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Nr. 17®.

Wiesbaden. Sonntag, 18. April 1909«

57. Jahrgang.

Morgen- Ausgabe.

_1. Matt._

Die Politik der Woche.

Der April hat seinem Ruf, der launischeste aller Monate zu sein, auch während des Osterfestes Ehre gemacht, und auf das ersehnte Frühlingswetter war­ten wir immer noch vergebens. Besser sieht es mit dem politischen Frühling aus, dessen Sache der Reichs­kanzler Fürst Bülow auf die Reichserbschaftssteuer ge­stellt hat. Die'Nachlaßsteuer ist tot, es lebe die Erb- schaftssteuer! so lautet zurzeit die Parole. Und'wie Fürst Bülow in der Sitzung des preußischen Abge­ordnetenhauses vom 10. Januar erklärt hatte, daß er in der Erbschaftssteuerfrage vom Saulus zum Paulus geworden sei, so haben seitdem noch sehr zahlreiche Politiker denTag voll Damaskus" erlebt, den der leitende Staatsmann ihnen damals gewünscht hatte. Schon in der Reichstagssitzung vom 30. März war der Beginn dieses Umschwungs wahrzunehmen, und seit­dem har die Bekehrung zur Erbschaftssteuer als einem notwendigen Übel bis weit in die Reihen der Rechten hinein so wesentliche Fortschritte gemacht, daß trotz der scharfen Opposition des Bundes der Landwirts die Aktien der Reichsfinänzreform wieder sichtlich zu steigen beginnen.

' Es wird den Reichskanzler Fürst Bülow mrt be­greiflicher Genugtuung erfüllt haben, daß er den deutschen Kaiser bei dorn gemeinsamen Aufent- halt in der von einer eigenartigen Schönheit der Vergangenheit, der verfallenen Paläste und der ver­sinkenden Größe erfüllten Lagunenstadt über diesen erfreulichen Wandel auf dem deutschen Reichsfinanz- kriegsschauplatz tu Kenntnis setzen könnte. In der ausländischen Presse hat man der Reise des deutschen Kaiserpaares nach Korfu, deren erste größere Station der Aufenthalt in Venedig darstellte, allerlei politische Beweggründe unterzuschieben versucht, wobei man nach dem alten Motto verfahren ist: Jin Auslegen seid ihr munter, legt ihr nicht aus, so legt ihr unter! Die ein­zige politische Schlußfolgerung, die aber bei dieser Kaiserrcise in Wahrheit als zulässig gelten kann, ist die, daß sie Nicht stattgefunden hätte, wenn nicht durch der widerspenstigen Serben Zähmung der Orient­konflikt in der Hauptsache beigelegt und so eine Ent- spannung der internationalen Lage herbeigefübrt wor­den wäre. Auf demselben Gebiet liegen die Gerüchte, die anläßlich der ebenfalls in Venedig erfolgten Zu­sammenkunft zwischen dem Reichskanzler Fürsten

Lrmlleton.

(Nachdruck verboten.)

Der Herr Direktor.

Eine Geschichte von der Schmiere von Balder Olden.

Nun schön Sic wollen was hören aus meinen ge- heimnisvollenWilhrlm-Meister-Togen. Wen's langweilt, der braucht nur abzuwarten, bis ich grad mal huste oder 'ne Pause mache. Dann kann er ruhig verschwinden. Ich hab's damals gelernt, vor leeren Bänken zu agieren.

Also, denken Sie sich vor allem meinen, hm Enibonpoint weg. Und wo jetzt der Lampenschirm sich spiegelt, da stelleir Sie sich Haare vor, Locken sogar, die lieblich wallen, um Menschenstirnen freundlich weh'n. Der Schnurrbart ist außerdem zu streichen er teilte damals noch nicht meine Sehnsucht nach der Sonne, und vielleicht kam ich darum auf, den Gedanken, ich sei zum Schauspieler berufen. Den Durchzieher hier auf der linken Backe hatte ich schon die Prim auf der Stirn aber noch nicht. Die ist der Gedankenstrich unter mein Abenteuer,

Pardon, ich war natürlich stud. phil. damals, mit einem Monatswechsel von einhundertzwanzig Mar? und dem unklaren Gefühl, daß ich viel zu gut sei für den Beruf, dummen Jungens lebenslänglich denCicero einzubakeln.

Das Abenteuer fängt dankit an, daß ich auf Ferien­reise in Clausthal im Harz war, imLöwen" Filelstcak mit Bratkartoffeln dinierte, die Zeitung in der Hand hielt und über die Zeitung weg auf die Straße schielte. Daß ich plötzlich den Hut vom Nagel riß, auf meinen Rucksack und den Mantel wies und schrie:Ober, ich zahl' nachhP:!" und hinter einem Mädel herrannte, das, wie sich später herausstellte. Mieze hieß und mit einem Bergakademirer verlobt war. Wenn ich mir damals Zeit genommen hätte, erst meine Zeche zu zahlen, wäre sie heute wahrscheinlich schon Großmama and Bergrätin und hätte die silberne Hochzeit hinter sich. Das ist oft so im Leben.

Bülow und dem italienischen Minister des Äußeren Tittoni von einer angeblich bevorstehendenErneuerung des Dreibundes wissen wollen, der doch in Wahrheit bis zum Jahre 1914 sestgelegt ist.

Die Balkanwirren sind noch keineswegs an ihrem Ende angelangt, da ja vor allem die bulgarisch-türkische Einigung noch immer aussteht, und die Befürchtung liegt nahe, daß der neueste Umschwung der Dinge in der Türkei, der mit dem Sturz des Kabinetts Hilrni- Pascha und der Ernennung des früheren Ministers des Äußeren Tewfik-Pascha zum Großwesir offenbar nur ein vorläufiges Ende gefunden hat, auch die dringend erwünschte endgültige Beilegung de? Orientkonfliktes ungünstig beeinflussen wird. Es ist noch immer nicht leicht, aus dem Wust der zahlreichen, aus den verschiedenartigsten Quellen stammenden Nachrichten über diese zweite Militärrevolu- t i o n im Reiche Abd ul Hamids den Kern heraus- zuschälcn. Das aber steht jedenfalls fest, daß das jung- türkische Komitee, welches bei derFebruar-Revo­lution" über den Sultan und die mit ihm Verbündete Reaktion gesiegt hat, jetzt der leidtragende Teil ist weil die Prätorianer-Kohorten, die ja nun einmal in diesem jüngsten parlamentarischen Staatswesen wenn auch nicht als Schiebende, sondern als Geschobene die Politik zu wachen scheinen, sich überwiegend gegen den Alliierten von ehemals kehrten. Mit der Er­nennung des Kabinetts Tewfik-Pascha und dem Freudenschießen", welches dem Gemetzel in Kon­stantinopel, dem auch der Justizminister Nazim- Pascha zum Opfer fiel, folgte, ist diese Tragikomödie der Irrungen und Wirrungen schwerlich beendet, da weder die Verfechter desReinen Islam" zufrieden- gestellt noch auch die Jungtürken gewillt sind, den Kampf um die Macht aufzugeben. Die Aufmerksam­keit, welche die englische Negierung, die bei diesem Putsch vielleicht nicht ganz die Rolle des unschulds- vollen Engels spielte, der neuesten Entwicklung auf dem Balkan zuwendet, und der Aufschub der Reise, die der russische Minister des Äußeren I s w o I s k i ins Ausland zu machen sich bereits anschickte, lassen er­kennen, von welchen Besorgnissen die Diplomatie durch diese Balkanösterüberraschung erfüllt ist.

Während die englische und die russische Diplomatie sich in bezug auf die Balkanpolitik gegenseitig nicht über den Weg traut, haben die beiden Mächte sich in Persien, wo das Anwachsen der revolutionären Be­wegung auf der . einen und die Starrköpfigkeit des antikonstitutionellen Schahs aus der anderen Seite allgemach auch die Interessen der Europäer bedrohen, endlich zu einem gemeinsamen 'Vorgehen zusammen-

Meine Herrschaften: Ich huste zum ersten Male!

Schön ich halte keinen, aber ich treibe auch keinen weg. . .

Also stellen Sie sich den einundzwanzrgjährrgen Muck. pMl. Hans Frank vor, der eine steinige, holprige Straße hinaufstürmt, an Mieze vorbei, die ihn gar nicht beachtet, dann plötzlich kehrt macht, vor ihr still steht, den Hut schwenkt und sagt:Fräulchn es kann sein, daß Sie hundert Jahre alt werden, ohne einen Menschen so in Sehnsucht zu stürzen, wie mich in diesem Augenblick! Wenn Sie mich jetzt nicht anhören, ver­lieren Sie nichts. Aber ich mein Leben!",

Sie müssen aber nicht denken, das; ich da Komödie gespielt hätte, meine Herren! Ich meinte es ganz ehrlich. Ich war eben überspannt und jung und so weiter.

Mieze sah mich ganz ruhig an, lächelte und sagte im Weitergehen:Sie.sind gewiß Schauspieler?"

Woher wissen Sie das?"

Von meinem Bruder. Der macht auch solche Dinger. Aber ich glaube, es wird nicht viel aus ihm. Er kommt nicht vorwärts.^

Haben Sie auch eine Schwester?" fragte ich.

Nein warum?"

Warum? Ja, Fräulein das möchte ich natür­lich auch wissen. Ich glaube, ich habe mir zuviel Sonne aus den Kopf scheinen laTfe^t, gestern, am Jlsefall. Überhaupt ich weiß gar nichts- Ich muß nur mit Ihnen reden."

Für verrückt dürfen Sie mich halten, meine Herr­schaften. Ich meine in meinem damaligen Zustande selbstverständlich. Das kann ich Ihnen unter diesen Umständen selbst nicht verdenken. Aber zu meiner Ent­schuldigung muß ich doch hinzusetzen,_ daß Mieze tat­sächlich das schönste Mädel war, das ich bis dahin ge­sehen hatte. Oder das feinste oder das seltsamste- ich weiß cs nicht, woran das lag, daß sie so auf mich wirkte. Kleiner als ich, kaum.Mittelgröße also. Sehr schlank, mit so einem Gang, als hätte sie nichts an. Jeder Schritt zeichnete die ganze Figur durch das Sommerkleid durch. Dianenschritte sozusagen. Und ganz heiße, ausländische Augen. Manila-Import, um

gefunden, das sich hoffentlich auch in der Praxis be- während wird. Eine gewisse Einmütigkeit zeigen die Mächte ja auch gegenüber dem venezolanischen Ex- präsidenten Castro, dessen Versuch,daheim nach dem Rechten zu sehen", bisher an den ungastlichen Maßnahmen Englands, Frankreichs, Dänemarks und der Vereinigten Staaten von Amerika gescheitert ist. Zurzeit befindet sich dieser größte Abenteurer des zwanzigsten Jahrhunderts noch immer auf der Toup rund um Venezuela.

Politische Übersicht.

Lehrerschaft irird Kund der Landwirte.

Gleichzeitig mit dem Kampf um die Gestaltung des neuen Lehverbesoldnngsgesetzes begann das Werben des Bundes der Landwirte um die Gunst der Landlehrer. ES trat besonders zutage in der Gründung des von diesem Bund finanziell und agitatorisch unterstützten Lehrer­blatts, und daß -es nicht vergeblich gewesen ist, zeigt Sie Haltung des neuen preußischen Lehrervcreins, dessen Mitglieder ganz offen erklären, der Anschluß an die Konservativen und den Bund der Landwirte sei nicht nur nötig, sondern auch möglich, denn diese Parteien seien jetzt mehr als früher überzeugt von der Not­wendigkeit einer guten -Volksschulbildung, von dem Ausbau der Volksschule, der Besserstellung des Lehrer­standes, es gäbe ebenheute im letzten Gutsbezirke Preußens keinen bildungsfeinülichen Agrarier mehr." In diesen Gedanken spricht sich eine mehr als unkst- greifltche Unkenntnis der politischen Berhültntsfe aus. Jede Steigerung der Volksbildung auf dem Lause erscheint den Großgrundbesitzern als eine weitere Ge­fahr, die Landflucht der Arbeiter zu steigern. Won jedem Ausbau der Volksschule befürchten sie eine Einschränkung der Kinderarbeit auf dem Lande und als Anhänger der geistlichen Schulaufsicht sind sie die geborenen Gegner einer Besserstellung des Leyrer- standes, wie sie mit Recht darin erstrebt wird, daß mar« die Lehrer von der geistlichen Bevormundung befreit. ES ist darum unbegreiflich, daß cs Lehrerkreise geben kann, die den vorhandenen scharfen Gegensatz zwischen ihren und der Volksschule Interessen zu der Schulpolitik des konservativen Ägrariertums verkennen. Vor allem aber sollte doch die Haltung des Bundes der Landwirte zur Frage der Finanzreform der von der konservativen Agitation umsponnenen Lehrerschaft die Augen öffnen. War es stets ein Ruhm der deutschen Lehrerschaft, ihre politische Stellung dort zu nehmen, wo i d e a l e I n t e r- essen vertreten werden so kann doch nichts für die Lehrer abschreckender wirken als die von -einem so

mich verständlich auszudrücken. So, als ob ihre Mutter wenigstens irgendwo auf so'ner Südseeinsel ausgewachsen wäre und ihrer Tochter ihr fremdes, heimverlangendes Wesen vermacht hätte. Aber ich werde poetisch verzeihen Sie. Das liegt eben daran, daß ich damals immer am Trapez hing und über die Welt weg sah. Das wacht in der Erinnerung wieder auf und so weiter.

Herr Kollege, Buchholz daß Sie husten, gehört nicht zu unfern Abmachungen. Heute erzähle ich, und nichts kann mich mehr aufhalten. Das will alles mal raus- Aber wenn Sie wünschen, mach' ich eine zweite Pause. Fritz! Ein Glas heiß' Wasser mit Zucker und etwas Rum!

Also Mieze ging ganz harmlos aus die Geschichte ein ich hätte das selbst nicht für möglich gehalten. So fein und distinguiert, wie das Mädel aussah. Ihre Mutter war sogar Doktorswitwe. Doctor med. Aber in kleinen Nestern sind die jungen Mädchen so, neu­gierig. harmlos, nett. Sie ließ sich begleiten und er­zählte mir, ihr Bruder spielte in Hornburg im Harz Komödie, vier Stunden weiter im Gebirge, bei einer kleinen Schmiere. Am Sonntag würde sie ihn be- suchen.

Es tut mir immer so leid um ihn", sagte sie.Er muß sich elend durchschlagen. Meine Mutter gibt grundsätzlich keinen Groschen her, seit er aus dem Ge­schäft ausgerisien ist. Er war schon Buchhalter -- mit 22! Aber des Menschen Wille ist sein Olymp. Und jetzt spielt er den Bergarbeitern den Kosinski vor."

Ich fragte sie, wann ich sie Wiedersehen dürfte, ich hätte ihr noch unnennbar viel zu sagen.

Aber Sie sind doch auf der Reise?"

Ja, aber wenn ich Sie Wiedersehen darf, bleibe ich hier, bis ich graue Locken habe."

Danke schön- Ich kenne Sie ja gar nicht. Und außerdem wenn die Ferien zu Ende sind, kommt mein Verlobter wieder. Der würde so etwas vielleicht nicht ganz richtig finden-"

Dagegen ließ sich nichts sagen. Und diese Claus- thaler Bergakademiker ü la bonheur! Die paar, die ich gesehen habe, sahen nicht aus, als ließen sie