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Nrrls« Langgaff« 27.

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Rr. rss.

Wiesbade«, Freitag, L. April LSvS.

87. Jahrgang.

Morgen - Kusgabe.

_ 1. Wlatt.

Adelige und bürgerliche Osfisierr.

ES wird uns geschrieben: Zum KapitelAdelige und bürgerliche Offiziere" brachten Sie eine Zuschrift von einem hier lebenden adellgen Offi­zier. Dieselbe darf nicht unwidersprochen in die Welt gehen, da sie tatsächliche Unrichtigkeiten enthalt.

Daß der Einsender Ihnen den Vorwurf nicht er. spart, es werde von außen versucht, elilen derartigen Zwiespalt in die Armee zu bringen, mag dahrn- gehen, bezeichnet aber den Standpunkt des Einsenders. Glaubt derselbe wirklich, der Zwiespalt,ser nicht vor­handen? Glaubt er, der Nichtadelige in der Armee empfinde es nicht, wenn einer seiner Kameraden, sei es nun ein Leutnant oder kommandierender Generar, in den Adelstanderhöbe n" wird? Glaubt er, daß der bürgerliche Offizier so fm vonBütgerstolz ser, um es nicht zu empfinden, daß chm der Eintritt m eine große Zahl der Regimenter verschlossen fit, wert chm das Wörtchenvon" vor dem Namen fehlt?

Doch das nur nebenbei.

Das aus derTägl. Rundschau" übernommene Zahlenmaterial ist in der Lat unzutreffend. Bei rich° fiaer Gruppierung stellt sich die Sache für den Ver­gleich für das bürgerliche Element ungünstiger. Ich gehe also darauf nicht ein.

Aber es ist ganz unzutreffend, wenn der Einsender erklärt, daß vor 30 bis 40 Jahrenauch bei den Leut­nants der Adel überwog"! Der Einsender kann nur eine geringe Kenntnis der Rangliste besitzen, wenn er eine derartige Behauptung aufstellt!

Das statistische Material ist unumstößlich und be­weist, daß sich die Verhältniszahlen gegen früher nicht wesentlich verschoben haben. Erst durch die neueren Vergrößerungen der Armee ist freilich eine Verschie­bung zugunsten des bürgerlichen Elements unver­meidlich geworden- Nur einige Daten aus unserer Nachbarschaft:

Rangliste Rgt. 80 Rgl. 87 Rgt. 88

1879 9 unadctige 9 adelige 12 adelige

1903 9 2 2

Rangliste Feldart.-Rgt. 27 Feldart.-Rgt. 10 Gren.-Rgt. 110 1«79 5 adelige 2 ad lige 15 unabehge

1908 1 adeliger nur 5 unadcligr 0

unter etwa rund 36 Leutnant?.

Es hat tatsächlich seit dem großen Kriege 1870 eine Verschiebung in jeder Richtung zugunsten des adeligen Elements in der Armee Platz gegriffen. In erster Linie durch Reinigung einer sehr großen Zahl von Regimentern von Unadeligen, in zweiter Linie durch Betonung des Wertes, den ein adeliger Name hat, welcher Umstand durch das Wiederaufleben derE r - Hebung in den Adel st and" seinen klaren Aus­druck findet. Früher wurde der Adel verliehen, jetzt wird der Geadelteerhoben"! Und wenn Ihr

Einsender auf dasbestimmteste versichert", daß tat- sächlich eine Bevorzugung des Adels nicht stattfindet, so versichere ich Sie, der ich der Armee vielleicht eben­solange wie Ihr Einsender augehört habe, daß eine solche Bevorzugung stattfindet, ja, ^ ich gehe soweit zu behaupten, daß eine solche natürlich ist untsi wie unsere Verhältnisse einmal liegen, auch tatsächlich stalt- finden muß. Daran ist nichts zu ändern, wenn nicht das ganze System anders wird. Gewiß, die Quali­fikation zu den benvorzugtenSicllungen ist maßgebend, und ich gebe dem Einsender recht, wenn er meint, daß im allgemeinen hierbei nach gleichen gerechten Grund­sätzen verfahren wird. Die Zahl bet. tüchtigsten, für besondere Stellungen geeigneten Offiziere ist aber eine sehr große. Ist es da nicht natürlich, wenn der Adelige dem Bürgerlichen vorangeht, gleiche Tüchtig­keit vorausgesetzt; daß von zwei gleich Tüchtigen, von denen der eine adelig, der andere unadelig, der Ent­scheidende, sei er Kriegsminister, Chef des Mrlitär- kaoinetts, des Generalstabes usw., selbst ein Adeliger, den Adeligen wählt, der oft noch Familienbezichungen hat, die dem Bürgerlichen fehlen. Sind alle Leun aus einem bestimmten Geschlecht, dessen Name seit 50 Jahren im Generalstabe ständig ist, z. B. v. Unger, v. Bülow, Bronsart v. Schellendorf, v. Bonin usw., gleich befähigt für den Generalstab, oder hat bei der Auswahl neben der Tüchtigkeit der Klang des großen Namens eine Nolle gespielt? So ist es, so muß es sein, wie die Verhältnisse liegen, so wird es bleiben und kommen im Verhältnis mehr Adelige als Un- adelige in bevorzugte Stellungen.

Der Einsender fällt aber über seine Ansichten selbst die schärfste Kritik, wenn er ausführt, daß Offiziere, die in Berlin groß geworden sind, in der Lage waren, sich einen weiteren Gesichtskreis anzueignen. Ganz einverstanden, er hat recht. Ich es aber recht, daß eben in Berlin bei den Garde-Regimentern _ nur Adelige groß werden können, daß dem bürgerlichen Offizier der Eintritt in diese Regimenter verschlossen bleibt, daß er aber in Menrel oder Graudenz, Mörchingen, Dieuze, groß werden m u ß, ob er will oder nicht, ob er tüchtig, ob ec geistig begabt oder nicht? Darin ja eben liegt die grausame Bevorzugung des Adeligen gegen den Bürgerlichen, daß es Regimenter l.^und a K lasse gibt, jene in Berlin und bevorzugten L-tädten, diese an der Grenze in kleinen Nestern, wo freilich die ganze Tüchtigkeit, die ganze Bescheidenheit, die unbe­zahlbare Pflichttreue des Offiziers sich im Allerhöchsten Dienst betätigt. Und unser System ist so einseitig, so wenig im großen und ganzen aus das Wohl der Aufiee bedacht, daß man diese Offiziere nicht wechselt, daß man sie einseitig werden läßt in jahrzehntelanger Dienstzeit in traurigen Verhältnissen, ohne mit der Wimper zu zucken, während der Offizier aus adeliger Familie mit guten Beziehungen oft seine ganze Dienst­zeit in Berlin durchläuft,sich eineit tonten Gesichtskreis an eignet. Man lese nun dm Kadettenverteilung. Die armen Bürgerlichen werden in die Grenz-Regimenter gestopft, wo freiwillig junge Leute aus guter bürgerlicher Familie nicht mehr hin

Feuilleton.

Das Gogol-Werk.

(Zum 100. Geburtstag Gogols 2. April.)

Von Hermann Kienzl.

Deutschland hat ein kostbares Geschenk empfangen. Die zwei ersten gewichtiger, Bände einer deutschen Gesamtaus­gabe von Nikolaus Gogols Werken sind erschienen. Diese Gabe ist Hcrzensnahrung; ist Kulturbereicherrmg. Ihre Vermittler von Nation zu Ration sind der Übersetzer Otto Buek und Georg Müllers Vertag (München und Leipzig). Das äußere Gewand der Bücher spricht in kerniger Schön­heit mit symbolischem Bemühen den Charakter des heute und künftig Zeitgemäßen an. An der Übersetzung hasten nickt die Spuren des Schweißes. Sie fließt, als wäre ein ursprüngliches» regungsreiches Deutsch Gogols Mutter-

? Ach ja, derRevisor"! Die Gelehrten freilich wissen mehr. Die bloß Gebildeten haben auch ge­hört, daß Nikolaus Gogol einer der Stammväter der neuen russischen Literatur gewesen, und sie denken nnt erner ge­wissen lachenden Andacht des jeltsamen Theat.rstucks, das st, keine der bekannten dramatischen Formen passen will, kein moralisierendes Schauspiel und keine Posse fit. Das Stück glüht wie Sodom im Brande alltäglicher Laster» es schellt wie eine riesige Narrenkappe, und Z lWegKt ^e eme stille Wasserfläche die unverzerrten Wtrküch ert«. ^er

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mfi den Bühnen des neunzehwen ^ahrhundcrw

Man weiß also von dem Dichter des "^vfi°r , i er fru.»« mmn m der Weltliteratur bat. Belaßen ferne übrigen

Werke bloß eine große Bedeutung für die Entwicklung der russischen Nationalliteratur, so würde es für uns Deut,eye am Ende genügen, sichhistorisch" mit ihm abzufinden; das heißt: ihm aus der Ferne die Würden zu bestätigen, die vie Wissenschaft ihm zuerlennt. So haben wir es auch gehauen, alle, die wir der russischen Sprache nicht mächtig sind. Denn rätselhaft erweise waren die Übersetzer, die den literarischen Zwischenhandel Rußlands und Deutschlands besorgen und Hunderte von kleinen Geistern über die Grenze führten, an dem alten Riesen ziemlich vorttbergcgangen. Vorüberge- aangen gerade an Gogols bedeutsamstem Werk, das, obwohl es der Dichter niemals vollendet hat, die gewichtigste Prosa- Dichtung Rußlands und ein Juwel der humoristisch­satirischen Weltliteratur ist: an denToten Seelen. Es gibt zwar eine ältere deutsche Übersetzung des Romans, aber sie hat ein ganzes Drittel der Dichtung ausgeschaltet.

deutsche Gesamtausgabe Gogols, die jetzt erscheiut, bietet in den beiden ersten Bänden den mächtigen Torso der Toten Seelen" unverftümmelt mit allen Varianten und Entwürfen die der Dichter noch am Ende seiner sechzehn­jährigen Arbeit am Werke geschaffen, aber nicht mehr im Organismus verarbeitet hat. Zugleich liegen auch schon drei Gogolsche Novellen vor, von denen eine jede aus einer besonderen Trist, aus einem besonderen Teile seines viel- spältigen Wesens stammt. Wer in diese Erzählungen und vor allem in den Roman, das eigentliche Lebenswerk des Dichters, sich vertieft, wird mit Erstaunen bekennen, dag eme der ewigen Gipfelhöhen jetzt erst seinem Auge sich

Die siebzig Jahre Vergangenheit haben iein Moder-

stäubchen aus GogolsTote Seelen" fallen lassen, e

der unmittelbare Gegenstand des dichterischen Gewicht s. das heilige Rußland. - noch die menschliche Tragweite der Anklage hat sich verändert. Noch herrschen diedrei I-wteren Reiche" unbeschränkt auf russischem Boden: 2 .er beute­

gierige Adelsmann. der beutegierige Beamte, der veuw-

wollen. Den Adeligen blüht Berlin oder sonst eins bevorzugte Garnison.

An der Grenze sind Leutnants mit adeligem Namen:

Regiment 17 (Mörchingen) 4, Regiment 131 (Mär- chingen) 1, Regiment 135 (Diedenhofen) 2, Regrmenr 136 (Stratzburg i. Elf.) 2, Regiment 137 (bisher Dieuze, Hagenau) 3, Regiment 144 (Metz, bisher Mörchingen) 2. r . . f . x

Spricht das nicht Bände? Die Zahlen liehen sich nach Belieben vermehren, man gehe an die Ostgrenzel

Der Einsender hat sich mit diesem traurigen Ka- pitel der Armeegeschichte vielleicht noch Nicht beschäf­tigt. Ich möchte es ihm empfehlen, vielleicht steht er dann die Sache auch einmal von der anderen «eüe an, die er bisher nur von der einen, der adeligen, Seite gesehen zu haben scheint.

(Mit diesen sachverständigen und ruhigen Sat- legungen eines ehemaligen höheren Offiziers schließen wir die Debatte über diese mißliche Angelegenheit. D. Red.)

Politische Uberstcht.

Das Kerr-enhans «rrd die Keamterrdisriplia.

Bei den Verhandlungen über die Beamtcnbesol- dungsvorlagen im Herrenhause haben mehrere Redner tadelnd auf dieAgitation" der Beamten und Lehrer hingewiesen, durch die diese eine größere Aufbesserung zu erreichen gewußt hätten, 'haben dem Abgeovdneteu- hruse einen nicht einmal sehr leisen Vorwurf daraus gemacht, daß es den Ansprüchen jener allzuweit entgegen- gekonimen sei, so daß das Herrenhaus nun nicht einmal das Bewilligte alszuviel" bezeichnen könne, haben endlich die Regierung ermahnt, dafür zu sorgen, daß durch so unerhörte Vorkommnisse die Disziplin nicht unterwühlt werde. Nun hat es ja Zeiten gegeben, in denen.wirklich preußische Beamte die Disziplin, will sagen den Gehorsam, gegen die Regierung, ein bißchen stark außer acht gelassen haben, z. B. in der Zeit der neuen Ära" und nach der Einbringung der Kanalvor- lage. Die Geschichte berichtet indes nichts darüber, daß just das Herrenhaus damals bemüht gewesen sei, der Disziplinlosigkeit steuern zu helfen. Jetzt aber liegt nicht der geringste Grund vor, von einem Mangel an Disziplin zu reden. Die Beamten und Lehrer haben Nichts weiter getan, als daß sie in durchaus loyaler Weise von ihren verfassungsmäßigen Rechten Gebrauch gemacht haben. So wie Herrenhausmitglieder bciont haben, das Herrenhaus müsse zeigen, daß esauch noös da sei", so haben sich Beamte und Lehrer gesagt, daß auch für sie die Regierung und das Parlament da sind, um ihre Beschwerden zu hören und zu prüfen und ihnen» soweit sie sie als berechtigt anerkennen, abzuhclsen. Damit, daß Regierung und Abgeordnetenhaus das letztere getan haben, haben sie in viel wirksamerer Weise die Disziplin unter den Beamten und Lehrern ge­fördert, als wenn sie nach dem Rezept mancher Herren- haussprccher den Klagen und Wünschen ihr Ohr ver-

gierige Händler. Noch rast auch in allen Zonen derKultur- Welt" der tolle Zug über die Erde; der Zng der menschlichen Raubtiere, die den geistigen, den ideellen Daseinszweck nicht kennen, der brudermörderischen Sklaven des Erwerbs irren e-.. Und heute wie zu Gogols Zeiten trinkt unser Durst mit cnt- zücktein Dank den erquickenden Sonnenschein des Humors» der in Gogols Dichtung alle Wunden labt, die seine Wahr­heit schlug. Glaube und Versöhnen ist dieser Humor. Wer so verstehend lächelt, so mit gesegneter Brunst lacht, dieser ungetäuschte Seher, dieser Prophet weiß nichts von ver- iweifelter Resiqnaüon. Der Alltag, die Jammern«,len. die Verderbnis ist irr GogolsToten Seelen" tief empfunden, wie in den Meisterschöpsungcn Tnrgetcjew-i, Dojrojewskis, voUtois- ja noch überwältigender ist die Wirklichkeilstreue w keiner Epopöe der weit ausgreifenden, die Gesellschaft um­spann enden und fast erdrückenden Erbärmlichkeit und Mittel­mäßigkeit Gogol ist, wie Kotljarewski sagt, der Ankläger des Lasters, der Schwäche, der Gemeinheit, der Trägheit und Indolenz, des prinzipienlosen Vegeiierens, der persön­lichen der sozialen Schäden. Es entging ihm kein Geschwür am Körper der Gesellschaft, ob auch Brauch, Sitte, Gewohn­heit^ es noch so dicht verhüllten. Aber er ist nicht ein fremder Richter. Nein, nur ein gesunder Mensch unter Bresthaften. Ein Arzt. Ein Helfer. Er donnert nicht. Er ruft nicht das Pathos des jüngsten Tages. Er gestaltet bloß und lächelt schmerzhaft und lacht befreiend. Ja, be­freiend! Um sein Lachen mögen ihn die anderen großen Dichter Rußlands beneiden. Auch sie führen ins Innerste der irdischen Not und Verkommenheit; aber ihre Kamnrern haben enge Fenster, in den Qualm dringt nicht die frische Luft. Fälscht etwa Gogols heitere Schilderung des Er­bärmlichen den Eindruck? Mit Nichten! Schon aus dem Revisor" kennen wir die wunderliche Eigenheit des Dich­ters: Seine Gestalten sind, einzeln genommen, komisch; und sie hinterlaffen in ihrer gesellschaftlichen Gesamtheit