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Mr. 17 O.
Wies bade«, Diensing, 13. April !DGD.
E7. Jahrgang.
KvenÄ-Kusgade.
1. MistrLt. "
Eine Lsrttschs FuflumnnsSchule.
Das erste Ziel, das der neugegründete „Deutsche Luffflottenvercrn" verfolgt, ist nicht, wie man aus seinem Namen zunächst vermuten könnte, dicSchaffung einer Luft flotte, sondern die Gründung einer Luftmannsschule. Diese Schule soll mit dem 1. Oktober dieses Jahres in Friedrichshofen ins Leben treten und dort, an der Wiege des deutschen Luftschiffbaues, die Mannschaften für die Kriegs- und Verkehrslustflotte der Zukunft in d r e i j ä hsr i g e r ernster wissenschaftlicher Schulung und praktischer Unterweisung ausbilüen.
Ein bekannter militärischer Lufttechniker schreibt hierzu:
Wie schwierig die Führung und Navigierung von Motorluftschiffen und Flugapparaten ist, beweist allein schon die Tatsache, daß fast bei allen Modellen nur der Erfinder und die von ihm selbst angeleiteten Hilfskräfte dazu imstande sind. Die Navigierung eines Luftschiffes ist erheblich schwieriger wie die eines Seeschiffes. Bei letzterem kommt es in der Hauptsache auf die Jnnehaltung des gewählten Kurses an. Beim Luftschiff dagegen tritt noch die Wahl der günstigsten und die Festhaltung der einmal gewählten Höhenlage hinzu. Die gewählte Höhenlage mutz so hoch sein, daß die auf der Fahrt zu erwartenden Höhenpunkte möglichst ohne Veränderung der Höhenlage überwunden werden können. Jedes Höhergehen des Luftschiffes verbraucht Gas und verkürzt damit die Fahrtdauer. Das. Jnnehalten der gewählten Höhenlage erfordert die ständige gespannte Aufmerksamkeit des Steuermannes. Das vor ihm hängende Baroskop zeigt jeöe geringe Veränderung der Höhenlage an, die sofortige Gegenmaßregcln erfordert, die wiederum je nach den einzelnen 'Luftschifftypen verschieden sind, am schnellsten und sichersten aber wohl fraglos durch .. die Höhensteuer des Zeppelinschen Modells ausgeführt werden. Die zahlreichen in der Luft herrschenden Strömungen verändern die Höhenlage des Luftschiffes fast dauernd. Besonders auffallend^ tritt dies beim Überschreiten von Gewässern, und sei es auch nur des kleinsten Flüßchens, in die Erscheinung, wo die über der Wasserfläche lagernde abgekühlte Luft sofort heftige Schwankungen des Luftkreuzers Hervorrust. Auch die Seiten st euerung stellt wesentlich höhere Anforderungen an Kapitän und Steuermann als bei Seeschiffen. Ein Luftschiff kann niemals für seinen Kurs den nächsten Weg zwischen zwei Punkten wählen, es sei denn, daß es mit dem Winde oder genau gegen den Wind fährt. In allen anderen Fällen wird es durch den Wind abgetrieben; diese Abtrift muß bei der Navigierung in Ansatz gebracht und genau berechnet werden. Dazu kommt noch, daß unser augenblicklich verfügbares Luft- Kartenmaterial ungeeignet ist, und neue, alle Erhebungen besonders ins Auge fallen lassende Luftschifferkarten erst geschaffen werden müssen.
Auch dieser Aufgabe wird sich der Luftflottenverein unterziehen und dafür sorgen, daß, wenn das Luftschiff so weit gefördert ist, daß man cs als V e r - kehrsmittel in den Dienst der Nation stellen kann, dann auch alle Vorbedingungen für die sichere Führung und Leitung der Luftschiffe erfüllt sind. Denn das Publikum muß sich mit der gleichen Zuversicht, sicher und rechtzeitig am Reiseziel anzukommen, in das Luftschiff setzen können wie heutzutage in die Eisenbahn. Von diesem Ziele aber sind wir trotz der großen Fortschritte der letzten Jahre noch weit entfernt. Auch die wohlgelungene Fahrt des Reichsluftkreuzers „Zeppelin 1 " nach München hat noch nicht den Beweis erbracht, daß das Luftschiff bereits als ein sicheres Verkehrsmittel anzufehen ist. Es ist noch nicht von jedem Wind und Wetter abhängig. Für militärische Zwecks dagegen ist es bereits voll brauchbar. Als Graf Zeppelin Mitte der neunziger Fahre zum ersten Male mit seinen Plänen an die Heeresverivaltung herantrat und um Prüfung und Förderung dieser bat, wurde eine Kommission von Militärs, Physikern, Meteorologen, Mathematikern iffw. eingesetzt, unter denen sich auch der damalige Kommmweur des Luftschifferbataillons Major Nieder, jetzt Generalleutnant z. D. und geschäftsführender Vorsitzender des Luftflottenvereins, sowie Professor Helmholtz befanden. Die Kommission kam damals zu dem einstimmigen Urteil, daß ein Luftschiff, das Verkehrszwecken dienen soll, mindestens eine Eigengeschwindigkeit von 20 Meter in der Sekunde haben muß, da die Durchschnittsgeschwindigkeit der in Deutschland herrschenden Winde 15 Meter in der Sekunde beträgt. Diese Geschwindigkeitsforde.
rung besteht auch heute noch zu Recht. Alle bisher konstruierten Luftschiffe leisten aber höchstens 12—14 Meter in der Sekunde, sind also von der Erfüllung vorstehender Forderung noch erheblich entfernt. Ihre Erfüllung hängt lediglich von der Entwicklung der Motorentechnik ab. Nach den großartigen Fortschritten, die diese Technik in den letzten Jahren gemacht hat, ist freilich nicht daran zu zweifeln, daß die festgesetzte Geschwindigkeit mit der Zeit erreicht werden wird. Augenblicklich gebraucht man, um einen Geschwindigkeitszuwachs von 1 Meter in der Sekunde zu erzielen, eine Erhöhung der Motorenstärke um 10(1 Pferdekräfte. Die Motorleistungen müssen also noch um. fast 800 Pferdekräfte gesteigert werden, bevor die geforderte Verkehrsgeschwindigkeit von 20 Meter in der Sekunde erreicht werden kann. Damit aber dann bei diesem nicht mehr allzufernen Zeitpunkt der Luftverkehr nicht an dem Mangel an ausgebildc- tem Luftmannspersonal scheitere, ruft der Luftflottenverein seine oben beschriebene Schule »ns Leben.
Die Leitung der Schule wird in den Händen des Generalleutnants v. Nieder liegen- Die Zöglinge sollen nach abgeschlossener Mittelschulbildung und einen» Jahr praktischer Arbeit im Maschine n- oder Schlosserfach in die Friedrichshafener Schule eintreteu, im ersten Jahre theoretischen Unterricht erhalten, im zweiten Jahre in einer Lustwerft arbeiten und im dritten Jahre Luftfahrten in Motorluftschiffcn und Flugapparaten unternehmen. Hieran wird sich die Ableistung der Dien st- Pflicht bei einer Lustschiffertruppe anschließen und nach dieser, feine weitere Fortbildung fördernden Zeit kann der fertige Luftmann in den Dienst des Der- kehrsmittels der Zukunft treten.
Deutsch es Deich.
ink. Dauer des Aufenthaltes auf Korfu. ^Das Kaiserpaar, das etwa am 16. d. Di. auf Schloß Achilleion auf Korfu eintreffen wird, beabsichtigt den Aufenthalt bis zum 10. Mai auszudehnen. Während der Kaffer bekanntlich im vorigen Jahre 7 Wochen lang inmSüden weilte, begnügt er sich in diesem Jahre mit einer nur zirka 3 Wochen währenden Aufenthaltszeit. Der Grund hierfür ist in erster Linie in seinem Gesundheitszustände, zu suchen, der gegenwärtig nichts zu wünschen übrig läßt. Der Monarch fühlt sich recht kräftig und ist wohlauf, was auch in seiner Stimmung deutlich zun» Ausdruck kommt. Außer den bekannten Persönlichkeiten seiner näheren Umgebung wird Kaiser Wilhelm von den Chefs der Militär- und Marinekabinetts begleitet werden. Dispositionen über die Rückreise von Korfu sind bis jetzt nicht getroffen worden.
* Der deutsche Kronprinz als Gast des Kaisers Franz Joseph. Wie die „Tagespost" in Graz aus bester Quelle erführt, wird der deutsche Kronprinz in» Juli oder August dem Kaiser Franz Joseph anläßlich der Hofjagdcn in Ischl einen Besuch abstatten.
* Der neue chinesische Gesandte für Berlin. General Ijingtschang ist in Berlin eingetroffen.
* Einer Kontingentierung der Beratungen über die Reichsfinanzrcform redet jetzt die „Nordd. Allgem. Zeitung" das Wort. Diese Kontingentierung soll derart erfolgen, daß über jeden Teil des Reformwerks nur eine vorher bestimmte Zeit in der Kommission und dein Plenum beraten werden darf. Die „Nordd. Allg. Ztg." meint, ohne eine derartige Regelung werde es wohl nicht abgehen. Bei der verhältnismäßigen Kürze der Zeit liege es in seinem eigenen Interesse, daß sich der Reichstag dazu entschließt und nunmehr eine Geschäftsmethode einschlägt, welche den raschen und zweck mäßigen Verlauf der Verhandlungen sichert.
* Gegen die Weinsteuer. Die Winzer und Wein Händler des A h r t a l e s protestierten in einer großen Versammlung gegen die Weinsteuer.
* Ministcrwcchsel in Sachsen. Der König von Sachsen bewilligte den vorn Staatsminister Dr. Grafen v. Hohenthal und Bergen für den 1. Juli erbetenen Abschied. — Der sächsische Gesandte in Berlin, Graf V i tz t u m v. E ck st ä d t, der als Nachfolger des Ministers v. Hohenthal in Aussicht genominen ist, wurde in Dresden vom König in Audienz empfangen und nahm an der königlichen Tafel teil.
Warum die Herren Agrarier die Nachlcchsteuer nicht mögen. In einer trotz bündlerischer Störungsversuche sehr erfolgreichen liberalen Versammlung iu P e w s u m, dem agrarischen Hauptquartier im Wahlkreise des Abgeordneten Jan Fegter, Emden-Norden, wurde in der Diskussion die interessante Mitteilung gemacht, daß auch die dortigen Agrarier lediglich aus dem Grunde gegen die Nachlaßsteuer sind, weil eine Verschleierung des Einkommens dann nicht mehr wie jetzt möglich sein würde. Zahlen doch
Platzbesitzer mit 40 bis 50 Stück Hornvieh und 6 Pferden sechs Mark Einkommensteuer und weniger, verschiedene Domäuenpächter mit großen Liegenschaften überhaupt keine! Wie die Versammlungen, die in den Tagen zuvor in den ländlichen Orten Hinte und Larrelt abgehalten wurden, faßte auch die in Pewsum einstimmig folgende Resolution: „Die Versammlung erwartet, daß bei der Durchführung der Rcichsfinanzreform neben dem Verbrauch der breiten Massen auch der Besitz herangezogen wird. Sie spricht ihre Entrüstung aus über die verhetzende und demagogische Agitation des Bundes der Landwirte, der neben der Ablehnung der Nachlaßsteuer auch die Branntweinliebesgabe von 45 Millionen Mark nicht allein aufrecht erhalten will, sondern noch eine neue dazu beansprucht. Sie bittet die Fraktionsgemeinschast, ihre Einwilligung zu den indirekten Steuern nur dann zu geben, wenn eine genügende Belastung des Besitzes auch wirklich gewährleistet ist."
* Die Haftpflicht des Reiches für Begmten-Ver» fehlungcn. Nach dem Muster des jüngst vom Abgeordneten- und Herrenhause genehmigten Entwurfs« betreffend die Amtspflichtverletzungen der preußischen Beam>n. wird nunmehr auch an den zuständigen Reichsämtern ein entsprechender Entwurf, betr. die Haftpflicht des Reiches für die Verfehlungen den Reichsbeamten, ausgearbeitet, jedoch dürfte dieser Entwurf dem Reichstag schwerlich mehr in diesem Tagungsabschnitt zugehen.
* Die demokratische Vereinigung hielt am Ostermontag in Berlin ihren ersten Delegiertentag ab, der von etwa 150 Beauftragten besucht war. Dr. Bar ich sprach über die Notwendigkeit einer, parlamentarischen Regierungssorm. Int nächsten Jahre will man in C ö l n tagen.
* Für die heutigen Demonstrationsversammlung des gesamten deutschen Mittelstandes in Berlin sind mehrere große Säle im Südwesten von Berlin, u. a. in der Neuen Welt, Unionsbrauerei und Happolds Brauerei, Hafenheide, gemietet worden. Die Einladungen sind von 75 Vorsitzenden bekannter Verbände des Handwerks, der Kaufmannschaft, der Beamten- Organisationen, der Haus- und Grundbesitzervereine, sowie von Rabattsparvereinen unterzeichnet.
* Neue Hetzereien der „Daily Mail". Die „Daily Mail" meldet aus Paris, daß die Tatsache, daß der deutsche Konsul (?) in Tanger ohne vorherige französische Genehmigung drei Minenkonzessionen an die Firma Mannes mann vergeben habe, in Frankreich viel böses Blut gemacht habe. Das Blatt benutzt diese Gelegenheit wieder zu neuen Hetzereien gegen Deutschland und meint, die betreffenden Konzessionen wären von Muley Hafid zu einer Zeit bewilligt worden, als er von den Mächten noch nicht anerkannt war, und es meint ferner, das Vorgehen des deutschen Konsuls verstoße gegen den neuen deutsch-französischen Vertrag, so daß sich möglicherweise wieder ganz erhebliche marokkanische Schwierigkeiten ergeben könnten. Natürlich ist das letztere glücklicherweise einstweilen nur der fromme Wunsch der „Daily Mail" und ihrer Gesinnungsverwandten.
* Eine Straßendcmonstration. Ein großer sozialdemokratischer Verein marschierte auf dem Rückwege von einem Osterausfluge mit einer roten Fahne und laut singend durch Tegel (bei Berlin), wo ihm Polizei- beamte entgegentraten. Da diese mit Stöcken und Schirmen geschlagen wurden, gaben sie Notsignale. Zwei Anstifter wurden verhaftet.
* Der neue Hardcrrprozetz. Zu dem neuen, auf den 20. April festgesetzten Verhandlungstermin im Prozeß gegen Maximilian Harden hat die Staatsanwaltschaft im ganzen nur vier Zeugen geladen: den Grafen Kuno Moltke, dessen Netter, den Klosterpropst Grafen Moltke, den Direktor des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg Freiherrn von Berger und den Marineschriststeller Grafen E. Revcntlow. Weder Fürst Eulenburg noch die ehemalige Gattin des Grafen Moltke, die jetzige Frau v. Elbe, sind geladen. Bon seiten Hardcns sind bis jetzt noch keine Zeugen bestrmmt worden. Die Verhandlung findet vor derselbe»» Kammer statt, die im vorigen Jahre den Prozeß führte; Vorsitzender ist wieder Landgerichtsdirektor Lehmann.
* Wissenschaftliche Kurse zum Studium des Alkoho- lismns. Zum 6. Male finden in der Osterwoche dieses Jahres in Berlin vom „Berliner Zentralverband zur Bekämpfung des Alkoholismus" verarrstaltete wissenschaftliche Vorlesungen zürn Studiuni des Alkoholismus in der König!. Friedrich Wilhelm-Universität, Baracken-Auditorium, statt. Der mit jedem Jahre
steigende Besuch dieser Vorlesungen aus allen Teilen des'Reiches (rat Jahre 1908: fast 500 Besucher) beweist, daß tatsächlich ein allseits empfundenes Bedürfnis nach wissenschaftlicher Orientierung vorliegt, und' daß die Vorlesungen das auch wirklich halten, was sie versprechen. In England, Amerika, Schweden, Norwegen, Finnland und anderen Ländern benrühen sich die Regierungen, im Bund mit starken gemeinnützigen Kereins-Organilatiorrew die Alkoholjragd auf dM
