linie hinauszugehen, die durch die Entschlossenheit zur Konservierung unseres Besitzes gezogen war, haben wir niemals beabsichtigt. Auch Italien und Deutschland sind über den Verdacht erhaben, Teilhaber an einer die Zer­reißung der Türkei ausgehenden Balkanpolitik zu sein. Es wird gut sein, wenn man sich in Europa an die den Tat­sache entsprechende Auffassung gewöhnt, daß der Dreibund sich stark erwiesen hat, um den Frieden zu schirmen, gewiß aber nicht, um ihn durch abenteuerliche Pläne zu erschüttern

Die Haltung der Mächte.

Der amerikanische Marinesekrctär übersandte dem Kom­mandanten des vor Neapel liegenden Kanonenbootes, dessen Kessel sich in Reparatur befinden, ein Telegramm mit der Order, die Reparatur zu beschleunigen und sobald als mög­lich nach Konstantinopel abzudampfen, um die Interessen der dort lebenden Amerikaner wahrzunehmen.

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Dem jungtürkischen Komitee wird telegraphisch von Londoner befreundeten Kreisen nahegelegt, das 4. Armee­korps (Hauptquartier in Erzindian in Armenien), auf das es sich so gut verlassen könne, bereit zu halten, da man es bei der Absicht, Täbris zu besetzen, bald benötigen werde.

200 mit einem griechischen Dampfer ans Konstantinopel in Saloniki eingetroffene Personen, unter denen sich zahl­reiche Reaktionäre befanden, wurden von Freischärlern über­fallen; 20 wurden getötet. Nur durch das energische Ein­schreiten der jungtürkischen Offiziere war es möglich, daß nicht sämtliche 200 Passagiere massakriert wurden.

Deutsches Keich.

* Hof- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser hat dem Prinzen Carol von Rumänien den Orden vom Schwarzen Adler verliehen. Der König von Rumä­nien verlieh dem Staatssekretär v. Tirpitz, dem Kriegs­minister v. E i n e m und dem Staatssekretär der Äuswärtiaen Angelegenheiten Frciherrn v. S ch o e n das Großkrouz des Sterns von Rumänien, Generalleutnant v. Wachs und dom Unterstaatssekretär Sie m r i ch wurde das Großkrenz des Ordens der Krone bort' Rumänien verliehen.

Der Senior der identischen Aristokratie, der Standesherr und erbliche Reichsrat der Krone Bahern, Ludwig Gras von R e ch i e r e n - L i m p u r g , ist im 99. Lebensjahre gestorben.

Blättermeldungen zufolge soll sich der KrankheitSznstand des verabschiedeten sächsischen Mnisters Grafen v. Hohcn- thal verschlimmert haben. Grund zur Besorgnis liegt redoch nicht vor.

Oberstleutnant v. Cstorfs, Kommandeur der Südwest- afrikanischen Schutztruppe, ist zum Obersten befördert.

* Zur Reichsfinanzreform. In die Viktoriasäle in (Solu war gestern eine öffentliche Versammlung von Männern verschiedener Parteirichtung einberufen wor­den, die von Exzellenz H a m m geleitet wurde und auf welcher Professor Dr. Adolf Wagner als Haupt­redner zur Reichsfinanzreform auftrat. In einer von der Versammlung angenommenen Resolution heißt es: Taß das Reich seine dauernden Ausgaben durch regelmäßige: eigene Einnahmen deckt, ist eine Lebensfrage der Nation- Das deutsche Volk verlangt, daß keine Partei die Zustimmung zu einer solchen Reform von einer Mehrung ihres poli­tischen Einflusses oder von Zugeständnissen an ihre politische Richtung abhängig macht. Die zu der Reform notwendigen Steuern zu tragen, ist Ehren- Pflicht jeden Standes und Berufes. Wenn das Volk in seiner Gesamtheit die Erweiterung der ig.