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Nr. 148.
'WiesLaden, Montag, KV. März LASS.
57 . Jahrgang.
klbend-Kusgabe.
1. Ml'-att.
Dir Diockkrisis.
L. Berlin, 27. März.
Wer spricht noch vom Block? Man spricht von ihm wie von einem Leichnam, den man allenfalls mit Anstand unter die Erde zu besorgen hat. An Zeugnissen dafür, daß der Block nicht mehr lebt, haben wir nun schon eine genügende Anzahl erhalten, von rshts wie von links, von links beinahe mehr noch als von rechts. Auch die „Kreuzzeitung" verzeichnet kühl und sachlich das Ende des Blocks. Sie meint am Schluß eines längeren Artikels über die Krise, daß sich die Sprengung des Blocks aus der ganzen Lage ergebe, aus seiner Unfähigkeit zu Aufgaben wie die Finanzreform und vor allem aus der Eigenart seiner Führung durch die Regierung. Man kann gegen diese Darstellung nichts einwenden. In der Tat war der Block zur Lösung der Reichsfinanzreform frage nicht befähigt, und angesichts dieser Wirklichkeit bedeutet es schließlich nichts, daß die Hauptschuld an dieser Unfähigkeit des künstlichen Gebildes den Konservativen zufällt. Die Rechte wird diese Verantwortung auch nicht einmal von sich ablehnen wollen; sie wird sagen, und zwar mit Recht, daß sie beit Block nie so aufgefaßt habe, als müsse sie nun aufhören, konservativ zu sein. Was aber die schlechte Führung des Blocks durch die Regierung betrifft, so ist auch das vom liberalen Standpunkt aus ebenso zu unterschreiben, wie es vom konservativen Standpunkt aus behauptet wird. Angesichts der heutigen verfahrenen Lage bemühen sich manche, dem 'Fürsten Bülow wohlgesinnte Beurteiler, die Gespanntheit der Situation dadurch zu mildern, daß sie vom Block erklären, er sei niemals ein bindender Vertrag gewesen, dessen Durchbrechung nunmehr einen heillosen Zustand der Auflösung mit sich bringen müßte; er sei immer nur von Fall zu Fall aktionsfähig gewesen, er habe nie etwas anderes dargestellt als eine Möglichkeit, sich über Einzelfragen zu verständigen, und zu seinem Wesen gehöre eigentlich das Versagen ebensogut wie das Gelingen. Ties alles mag als kühl historisch-politische Betrachtung richtig sein, und doch bedeutet die heutige Lage eine schwere Krise, sowohl eine des Reichs- t a g s wie eine der Regierung. Denn so abfällig man auch vom Block spricht und schließlich sprechen darf, so ist es ein großer Unterschied, ob er leistungsfähig ist oder nicht. Gegenwärtig hat es mit seiner Leistungsfähigkeit ein Ende, und deshalb müssen neue Entschlüße gefaßt werden, von den Parteien hier und vom Fürsten Bülow dort. Gewiß, die Reichsfinanz- reform m u ß Zustandekommen, und in irgendeiner Form wird sie auch zustandekommen. Aber wer wird sie machen? Und wenn die Konservativen und das Zentrum sie machen wollen, wird der Reichskanzler sie aus diesen Händen unter Ausschluß der _ liberalen Mitwirkung entaegennehmen können? Wie ferner, wenn die beiden Parteien doch nicht imstande sein sollten, eine Mehrheit zu ergeben? Es ist durchaus nicht sicher, daß sie das können werden. Ohne die ^Fr ei- konservativen ginge es nicht, und daß diese Fraktion dem Zentrum zur Herrschaft verhelfen sollte, werden wir erst glauben, wenn wir es erleben. Mit den Polen, ohne die der konservative Liebesgaben-Antrag in der Kommission nicht durchgegangen wäre, wird höchstens bei der Branntweinsteuer gerechnet werden können, sonst aber können sie als Mehrheitsfaktor nicht in Betracht kommen. Und wenn sich Fürst Bülow an- sichts dieses Wirrwarrs zu einer Auflösung des Reichstags entschließen sollte, wäre alsdann die Lage etwa klarer? Wir begnügen uns mit diesen Fragen, wir hätten Antworten genug auf sie, aber zuletzt wird die Wirklichkeit selber lsie Antwort übernehmen, von der heute doch keiner wissen kann, wie sie lauten mag.
Die Regierung hofft immer noch auf die Rachlaßsteurr.
Die Nordd. A. Z." schreibt, wie vom offiziösen Wölfischen Bureau verbreitet wird, in den Rückblicken vom Samstag in Bülowschem Optimismus: Obwohl mehr als einmal totaesaat. erweist die Nachlaß st euer letzt nach dem offenkundigen Fiasko der konkurrierenden Vorschläge sich ! e b e n d i a e r a l s j e. Kundgebungen weitester national- gesinnter Kreise, die das Zustandekommen der Rcichssinanz- re orm als Lebensfrage für Reich und Staat betrach.en in der Nachlaßsteuer den einzig gangbaren Weg für eine praktische, rationelle Lösung des Problems erblicken, nehmen an Zahl, Bedeutung und Entschieden^eit fortgesetzt zu. Bisher handelt es sich indessen nur um •- -Mufic e t ft e r Lesung; es besteht noch immer begrundere Hossnung, daß diejenigen Beschlüsse, welche einer befriedigenden Losung der Frage der Reichsfinanzresorm entg eg ensteh es, >n weiteren Stadien der Verhandlung wieder beseitigt
werden. Allerdings ist es nun aber höchste Z e * t, daß etwas zustande kommt. Wir stehen kurz vor den Osterferien, noch so gut wie nichts ist geschaffen. Mit allem Nachdruck muß deshalb die Forderung aufs nerre betont werden, daß die Finanzreform nicht weiter verschleppt wer- den darf, sondern unter allen Umständen vor v c n Sommerferien zustande gebracht werden muß. Aus der Bewegung für die Nachlaßsteuer sei noch mitgeteilt: Beeskow fand eine stark besuchte Volksversammlung statt von reichstreuen, im wesentlichen konservativen Wählern, in der Professor Dr. Hans Delbrück über Rerchsfinanz- resorm und Rachlaßsteuer sprach. Eine Resolution für die Nachlaßsteuer wurde mit überwältigender Mehrheit ange- noMnen.
Das Zusanimeustehen der Bundesfürsten. Der König von Sachsen führte in seinem Trrnkspruche anläßlich seines Aufenthalts in Karlsruhe u. a. aus: „In unserem gemem- schafilichen großen deutschen Vaterlande ist es so ungemem wichtia, daß wir Bundesfürsten treu zusammenstehen zum Wöhle des Reiches wie unserer Länder; gerade in diesen Tagen machen sich Bestrebungen geltend, welche geeignet sind, unsere Stellung im Reiche in einer für uns ungünstigen Art und Weise zu beeinflussen. Es mutz unser ganzes ernstliches Streben darauf gerichtet sein, diese Bestrebungen als unmöglich zurückzuweisen, damit wir in der Lage stud, ber den immerhin nicht ganz ungetrübten äußeren Verhältnissen unsere ganze Kraft dem großen Vaterlands weihen zu können. Wir fühlen uns in dieser Hinsicht vollständig erner Ansicht." __
mit dZM jtalhmu
Weitere Besserung der Lage.
Nach einer Londoner Mitteilung hat man allen ,® rin h, ?.n glonben. dost firne fiie Kragen, welche eurer endgültigen Regelung des lange bestehenden Balkan- konsliktes entgegenstanden, in befriedigender Werse geregelt werden. Der österreichisch-ungariiche und der deutsche Botschafter sowie Ser russische Geschäftsträger sprachen im Auswärtigen Amte in London vor, und eibesteht Grund zu der Annahme, daß alle vier Machte sich über ein Vorgehen geeinigt haben, das eine Regelung herbeiführen oder wenigstens eine befriedigende Basis für ein Abkommen schaffen wird.
Das „Fremdenblatt" meldet aus London: Die englische Regierung hat den letzten Vorschlag Aehrenthals vorbehaltlos und ohne Abänderung angenommen.
Auch die russische und französische Regierung nahmen die Aehrenthalfche Formel an.
Gleichzeitig ist auch betreffs Anerkennung dcr Annexion und der Aufhebung des Artikels 25 des Sei- ft «er Vertrages zwischen den Mächten und Österreich eine volle Einigung erzielt worden, wogegen sich Österreich bereit erklärt, die im Artikel 20 des Berliner Lstftrag-'s enthaltene Beschränkung der -Souveränität Montenegros fallen zu lassen. Nun hängt daS weitere nur noch oavon ab, wie sieh Serbien ^u o-.n .,iat- sckläaen si-llen und ob es die vereinbarte Erklärung in Wien aSgeben wird. Man ist in Wien der Ansicht, daß Serbien sich bestimmt fügen wird, worauf auch schon die angeordnete teilweise Abrüstung schließen läßt.
' Wie verlautet, wird der serbische Kriegsminister eine Verordnung erlassen, nach welcher sämtliche über den normalen Friedensstand in den Kasernen sich befindenden Reservisten beurlaubt werden. Die Maßnahme kommt einer beginnenden Abrüstung gleich.
' Das Kriegsministerium in Belgrad erließ eine Ver- ordnnng, nach welcher der nächste Turnus der zur WaffenüSung einberufenen Reservisten nicht rinzurücken hat.
Osterrerchs Haltung.
Fm österreichischen Herrenhause sprach am Samstag I)r Bäernreither über die Notwendigkeit einer großzügigen Handelspolitik auf dem Balkan. Er sagte u. a.. es'sei notwendig und nützlich, daß auch im Herreichaust auf die Erklärung des Ministerpräsidenten vom Freitag eine zustimmende Äußerung laut werde. (Lebhafter Beifall ) ' Dem Ausland müsse zum Bewußtsein gebracht werden, daß es für Österreich-Ungarn auf dem Balkan sich nur um die Ordnung der wirtschaftlichen Arbeit handle. Diese Ordnung dürfe nicht bloß eine notdürftige Verkleisterung der jetzigen Schwierig- kllten sein (Lebhafte Zustimmung.), sondern müsse so beschaffen sein, daß Österreich-Ungarn damit wirklich in Zukunft Ruche habe. (Lebhafter Beifall.) Er hoffe, Europa werde einsehen, daß Österreich-Ungarn die M-ission babe. die Balkanländer zu einem Glieds der modernen Welt zu machen. (Lebhafter Verfall und Händeklatschen.) #
D« endgültige Verzicht des Kronprinzen Georg " ans die serbische Thronfolge, c», einem am Samstag abgehaltenen Ministerrate unter dem Vorsitz des Königs Unterzeichnete Kronprinz Georg ein Protokoll, in dem er für sich und seine Nachkommenschaft aus alle Rechte aus den serbischen Thron
verzichtet. Kronprinz ist nun Prinz Alexander. Prinz Georg tritt wahrscheinlich in die russische Armee ein.
Eine gestern nachmittag erschienene Sonderausgabe des Amtsblattes veröffentlicht folgende Proklamation des Königs Peter: „An das serbische Volk! Mein Sohn Prinz Georg, der bisherige Kronprinz, fand sich veranlaßt, auf die Rechte und Prärogative eines Kronprinzen, welche er nach der Landesverfassung als mein ältester Sohn hat, zu verzichten, und er hat dies als seinen unerschütterlichen Willen bezeichnet. Deshalb habe ich nach Anhörung unseres Ministerrates in Gegenwart des Präsidenten der Sknpschtina sowie des Präsidenten des Staatsrates und des Kassationshofes' beschlossen, die Verzichtleistung des Kronprinzen Georg a n z u n e h m e n und die Rechte und Prärogative eines Kronprinzen gemeinsam mit dem Rechte der Erstgeburt in Übereinstimmung mit der Landesverfassung auf meinen jüngeren Sohn, den Prinzen Alexander, zu übertragen, indem ich ihn zu meinem Thronfolger proklamiere. Indem ich dies dem serbischen Volke kundgebe, flehe ich den Segen Gottes ans mein königliches Haus und auf alle meine geliebten Untertanen herab. Peter."
Die Proklamation ist von sämtlichen Ministern gegengezeichnet. ^ ..
In einer kurzen Sitzung nahm die Sknpschtina die Verzichtleistung -des Kronprinzen Georg auf die Thron- erbschaft und die Mitteilung des Königs zur Kenntnis, daß er zum Thronerben den Prinzen Alexander ernenne. Nachmittags erschien eine außerordentliche Ausgabe der Amtszeitung mit der Proklamation des Königs, die dem Volke diese Änderung bekannt gibt. Belgrad behielt gestern auch seine vollkommen ruhige Physiognomie.
Des Aufnahme des Thronverzichts in Belgrad.
•'■wb. -Wie«, 28. März. Das Wiener Telegraphen- Korrespondenz-Bureau meldet: Die Proklamation über die Abdikation des Kronprinzen Georg und über die Proklamierung des Prinzen Alexander zum Kronprinzen wurde in Belgrad mit -apathischem Gleichmuts ausgenommen. Die Stadt bot das gewöhnliche Sonn tag sb i l ö. Es herrschte überall RnHe und Ordnung und es fanden weder Manifestationen noch Ansammlungen statt. Das Ereignis wird nicht einmal sonderlich besprochen.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Der seit 17 Fahren in München lebende Rentner Friedrich Scho c n aus Worms, ein Bruder des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, ist in den erblichen Adelsstand erhoben worden. E:n Sohn von ihm ist Legationsrai bei der bayerischen Gesandtschaft tn Rom.
* Die diesjährige Nordlandsreise des Kaisers. Daß der Kaiser im Anschluß an die Kieler Woche seine Nordlandsreise zu machen beabsichtigt, gilt, wre die „Nat.-Ztg." meldet, als sicher. Im großen und ganzen dürste diese Nordlandsreise sich im Rahmen der früheren bewegen. Die Kaiserin wird sich wahrscheinlich/mit der Prinzessin-Tochter während dieser Zeit nach Cadinen begeben.
* Eine Reise des deutschen Kronprinzen nach Rumänien? Wie aus Bukarest telegraphiert wird, trifft Kronprinz Wilhelm dort am 20. Aprrl zur Feier des 70jährigen Geburtstages König Karols ein, um dem König die Glückwünsche des deutschen Kaisers zu überbringen.
* Monarchcnbegegnungen in Italien. In Rom spricht man davon, daß auf die schon angekündigte Begegnung Kaiser Wilhelms mit dem 5t ö n i g von Italien eine Begegnung Viktor Emanuels mit König Eduard von England in Neapel folgen werde.
* Dxx letzte Fürst von Schivarzbnrg-Soudershau;en. Der Fürst von Schwarzburg-Sondershausen ist gestern mittag 12 Uhr 50 Minuten in Dresden gestorben. -- Fürst 5karl Günther, geboren 7. August 1830, trat nach Verzichtleistung seines Vaters am 17. Just 1880 die Regierung an- Er war Senior des fürstlichen Ge- samthanses Schwarzburg. Seit längerer Zeit weilte er'in dem bekannten Sanatorium Weißer Hi rsch bei Dresden, wo er plötzlich schwer erkrankte und kurz darauf gestorben ist. Durch den im Jahre 1713 geschlossenen Erbfolgevertrag mit. Schwarzburg . R u d o l- st"a d t übernimmt nunmehr Fürst Günther zu Schwarzburg - Rudolstadt auch die Regierung^ in Schwarzburg-Sondershausen, da mit dem Tode Karl Günthers die Linie Sondershausen im Mannesstarmn erloschen ist.
* Ein Telegramm des Erzbischofs v. Wert an Pfarrer Trennst. Der Erzbischof Dt. v. Abert hat nach Eingang der Erklärung des-Pfarrers Tremel durch seinen Bruder, den Landgerichtsdirektor Abert, der immer noch in Gries weilt, an Pfarrer ovremel folgen«.
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