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Wiesbadener

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Bei )

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Nr. 139.

Wiesbaden. Mittwoch, 24. März 19«».

57. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. W lertt.

Küv öas 2. gmartaC 1Ö09

auf bar-

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Treue um Treue!

Seit dem 3Ojährigen Bestehen des Bündnisses zwi­schen Deutschland und Österreich sind gefährliche Welt­krisen mehr wie einmal in Erscheinung getreten. Es sei nur an die Erregung der 86er Jahre erinnert, wo 'ein Krieg mit Frankreich und Rußland gar nicht fo weit im Felde stand, oder an die gespannten Beziehun­gen zwischen Deutschland einerseits und Frankreich und England andererseits, aber immer war es gelungen, die drohende Gefahr zu beschwören. Dieser gute Aus­gang war nicht in letzter Linie stets dem festen Zu­sammenhalten der beiden Verbündeten zu banken, unb e§ sind darum Versuche nicht ausgeblieben, Österreich von der Seite Deutschlands abspenstig zu machen unv es zu den Gegnern herüberznziehen. Alle diese Ver­suche scheiterten an der Bündnistreue der Donau­monarchie, welche stets während der größten Fähr­nisse uns treu zur Seite stand und uns, wie es in der bekannten Depesche Kaiser Wilhelms nach derAlgeciras- konferenz hieß, so trefflich „sekundierte". Es mutz an­erkannt werden, daß diese unschätzbaren Dienste von Österreich auf das bereitwilligste geleistet worden, ohne daß man danach fragte, was man dafür einheimsen würde, und wenn auch tatsächlich der österreichischen Politik das Bündnis mit Deutschland im allgemeinen in der Konstellation der Weltmächte zugute kan:, so treten doch sichtbare Erfolge eines Eintretens Deutsch­lands für den österreichischen Bundesgenossen nach außen hin eigentlich nur wenig in die Erscheinung. Nunmehr aber ist die Gelegenheit gekommen, wo Deutschland gleiches mit gleichen: vergelten und für den Freund in die Bresche springen kann. Für Deutschland mußte in der gegenwärtigen Lage die Situation um so heikler sein, weil es durch sein Zu­sammenhalten mit Österreich die bisherige Freundschaft mit Rußland preisgeben muß. Man hat aber in Oer Berliner Wilhelmstraße nicht einen Augenblick ge-

Femllstsn.

UüchlbilüZr mm Sechslaze-Aennrn.

Mitternacht. Bor der Ausstellungshalle liegt be- avegnugslos eine endlos lange Kette non Automobilen. Weiß, kalt und blendend glühen die WagenLatern««, ihr Schein kriecht bis zur Mitte des Bürgersteiges und hüllt Worübengshende in leichenfahle Blässe. Nur manchmal kommt Bewegung in die riesige Lichtexkette. Vorne, am Portal der Halle treten zwei, drei Leute in den Licht­kreis. Eine Cmrpetür wird geöffnet, man hört ein seidenes Knistern, eine Feder wallt, eine Tür fällt mit dumpfem Kirrenden Schlag ins Schloß. Von der Lichter­kette löst sich .knatternd ein Glied und gleitet fort ins Dunkel. Dann kommt ein träges Sichbewogen in die Wagenreihe: eine Minute ^oder zwei währt es, bis die ruckweise Bewegung am Stratzenende verebbt. Dann liegt die flimmernde Kette wieder still und bewegungslos.

Drin in der weiten flachgestreckten Halle lastet schwüle, träge Ruhe auf einem schwarzen Heer von Metrischen. Die grellen großen Bogenlampen werfen eine fahle, zitternde, bleich« Helle Wer die Bahn. Bon den Wänden leuchten heiter die groben, ihandfesten Farben riesiger Plakate. Von den besten Reifen erzählen sic, und von der besten Freilanfnabe. Eine grob gezimmerte hochgeschnMUgene Brücke ans rohem, weißem Holz führt Hinunter in die Mitte der langen, an beiden Enden steil abgerundeten Fahrbahn. Und nun sicht man es: auf der holzdeischlagenen, nach der Mitte schräg abfallenden Strecke ziehen zehn, elf, — nein zwölf buntgekleidetc Radfahrer ihre Kreise. Fm müden, matten Touren- tempo ziehen sie dahin, einer hart hinter dem anderen, die lange gerade Seitenlinie hinunter, dann durch die Abrundung und ans der anderen -Seite wieder hinauf. Bei der Wogung liegen die Räder schief und scheinen fast

zögert, diesenige Stellung einzunehmen, die den Ge­fühlen des deutschen Volkes entspreche, da wir kemer- lei Veranlassung haben, uns zum Vorspann russrscher Jnteressen zu machen. Müßte doch überdies die von Rußland gewollte Schwächung Österreichs im letzten Grunde auch eine Schwächung des Dreibunds mit sich bringen. Im Verlauf des Balkankonfliktes hat man nachgerade genug offiziöse deutsche Stimmen vernom­men, welche den Standpunkt Deutschlands klipp und klar darlegten ünd für gewisse Mächte einen deutlichen Hinweis bildeten, und es liegt auf der Hand, daß durch eine derart scharf betonte Haltung, Deutschlands Österreich auf das nachdrücklichste unterstützt wurde; man mag in manchen Kabinetten das Auftreten Deutschlands unangenehm empfunden haben. Schließ­lich aber war man wenigstens in Paris und London doch so einsichtsvoll, sich zu sagen, daß Deutschland unter den obwaltenden Verhältnissen kaum anders aufzutreten vermag. Wenn bei den mehrfachen Eini­gungsversuchen die sogenannten Westmächte zusam­mengingen. so war damit Deutschland keineswegs ausgeschaltet, denn man war in Berlin stets sehr genau von"' den einzelnen Bemühungen verständigt, aber gerade mit Rücksicht auf das enge Verhältnis mit Österreich war eine deutsche Beteiligung nicht gm möglich, weil Deutschland es vermeiden wollte, sich an Schritten zu beteiligen, die trotz aller Freundschaftlich­keit doch einen leisen Verdruß leicht hinterlassen konn­ten. Auch in Deutschland selbst hat man die Reichs- regierung mehrfach angegriffen, daß sie sich gar zu sehr - bloß stelle, anstatt die Rolle des Verniittlers zu über­nehmen; tatsächlich aber ist Deutschland, ’ wie offiziös versichert wird, stets bemüht gewesen, die herrschenden Gegensätze zu mildern und eine Einigung herbeizu­führen. Wenn aber nach außen hin das feste Zusam­menhalten mit Österreich betont wurde, während Italien eine mehr lavierende Haltung einnahm und erst fetzt einen allerdings recht guten Vermittlungs- Vorschlag gemacht hat, so geschah dies eben in der Ab­sicht, den Wühlereien scharf entgegenzutreten und sie unwirksam zu machen. Dafür weiß man uns in der Donaumonarchie herzlichen Dank, mit Begerstörung hat man in Ungarn, wo man in der letzten Zeit nicht imnwr allzu viel für uns übrig gehabt hat, im Parla­ment eine stürmische Sympathiekundgebung veran­staltet, der nunmehr auch das österreichische Parlament gefolgt ist, wo neben einer Reihe. von _ Abgeordneten auch der Landesverteidigungsminister in den allcr- wärmsten Worten, die er finden konnte, der deutschen Treue und seiner schwerwiegenden unerschütterlichen Freundschaft gedachte. Diese Haltung der Regierung, hinter welcher in diesem Falle die gesamte deutsche Nation steht, kann für uns gelegentlich doch einmal recht gute Früchte tragen, denn wer kann sagen,, wie bald wieder ein Tag kommt, an welchem Österreich I wieder die Rolle des Sekundanten für Deutschland j übernehmen mutz.

, frei iim Raume zu schweben. In der Mitte des Kreises, iw ,Sattelplatz", stechen dichtgedrängt Hunderte von Menschen. Sie hocken auf den: Holzgeläwder, sichen auf Stühlen nrrö starren wie teilnahmslos auf die Reihe von Fahrern, die da gleichmütig ihres Weges ziehen, Tag wie Nacht, seit Sonntagabend 10 Uhr. Die matte Stille im schwülen Raume wird nur manchmal durch ein -leises, singendes Knattern in den Bogenlampen gestört. Wenn man hinuntergcht, hört man das Monoton sur­rende Rollen der Kugellager und das leise Schwirren kreisender NickeHpeichen.

Und nun erfährt der Laie des Rätsels Lösung: der Vordere der Fahrer, der klein und bucklig in feiner Maschine kauert, ist ein Franzose. Ein „Fachmann", den Feldstecher am Riemen über der Schulter, erklärt einem Uneingeweihten den tieferen Sinn des Geschehens. Er zieht erstaunt die Brauen hoch, als eine neugierige Dame eifervoll wissen will, ob dieser kleine Mensch mit der großen, halbzcrfetzten schwarzen Ziffer. auf _ der unteren Rückengegend der „Beste" ist. Nein, dieser kleine Franzose ist vier Runden zurück; und mit ge­furchten Brauen setzt der Fachmann, hinzu: er ist nicht gleichwertig und wird gegen Amerika nicht mehr auf­hole«. Unschuldig fragt die Dame nach Amerika. Amerika liege an .zweiter Stelle. „Der lange Braune, mit der Reklame auf denn Rücken: „Allright auf Ceuti- neutal?" Der Fachmann wendet sich verachtungsvoll ab. Unwohl, der braune Lange ist an der Spitze. So müde und still ist es rings,daß alle dem halblauten Gespräch sich znwandten. Man starrt eine Weile auf die vorlauten Laien. Dann schleicht der Blick wieder auf die schräge Hoilzfläche, wo die zwölf bunten Männer auf den Rädern liegen und ohne Unterlaß, in bleierner Eintönigkeit, dahinziehen, immer im Kreise herum, vorgestern, gestern, heute, morgen, immer im Kreise herum.

In einem Saalwinkel, auf halber Höhe der Wand, sicht auf hölzernem Gerüst ein Mann mit Eimer, Pinsel

Politische Ulierftcht.

Zrrm §cvliutv Aufenthalt Wfat-Vafchas.

L. Berlin, 22. März.

Wir erfahren näheres über den hiesigen Aufent- halt Rifat-Paschas. Der türkische Staatsmann hatte mit dem Kaiser, dem Reichskanzler und dem Frerherrn v. Schoen Unterredungen von längerer Dauer- Wenn er aus diesen Besprechungen und ihren Ergebnissen gute Eindrücke in seine Heimat mitnehmen wird, so hat er zugleich die Genugtuung, daß ihm hrer mir großer Aufmerksamkeit begegnet wurde, und daß er.die Gewißheit haben kann, er selber habe durch seine Per­sönlichkeit wie durch die Darlegung seines politischen Standpunktes und des Standpunktes seiner Regierung einen vortrefflichen Eindruck hinterlajsen- Rrfat- Pascha konnte in den hier geführten' Unterhaltungen auch seine in Petersburg gemachten Beobachtungen Mitteilen. Seine dortigen Erfahrungen und Wahr­nehmungen berechtigen ihn, wie er erklärte, zu der Annahme, daß kein ernsthafter Politiker an der Newa kriegerische Absichten habe.

Italien rrn Drwibrrrrd.

m. Rom, 22. März.

Die Gefahr eines Krieges zwischen Österreich und Serbien erweist sich, je drohender sich die Wolken am politischen Horizont zusammenballen, immer mehr^ als eine Belastungsprobe für die Bundestreue Italiens, das jetzt gezwungen ist, Farbe zu bekennen, ob es zu Österreich oder zu Frankreich, d. h. auch zu dein diesem verbündeten Rußland halten will. Nachdem nun be­kanntlich die Regierung in unzweideutiger Weife ge­zeigt hat, daß sie fest zum Dreibund zu stehen gedenke, ist jetzt auch im Volk, dessen Stimmung hier mehr als in anderen Monarchien die äußere Politik beeinflußt- ein Ereignis eingetreten, das wohl geeignet scheint, die Stimmung für den Dreibund noch weiter zu kräftigen. Eine Anzahl der führenden Schriftsteller Italiens hat sich nämlich zu einem politischen Verein zusammenge- schlossen, der auch eine eigene Zeitschrift „Jl Carroccio" herausgibt. Dieser Name, der sich vielleicht am besten durch die Umschreibung „Das Reichsbanner" wieder­geben läßt (der Carroccio war im Mittelalter in den norditalienischen Städten das Nationalheiligtum, ein von Stieren gezogener Prunkwagen, der das Banner der Stadt barg), zeigt schon, daß der junge Verein nationalen Tendenzen huldigt. Wenn seine Gründung als eiir erfreuliches Symptom für Italiens Bundes-, treue bezeichnet wird, so führt hierzu die einfache Er­wägung, daß es die intelligenten Kreise der Bevölkerung sind, die, nachdem sie bisher der Polittk ziemlich fern gestanden haben, jetzt anfangen sich nach- drücklich damit zu befassen. Diese Männer müssen vermöge ihrer Intelligenz und ihrer Bildung schnell genug' erkennen, daß Frankreichs und Italiens Jnter-

nnö weißem Malerkittel. Auf eine schwarze Tafel malt er mit flüssiger Kreide geheimnisvolle Zeichen und Ziffern. 98 Stunde 2728,10 Kilometer, Spitze 11/12. Plötzlich dröhnt grell ein Pistolenschuß durch die dumpfe Stille. Die Damen zucken nervös zusammen. Wieder eine Stuüde. Fn einer Ecke beginnt ein« Musikkapelle zu spielen. „Der liebste Platz, <den ich auf Enden Hab'" . . . Auf der Bahn ziehen die Räder ihren Wog. Der „Vor­derste" hat sich einen langen, schmalen Zinnbecher reichen lassen und trinkt, schluckweise im Fahnen. Die zwei letzten nehmen, leise pfeifend, den Blick starr auf das kreisende Vorderrad geheftet, die Melodie der Musik auf. . .

-i-

Zwei Stunden. In den „Logen" lehnen -gelangweilt elegante Frauen. Man kritisiert FrühfahrAhüte. Ein« Dame mit prachtvollen: Fcdevhut Läßt sich von einem schlanken haararmen Herrn mit Einglas den mattcrsmc- far,Venen pelzumrandeten Wcndmantel umlegen und geht. Seit sieben Stunden, flüstert ein Herr, hat sie Hier auf ihrem Platze ansgeharrt. Ein Mann mit weißer Binde am Arm vertreibt sich die Zeit damit, bisweilen dle Karten zu revidieren. Eine Dame wird dabei ner­vös. „Alle Stunde kolmmen Sie wogen der Karte, Sie waren nun glücklich schon sechsmal da." J-m Barwinkel, auf hohen Stühlen, kauern drei junge Herren, den schmalgeraud-eten Zylinder auf dem Hinterkopf und trinken Whiski sour. -Die Musik spielt: „Küssen ist

keine Sünd." Und drunten auf der Bahn ziehen die Räder ihre Kreise.

Plötzlich ertönt ein kurzer Ruf. Dielen knarren, alles erwacht aus den: Halbschlaf. Drunten ist's -lebendig geworden. Der Blauweiße mit der dreißig ans dem Buckel, der Franzose, reißt aus. Im Saal lbeginnt ein mildes Lärmen. Erregte Rufe, gellendes Pfeifen schwirren durch die heiße Luft. „Bravo Stut, bravo Stvl." Aber nun fetzt der braune Amerikaner Allright auf