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Nr. 177.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Armee und Alkshoi.

Es geht alten Jrrtümern oft wie der Hydra- Und schlägt man ihr hundert Köpfe ab, es wachsen ihr immer wieder neue. Auch im Kampfe gegen den Alkohol kann man fast täglich diese Erfahrung machen. Es heißt daher, auch täglich die Waffen führen und nicht müde zu werden, längst Gesagtes zu bekräftigen und die Wahrheit gegen Verdunkelung, zu schützen. Hierzu nötigen auch die letzten Erörterungen über den Militäretat im Reichstag. Man hat iin deutschen Volke längst bitter empfunden, daß, er in seiner gegen­wärtigen Zusammensetzung nicht die erlesensten Geister der Nation umfaßt. Mit dem leider finkenden Niveau dieser hohen Körperschaft ist man auch im deutschen Volke bescheidener in den Ansprüchen geworden. Man erinnert sich schmerzlich jener Zeit parlamentarischen Glanzes, in, der ihr die besten Köpfe unseres Volkes angehörten; heute mutz man schon froh sein, wenn die Reichstagsverhandlungen nicht unter den geistigen Durchschnitt zeitgenössischer deutscher Kultur herab» sinken. Geradezu peinlich berührt oft der Mangel an Sachkenntnis bei vielen Rednern und ihre Unfähigkeit, aus der Enge ihres Geistes herauszukommen und große Fragen nach großen Gesichtspunkten zu beur­teilen. Man hascht nach billigen rethorischen Lor­chseren und gibt sich dabei fatale Blößen, die außerhalb deshohen Hauses" nachdrücklich daran erinnern, daß zum Gesetzgeber mehr gehört, als ein guter Redefluß.

Als eine derartige peinliche Blöße ist es aufzu­fassen, daß ein adeliger früherer Reiteroffizier der Name ist nebensächlich bei der Beratung des Mili­täretats eine Lanze f ü r den Alkohol in der Armee brechen konnte. Der Herr sagte vor versammeltem Reichstag:In den Offizierkorps wird heute nicht

mehr so viel getrunken wie früher. Ich möchte fast sagen: Leider. Früher liebte man den frischen, fröh­lichen Trunk mehr als heute, wo Apfelwein und Limo­nade an die Stelle unserer guten alten Ge- tränke getreten sind." Dashohe Haus" hat diesen Stoßseufzer einer um den Rückgang des Alko­holismus im Heere bekümmerten Seele mitGroßer Heiterkeit" quittiert. Man kann leider nicht an­nehmen, daß der Reichstag mit dieser Heiterkeit Kritik an dem Redner üben wollte. Die fröhliche Ausnahme jener alkoholfreundlichen Überzeugung klang eher wie Zustimmung. Niemand im Hanse

FemUeton.

(Nachdruck verboten.)

NnssauischL Osterwmckernng.

Original-Artikel für dasWiesbadener Tagblatt".

Von Ludwig Anders.

Die Sehnsucht nach Hem Frühling Hatte mich heraus­gelockt. Wohl spannte die Sonne ihre goldenen Fäden um Wiesbaden und bettete den weiten Bergkranz mit seinen Wiesen und Wäldern in ein klares Lichtmeer, aber ihr Lichtzauber machte den Saft in Busch und Baum nicht rascher kreisen und nur vereinzelt guckten ein paar grüne Blätter oder buntfarbene Blumen ver­schüchtert in den Hellen Apriltag. Selbst ans die locken­den Versuche der Gärtner, die mit Eifer und Liebe seit Tagen schon die zarten Kinder ihrer Treibhausknltur in den Boden steckten, selbst auf den vcrheißungssrohen Orchesterjubel der leichtbeschwingten Sänger wollte der Lenz nicht reagieren. Einförmig blieb das Bild, das die Natur mir bot und nur tn des Waldes geheimsten Ecken räucherten anmutige Weilchen mit lieblichen Düften des Winters üble Gerüche aus.

Da wuchs mir die Sehnsucht nach jungem Grün und frischen Düften, nach Vogel sang und Lenzeszeit und wie schon zu des Magister Fausts Märchentagen her Städter am Osterfeste sich flüchtete aus der Straßen quetschender Enge, so trieb es auch mich hinaus in den Nottesfrieden der weiten, sonncnöurstigcn Natur. Bald lag Wiesbaden, freundlich anzusehen im Sonnenge- flimmer, hinter mir. Bahnhof und Stadt verschwanden und es dehnte sich die Ebene des Rheintales, umzirkt von verblauenden Höhenzügen. Ein kräftiger Erögeruch stieg zum Wagenfenster Herein: aus dem braunen Acker­boden, der breitgefurcht die Ebene durchkreuzte, sog er sich langsam in die Luft und füllte sie mit verheißungs­vollem Zukunftsahneu. Es war um die Feierabend- stunde. Über die Felder schritten Landleute und Ge­spanne und strebten der ruhevollen.Heimstadt zu. Fern verzogen klang eine einsame Glocke in das Surren und Rattern des Zuges und es war, wie wenn ein Blinder, Tauber unbekümmert um den Wltagslärm auf un­ruhiger Straße ein Uve Maria zu. singen anhob.

Wiesbaden, Samstag, 17. April IDGU.

hielt es der Mühe wert, den in der Alkoholfrage nur einseitig unterrichteten Redner darauf aufmerksam zu machen, daß der Rückgang der Trinkfitten in der Ar­mee nicht als ein Verlust, sondern als eine -Steige­rung der Leistungsfähigkeit und Wehrhaftigkeit der Trupps anzusehen ist.

Auch der Kriegsminister. Herr v. Einem schwieg. Aber die Sache ist ernst genug, um derartige Jrr- tümer und Meinungen nicht unwidersprochen von der Reichstagstribüne ins Land gehen zu lassen. Herr v. Einem oder ein unterrichteter Abgeordneter hätte können darauf Hinweisen, daß nach den gemachten Er­fahrungen der Alkohol,das gute alte Getränk", in der Armee genau ein solcher Schädling und Leutever­derber ist wie überall. Es ist tatsächlich ein Glück und nicht der schlechteste Dienst, der unserer Armee geleistet wird, daß jetzt wohl alle höheren Kommandostellen die Nichtsnutzigkeit des Alkohols erkannt haben und die Nüchternheit sowohl bei dem Offizier wie bei dem ge­meinen Mann zu schätzen wissen: Vielfach findet die .Bewegung gegen den Alkoholismus von hohen Mili­tärs privatim und dienstlich kräftige Unterstützung; das glänzende Vorbild militärischen Ehrgefühls, Feld­marschall Graf Moltke, war ein Alkoholgegner, und Feldmarschall Graf Haeseler und viele andere höhere Offiziere sind es ebenfalls.

In früheren Zeiten spielte der Trunk in der Armee eine große Nolle. Bei Kolin und' Zorndorf gingen die Grenadiere Friedrichs des Großen betrun­ken in das Feuer. Aber in den mörderischen Schlachten in der Mandschurei siegten die nüchternen Japaner über das russische Trinkervolk. Die Kriegskunst ver­langt heute mehr als jemals in früheren Zeiten Sol­daten, die Geist und Körper nicht durch Alkohol er­schlafft haben, die Charakter, zähe Ausdauer und ungebrochene Energie besitzen. Und es besteht dabei kein Unterschied zwischen dem Komman­deur und dem letzten Tambour.

Diese Anschauung herrscht heute, wie gesagt, fast überall bei den höheren Militärs und auch das Offi­zierkorps und der gemeine Mann lassen sich von ihr überzeugen. Wer das Zurückdrängen des Alkohols in der Armee bedauert, der steckt noch tief in der Weltanschauung des Renommisten derguten alten Zeit", der sich auf dem Markt von Jena in die Bier- seligkeit und Bierehrlichkeit hinein- und herauspaukte. Es ist merkwürdig, wie schwer selbst manche Zeitge­nossen, die sich zu den gebildeten Massen rechnen und vielleicht gar Reichstagsabgeordnete sind, von der Meinung abkommen können, daß es eine besondere Forsche und M a n n h a f t i g k e i t bedeute, einen

Der Zug war wenig besetzt. Meist geschäftlich reisende Fahrgäste, wenig Feiertagstouristen, die gleich mir am Vorabend des Festes dem rastlosen Treiben der Stadt entflohen. Auch der Rheingau hatte kein bräut­liches Ostergewand angelegt, doch überall waren die Knospen zum Brechen reif und es schien, als wollten sie uns alle Augenblicke mit einem Auferstehungs- und Frühjahrswuuder überraschen. Ganz vereinzelt nur stand ein blühendes Bäumchen fröstelnd am Wege und ungezogene Sperlinge zausten an seinen Ästlein und Zweigen. Kahl und anmutlos stiegen die Hänge der Weinberge zur Höhe auf und wo fern der Bergwald herüberdunkelte, da lag es dunkel-räudig wie ein ver­haltener Winterschmerz auf den Buchen.

Als die Nacht ihre Schleier um den Himmel zog und sich langsam in die wilden Klüfte der Rheinschlucht bettete, stieg ich zur Lorelei empor. Über das Felsengeröll des Treppenwegs tastete sich unsicher in der Dämmerung der Fuß. ^

Die Nebel stiegen und füllten die Schlucht mit einem breiigen Meer. Da stieg aus den Tälern über die jen­seitige Berghöhe hinweg ein fernes Glockenläuten. Wer weiß, woher es kam. Wesenlos stand es im Raum, schwebte aus dem Tal zu Berg und breitete seinen weichklingenden Schall weit aus über die Höhe. Und in der Harmonie seines Zweiklangs schien ein Chor von Engeln die frohe Botschaft über alle Welt zu tra­gen, daß aus der Nichtstätte von Golgatha der Eine um unser aller Sünden wegen gelitten und gestorben wäre, und daß er um unserer unsterblichen Zukunft wegen wieder anferstehen würde von den Toten. Und dieser Glockenklang war eine tröstliche Verheißung für alles Menschenleid: er löste alle Herbheiten des Tages in milde Harmonien auf und goß die Ruhe eines Hoff­nungsvollen Friedens in zage Herzen.

Erster Logiergast aus der Lorelei. Die ganzen Zau­ber unserer sorgenfreien Kindertage, das Märchen­raunen einer poetischenRomantik werden lebendig und die Holde Fee Phantasie spinnt geschäftig die Netze ihrer Märchenträume, um darin alle nüchterne Wirklichkeit unserer Tageswrgen zu umstricken. Bon Zeit und Raum losgelöst scheint die Stunde, da durch die Gast­stätte die ernsten Klänge des Waldwebens feierlich schweben oder Schumanns Träumerei ihre weichen

37. Jahrgang.

guten Stiefel vertragen zu können. Der Limonaden- und Wassertrinker scheint ihnen ein Schwächling. Das Gegenteil ist bekanntlich der Fall. Nach aller Erfahr­rung bleibt der Bramarbas von Bier-, Schnaps- oder Weintrinker bei sonst gleichen Verhältnissen überall im Leben hinter dem Wasser-, Milch- oder Limonaden­trinker z u r ü ck- Auch im Heeresdienst. Nachdem man in der deutschen Armee lange Zeit erfahren hatte, daß auf Märschen an heißen Tagen die Alkoholtrinker wie matte Fliegen am Wege liegen blieben, wurde bekanntlich Schnaps und Bier bei derartigen Gelegenheiten überhaupt verboten. Auch in der deut­schen Marine denkt man heute schon vielfach sehr kühl über den Alkohol und mancher deutschen Blaujacke ist mit Recht ein Glas frische Milch lieber als ein steifer Grog.

Wer die Wehr- und Mannhaftigkeit in unterer Armee und, Marine fördern will, der bedauert nicht, wie jener Reichstagsabgeordnete, daß auch hier der Alkohol in Mißkredit kommt, sondern er sucht die Aufklärung über den wahren Charakter dieserguten alten Getränke" nach Möglichkeit auch in jenen Kreisen zu verbreiten. Endlich müssen auch wir dazu kommen, daß der Hydra keine neuen Köpfe mehr wachsen. ___'_

Politische Merstcht.

Das Recht dev UevkorrUchkeit i» dev Ssria'derrrokrarre.

L. Berlin, 15. April.

Kautsky bringt in seiner neuesten Schrift folgend« nicht uninteressante Feststellung. Im Jahre 1894, während der Beratung über dieUmsturzvorlage^ sandte Friedrich Engels, der Mitarbeiter und Popu- larisator von Karl Marx, demVorwärts" ein paar Aufsätze ein. Diese Artikel (deren wir uns noch ent­sinnen) betonten die Ge f e tz l i ch k e i t der Sozial­demokratie und verfochten die Ansicht, daß gerade ihre Gesetzlichkeit der Partei den Erfolg sichere. Diese Ar­tikel waren an verschiedenen Stellen gefälscht. Engels schrieb bald darauf an Kautsky, daß er über die Fälschung feines Standpunktes, infolge deren er als Anhänger der Gesetzlichkeit quand meine" erscheine, indigniert sei und Liebknecht deshalb deutlich seine Meinung sagen werde. Der Grund zu derredak­tionellen Umarbeitung", die derVorwärts" unbe­rechtigterweise vornahm, lag in dem Wunsche, kein neues Material für die Umsturzvorlage zu liefern. Daraus scheint hervorzugehen, daß die Partei

Harmonien um die Seele des Lauschenden schlingt. .Hier oben kann man noch den heiligen Zauber der Musik in andachtsvoller Stimmung empfinden, ohne die Störung eines verständnislosen Nachbars fürchten zu müssen. Und Leides: Musik und Lorelei werden zu einem tiefen Erlebnis, das wie ein heiliges Mahnzeichen am Ein­gang zum Osterfest steht.

Das erste Lichtweben des neuen Tages findet mich im Freien. Ostermorgen ist heute. Frisch und kalt bläst der Morgenwind und ballt die lockeren Schleiernebel in der Stromschlucht zu einer dicken Mauer zusammen, öle sich schwer lastend aus den brausenden Strom legt. Noch ist die Sonne nicht ausgegangen und in der Dämmerung kämpft der anbrechende Tag seinen lautlosen Krieg gegen die langsam weichende Nacht. Fern im Osten, über Hochfläche und Höhenrücken fort, zeigt sich ein Heller Schimmer. Aber graue Molken schieben sich vor, verweben sich zu einem dichten Netzgeflecht, in das der Übermut des Morgensturmes Wolkenfetzen wirft, und das ganzeGebilde zu einem dicken, undurchsichtigenOpal- teppich zusammenflickt. Der goldige Glanz erstirbt, und in fahlen Farben Hellt sich allmählich die 'Landschaft im grauen Wolkenlicht auf. Zwischen der Felsengasse des Rheinbettes liegt der Nebel wie eine dicke Breimasse. Tot und schwer lastet er aus dem Talgrund, und nur verworrene Geräusche, ein halberstickter Pfiff, das fauchende Stampfen der Dampfer verrät, daß unter der unheimlichen Decke sich noch kräftig und seiner selbstbe­wußt das Leben regt. Plötzlich flammt die weite Höhe auf im goldigen Licht und die zerrissenen Zacken der oberen Nebelschicht sind wie von einem Feuerbrand übergossen. Der Wind Hat die Wolken auseinanderge­sagt und weit hinten hängt rund und blinkend die Sonne wie ein flüssiger Goldball am Himmel. Und nun kommt in die graue Stille der Landschaft Leben. Tau­fend Farbenspiele schießen über den Boden, tanzen um Busch und Strauch und bahnen sich in den Nebelbrei der Stromschlucht ein. Und als hätte ein Zauberstab eine formlose Masse berührt, so beginnt es darin zu leben und zu arbeiten. Wie ein dumpfes Stöhnen fährt ein übermütiger Windstoß durch die grauen Schleier, zer­setzt und zerreißt sie, wirft sie in keckem Spiel von Fel­sen zu Felsen, wirbelt und quirlt sie durcheinander uns schleudert sie zur Höhe, dem tollen Gelichter der Sonnen-'