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Nr. 138.
Wiesbaden, Donnerstag, I. Npril
8?. Jahrgang.
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Morgen - Krrsgabe.
1. M'crtt. __
§sür 5ao 2. ßmartat' 1909
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Der KLsmarcktag.
Wiesbaden, 1. April.
Der erste Tag des Ostermonds — der Bismarcktag. Die Getreuen von Jever können ihn nicht mehr durch Übersendung der Kiebitzeier und durch einen launigen oder sinnigen Spruch an den großen Kanzler feiern: längst schläft der Gewaltige in der schlichten
Gruftkapelle zwischen den Bäumen seines Lachsen- waldes den ewigen Schlaf, von dem cs kein Erwachen gibt. Aber, wenn auch gestorben, der große Mann ist unserer Nation lebendig geblieben, und die „Getreuen von Jever" sind inzwischen aufgegangen in die Getreuen im Reich, die Bismarck-Getreuen, deren Zahl Million ist. In seinen Schattenseiten und Menschlichkeiten ist uns der erste Kanzler des neuen Reiches bereits ferner gerückt. Was den einen an ihm kränkte und den anderen gar zum Gegner machte, das ist in den Augen aller echt deutsch Empfindenden mit den Jahren verblaßt vor seinen leuchtenden Eigenschaften, nicht nur vor denen des großen Staatsmannes, der seinem Jahrhundert erst den Stempel aufdrückte, sondern, mehr noch vor denen des großen Deutschen. Ein germanischer Recke und Herzog gegen alles, was undcutsch, igegen alles, was reichsfeindlich war, gegen alle die untergrabenden Tendenzen der Schwarzen und der Roten, ein getreuer Ekkehard seines Volkes, so lebt^ er Heute im liebevollen, bewundernden Angedenken aller Reichsfreunde und aller derer, , die Germania gern reiten sehen möchten. Freilich, mit diesem Reiten hatte es seit dem Rücktritt Bismarcks oft seine eigene Bewandtnis und oft genug hat man die Personifikation unsers Bundesstaates, wenn sie auch die Bügel nicht gerade verlor, doch bedenklich im Sattel schwanken sehen. Aber in solchen Augenblicken wurde dann gerade die Sehnsucht nach jener ehernen Faust wach, die einst mit kräftigem Griff Germania erst in den Sattel hoo. Und je öfter wir ruft den Diplomaten- Künsten der Nachfolger im Kanzler-Amt zu tun,
FerrM§tou.
Der KrprilZgSsck»
Volkskundliches zum 1. April.)
Von O. Schell-Elberseld.
Bereits im 13. Jahrhundert wich der zarte Minne- Lienst dem Hang zu roheren Gelagen; an die Stelle des edlen Sängertums trat der Possenreißer, der Narr. In der Zeit der Minnesänger hielt man aus den Schlössern bisweilen den Zwerg, dem man ein Überschreiten der Schranken, die der gute Ton zog. gestattete. „Wie ein lebendiges Spielzeug nahm man sie auf Reisen mit, und sie entschädigten sich für ihre niedere Dienstbarkeit durch Unverschämtheit." Immer mehr überhand nahm dann das Gefallen an Len Possen und Streichen der Narren. Sie traten neben die Zwerge und zeichneten sich Lurch besondere Kleidung und den Narrenkolben aus.
Der Frohsinn des Mittelalters schuf dann die Narren feste, die Feste der Subdiakonen, die Escls- feste usw., Nachahmungen der alten Saturnalicn, die namentlich in den romanischen Ländern den allgemeinen Beifall fanden, oft aber zu Anstößigkeiten gröbster Art führten.
Wieder eine andere Forrn nahm die Älarrheit durch die Bildung von Narren gi Iden und Narrengesellschaften an, die besonders zahlreich in den Niederlanden gewesen zu sein scheinen. Die Bildung solcher Narren- gesellschafterr griff auch auf Deutchland über. Faisen wir nur oen Niederrhein ins Auge. Bekannt ist die Düfte- net Narrenaöademie, welche bis nt Oie Gegenwart .jat- einragt. Grossen hat ihr eine besondere Studie gewidmet: „Die Dülkener Narrenakademie odsr die erleucy- teie Wondnniversität und berittene Akademie der
unter einenr „von oben" her „imrugurmrte'.ck Zickzackkurs in der inneren und äußeren Politik zu leiden hatten, um so stärker wird die Verehrung^füc einen Mann, der mit echter Staats k u n st das Steuer des Schiffes führte und das Reichsschiff zwischen Klippen und Untiefen hinlenkte.
Erscheinungen, wie Bismarck, bleiben _ Einzelerscheinungen. Darin liegt ihre Bedeutung, liegt das Heroenhafte ihres Wesens. Und das Außerordentliche staunt man an und verehrt es, wenn man endlich ans Irren und Wirren heraus klar erkannt hat, daß es uns Gutes brachte, daß es uns förderte auf dem Wege menschlicher und politischer Entwicklung. Und das Außerordentliche in Bismarck, das Gigantische, das in so gewaltigen Zügen unsere Nationaleigenschaften, unser deutsches Wesen offenbarte, das tritt uns heute, wo wir den Recken jenseits des Grabes gespenstisch fast aufragen, gespenstisch mahnen sehen, besonders stark entgegen, lind die Bismarck-Gemeinde wächst nun von Tag zu Tag mit der Sehnsucht nach bismarckscher Größe und Tatkraft in dem kleinlichen und egoistischen Getriebe unserer Politik und rmseres ganzen parlamentarischen Lebens. Und so wird uns der Bismarck-Tag mehr und mehr zu einem nationalen Festtag. Kein „befohlener" Festtag, kein befohlener Jubcltag mit Schulfreiheit und militärischen Aufzügen und Tausenden von offiziellen Redereien: alles andere eher als das. Gibt es doch Stellen, wo man einen Bismarck-Kultus mißlich empfindet und die monumentale Darstellung des Altreichskanzlers als Riesenrolandsäule wie das freie Hamburg sie in dem Ledererschen Werke besitzt, gar als eine Beeinträchtigung
spricht' so sehr der Auffassung, die man sich inzwischen von ihm gemacht hat, daß sie tppisch bleiben wird für manches Kanzlermal, das im Lause der Jahre noch errichtet werden wird. Zu Ehren des Großen sino vielerorts im Reich schon Bismarck-Türme erbaut worden. Auch unsere Stadt, die ja schon ein ehernes Denkmal des eisernen Kanzlers besitzt, plant ein derartiges, größeres, weit vom Berge hinausschauendes Mal und wird hoffentlich in nicht zu ferner Zeit die Mittel dazu aufgebracht haben. Aber nun will nran, wie man dem ersten Kaiser des neuen Reiches schon ein allgemeines Nationaldenkmal errichtete, ein solches auch dem Helden schaffen, der die Kaiserkrone erst geschmiedet, den Kaiscrthron gezimmert hat. An den Ufern des Rheines soll es sich machtvoll erheben und Zeugnis davon ablegen, wie unsere Nation den eigentlichen Begründer des Reiches , wie es seinen Erstheroen zu ehren weiß.
Heute, am Bismarcktage, wollen wir uns des Dankes recht inne werden, den wir dieser machtvollen, großzügigen Persönlichkeit schuldig sind. Möge man am Ausbau des Reiches mühselig herumflicken, möge man steten Kurs oder Zickzackkurs betreiben, das alles ist schließlich nebensächlich, wenn die Nation als solche
Künste und Wissenschaften. Ein Beitrag zur Geschichte des rheinischen Volkshumors." (Dülken 1901.) Die vornehmste Narrengesellschaft war jedoch der Gecken-Orden zu Cleve, den Gras Adolf II. von Cleve im Jahre 1381 gründete und dessen Stiftungsurkunde von diesem Grasen und 35 Adligen seines Landes unterzeichnet ist. Es wäre freilich irrig, anzunehmen, dieser Gecken-Orden sei ausschließlich zur Betätigung des Frohsinns und überschäumcnöer Lebenslust gegründet worden. Es waren vielmehr politische Motive Maßgebend, die unter dem harmlosen Gewand des Momusdienstes weitreichende Ziele verfolgten. Darum bestand z. B. die Vorschrift, daß „der Gecken" (Narrenorden) täglich getragen werden mußte. Jeder, der den Gecken nicht trug, mutzte drei alte, große Tournaisen für die Armen opfern. Die jährliche Zusammenkunft der Glieder dieses Gecken-Ordeus siel darum auch nicht in die Fastnachtszeit, sondern auf den anderen Sonntag nach St. Michaelstag, also in den Herbst. Der Gecken-Orden zu Cleve war mithin keine besondere Form des Fastnachtsgeckentums, sondern griff auf ein anderes Gebiet hinüber.
Auch sonst erschien das Geckentum noch in anderen Formen: so ist der Geck beim Schützenfest bekannt. Ferner kennt das Volk auch unserer Tage einen Kinöer- qeck (Kindernarr, Kinderfreund) und den Gecken im Puppenspiel. Der Vollständigkeit wegen sei noch der Geckölreder (leichtfertige Lieder, weltliche Lieber überhaupt, Liebeslieder) und der Gecksbriefe (Liebesbriefe) Erwähnung getan.
Eine besondere Nolle aber spielt der Nprilsg eck. Der, welcher sich am 1. April foppen läßt, wird Aprilgeck genannt. „Am ersten April / schickt man die Gecken (Narren), wohin man will." Oder: „Aprilgeck, / Steck de Nos' in den Kaffeedreck." So heißt's im Bergischen und am Niedcrrhein. Aber der Aprilgeü ist bekannt
sich in sich selber findet, wenn das eigentliche reichst haltende Volk von einem wahrhaft alldeutschen Empfinden — alldeutsch nicht im Sinn chauvinistischer Bestrebungen — sich zusammentut und freudig und hosf- nungsfroh alljährlich am Ersten des Ostermonds zu seiner Bismarck-Rolandsäule emporblickt. ^ In diesem Sinne möge der Tag der Geburt des ehernen Kanzlers gefeiert werden, in diesem Sinne haben wir alljährlich an diesem Tage einen wahren Natwnal- feiertag, einen Einheitstag im höchsten und fruchtbarsten Sinne.
Das Fmit der Msckdelmtte.
si Berlin, 30. März.
Ein vorsichtiges Urteil wird sich nach der ^ Reichs- tagsdebatte über die Finanzreform und die Blockfrage Zurückhaltung auferlegen müssen. Gewiß wurde dem Block von mehreren Rednern die Totenglocke geläutet, so von den freisinnigen Abgg. Wiemer und Haußmann, aber aus den Reden des nationalliberalen Sprechers Bassermann und des konservativen Wortführers Freiherrn v. Richthofen braucht man die letzten Folgerungen doch nicht notwendig in der Richtung zu ziehen, daß die betreffenden Parteien nun wirklich und endgültig darauf verzichtet haben sollten, eine Verständigung im Rahmen des Blocks über die Finanzreformfrage herbeizuführeu.' Es kommt als sehr wesentlich hinzu, daß die Redner von zwei weiteren bisherigen Blockparteien, Herr v. Liebermann für die Wirtschaftliche Vereinigung und Fürst Hatzfeldt für die Freikonservativen, unzweideutige Erklärungen zugunsten gerade jener Besitzsteuer, gleichgültig zunächst in welcher Form, abgaben, gegen die sich der Bund der Landwirte und die von ihm beherrschte konservative Partei gewendet haben. Es kommt ferner hinzu, daß sich das Zentrum klug a u s s ch w i e g , womit deutlich gesagt war, daß diese Fraktion erst Zusehen will, ob sich die Blockparteien nicht doch noch auf einer mittleren Linie zusammen- findcn werden. Das Zentrum will sich nicht vorzeitig engagieren, es rechnet mit allen Möglichkeiten,^ also auch, wie gesagt, mit der, daß seine Dienste nicht gebraucht werden, womit sein Anspruch auf Belohnung hinfällig würde. Endlich aber und in besonders beachtenswerter Weise kommt es in Betracht, daß Fürst Bülow in seiner Rede nicht im geringsten den Eindruck der A m t s m ü d i g k e i t, der Zaghaftigkeit, der Mutlosigkeit machte, daß,er vielmehr io nmnter und frisch nicht bloß sprach, sondern ersichtlich auch empfand wie nur jemals in den Tagen der unbestrittenen Festigkeit seiner,Stellung. Sind so, wie hier geschehen, die Grundlinien der Debatte zu ziehen, so ist damit jedoch gewiß nicht gesagt und kann nicht gesagt sein, daß sich die Aussichten auf eine V e r- ständigung über die N achIa ß st euer oder eine gleichwertige Erbanfallsteuer sichtbar gebessert hätten. Was in dieser Beziehung zu tun ist, das muß
in ganz Europa, ja vis nach Indien hin. In der Hauptsache dreht es sich darum, jemand eine im Grunde lächerliche Botschaft auszutragen, der dann unverrichte-
ter Sache zurückkehrt und nun wegen seiner Dummheit als Geck und Narr hingestellt wird. In Flandern, Brabant usw. nennt man den Tag darum Versender» kensdag. Meist trägt man dort die Botschaft am, Äprilz-aad zu holen oder andere unauffindbare und incht vorhandene Dinge. Da kennt der Volksmitz gesponnen Brot, Mückenaugcn, Mückenfett, gestampfte Mucken- zähue, Hahneneier und ähnliche schöne Sachen. (Niederlande). Apotheken und Metzgereien slnd cs vorab, denen man den Aprilsgeck zuschickt.
3« Deutschland gilt es namentlich, am 1. April Mückenfett, Enten- und Gänsemilch, getrockneten Schnee uitu zu holen, oder einen Ohrenlöffel, um die Ohren eines geschlachteten Stücks Vieh zu reinigen. In Schlesien sendet man den Boten -aus, den Windsack, Dukatensamen, Stecknadclsamen und anderes derartiges zir holen,- statt des Windsacks bekommt der Gefoppte einen mit Steinen gefüllten Strohiaü zu tragen. In Mähren, um Olmütz herum, schickt der Bauer einen Boten nach Verstandesiamen und Krcb-senblut ans.
In Frankreich wünscht man eine Schnur zum Drehen des Windes, eine Maschine, um Wind zu machen, Ol von den Füßen der -Schildkröte, Holzöl, eine Drahtspritze, eine Naöslmühle, den Schlüssel zum M-auöver-- feld usw.
In Luxemburg begehrt man eine Sichel mit zwei Klingen, Armöl, Besensaat, Naöelsamen, ein rundes Winkelm-atz, einen Hackklotz für zwei Köpfe, einen Griff für zwei Ärmel, rotes Salz, Bock- und Schweinemilch, ein Hahnenei, Gras zum Eiseuschneiöen.
In Wallonie«: Einen Hering ohne Gräten, ein viereckiges Rad, ein Veil mit drei Schneiden, eine Nadel mit zwei Löchern, Bartsamen.
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