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Nr. L78.

Wiesbaden, Donnerstag, IS. April ITvS.

» 7 . Jahrgang.

Morgen - Kusgabe.

1. WLcrtt.

Alüierr und der Dreldund.

Wie alle Jahre, so hat Fürst Bülow auch diesmal einen kurzen Osterurlaub auf italienischem Boden ver­bracht und wie sonst hatte er in diesen Osterfeiertagen gleichfalls eine Begegnung mit dem Leiter der aus­wärtigen Politik des Apenninenreiches. Die geschäfti­gen Offiziösen in Rom waren sofort bei der Hand, dieseBegegnung als einen rein intimen Berkehr hinzu­stellen, der einen Beweis der zwischen beiden L-taats- rnännern bestehenden herzlichen persönlichen Beziehun­gen und der sehr herzlichen Beziehungen zwischen Italien und Deutschland bilde, aber durch keinerlei politische Gründe veranlaßt und deshalb nicht be­stimmt sei, politische Folgen zu zeitigen. Auf der einen Seite ist ja in Erwägung zu ziehen, daß .Herr Tittoni angesichts der gegen ihn in der Bevölkerung herrschenden Stimmung nicht mehr allzu lange Zeit im Amie sein Wird, gleichwohl aber ist er doch noch immer Minister bc§ Äußern und überdies ist die aus- wärtigePolitik des.Apenninenreiches teilweise festgelegt durch die Zusammengehörigkeit zum Dreibund. Man kann sich daher eines Lächeln nicht erwehren, wenn die Zusammenkunft der beidenStaatsmänner als eine rein private Angelegenheit dahingestellt wird, und es liegt auf der Hand, daß sie sehr ernste Gespräche geführt haben dürften über die jüngsten Vorgänge auf dem Gebiete der Weltpolitik und die dadurch geschaffene augenblickliche Lage. Eine persönliche Aussprache dürfte gerade jetzt wohl am Platze sein, denn Italien hat sich im Verlaufe der Balkankrisis im großen und ganzen recht reserviert gezeigt, und wenn man auch am Tiber sich einer möglichst objektiven Haltung befleißigt hat, so läßt sich doch nicht leugnen, daß man mehr und mehr zu Frankreich und England hinüberneigte und erst im letzten Augenblick, als die Situation ziemlich geklärt war, mit eineni sich schließlich doch erübrigen­den Vermittlungsvorschlag herausrückte und ani letzten Ende im Hinblick auf die intimen Beziehungen mit Montenegro den Ausgleich mit Montenegro zu Wege brachte.

Von einem energischen Eintreten Italiens für das verbündete Österreich, wie dies von Seiten Deutsch­lands geschah, ist im ganzen Verlauft der Affäre nicht ein einziges Mal die Rede gewesen und auch Fürst Bülow hat bemerkenswerter Weise in seiner großen Reichstagsrede peinlich vermieden, Italien auch nur mit einem Worte zu gedenken. Ist doch Italien in den letzten Jahren gewissermaßen das Enfant terrible des Dreibundes geworden, und Fürst Bülow hat sich, auch keineswegs geniert, im Reichstag, einen kalten Wasser­strahl nach Rom zu dirigieren, indem er gelegentlich einmal dnrchblicken ließ, daß es Deutschland sehr gleich­gültig sein würde, ob der Dreibund erneuert werde

oder nicht, was seine Wirkung nicht verfehlte, da Italien bisher vom Dreibund nur Vorteile gehabt hat, die ihm von anderer Seite kaum geboten werden könnten. Gleichwohl aber suchte man sich am Tiber stets auch gegenüber Frankreich und England zu sal­dieren und es entbehrt daher nicht eines pikanten Bei­geschmacks, wenn in der erwähnten offiziösen Aus­lassung derTribuna" hinzugefügt wird, der private Charakter der Begegnung Bülows und Tittonis schließe von vornherein die Phantastereien hinsichtlich einer Verstärkung in einer vorzeitigen Erneuerung des Dreibundes aus; niemand habe jemals daran ge­dacht, ihn außer der Zeit zu erneuern. Das ist so selbstverständlich, daß diese Erwähnung nur geschieht, weil inan damit einen bestimmten Zweck verfolgen will, nämlich gleichzeitig eine Verbeugung nach Paris und London zu machen. Demnächst wird auch Kaiser Wilhelm ans italienischem Boden verweilen . und _ mit König Viktor Emanuel zusammentreffen: eigentlichen politischen Charakter wird aber niemand dieser Zu­sammenkunft beimefsen wollen, wenn gleichwohl Unter­haltungen nicht ausbleiben dürsten. Irgend eine Ein­wirkung auf die Verhältnisse des Dreibundes wird man aber davon schwerlich zu erwarten haben, und etwas Derartiges ist auch gar nicht notwendig, denn Deutschland kann kühl bis ans Herz hinan Zusehen, welche Wege die italienische Politik einzuschlagen ge­denkt.

UsLMsche WerstchL.

StV-Afminimm« und GesetzesfsrtschrrLt.

In einem liberalen Münchener Blatts tritt ein Richter für die A b s ch a f f u n g des -Ltrafmindest- inaßes im Strafgesetzbuch ein. Er geht dabei von einem kürzlich gemeldeten. Falle aus, wo eine arme Frau mit drei Monaten Gefängnis bestraft wurde und bestraft werden mutzte, weitste durch einen Zaun gekrochen war und ein paar Stückchen Holz genom­men hatte. Allerdings werden, fährt der Richter zu­treffend fort, nicht immer die harten Strafen ver­hängt, die nach dem Gesetz verwirkt wären, weil näm­lich (wo es angeht) Geschworene und gelehrte Richter manchmal ein geringeres als das wirklich erwiesene Vergehen annehmen, um ein gerechteres Strafmaß zu erzielen. Zuin Beispiel: ein wissentlicher Meineid ist begangen worden, aber in einer geringfügigen Sache und unter sehr mildernden Umständen. Die Ge­schworenen fiirden, daß ein Jahr Zuchthaus eine zu hohe Strafe sei, und folgeir den beredten Ausführun­gen des Verteidigers, der darum ersucht, nur fahr­lässigen Meineid anzunehmen. Der Verfasser sagt: Hier leidet nicht der Angeklagte, aber das Recht. Darin kann man ihm nur zustimmen. Nicht aber, wenn er fortfährt:Was hemmt den Fortschritt der Strafgesetzgebung mehr als solche Vorkommnisse? Was fördert ihn mehr als die Gesetzesanwendüng

Lerüllston.

(Nachdruck verboten,)

Die fremde Ratze.

Von Albert van Waasdijk.

(Autorisierte Übersetzung aus dem Holländischen.)

In der leeren Wohnung war beim Auszüge eine Katze mit mancherlei Sachen zurückgelassen worden, die man nicht erst nach der neuen Wohnung hatte mitnehmen mögen. Durch das halboffene Bodenfenster war sie jetzt hereinge­schlüpft und, nach ihrem Schüsselchen Milch verlangend, un­hörbar die Treppe hinabgeschlichen, da sie ihren gewohn­heitsmäßigen Ausflug über die benachbarten Dächer beendet hatte. Plötzlich, ohne daß jemand wußte, woher sie kam, ,'atz sie auf ihrem alten Platz, wärmte sich mit gekrümmtem Rücken in der Sonne, streckte die Pfötchen und blinzelte, und gähnte mit solchem Wohlbehägen und Vergnügen, daß die schmale rote Zunge sich kräuselte.

Auf der Treppe schon hatte sie etwas Unbekanntes ge­rochen, als ob sie in einem fremden Hause wäre, Sie stellte sich wie immer vor die Zimmertür und kratzte mit den Vorderpfoten am Holz, um hereingelassen zu werden, aber niemand öffnete. Um sich bemerkbar zu. machen, miaute sie leise und ging den Flur entlang bis zu einem anderen Zimmer, dessen Tür weit offen stand. Den Rücken ängstlich gekrümmt, den Schwanz in unruhiger Bewegung, schnüffelte sie in den Winkeln, kratzte Splitter aus dem Fußboden, sprang auf das Fensterbrett, und von dort, behutsam wie immer, auf den Kamin. Die Gegenstände, die daraus ge­standen hatten und um die sie sich stets im Bogen gewunden hatte, um sie nicht zu berühren, waren fort: den schwarzen Marmor des Kamins bedeckte eine Schicht von Kalk und Staub. Und nirgends fand sie ihr Körbchen mit der warmen, wolligen Bekleidung, nirgends die Milch und nirgends die Frau. Sie suchte in den bohlen, leeren Zimmern, stürmte

in Eile die Treppe hinaus und herab, setzte sich mit klagendem Miauen in die Küche, hilflos wie ein verirrtes Kind.

Nachdem sie einen Tag in dem leeren Hause herumge- irrt, war sic durstig und hungrig wieder aus das Dach ge­klettert und nicht mehr zurückgekehrt.

Ohne Heim, ohne Herrin war sie nun eine fremde Katze geworden, ein Tier von der Straße, von dem niemand sagen konnte, ob cs böse oder aut sei. Während des Tages ver­steckte sie sich scheu in dunklen Winkeln, hinter Zäunen und alten Brettern: aber wenn es dunkel wurde, kam iie zum Vorschein, um Nahrung zu suchen. Sehr oft fand sie nichts» dann mutzte sie sich mit ekligem übelriechendem Wasser oder verdorbenen Abfällen begnügen. Sie sah abgezehrt aus, und die Knochen standen aus dem schlaffen, armseligen Fell hervor. Sie miaute lange nicht mehr, die zarten, leisen Schmeicheltöne waren in ihrer Kehle zu kurzen, schrillen Angstlauten geworden.

Wo sie Wärme und Schutz suchte, wurde sie drohend verjagt. Lickst- und menschenscheu geworden, fand sic end­lich an einem kühlen Regentage ein Obdach unter einen! Kohlenschuppcn. Hier war sie sicher, hier konnte sie durch die schmale Öffnung lauerno um sich blicken und alles sehen, was auf dem Platz geschah.

Das erste, was sie des Morgens sah, war eine Frau, die so sanft und lieb rief, wie sie es noch ans der Zeit kannte, als sie von ihrer Herrin verhätschelt wurde. Langsani lroch sie aus ihrem Winkel und spähte durch eine Spalte. Die Frau stellte eine kleine Schussel Milch auf die Erde und legte kleine Fleischstückchen rings herum. Gierig schnüffelte die Katze nach dcni Duft, aber sie wagte es nicht, zum Vorschein zu kommen. Wenn die Frau weg war, wollte sie sofort essen und trinken, ihren verhungerten Magen sättigen.

Aber nachdem die Frau nochmals schmeichelnd gerufen hatte, kam eine Katze aus dem Hause träge auf den Platz zu. Sie war dick und wohlgepslegi, roch verwöhnt an dec Milch und verschlang das Fleisch mit Gleichgültigkeit. Vornehm ließ sie sich oen Kopf streicheln und rührte sich nicht, als die

durch Männer, die . . . sich pflichtgemäß dem höheren Willen beugen, ob sie ihn auch für hart, für ungerecht, ja für grausam halten?" Die Rechtsgeschichte lehrt, daß eine Durchbrechung veralteter, als ungerecht emp­fundener Gesetzesbestimmungen durch die Rechtsan­wendung oft ein Hebel des Rechtsfortschritts gewesen ist. Sie bestätigt die Darstellung Shake­speares imKaufmann von Venedig", wo Shylock seine unmenschliche Forderung auf ein wirkliches (auch geschichtlich nachgewiesenes) Recht stützt, wo Porzia listig (juristisch sogar arglistig) ftem Gesetz ein Schnippchen schlägt und damit den Sieg eines höheren Rechts vorbereitet, linier süddeutscher Richter liefert selbst einen Beweis hierfür, also gegen seinen eigenen zitierten Satz, denn die mißbräuchliche Gesstzesan- lvendung veranlaßt ihn, das Gesetz selbst aus seine Be­rechtigung zu prüfen und schließlich zu rstfen:Weg

mit dem Strafmindestmaß!" Wir stinnnen dieser Forderung durchaus zu. Er motiviert sie wesentlich damit, daß man mehr Vertrauen zum Richter haben müsse. Da möchten wir lieber sagen: damit er die Möglichkeit einer gerechteren Strafzumessung habe. Manchen Rechter würde das neue Recht erst zu einer gerechteren Betrachtung erziehen. So z. B. den­jenigen. der das eingangs erwähnte Urteil gegen d>» arme Frau fällte und in den Urteilsgründen wörtlich sagte:In AubcUacht ihrer bisherigen Straflosigkeit, ihrer großen Notlage und des äußerst geringen Wer­tes erschien die Mindeststrafe von drei Monaten Ge­fängnis als ausreichende Sühne." Das Empfinden dieses Richters entspricht ganz dem bestehenden G e - setz: mit einem neuen Gesetz würde auch er vielleicht humattct empfinden lernen. L

Dir Kreis blötler als politische Uartri- prspaganda-Grgane.

Tie Kreisblätter sind eine große, von liberaler Seite in ihrer Bedeutung für die Befestigung der kon­servativen Macht noch lange nicht genug gewürdigte Waffe in der Hand der Herren Landräte. Durch diese amtlichen Kreisblätter, die von vielen Kreisinsasfen wegen der amtlichen und geschäftlichen Anzeigen ge­halten werden müssen, wird systematisch und unter oft direkter Unterstützung seitens der Landratsämter die Politik der konservativen Partei dein Pub­likum mundgerecht gemacht. Diese von össent- l i ch e n Geldern unterstützten Zeitungen werden zu­gleich von L a n d r a t s wegen im einseitigen Interesse einer Partei gefördert, und sie. dienen dein Kreisgewaltigen als politisches Sprachrohr gegen die anderen Parteien, deren Angehörige an der direkten oder indirekten Unterstützung der Kreisblätter finan­ziell in Anspruch genommen werden, sich dafür aber von ihnen bekämpfen lassen müssen.

Ein klassisches Beispiel dafür, in wie offener Weise Landräte für ihre eigenen konservativen Kreisblätter Propaganda treiben, bietet uns ein Vorkommnis, das sich kürzlich in dem brandenburgischen Kreise Luckau

Frau ihr die Milch entgegenhielt.Nicht? Komm nur mit." und daun war sie mit der Milch und Katze im Arm ver­schwunden.

Die fremde Katze hatte sich in den dunklen, schmutzigen Winkel zurückgezogen. Ihr Schwanz war voller Spinnge­webe, die Haare ihres Fells klebten zusammen, krampfhafte Zuckungen bewegten ihren Körper. Schlafs und erschöpft sank sie nieder, als wenn sie sterben wollte. Nachts kroch sic erst wieder durch die Spalte.

Aus dem Dach des Schuppens hatte sie Futter gefunden, Brot- und Kartoffelkrumen, die die Frau für die Vögel hin­gelegt hatte. Eilig, ohne Zu rasten, fraß sie alles auf, instink­tiv wisiend, daß es nicht für sie bestimmt war.

So ging cs viele Nachte hindurch. Die Katze gewöhnte sich an ihren Schlupfwinkel, wo ihr niemand Böses tat, und mit dem regelmäßigen Futter war auch die Lust wiederge­kommen, sich zu putzen, zu waschen und die Haare glatt zu streichen. Sie wurde auch rascher und dreister, bekam mehr Selbstvertrauen, und als sic kein Geräusch auf dem Platz vernahm, wagte sic cs eines Tages, über die Steine zu laufen. Das erinnerte sie wieder an die Freiheit von früher, an die ruhige Zeit mit dem Körbchen und der Wärme im Hause. Vergnügt sprang sie auf eine Kohlenkiste und van dort aus ein Fensterbrett. Das Fenster stand so weit offen, daß sic sich hindurchwinden konnte, und nun schaute sie ins Zimmer. Sehnsucht, ein fremdes, unruhiges Verlangen er­wachte in ihr, sich nach all der Furcht und den Entbehrungen wieder einmal dort aus dem warnicn Flur ausznstrccken.

Sie zauderte noch ein wenig, ringelte den Schwanz, krümmte sich wie zum Raub und glitt hinein: pfeilschnell war sie hinter den Fransen eines Sofas verschwunden.

Als die Hausfrau in der Dämmerung die Augen der Katze da unten leuchten sah, schrie sie vor Schreck laut aus. Im Ärger stieß sie heftig gegen das Sofa und schlug auf den Sitz, um die Katze zu vertreiben. Das Dienstmädchen kam, verwundert über den Lärm, an die Tür.