Fernsprecher:
Verlag (Expedition) 2953, Redaktion 52, Druckerei 2266.
Rufzeit »on 7 Uhr morgens bis S Uhr abends.
»erlag Langgass« 87.
„Tagblatt-Haus".
Gchalter-Halle geöffnet von Uhr morgen» bis 8 Uhr abends.
Anzeigen-Breis für die Zeile: 15 Pfg. für lokale Anzeigen im „Arbeitsmarkt" und „Kleiner Anzeiger" in einheitlicher Satzform; 20 Pfg. in davon abweichender Satzausführung, sowie für alle übrigen lokalen Anzeigen: 30 Pfg. für alle auswärtigen Anzeigen; 1 Mk. für lokale Reklamen; 2 Mk. für auswärtige Reklamen. Ganze, halbe, drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. — Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender Rabatt.
Bezugs-Preis für beide Ausgaben: 50 Pfg. monatlich durch den Verlag Langgaffe 27. ohne Brin lohn. 2 Mk. 5Ö Pfg. vierteljährlich durch alle deutschen Postanstalten, ausschließlich Bestellgeld. Bezugs-Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die 5 Zweigstellen, sowie
13! Ausgabestellen rn allen Teilen der Stadt; rn Biebrich: die dortigen 36 Ausgabestellen und in benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.
FÜr die Aufnahme später emgereichter Anzeigen in die nächsterscheinende Ausgabe wird keine Gewähr übernommen.
Arrzeigen-Annahme: Für die Abend-AuSgabe bis 12 Uhr mittags; für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags.
Nr. 18 «.
Kbend-Kusaabe.
1. Matt.
Die türkische Krise.
Um zu ermessen, was der Umschwung in Konstantinopel bedeutet, muß man sich an die Lage erinnern, die vor einem Jahre, kurz vor dem Siege des Jung- türkentums, bestand. Wie war es denn damals? Der Erfolg der jungtürkischen Revolution verhinderte die Einmischung der Großmächte in die inneren Zustände des Pfortenreichs. Ohne diesen Erfolg wäre aus dem nazedonischen Brande einer entstanden, der das ganze steich in Flammen gesetzt hätte. Die mazedonische Frage hatte sich überaus gefährlich zugespitzt. Die Bulgaren, die in dem ganzen Gebiet zwischen ihren südwestlichen Grenzen und dem Ägäischen Meer durch umfangreiche Bandenbildungen den Boden für eine völlige Umwälzung vorbereitet hatten, konnten sich auf ausländische Einflüsse stützen, von denen der britische seinerzeit durch die wichtigen, in der „Voss. Ztg." gemachten Enthüllungen über das Treiben des Sir Bux- ton unter Beweis gestellt worden ist. Sir Buxton aber war und ist kein Privatmann, sondern er steht in engster Beziehung zur Negierung seines Landes. Die Annäherung zwischen London und Petersburg, die durch die Begegnung von Reval ihren sichtbaren Ausdruck erhalten hatte, wird sich nicht zuletzt ans Vereinbarungen über, eine gemeinsame, gegen den Bestand der Türkei gerichtete Aktion bezogen haben. Die jung, türkische Revolution setzte diesen Machenschaften freilich ein schnelles Ende, und vor allem in London empfand man den Wechsel der Verhältnisse als eine Durchkreuzung der weitangelegten Politik, die vom europäischen Südosten her die Fragen ins Rollen bringen sollte, mit denen die britischePolitik dieLebenssrage des Jnselreichs, Sieg oder Niederlage in der Rivalität mit uns, zum Austrag zu bringen gedachte. Von der Annahme ausgehend, daß der Sultan sich beim Widerstande gegen Reformen auf Deutschland stütze, sollte ihm und sollte uns durch die Herbeiführung und durch die Wachhaltung von Unruhen im Reiche der Boden für eine Fortdauer des deutsch-türkischen Verhältnisses entzogen werden. Was England den Russen gewährt hatte, und ob es ihnen überhaupt etwas gewährt hatte, ob es ihnen vor allem die freie Durchfahrt durch die Meerengen zugestanden hätte, das blieb im Dunkeln, aber Hoffnungen jedenfalls wurden in Petersburg erweckt, und schon aus diese Hoffnungen hin konnte eine Entente zwischen den beiden Mächten erstrebt und zum Teil durchgeführt werden. Als nun aber das Fungtürkentum seinen großen Erfolg errungen hatte, verstand sich die britische Politik in lehr geschickter Weise darauf, den Mißerfolg ihrer Aktion wieder dadurch auszngleichen, daß sie sich kurzentschlossen zur Freundin und Beschützerin des Konstitutionalismus in der Türkei aufwars und uns, nebenbei auch Österreich- Ungarn, bei den Türken als Schildhalter des niedergeworfenen Absolutismus und somit als die eigentlichen Leidtragenden bei diesem Umschwung denunzierte. Wenn nunmehr das Jungtürkentum wieder durch die Reaktionäre überwunden worden ist, so wird man zu fragen haben, wem das in erster Reihe nützt, und die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Ten Nutzen zieht England. Es zieht ihn so sehr, daß jene Stimmen ernste Beachtung verdienen, nach denen die Gegenrevolution geradezu als ein Werk eng. lischer Intrigen anzusehen sein soll. Auffällig jedenfalls ist es, daß die jüngsten Ereignisse so unmittelbar auf die Niederlage, gefolgt sind, die nicht bloß Rußland, sondern auch England durch die geschickte Diplomatie des Fürsten Bülow und des Freiherrn v. Aehrenthal im österreichisch-serbischen Konflikt erlitten haben. Die Jungtürken hatten sich davon überzeugen können, welchen Wert die guten Gesinnungen der Z e n t r a I m ä ch t e für das Gedeihen des rekonstruierten Psortcnreichs besaßen, und der Gedanke einer Anlehnung an den mittel- eu r o p ä i s ch e n Block in der Form eines Bündnisses mag ihnen im Laufe dieses ereignisreichen Winters um so sympathischer geworden sein, se mehr die unruhige englische wie auch die russische Politik zeigte, daß für sie dieTürkei nur eineFigur auf dem europäischen Schachbrett war und ist. Konnte im vorigen Sommer noch mit einem Schein, von Recht behauptet werden, daß wir durch das Durchdringen des Jungtürkentuins ins Hintertreffen geraten seien, so läßt sich jetzt mit mindestens dem gleichen Rechte sagen, daß die neuerdings angestistete Unruhe darauf berechnet ist, uns und unserem Verbündeten an der Donau Verlegenheiten und Schwierigkeiten zu bereiten. Wir werden ja imstande sein, über die neue Lage ebensogut wie über die, Gefahren binwecnu- kommen, die von dem österreichisch-serbischen Konflikt
Wiesbaden, Montag, IS. April IS«S.
gedroht hatten, aber eine kritische Situation ist doch da, und was ihr das charakteristische Gepräge gibt, das ist eben die kaum noch verhüllte Tendenz der britischen Politik, eine allgemeine Verwirrung hervorzurufen, in der die Mächte, ohne deren Mitwirkung uns England nicht einmal ernstlich bedrohen, geschweige denn schädigen könnte, durch dw Aufstachelung ihrer Interessen immer mehr an die Seite Großbritanniens geführt werden könnten. Mit anderen Worten: Kommt es zu einer Verschärfung der Lage bis dahin, wo das Problem' einer Aufteilung des Pforten- reichs akut werden könnte, so würde sich eine Gruppierung ergeben, von der zwar keineswegs sicher ist, daß sie unter allen Umständen für England nützlich sein würde, von der man aber in London erhoffen mag, daß sie Rußland wie Frankreich, unter Umständen wohl auch Italien, als willfährige Gehilfen englischer Pläne enthalten wird. Dies vor allem macht die gegenwärtigen Verhältnisse so unsicher. Es handelt sich nicht bloß darum, ob in Konstantinopel der Gedanke der Reorganisation auf halbwegs liberaler Grundlage oder der Absolutismus aus der Basis des religiösen Fanatismus herrschen soll, sondern es handelt sich um die weit wichtigere Frage, welche der Mächtegruppen am Goldenen Horn den überragenden politischen wie moralischen Einfluß erhalten soll, und in welchem Geiste dieser Einfluß alsdann auszuüben wäre. Bei uns wie an der Donau wird man sich vorzusehen haben, daß uns beiden kein Schaden geschehe. Aber nachdem das mitteleuropäische Bündnis eine so glänzende Probe auf seine Festigkeit geliefert hat, wissen wir auch zuversichtlich, daß unsere Gegner ringsum mit der Erschütterung dieses Blocks eine Aufgabe übernommen haben, die unvergleichlich schwerer ist, als sie vor einem Jahre noch gewesen wäre. Soll das Spiel versucht werden, wir haben nichts dagegen. ^
Der Stand der Dinge in Konstantinopel.
In Konstantinopel herrscht andauernd Ruhe. Die Zeitungen bleiben bemüht, auf das Militär und die Bevölkerung besänftigend einzuwirken. Unter dem Vorsitz des Sultans fand am Samstag im Iridis eln wichtiger Ministerrat statt, in welchem beschlossen wurve, neuerdings eine Proklamation zu erlassen, worin der Sultan und die Regierung auf das bestimmteste versichern, an der Verfassung nicht rütteln zu wollen, und die Bevölkerung des ganzen Reiches ausgefordert wird, zur Ruhe und Ordnung zurückzukchren.
Der Sultan hielt gestern ein außerordentliches Selamlik ab, um die Truppen, bei denen nur wenig Offiziere sind, bei dem Jilöis zu konzentrieren. Die Soldaten scheinen wieder Geld erhalten zu haben.
Der Ministerrat beschäftigte sich gestern mit inneren Fragen. Aus fast allen Städten Mazedoniens und verschiedenen Anatoliens laufen Protesttelegramme cm gegen die Reaktion. Aus Tarsus werden großeMetzeleien berichtet, ebenso aus den Dörfern bet Aöana.
Die Kasernen in Konstantinopel werden unaufhörlich von Hodschas besucht, welche den Soldaten den Gehorsam gegenüber den Offizieren dringend ans Herz legen. Die Soldaten erklärten, sie wollten nur Alajlis (das sino Offiziere aus dem Staude der Mannschaften) gehorchen, während die Mektavlis (Offiziere von den Kriegsschulen) nichts bei ihnen zu suchen Hätten. Wo sie eines solchen habhaft werden, würde er unerbittlich umgcbracht.
Die Anzahl der getüteten Offiziere ist'mit 100 sicherlich eher zu niedrig gegriffen.
Fremdeuflucht in Konstantinopel.
Eine Massenflucht der Fremden hat in Konstantinopel begonnen, doch ist die Abreise mit der Eisenbahn infolge der Truppentransporte fast unmöglich. Infolgedessen werden die Schiffe geradezu gestürmt. Die Konsulate werden von Ängstlichen um die Herbeischaffung von Kriegsschiffen bestürmt.
Eine weitere Proklamation der Nlemas.
Eine zweite Proklamation der Ulemas stellt den offenen Brief der mohammedanischen Union an den Sultan vom Mittwoch richtig, in dem eZ hieß, daß es nr den Händen des Sultans liege, die Verfassung aufzuheben und die Kammer aufzulösen. Im Gegenteil, beides müsse dem Islam entsprechend erhalten werden, da sonst große Uneinigkeit entstehen und das Vaterland den Feinden preisgcgcben würde. Somit sei cs Pflicht aller, die Verfassung zu verteidigen. Es sei nicht zulässig, auf Befehle des Sultans zu achten, die gegen das Scheriat gerichtet seien,' daher sei es zweifellos angebracht, daß die Truppen, Ulemas, Sofias und die Bevölkerung, welche die Sünden des Absolutismus kennen unv schwüren die Verfassung zu schützen, bei dem geringsten Versuche zur Beseitigung der Verfassung ihr Leben opfern werden, übrigens, schließt die Proklamation, sei es unmöglich und unglaublich, daß der Kalif und unser Meister, welcher geschworen hat, die Verfassung zu schützen, eine Verfügung träfe, die Kammer zu schließen.
37. Jahrgang.
Ein Einignngsausschnsr.
Eine gemeinsame Proklamation sämtlicher politischen Parteien und Vereinigungen ist erschienen, die die Gründung einer „O t t o m a n i s ch e n U n r o n" anzeigt. Die Proklamation ist unterzeichnet von den Ulemas, dem jungtttrkischen Komitee, der liberalen Vereinigung, von armenischen, griechischen, albanestschen, bulgarischen und anderen Klubs, mehreren wissenschaftlichen Gesellschaften sowie sämtlichen türkischen Zeitungen der Haupr- stadt. Der Aufruf erklärt, die Unterzeichner hätten alle Streitfragen beiseite gesetzt und sich zusammengefunden, um das gemeinsame Vaterland zu retten, indem sie sich verpflichteten, die auf dem Schertatsgesetz beruhende Verfassung zu verteidigen. Die Vereinigung wird versuchen, die Veröffentlichungen in den Zeitungen diesem Ziele anzupassen. Der Aufruf stellt fest, daß das Parlament die einzige Macht für die Kontrolle der Regierung bildet. Die Vereinigung wird daher darüber wachen, daß das Parlament, wesches die nationale Souveränität darstellt, der Freiheit des Wortes nicht beraubt werde. Znr Erfüllung dieser Aufgabe der Vereinigung wird ein Komitee gebildet, das aus Mitgliedern sämtlicher Unterzeichneten politischen Parteien zusammengesetzt ist. Das Komitee wird sich -an die Kammer und an die Regierung wenden, um die Notwendigkeit sofortiger ernster Maßnahmen für die Beruhigung des Landes darzulegen, und wird ferner für die patriotische Aufklärung des Voltes sorgen, indem es besondere Kommissionen in die Provinzen sendet sowie alle Zeitungen des Landes zur Mitwirkung bet dieser Aufgabe zu gewinnen sucht. Der Aufruf drückt schließlich die Erwartung aus, daß die Tätigkeit dieses gemeinsamen Komitees allen Streitigkeiten ein Ende machen und die Unterstützung aller Klassen und Parteien finden werde, damit Ereignisse, die'schwere innere und äußere Gefahren herbeiführe» könnten, vermieden werden. Der Aufruf wurde . in den Straßen als Extrablatt verteilt. Er fand reißenden Absatz und wurde lebhaft besprochen.
Die Kammer.
Die Kammer beschloß einstimmig, die Erklärungen der Regierung abzuwarten und ihr Handeln danach ein- zurichtcn. DaS Haus wählte den Abgeordneten Dise- hanik Rast zum Präsidenten und den Araber Mnstapha zum Vizepräsidenten. Der frühere Präsident Achmed Riza erhielt zwei Stimmen.
*
Die Gegenaktion der Jungtürken.
Tie Truppen in Tschataldscha haben die von der Kammer gewählte Deputation empfangen und ihre Forderungen formuliert, die eine friedliche Lösung erhoffen lassen.
Bei der Ankunft der zweiten Deputation fragte der Kommandierende, nb sie den Kopf des Sultans mitgc- bracht hätten, und als die Delegierten dies verneinten, wurden sie auf eine Lokomotive gepfercht, die sie schleunigst zurücktransportierte.
Die von Saloniki und Adrianopel abgegangenen Truppen passierten vereinigt Tschataldscha und trafen in der Nähe von San Stefano ein.
Der Generalstab des 8. und 2. Armeekorps ist vollständig in Tschadaljcha angelangt.
Im Jildis-Kjöschk nimmt die Ratlosigkeit zu. Der Kriegsminister Edhem-Pascha sollte sich mittags nach Tschaüalscha begeben, um den letzten Versuch zu einer Verständigung zu unternehmen. Die Absicht wurde jedoch fallen gelassen, da man befürchtete, Edhem könnte festgehalten werden. Der Kriegsminister wollte vormittags im Ministerium arbeiten, doch fehlten sämtliche Offiziere des Generalstabs.
Ans Konstantinopel in Saloniki ankommendc Reisende werden strenge überwacht, da die Befürchtung besteht, daß die Agenten der Gegenpartei des Komitees in Mazedonien und Albanien wühlerische Tätigkeit beginnen könnten. Die Einnahmen des Zollamts werden nicht in die Hauptstadt abgeführt, sondern für militärische Zwecke verwendet. Hohe Persönlichkeiten stellen ihr Vermögen dem Komitee zur Verfügung. Seitdem Enver-Ver in Saloniki ist, finden neue Beratungen statt. — Alle Provinzgarnisoncn stimmen den Maßnahmen des Komitees begeistert bei.
Die Jungtürken erklären, daß sie nach Konzentrierung der ihnen 1 r c u g e b l i c b e n c tt Truppen mit 1 0 6 0 0 M a u n nebst Artillerie auf Konstantinopel marschieren würden. Sie sind der Ansicht, daß die Kon- stantinopeler Garnison ihnen ernsthaften Widerstand nicht entgegensetzen werde.
M ukh tar - Pasch a, der aus Konstantinopel geflüchtet und in Saloniki eingetrofscn ist, hat sich den Jungtürken wieder angeschlvssen.
Aus Smyrna wird gemeldet, die dortigen Kriegsschiffe seien dem Komitee treü geblieben und kämen nach Saloniki. Euvcr-Vci hielt vorgestern abend eine neue Ansprache, in der er wiederholte, daß die Behauptung, die Konstitution stehe mit dem Scheriatsgesetze in Widerspruch, die Erfindung reaktionärer Verräter sei. In einem in Saloniki abgehalteneu Massenmeeting wurden - die schwersten Ausfälle gegen den Sultan gemacht, dew
