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Nr. IC8.

KbenÄ-Ausgabe.

1. MLatt.

DLr Politik der Woche.

In den heftigen und erbitterten Kampf um dis R e i ch s f i n a n zr e f o r nt, dessen Ausgang zugleich für die gesamte Gestaltung der inneren Politik in Deutschland von ausschlaggebender Bedeutung sein wird, hat das Osterfest, dieses höchste Fest der <Ä>risten» heit, eine willkommene Ruhepause, eine Zeit des parlamentarischen Waffenstillstandes gebracht, welche die Parteien und die Regierung dazu benutzen, unter ihren Streitkrästen Musterung zu halten, die Aus­sichten der bisherigen Strategie zu prüfen und zu er­wägen. ob aus den Frieden gerechnet werden kann, der hier noch länger auf sich warten läßt als auf dem Balkan. Es mutz doch Frühling werden auch in den Reichssinanznöten, dachte wohl Fürst Bülow, der, wie seine jüngsten Reichstagsreden gezeigt haben, die Hoffnung aus ein Durchbringen der Reform und da­mit aus die Erhaltung des Blocks noch keineswegs ausgegeben hat, als er sich aus Leu Sorgen dieser schweren Kämpfe und dem launischen deutschen April in den sonnigen Süden Italiens rettete. Die mannig­fachen, neuerdings in dem offizösen Organ der Regie­rung Veröffentlichten Kundgebungen an den Reichs­kanzler und vom Reichskanzler zeigen, daß der leitende Staatsmann noch aus einen Frühling der Finanz- misere rechnet, und wenn man die Auslassungen der Parteipresse verfolgt, so ist in der, Tat nicht zu ver­kennen, daß sich bis weit in die Reihen der Rechten hinein ein, wenn auch noch in langsame m Tempo vor sich gehender Umschwung zugunsten des Schmer­zenskindes, der Finanzreform, der Nachlaßsteuer, gel­tend macht, die unterdessen die Metamorphose in eine etwas abgedämpfte Neichserbschaftssteuer vollzogen hat.

Der Reichskanzler Fürst Bülow hat mit seinem Osterurlaubsausslug diehohe" Reisesaison eröffnet, welche nach dem, was bisher bekannt geworden ist. wieder etliche Fürstenbegegnungen mit sich bringen dürfte, die zugleich als ein Zeichen der wesentlich fried­licher gewordenen Weltlage begrüßt werden können. Der deutsche Kaiser wird voraussichtlich aus der Hinreise nach Korfu bei seinem Aufenthalt in Venedig nicht nur mrt dem Reichskanzler Fürsten Bülow, son­dern auch mit dem i t a l i en i s ch e n Königs- paare zusammeutreffen, falls nicht durch veränderte Dispositionen diese Begegnung auf die Rückreise des Kaisers von Korfu verschoben wird. Diese geplante Entrevue hat übrigens zu haltlosen Kombinationen über eine angeblich bevorstehende Erneuerung des Dreibundes Anlaß gegeben, während dies

Wiesbaden, Eatnstag, 1®, April ISO©.

Bundesverhältnis in Wahrheit bis zuin Jahre 1914 unverrückbar sestgelegt ist. Weitere mit Vorsicht auf- zunehmende Gerüchte schieben auch den Zaren von Rußland, deni allerdings eine Luftveränderung sehr erwünscht sein mag, in dies Programm der Fürsten­begegnungen ein.

Verwandte Seelen finden sich zu Wasser und zu Land, so lautete bisher das Reisemotto, aber in Zu­kunft wird man hinzusügen müssen: und in der Lust. Nachdem jetzt Gras Zeppelin mit seiner neuesten, glan­zend gelungenen Dauerfahrt nicht nur einen erfreu­lichen Rekord ausgestellt, sondern zugleich den. Beweis für die einwanfts freie Landungsfähigkeit seines Luftschiffes erbracht hat, sind wir auf dem Wege der Eroberung der Luft wieder um eine bedeutsame Etappe vorwärts geschritten. Sehr zum Ärger der Engländer, die nicht mehr recht wissen, ob sie sich mehr vor den Dreadnoughts des Wassers oder vor der Lustkreuzer flotte fürchten sollen. Am Ende will das Kabinett Asquith auch eine Verständi­gung über die Lustslottenrüstungeu mit Deutschland versuchen! Zunächst aber verlangt man in England stürmisch den Vau von neuen Luftschiffen, und der französische Kriegsminister hat gar ein P r e i s a u s- schreiben für Militärballons erlassen.

Und dabei hätte das Kabinett Clemeuceau eigent­lich Anlaß zu weit ernsteren und näherliegenden Be­sorgnissen, denn die Verbrüderung der streiklustigen B e a m t e n s y n d i r a t e mit den Gewerkschaften der Arbeiter droht die Republik in ihren Grundfesten zu erschüttern, und die neuesten Kundgebungen der Post- und Telegraphenbeümten zeigen, daß trotz des Nachgebens der Regierung der Frieds noch keineswegs gesichert ist, während andererseits die soeben gemeldete Meuterei der Matrosen bei dem TauchbootCirce" aufs neue gezeigt hat, daß,es beim sranzösischenMilitär nicht besser aussieht als bei dem Beamtenkörper.

Sehr kritisch ist nach wie vor auch die Lage in Portugal, wo bisher alle Versuche einer Lösung der Kabinettskrisis scheiterten, und nicht minder in Griechen l a n d, wo zwar der Ministerpräsident Theotokis sein Demissionsgesuch zurückgezogen hat, ohne daß aber dadurch die verworrene Lage geklärt ist. Ebenso wie die griechische Ministerkrifis stehen auch die Unstimmigkeiten im Kabinett Stolypin in engem Zusammenhang mit den Valkansragen, deren uner­wartet günstige Wendung nicht nur die Stellung des Ministers des Auswärtigen Jswolski erschüttert Hai, sondern auch den Bestand des Kabinetts Stolypin ernstlich zu gefährden droht.

Auch in der Türkei hat sich die Lage trotz der friedlichen Wendung des Orientkonfliktes nicht ge­klärt, sondern der an dem Leiter des BlattesSer- besti", Hassan Fehmi, verübte politische Word hat aus die Parterwirren in diesem neuesten parlamentarischen Staatswesen und auf die Willkürhevrschaft des jung-

57. Jahrgang.

türkischen Komitees ein recht bedenkliches Licht gewor­fen. , Der Mangel an eineni kräftigen Regiment in dev Türkei bringt es nicht zuletzt mit sich, daß sich die Ver­handlungen mit Bulgarien noch immer hinziehen, während die weit tieferliegenden serbisch-österreichi­schen Differenzen glücklich beigelegt sind und jetzt auch die Regelung der montenegrinischen Frage erfolgt ist. Da wir uns aber an die noch i nun er andauernden per­sischen Wirren längst gewöhnt haben und auch Castro vor den Toren Venezuelas den Frieden Europas nicht bedroht, so können wir ruhebedürftigen Mitteleuropäer uns dessen freuen, daß wir nicht mit den Bürgern im Faustschen Osterspaziergang zu sprechen brauchen: Nichts Bess'res weiß ich mir an Sonn- und Feier­tagen als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufein-! ander schlagen. i

Deutsches Reich.

Die Begegnung Kaiser Wilhelms mit .König Viktor Emanuel. Die Verhandlungen über ein Zritsarnmen- treffen Kaiser Wilhelms mit dem König Viktor Euranuel sind, wie derL.-A." meldet, abgeschlossen. Ort und Zeit der Begegnung stehen noch nicht fest.

* Wer den Wechsel in der deutschen Botschaft in Rom wird derNar.-Ztg." mitgeteilt, datz der bereits vor Monaten beschlossene Rücktritt des bisherigen Bot­schafters Grafen Monts unmittelbar bevorsteht. Graf Monts wird dieser Tage sein WbernfungAschreiben überreichen und die Geschäfte an seinen Nachfolger Herrn ii. Jagow, dessen Ernennung zum Botschafter ebenfalls dieser Tage amtlich bekannt gegeben werden dürste, übergeben.

§ Die Frage der Getreideeinfuhrscheine und ihre un­günstige Beeinflussung der Einnahmen aus den Getreide», zölleik hat, wie wir hören, zu Erwägungen der zuständigen Ressorts der Reichsregierung Anlaß gegeben. Das System der Einfuhrscheine beruht bekanntlich darauf, daß bei der Ausfuhr von Getrside aus dem Zollinlande Beschei­nigungen erteilt werden, welche dem Einsuhrzoll der ansgeführten Getreidemenge entsprechen. Diese Beschei­nigungen können dann innerhalb v Monaten zur zoll­freien Einfuhr sowohl von Getreide als auch gewisser anderer Waren, wie Petroleum und Kaffee, der» wendet werden. Durch die verschiedene Höhe unserer Ge-c treidezölle von beispielsweise 5 M. pro Doppelzentner für Hafer und 1,30 M. für Futtergerste ist es nun möglich, bei der annähernden Gleichwertigkeit dieser beiden Getreidearten für den Wirtschaftsbetrieb der Landwirtschaft deutschen Hafer in großen Mengen auszuführen und dafür frenrde Futtergerste einzusühren. Die hierbei entstehende Differenz der Zollbeträge bedeutet einen tatsächlichen Verlust an ZoL- einnahmen für das Reich. Um einen überblick dieser Ein­buße an Reichseinnahmen zu gewinnen, bedarf es aber der Vergleichung ganzer Erntejahre; und erst wenn eine solche

FrmlLstmr.

(NaWruS uerdotsn.)

GstZreier in aller tDelt.

Von Eduard Arendt.

Eine große Anzahl von Versionen über die Zer- kunst des Brauches, zu Ostern Eier zu bemalen und zu verschenken, sind im Umlauf. Fest steht jedenfalls das eine, datz schon die alten Ägypter zur Zeit der Sonnen­wende rot bemalte Eier aßen, welche sie als Sinnbild der sich erneuernden Fruchtbarkeit, , des ewig jungen Lebenskeimes betrachteten. Auch in der Gegenwarr färben die Ägypter, soweit sie noch durch die christlichen Kopten vertreten sind, die Eier am Gründonnerstag rot, gelb oder blau. Bei den Persern war es Brauch, am Frühlingsfeste rote Eier zu verteilen, und heute noch ist es Sitte, am 20. März, um welche Zeit das neue Jahr dort beginnt, gefärbte Eier zu schenken. Während der Gefangenschaft in Ägypten hat das jüdi­sche Volk die dort übliche sitie ebenfalls angenommen, auch später beibehalten, und so beschenkten sich die Israeliten, wie fast die ganze übrige Welt, am Oster­feste mit Eiern. Die alten Römer begannen ihr Jahr um die Zeit des Osterfestes (wie auch später noch die Franken unter den Kapets); es war üblich, sich dann gegenseitig Geschenke zu machen, und da das Ei ein Sinnbild des Anfangs aller Dinge ist, konnte^ kaum etwas Passenderes gewählt werden- Die symbolische Bedeutung ist naheliegend: Eier sind die Keime der Fruchtbarkeit und des Überflusses, und indem wir unseren Freunden diese Gaben darbieten, wünschen wir ihnen alle Segnungen, welche diese dünne Schale em- hält, bereu Zerbrechlichkeit zugleich die Hinfälligkeit und Unbeständigkeit alles irdischen Glücks andeuten soll- Aelius LarupridiuL der Geschichtschreiber einiger

| römischer Kaiser, erzählt, daß eine Henne der Mutter des Markus Aurelius in der Stunde seiner Geburt ein rotes Ei gelegt habe. Ein Wahrsager, der um die Bedeutung dieses seltenen Falles gefragt wurde, prophezeite, datz dieser Knabe einst Kaiser werden und den Purpur tragen würde. Weil dieses nun im Fahre 224 wirklich eintrat, so pflegte mau bei der Geburt der Kinder oder anderen frohen Ereignissen ein rotes Ei zu schenken. Dieser Brauch, sich mit Eiern zu be­schenken, wurde von den ersten Christen für ihr Oster­fest, welches mit dem heidnischen Frühlings- oder Neu­jahrsfeste der Zeit nach so ziemlich zusammenfiel, adoptiert und von ihren Nachfolgern fort und fort in Übung erhalten. Die Eier, welche man am fröhlichen Auserstehungsfeste schenkte, waren zum Zeichen der Freude meistenteils mit Lunten Farben bemalt.

Der Brauch breitete sich sodann über, alle christlichen Länder aus. Gar bald genügten die in der Fastenzeit früher war während der Fastenzeit auch der Genuß der Eier verboten ausgesammelten Eier nicht mehr. Es wurden künstliche aus Zucker und Marzipan, aus Blumen und Papier verfertigt. Jetzt ist das künstliche und künstlerische Ei bei uns und in Frankreich, Ruß­land und Amerika zur Hauptsache geworden.

Eine hübsche Sitte ist das Verstecken der Ostereier. Daß sie schon zu Zeiten Goethes geübt wurde, gebt aus einem Briese Matthisons aus dem Jahre 1783 her­vor. Es heißt da:Ich lernte Goethe au einem Tage zuerst persönlich kennen, wo seine Menschlichkeit sich ganz rein offenbarte. Es galt Ostereier aufzuwittern. Die muntere Jugend, worunter auch kleine Herder und Wielande waren, zerschlug sich durch den Garten und balgte bei dem Entdecken der schlau versteckten Schätze z mitunter nicht wenig. Ich erblicke Goethe noch vor mir. Der stattliche Mann im goldverbrämten blauen f Reitkleide erschien mitten in dieser mutwilligen Queck- | silbcrgruppe als ein wohlgewogener oder ernster Vater, 1 der Ehrfurcht und Liebe gebot. Er blieb mit den

Kindern zusammen bis nach Sonnenuntergang und gab ihnen am Ende noch eine Naschpyramide Preis, welche die Corahnen zu Neapel gar nicht übel nach» bildete."

In der belgischen Provinz Brabant sind, wie ReinsbergDürmgsfeld schreibt, folgende Bräuche üb­lich: Am Abend vor Halsvasten (Halbfasten. Sonntag Lätare) setzt jedes Kind ein mit Heu gefülltes Körb­chen unter den Schornstein oder ans Kamin und fin­det am nächsten Morgen, wenn es artig gewesen, Zuckerzeug und Spielsachen, war es unartig, eine Rute darin, welche ihm de Greef von Halsvasten (der Graf von Halbsasten) hineingeworfen hat. Um daher: mynheer de -Greef oder sinte Greef möglichst zur Nach­sicht zu stimmen, versäumen die Kinder nie, ins, Körb­chen eine Mohrrübe oder ein Stückchen Brot für das Pferd zu legen, welches den Greef bei seinem nächt­lichen Lustritte über die Dächer trägt. Hier und da gehen die Kinder auch zu ihren Paten, um ihr Körb- chen hinzustellen, und wiederholen^ dann Tags daraus in aller Früh ihren Besuch, um sich die Körbchen abzn- holen. In der Woche vor Ostern ziehen die Glocken­läuter, die Chorknaben, wie überhaupt die Schul­jungen in den Dörfern umher, um Ostereier zu sam­meln. Die Chorknaben haben einen großen Korb und eine Börse bei sich, die Schuljungen einen Hornbläser^ der ihr Kommen ^schon von weitem ankündigt, außer­dem Körbe und Stöcre, denn wenn sich zwei Schulen aus ihrem Umzüge unterwegs zufällig begegnen, ent­steht in der Regel eine Prügelei, die selten ohne blutende Köpfe endet. Mitunter haben sich auch alle Jungen mit Ochsenhörner versehen und machen damit einen J5ctöc.nlärm, ehe sie singend um Eier bitten. Mit dem Schlage Zwölf in der Osternacht öffnen die Dienst­boten der Bauern Haustüre und Fenster und rufen, indem sie mit Besen daran schlagen:Paeschcn erin en vasten ernit!" (Ostern herein und Fasten heraus!) Wem es geglückt, dies zuerst zu tun, der bekommt cM