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Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen in die nächsterscheinende Ausgabe wird keine Gewähr übernommen.

Wiesbaden, Sonntag, 28. Marz L8GN.

5?. Jahrgang,

Mt. 14 .

Morgen - Ausgabe.

1. WtcrLI.

Ire Politik der Woche.

Seit Jahren hat es keine so bewegte Zeit gegeben wie die, in welcher wir augenblicklich leben. Seit Monaten ziehen sich die Krisen auf dcnr Gebiete der inneren wie der äußeren Politik hin, und aus beiden Gebieten haben sich in dieser Woche die Dinge so z u - gespitzt, daß man mir Vorabend der ernstesten Er­eignisse steht. Die schon seit langem latente Krisis unserer inneren Politik ist nunmehr zum Hellen Lusbruch gekommen, der Block daran ist nach allem kaum noch zu zweifeln ist über die Reichsfinanz­reform in Trümmer gegangen. So ganz unerwartei kommt dieses _ Ereignis ja nicht, man hatte schon seu langem mit ihm gerechnet, nur hatte man nicht ge­glaubt, daß das Ereignis schon jetzt eintretcn würde, weil allseitig das Bestreben bestand, die Reichsfinanz­reform zustande zu bringen- Lediglich aus diesem Grunds hatte man ja trotz innerem Widerstreben dem Besitzsteuerkompromiß zugestimmt, obwohl jede Partei von dem Standpunkt ausging, es schließlich abzulehnen, in der Hoffnung, daß man in der dadurch gewonnenen Zeit etwas anderes zuwege bringen würde. In dieser letzteren Erwartung hat man sich allerdings getäuscht, es ist noch initten in den Kömpromißberatungen zum Klappen gekommen, und zwar in einem Moment, wo man es am wenigstens geglaubt hätte. Schon seit einer Reihe von Tagen scheint es hinter den Kulissen recht lebhaft zugegangen zu sein, bis am Mittwoch in der Sitzung der Finanzkommission bei Beratung der Branntweinsteuer die Bombe platzte. Die Konser­vativen, die sich bekanntlich als die hervorragendsten, eigentlich überhaupt die einzigenP a t r i o t e n" be­imachten, können sich von ihrem Standpunkt der krassesten Selbstsucht, des bedauerlich­sten Mangels an wirklicherpatriotischer" Opfer Willigkeit nickt trennen, und so ist es eben aus mit dem Block. Die Folgen der konser­vativen Absage werden sich in der nächsten Zeit emp­findlich bemerkbar machen. Vor allem muß nian sich fragen, wie sich F ü u st B ü l o w zu dieser Wendung stellen wird, die ohne sein Wissen erfolgt ist; andern­falls hätte er sicherlich all seinen Einfluß aufgewandr, uiu einen Bruch wenigstens ini jetzigen Augenblick zu vermeiden,. während er erst nachträglich von den Ge­schehnissen in Kenntnis gesetzt worden ist. Fürst Bülow steht daniit vor einer der schwersten Entscheidun­gen, von der das Schicksal seiner Laufbahn abhängt. Es ist zwar von Regierungsseite mehr wie einmal erklärt worden, daß die Reichsfinanzreform keine eigentliche Blockfrage sei, gleichwohl aber ist doch das Besitzsteuer­kompromiß nur dadurch zustande gekommen, daß Fürst

Bülow erklärte, er wolle unbedingt die Finanzreform mit dem Block und nicht mit dein Zentrum machen. Für den Reichskanzler gibt es also darum kaum ein Zurück, wenn er nicht alle seine politische Autorität einbüßen will. Man wird daher der weiteren Enr- wickelung^der Dinge in den nächsten Tagen mit der größten Spannung entgegen zu sehen haben, denn ein weiteres Fortbasteln und Hin ziehen der Sache, unter Hinweis darauf, daß ja das Plenum das letzte Wort zu sprechen habe, ist aus politischen Zweckmäßigkeitsgründen kaum angängig. Die Spren­gung des Blocks kam um so überraschender, als sie kurz nach einem Moment erfolgt ist. wo die gesamten bürgerlichen Parteien, einschließlich des Zentrums, das erhebende Bild der vollsten Einmütigkeit in einer anderen Frage gegeben hatte.

Seit Menschengedenken ist zum ersten Male der Marine - Et at erledigt worden, ohne daß auch nur ein einziges Wort in der allgemeinen Diskussion gefallen wäre, debattelos wurde dem Staatssekretär das Gehalt bewilligt. Auch bei den übrigen Titeln er­hob sich eine so unwesentliche Debatte, daß der gesamte Etat in einer Is^stündigen Sitzung erledigt werden konnte. Wenngleich erklärt wurde, daß man überein- gekommen wäre, die Frage des englischen Abrüstungs­vorschlages beim Reichskanzler-Etat zu behandeln, so bildet doch diese seltene Einmütigkeit einen deut­lichen Hinweis auf eine gewisse Adresse. Dian hat dem Auslande zeigen wollen, daß in der Frage der nationalen Verteidigung dre Vertretung des deutschen Volkes hinter der Regierung steht und sich vom Auslande nichts vorschreiben läßt. Ob man wohl diese Mahnung jenseits des Kanals ver­stehen wird?

Auf des Messers Schneide stehen auch, wie eingangs erwähnt, immer noch, wenn auch die letzten beider: Tage eine fühlbare Besserung brachten, die Dinge auf dem Gebiete der internationalen Politik. Der Konflikt zwischen Österreich und Serbien ist immer noch nicht erledigt. Allerdings hat das auf Zureden Deutschlands erfolgte Einlenken Jswolskis in der Frage der Anerkennung der Annexion Bosniens aus der einen Seite, der in seinen inneren Gründen noch nicht ganz aufgeklärte Thronverzicht des durch seine Kriegshetzerei eine besondere Gefahr für den Frieden bedeutenden serbischen Kronprinzen auf der andern Leite den Druck, der aus Europa lasier, wesentlich verringert. Keineswegs ist darum aber schon die Kriegsgefahr beseitigt. Die Entwickelung der Dinge in Serbien, wo sich drohend wieder das Ge­spenst einer Revolution zeigt, kann noch die gefährlich­sten Überraschungen zeitigen. Doch kann man ange­sichts der eingetretenen Ernüchterung in Bel­grad und das fanr denn an den Börsen, die ja für die politischen Dinge die feinste Nase haben, seir Donnerstag deutlich zum Ausdruck immerhin die Lage erheblich hoffnungsvoller ansehen.

Die Flottenfrage, welche auch in: Reichstags ein Echo gefunden hat, beherrscht in England dauerrck) die öffentliche Meinung, weil aus Parteifanatismus kräftig gehetzt wird, wobei man es nicht unterläßt, Deutschland als Schreckgespenst hinzustellen. Wir in Deutschland sind das nachgerade gewöhnt und regen uns darum auch nicht sonderlich auf, zumal ja die eng­lische Polemik sich gegenüber Deutschland in durchaus gebührlichen Grenzen bewegt. Unsere englischen Vettern aber machen sich durch ihre Flotte ri­ll y st e r i e nachgerade bei allen vernünftigen Leuten, die es übrigens in England selber auch noch gibt, einfach lächerlich. Dieses Treiben ist einer großen Kulturnation wirklich unwürdig.

Flottenfragen sind es auch, welche die Gemüter jen­seits der Vogesen beschäftigen, da sich die Reorgani­sation der Marine nicht lange aufschieben läßt. Frei­lich wird der Finanzminister nicht viel Herausrücken und wen:: auch der Riß innerhalb des Ministeriums leidlich überkleistert worden ist, so wird die Angelegen­heit doch in der Kammer ein Nachspiel haben, zumal die Gegner des Kabinettes alles daran setzen wollen, durch sensationelle Enthüllungen die Marine-Ver­waltung, in der es in den letzten Jahren drunter und drüber gegangen ist, zu kompromittieren und eventuell das Kabinett zu stürzen. Ob das gelingen wird, ist fraglich, namentlich im Hinblick darauf, daß in dieser nicht minder gefährlichen Frage dieser Tage das Kabi­ne:: eine beträchtliche Mehrheit erhalten hat gelegent­lich der Interpellation über den Streik der Postbeamten. Obwohl diese in das wirtschaftliche Leben von gai:z Frankreich beträchtlich eingriff. hat man doch der Ne- gierung die Gefolgschaft nicht versagt und Herr Clemenceau ist mit seinen Getreuen nach wie vor im Anite.

UoMische Merstcht.

Die AM-Msm des Drrndes dev AandWirts gesr» dir Macht gtzArrrrr.'.

In einer sehr drastischen Weise widerlegt und vcr. spottet jemand, der ländliche Verhältnisse offenbar sehr genau kennt, die Argumentation des Bundes der Land­wirte gegen die Nachlaßsteuer in derRostocker Ztg.". Wenn jemand", so führt er aus,20- bis 36600 M. hinterläßt, so gehen davon ab erschrecke man nicht! 0,6 Proz., gleich 100 bis 150 M., und diese ungeheuere Summe soll gezahlt werden falle niemand um! in 20 Jahren, also jährlich 6 bis 7,50 M. Da behauptet der Bund der Landwirte, diese Abgabe hindere die Ver­erbung tu der Familie, vcrnotwendige den Verkauf des ererbten Hofes! Für solche, welche mit ländlichen Ver­hältnissen nicht vertraut sind, sei bemerkt, für Land­wirte ist es nicht nötig daß die meisten Erbpachtstcllen 15- bis 20 000 Quadratruten enthalten, zurzeit einen Preis von 40 000 bis 100 000 M. haben mtö durchschnitt-

$353*

Feuilleton.

(Nachdruck verdaten.)

Unter cluLerer ZGnue»

Erinnerungen an den fernen Osten.

Original-Artikel für dasWiesbadener Tagblatt".

Von I. Kaisler.

VII. Irr Iapair.

Jeder Tempel in Japan hat eine Galerie von Botiv- bikdern, die vielköpfige Gruppen von Männern zeigen, die sich vor dem Auszug in den russischen Krieg noch einmal den Göttern empfehlen. In jedem kleinen Tempelhof sind neben den alten schönen Steinlaternen Schrapnells der modernen Riesengeschlitze als Erinne­rungszeichen an den Heldenkricg hin-gestellt. Jeder grö­ßere Tempel hat sich ein paar eroberte russische Geschütze zu einer Triumphgrüppe neben das geheimnisvoll ge­formte Tori: (Tempeltorj hingcbaut. So viele sieht man im Verlauf der Reise in allen Städten, daß man unwillkürlich denkt, es könnte nach dem Krieg überhaupt keine russische Artillerie mehr gegeben haben. Auf gro­ßen Stadtplätzen erhebt sich meist statt des bei uns üb­lichen Denkmals der stolze, düstere Vau eines halbzer­störten Schiffsgeschützes, das einst aus dem Panzer eines russischen Kriegsschiffes drohte. Überall sagen Inschrif­ten genau, wem das Land diese Trophäe besonders bankt.

So kann man nicht durch Japan gehen, ohne oft an den Krieg zu denken. Jenen Krieg, in dem s j das kleine Japan mit einer für Europa so verblüffenden Plötzlichkeit und Vehemenz unter die Großmächte drängte. Und dann steht man in einem der düsteren, stolzen Daymocastelle, die nun Kasernen geworden sind, japanische Soldaten. Klein, zierlich, mit Kinder­gesichtern- uniformierte Jüngens, die Soldaten spielen.

Und man mochte nun doppelt gern verstehen lernen, wie diese Kleinen von ihren fragilen Knabenkörpern jene unerhörten Furortaten am Ualu und vor Port Arthur erzwangen.

Statt langer Theorien drei japanische Seltsam­keiten:

Bor einem der berühmtesten Wasserfälle Japans, um den alle Schönheiten der Natur blühen und locken, erzählte mir mein Führer: Hier hätte die Polizei eine Station anlcgen müssen, weil die Selbstmorde von Studenten, die hier in die Tiefe sprangen, allzu häufig waren. Lafcadio Hearn, der beste Kenner dieser Psyche, sagt ungefähr: Der eine dieser Studenten will vielleicht aus unglücklicher Liebe zu einem Mädchen aus der Uofhiwara sterben. Der andere vielleicht, weil er die Armut nicht mehr ertragen kann. Aber ebensoviele sterben, weil sie Schopenhauer gelesen haben. Sie lern­ten diesen düstersten Geist Europas, aber sie lernten nicht Europas Kunst, Ideen undWahrheiten" als bloßes Dekorationsspiel zu handhaben. Sie lernen nicht bloß die Theorie, daß dieses Leben nicht lebenswert ist, sie ziehen auch durch die Tat die letzte härteste Kon­sequenz daraus,

In Higashi Hongwanji, dem gewaltigsten Tempel Kiotos, hängen mehrere Niesentaue. Das größte davon ist mehr als hundert Meter lang und fast einen halben Meter im Umfang. Diese Taue, die beim Wiederaufbau des bereits viermal abgebrannten Tempels nötig waren, sind aus Frauenhaaren geflochten, die von Frauen« Verehrerinnen des Tempels freiwillig geopfert wurden.

Im Hceresmuseuu: zu Tokio hängen viele Hunderte von Photographien, aus denen Heimgekehrte des großen Krieges mit Gesichtern voll einer unheimlichen Genug­tuung, die entsetzlichsten Verstümmelungen an ihren dazu entkleideten Körpern zur Schau stellen. Nicht nur die weithin glänzende Tat, auch das bl-ße Leiden ist hier Ruhm.

So lernt man wohl den Geist begreifen, dem SaZ Ungeheure am Valn und vor Port Arthur gelang. Wo­her aber die Kraft, die ebenbürtig vollbrachte, was dieser Geist wollte?

Woher die Kraft?

In Tokio in der Dschiudschitsuschnle eines berühmte» Professors. Ein weiter Heller Saal mit mattenbelegtem schwingenden Bretterboden. Eben ist Pause. Die Schüler, dreißig bis vierzig, vom zehnjährigen Knaben bis zum Universitätsstudenten, sitzen ausatmend am Boden, an den Wänden lang. Nun beginnt der Kamp- wieder. Ich suche mir aus der Masse ein Paar. Ein schlank, eher zart gebauter Fünfzehnjähriger tritt vor einen der an blauem Gürtel kenntlichen Lehrer hin, läßt sich auf beide Knie und berührt mit der Stirn den Boden, die Bitte um die Ehre des Kampfes. Mit gleich ritterlichem Zeremoniell nimmt der Lehrer an.

Sie fassen sich an den Schultern. Der Lehrer schwingt einen Moment lang spielend wie ein Tänzer auf dem linken Bein und schlägt dann blitzschnell mit dem Fußgelenk des gestreckten rechten Beines gegen den Stand des Knaben. Der pariert rechtzeitig und richtig. Aber die Wucht des Hiebes ist unwiderstehlich, die Parade durchschlagen. Mit lauten: Schlag knallt der Knabe auf dein Boden auf. Im nächsten Moment ist er wieder hoch. Wieder ein sekundenlanges Schwingen wie im Tanz, wieder derselbe Hieb, wieder richtige Parade, wieder durchschlagen, wieder glatte Niedcrlaae in laut hi »stürzen dem Fall. Fünf-, sechs-, acht-, neun­mal ohne Pause. Der Kleine versucht Gegenfinten, Borbeugnngsstoße, immer wieder derselbe furchtbare Hieb, gegen den seine Parade ohnmächtig ist. So stürzt er fünfzehn-, sechzehn-, siebzehn«:«!. Kein Laut ist noch aus seiner Kehle gekommen. Und um seine weichen Kinderlippen ist noch immer, wenn auch ein wenig mühsam, dasselbe höfliche Lächeln, mit dem er um den

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