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Nr. 189.
Wiesbaden, Samstag, 24. April isvs.
57. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
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Die PeüeOlon der ojliäriUfö)en 0Quern gegen den Kund der MMrle.
Die politische Auflehnung -der kleineren Landwirte in der Provinz Poseir gegen die Bevormundung und den Terrorismus des Bundes der Landwirte macht weitere Fortschritte. Wenn die Herren Dr. Hahn nnd Dr. Roesicke etwa geglaubt haben, daß die in der großen Posener Ansiedlerversammlung zutage getretene Erbitterung über die H e r r r s ch s u ch t der Großagrarier sich schnell wieder verflüchtigen werde, so haben sie sich gründlich getäuscht. Im „Tag" (17. April) nimmt einer dieser Ansiedler, ein langjähriges treues Mitglied des Bundes. Kleingrunü- besitzer Otto Muske-Klein-Drensen. Kr. Filehne, Veranlassung. die Beschwerden der kleineren Besitzer über die anmaßenden Forderungen der bündlerischen Führer eingehend zu spezialisieren. Einleitend be> merkt er u. et-.: ~
..Daß überhaupt der Bund der Landwirte, der über MO 000 deutsche KI e i n b e s i tz e r zu seinen Mitgliedern zählt, und dessen ganze Machtstellung zum größten Teil in dieser großen Masse der Bauern liegt, sich zu einer derartigen Propaganda für den Großgrundbesitz und einer <D i s k r e d tt t c. r u n g des Kleingrundbesitzes herbeilassen koirnte. wird ihm so leicht in diesen Kreisen nicht vergessen werden und dürfte sich vielleicht nachmals schwer rächen. Wir alle, und ich weiß mich in dieser Beziehung eins mit Tausenden meiner Beruss- genosseir, haben bisher treu zu uitfereit Führern im Bunde gehalten, aber wir sind durch die letzten Vorgänge mißtrauisch geworden, und es wird nicht ganz leicht sein, das alte Vertrauen wiedsrherzustellen."
Muske legt alsdann dar. aus welchen Motiven die Agrarier in der Konferenz mit dem Herrn Reichskanzler die Schaffung größerer Restgüter gefordert haben:
„Infolge der in einzelnen Kreisen recht weit vorgeschrittenen Aufteilung der großen Güter fürchten die Grundbesitzer ihren bis dahin allein maßgeben-
FemlirtZm.
(NachdruS verboten.)
Londoner Leben.
Shakespeare-Denkmal. — National-Thcater. _ „Wie in Bayreuth". — 25 Shakespeare-Dramen im Jahre aufzu
führen. — Nnd bislang? — Imposantes Direktorium. — Die Oper und ihre „Schutzherrlickikeit". — Diesseits des Vorhangs. — Wagncr-Berehrer und die „oberen Zehntausend".
London, 22.-April.
.In England schleppt man sich fetzt bereits geraume Zeit mit mancherlei Shakespeare-Denkmals- planen und auch mit dem Kapital herum — das schon in ganz ansehnlichen Summen eingekommen — und konnte sich lange darüber nicht einig werden, in welcher Gestalt und an welcher Stätte ein solches Denkmal errichtet werden fällte. Nun hat man sich allerdings dahin verständigt, daß, wie bedauerlich es auch ist, daß die Hauptstadt des Vaterlandes Shakespeares kein wirkliches Standbild seines großen Sohnes auszuweiscn hat, von einem eigentlichen Denkmal auch jetzt Abstand genommen und an Stelle Lessen die Form eines Theaters gewählt werden soll. das vor n eh m l i ch ShaFespearesche Stücke zur Ausführung bringen wird. Recht schön, und es kann jo. auch von viel praktischerem Nutzen sein als ein StanöSild. Indessen es gibt auch bereits ein Shakespeare-Theater, und zwar in des Dichters Geburtsort, in Strasord am Avon Man hoffte damit eine Art Bayreuth-zu gründen, aber es hat sich wenig bewährt. Als man letzthin den „Ring des Nibelungen" in London auffnhrie. sollte alles sein ..wie in Ba y r e u t fj", und so legte man namentlich viel Gewicht darauf, daß die Vorstellungen früh am Nachmittag anfingen, und eine große Essens,,aufe nach dem erstes M chngenchxr ®b ? 1 ENZ mir in Bay-
den Einfluß in den Kreistagen etwas zu verlieren, obwohl die Gefahr noch gar nicht einmal so groß ist. Denn infolge der famosen Krcistagsorduung für Posen hat der Kleinbesitz gegenüber dem Großbesitz eine so g e r i n g e Wahlberechtigung, daß letzterer bei weitem in der Mehrzahl in den Kreistagen vertreten ist. welbst aber eine Herabminderung ihrer bisherigen Zahl wollen diese Herren nicht dulden, denn es könnte dann doch gelegentlich zur Opposition kommen, und dieser Eventualität soll durch Bildung der Restgiiter, auf die dann das bisherige Stimmrecht des ganzen Gutes übergehen würde, vorgebeugt werden."
Der Wortführer der kleineren Landwirte führt alsdann eine Fülle von Beispielen für die tatsächlich vorhandenen, von dem Bunde der Landwirte m der Agitation aber immer heuchlerisch aügeleugneten tiefen Interessengegensätze zwischen Groß- uud Kleingrundbesitz an:
„Besonders sind es die Wegebau- und andere V e r k ehr s v e r h ä I t n i s s e. bei denen die Großgrundbesitzer infolge ihrer Majorität nur ihre Vorteile wahrnehmen. Große Summen werden auf Kosten der Allgemeinheit des Kreises für Chaussee- und Bahn bauten verausgabt, die eigentlich nur für die großen Güter in Frage kommen. Hier im Kreise Filehne sind bei einem Bahnbau große Bauerndörfer von 800 bis 1000 Einwohnern einfach übergangen worden, nur damit die Bahn an zwei bis drei Gütern vorbeisühren konnte. Ebenso verhält es sich mit den Chausseebauten. Dagegen wird für die Bauerndörfer fast n ichts getan, ' trotzdem diese den größten Teil der Kommunallasten aufbringen müssen.
Wiederholt ist in hiesigen Versammlungen des Bundes der Landwirte angeregt worden, für eine bessere Vertretung des Kleinbesitzes in den Kreistagen Propaganda zu machen bezw. für eine andere Kreis, ordnung eine Lanze zu brechen. Doch ist- für den Kleinbesitz bisher etwas getan worden? So gut wie nichts!"
Der ostmärkische Bauer weist alsdann nach, wie auch in der St e u e r p o l i t r k der Bund „in ganz bedenklicher Art und Weise nur die Interessen der Großagrarier und der höheren Besitzklassen vertritt":
„Die Zuschlagfreiheit der Einkommen unter 7000 Mark, wie sie van der Regierung geplant, wurde auf 1 2 0 0 Bk a r k durch die K onservative n-, die ja mit dem Bunde der Landwirte ziemlich identisch sind, herabgesetzt, so daß auch der größte Teil der kleinsten Besitzer eine höhere Steuer zu zahlen hat. Gerade aber diese kleinen Besitzer müssen heute noch fast allenthalben die hohen, aus der Zeit der Ablösung stammenden Renten aufbringen, die in der Regel das Zwei- und Dreifache der sämtlichen übrigen Steuern betragen. Ter Bund der Landwirte hat den Schutz des Mittelstandes auf seine Fahne geschrieben, seine Handlungsweise deckt sich mit der Reichsfinanzreform,
auch hier wird olles abgelchnt, was eine geringe Belastung der st a r k e n Schultern bedeuten würde. Es wird schließlich auch bei der Reichsfinanzreform darauf hinauskommen, daß durch die indirekten Steuern Arbeiter und Mittelstand am meisten werden bluten müssen."
Sa urteilt ein ostmärkischer Bauer, der sich selbst als langjähriges treues Mitglied des Bundes der Landwirte bezeichnet, über die Selbstsucht der großagrarischen Führer des Bundes, Alle die einzeln aufgeführten Beschwerden decken sich genau mit dem, was schon früher von den liberalen Bauernvereinen über den Eigennutz und die Steuerdrücke- bergerei der Agrarier gesagt worden ist.
UoMsche litefidjt
Flotterrfragerr in Italien.
IN. R o m, 22. Zlpril-
. Die Schiffsbauwut geht augenblicklich wie ein Wirbelwind über die sogenannte zivilisierte Welt und in Italien wird ihr nicht zum wenigsten geopfert. Man hat hier aus sehr berechtigten Gründen finanzieller Natur sich Jahre hindurch sehr zurückgehalten und die Flotte steht, gleich dem Heere, nicht so auf der Höhe, wie es vom politischen Standpunkte aus wohl wünschenswert wäre. Jetzt ist die öffentliche Meinung des Landes urplötzlich erwacht, nicht zum wenigsten infolge der neuen Flottenpläne Österreich- Ungarns, und fordert stürmisch ein rascheres Tempo im Kriegsschiffbau. Bor wenig Tagen erst hat- in: „Corriere della Sera" sich ein „Marine-Fachmann, der die Ansichten des Admirals Mir ab eilo (des Marineministers) genau kennt und teilt", zu diesen Dingen vernehmen lassen und jetzt hat Mira- dello. der wohl der Inspirator des Artikels ist, einem Mitarbeiter des Blattes eine Unterredung gewährt, in der er fast offiziell sich über seine Wünsche bezüglich des Bauprogrammes äußert. Auch er findet, daß das Verhältnis der italienischen zur österreichischen Flotte der Schlüssel zur Beurteilung sei und daß dieses sich jetzt, namentlich durch den Bau der 3 Kreuzer vom Radetzky-Typ, immer mehr zuungunsten Italiens per- schiebe. Er ist offen genug, die Gründe, welche die Zurückhaltung! im Marinebudgct bisher vcranlaßtcn, nicht nur zu nennen, sondern auch anzuerkennen, meint aber, daß es tu diesem Tempo nicht weiter gehe. Seine Vorschläge gipfeln schließlich in einer Mehrforde- r u n g von 11 Millionen Lire pro Jabx über die Summe hinaus, welche das Flottengesetz von 1905 vor- sieht. Darnach sollten im Laufe von 11 Jahren 125 Millionen Lire in: außerordentlichen Etat ausgegeben werden, der Wunsch Mirabellos bedeutet somit' fast eine Verdoppelung. Man könnte alsdann 1912 einen Dreadnought fertig und einen zweiten fast fertig haben, ferner würde man dann über einen schnellen Auf
reuth". Aber die Pause war auch so ziemlich- das einzige, was „so" war, und sie -war bei der Dürftigkeit der Restaurants in der Nähe von Cooent Garden auch — -.Uran so". In dem Wagnerschen Mekka -gruppiert sich doch aber um die Pausen auch noch etwas anderes. Einmal so etwas wie eine Muster-vorftellung, und sodann, wenn nicht gerade ein Musterpublikum, so doch eine Zahl von Zuschauern, die etwas Sachkenntnis, Begeisterung und Verehrung für den -großen Komponisten mit- bringen und auch an den Tag legen. Beides fehlte in Stratford; und da blieb denn auch der Erfolg aus.
Wie wird sich die Sache nun mit einem Shakespeare- oöer einem „National-Theater" in London gestalten, für dessen Ban und geschäftliche Grundlage man 10 Millionen Mark aufznbringen hofft? Wir dürfen zunächst nicht vergessen, daß, abgesehen von dem Theater in Stratford, jedwede Subvention für -Bühnenzwecke hier ganz -und gar unbekannt ist- Theaterunternehmungen sind hier lediglich kommerzielle Spekulationen. In jedem Theater werden stets nur so viel Mitwirkende engagiert, wie für- ein Stück erforderlich sind. Dieses wird dann, wenn einigermaßen erfolgreich, m-onate-, ja auch wohl jahrelang Abend für Abend 'heruiitergespielt. Das spart viele Unkosten. Die Kunst wird dabei auch zum Handwerk und die Künstler — — Hier könnte ein auf ganz anderer Grundlage errichtetes „National- Theater" allerdings segensvoll wirken. Bei dem bestehenden System bieten uns alle Londoner Theater z u s a m in e n g e n o m m e n t m Lauf c eines Ja h res kau m e i n h a l b e s T u tz e n d Shakespeare-Stücke, während doch jedes einzelne Hoftheater in Deutschland eine solche Zahl wohl stets auf dem Spiclplän hat — und mehr!
In dem neu zu errichtenden Theater sollen nun aber nicht weniger als 2 5 verschiedene Shakespeare-Dramen im Jahre ausgesührt werden. Jede Woche mindestens. eiM und ein anderes
englisches klassisches Drama. Es sollen auch -wirklich Hervorragende Dramen aller Länder zur Geltung komme», aber der ausgeprägte Charakter des Ganzen bleibt doch „klassisch". Nnd woher soll da — in England! — das Publikum kommen? — Nun, es steht zu hoffen, daß ein solches Unternehmen auch erzieherisch wirken wird: und es schadet ja auch nichts, wenn, was bislang als die -vornehmlich-ste Aufgabe aller englischen Dheater» Unternehmungen galt, in diesem Falle nicht erfüllt wird: wenn „es sich nicht bezahlt macht".
Geradezu überwältigend erscheint die Zusammensetzung der & ö r p e r s ch -a f t, die m i t d e r Leit u n g ödes Theaters betraut wird. Da fi-nden wir Vertreter der Krone, der sechs namhaftesten Universitäten, de8 Londoner Grais-chaftsrat-s, der bedeutenderen Munizipalitäten in den Provinzen, der Kolonien und - - den amerikanischen Botschafter! Seine Ernennung soll ein Zeichen der Verbrüderung der beiden Völler fein. Von. Amerika sind aber auch erkleckliche -Beiträge gekommen; und nun — -kommt vielleicht noch mehr! — Eigentliche Fachmänner 'scheint man aber im Direkto. rinn» nicht zu brauchen, Dramatiker, Schauspieler und bewährte THeaterunteruehmer. Aber sie werden wohl später noch zugozo-ge».
Das sonst Hier geltende System, daß jedes Bühnen- unternehmen -auf sich selbst angewiesen ist, lastet natürlich besonders schwer auf einem O p-e r n u n t e r n e b- men. Und die Folge war denn auch, daß'die größte und reichste Stadt der Welt überhaupt keine stehende Oper aufzuweiseu hat, -gewöhnlich »eunMonate rmJahre opcrnlos ist und nur während der Saison, im Mai, In nt und. Jull. Opernaufsührungc.;t bringt. Daun werden allerdings .auch die erlesensten Sa ng-e s kr ä fte der ga nz e it Welt tz i e r »er c.t u l-gt. und trotz Ser hohen Honorare in der kurzen Spanne Zeit — 2g b-z 30 Prozent an Dividenden eiugeheimst. Freilich ein einfacher Sperrsitz kostet ja auch eine Guinee 21 M.i'
