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Nr. 1517.

Wiesbaden, Dienstag, 23. März 1309,

57. Jahrgang.

Morgen - Kusgabe.

_ 1. Matt.

gtür öas 2. Quartal' 1909

auf bas

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Die englische Krankheit.

Das WortDreadnought", mit dem die Engländer vor drei Jahren ihren neuesten Schiffstyp bezeichneten, heißt auf deutschFürchtenichts", aber das stolze Albion, das seitdem eine ganze Reihe weiterer Schlacht­schiffe vom Dreadnoughttyp, wie die mit den hoch­tönenden NamenJnvincible" undSuperb" versehe­nen, baute, hat die LosungDreadnought", nämlich ^Fürchtenichts", keineswegs befolgt. Wie die Eng­länder Jahre hindurch die deutscheI n v a s i o n" be­fürchteten, wie sie angesichts der Erfolge Zeppelins be­reits die deutsche Luftflotte über den Kanal fliegen sahen, so fürchten sie seht die Konkurrenz der deutschen Schiffsflotte, fürchten sie, im Wettlauf der Marinerüstungen von Deutschland überflügelt zu wer­den. Am Ende werden unsere Vettern jenseits des Ka­nals, die einst wegen ihres unerschütterlichen Gleich­mutes berühmt waren, jetzt aber an der neuesteneng­lischen Krankheit", an der Flottennervosität leiden, ihren nächsten SchiffstypDreadall", fürchte alles, nennen.

Wer die Verhandlungen, welche in dieser Woche im englischen U n t e r h a u s e über den Marineetat und zwar durch Zufall gleichzeitig mit den Verhand­lungen über den gleichen Gegenstand in der Budget­kommission des deutschen Reichstags stattgefunden haben, verfolgt hat, muß eigentlich zu der Meinung kommen, daß es in der weiten Welt nur zwei See­mächte gibt, nämlich Großbritannien und Deutschland. Lediglich der deutschen Flotte galten die Ausführungen bes ersten Lords der Admiralität MaeKenna, die Erklärungen des Premierministers Asguith und die anderen im Haufe gehaltenen Reden. Zwar ist aus jedem Marinehandbuch zu ersehen, daß die Flotte der. Vereinigten Staaten von Amerika der deutschen wenigstens an Zahl und Größe der Schiffe überlegen, die Frankreichs mindestens gewachsen jj} die anderen neben der Schiffszahl in Betracht

Feui lleto n.

(Nachdruck verboten.)

Berliner Ehromka.

Im alten Kroll-Haus am Königsplatz sab es Frei­taigabend ThöLtre frangai!s> Largeboten Durch russische Alliierte.

Die Gesellschaft des kaiserlichen St. Michael- Theaters aus Petersburg spielte l'E n c n tat l non Robert de Flers uird Caillavet.

Die witzigen Jongleure der Konversation tum­meln sich hier in den amüsantesten Dialogtouren. Ein Gericht an four ist ihr Stück, und dem Vergleich gemäß ist das Inhaltliche viel weniger anlockend als Las Her- umgc legte der pikanten Randdekorationen mit Trüffe- leien und Ecrevisse-Ornamenten.

Wie in der Mosten Kunst, so bedeutet auch in dieser glitzernden Augenblicks- und Bijouterie-Kunst das Was" nicht Die Hauptsache, sondern dasWie".

DasWas", also die Handlung, geht hier ein bißchen nach dem Rezept der Heineverse: ,)Sie liebten sich beide, d-och keiner wolltz es dem anderen gesteh'n". Er gesteht es freilich denn Loch, aber sie, in koketter Laune, gibt ihm eine Ablage. Sechs Jahre später liegt die Sache umgekehrt. Sie ist jetzt Witwe von demersten besten Mann", den sie genommen, und sie denkt nun mit ernst­haften Absichten an den anderen zurück. Der verblieb mich noch immerherzekrank und bleich und treu", aber :cr kann sich beherrschen, und jetzt stellt sich seine Liebe tot. Diese Hin- und Herfigurationen werden mit einer hallett- und reigenmätzigen Rhythmik geführt, gar nicht mit der Illusion einer von innen angetriebenen Maschi­nerie, sondern lediglich auf den Reiz der Bewegungs- mvtive hin, dramatische Gavotte mit Trennen und Fin­nen im TänZerschritt, mit Lächeln auf den Lippen. Und

kommenden Faktoren entziehen. sich selbstverständlich der Berechnung, indessen die Engländer fürchten, uni ein bekanntes Wort des Altreichskanzlers Fürsten Bismarck zu variieren, die deutsche Flotte, aber sonst nichts in der Welt!

Immerhin haben die Bemühungen der englischen Staatsmänner, die aufgeregten Gemüter zu beruhigen und die schwere Anklage, daß sie nicht hinreichend für die Sicherheit Englands gesorgt hätten, von sich abzu­wälzen, insofern einen Erfolg zu verzeichnen, als das englische Unterhaus sich wenigstens zunächst mit dem Schiffsbauprogramm der Regierung, welches den Bau von 4 der modernsten Schlachtschiffe vorsieht, während die Heißsporne 8 solche Schiffe verlangten, einver- standen erklärt hat. Aber der Führer der Opposition im Unterhaufe. Ba l f o u r, hat bereits einen Antrag angekündigt. indem erklärt wird, daß die Politik der Regierung in bezug auf die sofortige Beschaffung von Schiffen des neuesten Typs nicht derart sei, um die Sicherheit des Reiches zu gewährleisten. Und am Samstag hat die britische Flottenliga eine außer­ordentliche Versammlung abgehalten, in der be­schlossen wurde, sofort eine Kampagne zu beginnen, um die Regierung zum Bau von 8 Dreadnoughts in diesem Jahre und zur weiteren Beschleunigung und Erhöhung des Flottenprogramms zu zwingen-

Die Flottenagitation in England nimmt also ihren Fortgang, und zwar nach der Methode, die eine be­kannte Lustspielfigur, der Hühneraugenopcrateur Hirsch, mit den Worten gekennzeichnet hat: Er schreit, schreit er; ich schrei! Während die Engländer gegen Deutschland den Vorwurf des Wettrüstens erheben, be­treiben sie selbst dieses Wettrüsten, wie sie es ja auch eingeleitet und wie sie ja selbst mit dem Bau jener Riesenschiffe begonnen haben, deren Ausrüstung sie jetzt als ein schweres Unrecht Deutschlands bezeichnen. Wieschlecht unterrichtet" die englische. Negierung hier­bei ist, ging daraus hervor, daß Mac Kenna im Unter­hause behauptete, Deutschland werde im Jahre 1912 über 17 Schlachtschiffe des modernsten Typs verfügen, während es nach den Erklärungen des Staatssekretärs v- Tirpitz in der Bndgetkommistion nur 12 sein wer­den. Weitere Unstimmigkeiten haben sich auch zwischen den Erklärungen des englischen Premiermimsters Asquith und denen des Staatssekretärs v. Tirpitz er­geben. Der erstere behauptete, daß von seiten der eng- liscben Regierung an die deutsche mehr als einmal die Frage gestellt worden sei, ob kein Abkommen über die gegenseitige Beschränkung der Flottenausgaben mög­lich sei: die englische Regierung habe indessen darauf nur die Versicherung erhalten, daß das Programm Deutschlands in keiner Weise von dem englischen ab- hänae, während Herr v. Tirpitz von einer solchen Frage und Antwort nichts zu wissen erklärte.

Man wird sich erinnern, daß der Reichskanzler Fürst Bülow auf diese Frage im Dezember v. I. im Reichstag zu sprechen kam, indem er den Gedanken

als Abschluß natürlich, nach den verschiedenen changez, Vereinigung und Lebenswakzer prolongS.

Das wirkt nun, richtig aufgenonunen und nicht mit MiHver'standsmatzstab bewertet» sehr liebenswürdig. Vorgänge des Lebens werken in der tändelnden Form des Gesellschaftsspiels abgchildet, ohne dieSchwere die­ser Erde". Und, was diese Form noch besonders legiti­miert, die Verfasser haben treffsicher ihren Stil dafür ge­funden. Die Wortarabesken, die Textbegleitung zu die­sen Kokillontouren des Herzens, das gaukelt mit so flüssig-leichter Musik, mit so pikanten Kadenzen, so sprühenden Übergängen, daß die Sinne in Heiterkeit sich wiegen. Und französisch, in der Muttersprache der Grazie, klingt und singt das doppelt verführerisch.

Die Petersburger Gäste bringen zn dem Pariser Akzent auch noch das Klima der Pariser Welt mit, sie sind, vor allem die Damen, gemütsersrculich angezogen und sie fanden eine gastliche sympathische Aufnahme.

*

In diesen Tagen gehörte es zum Dessert der abend­lichen Vergnügungen, nächtlings zu möglichst vorge­schrittener Stund« noch in denHallen" einznkehren. Nicht nach dem berühmten Muster der PariserTour des grands dues" die Markthallen, sondern dieZoo-Aus- stellungshallen, rn denen jetzt das Menschen-Roulette des S echs tag e°R e n nenS sein aufregendes Spiel treibt.

Vom Turm der Gedächtniskirche, die dunkel­schattenhaft sich von den in kaltem weißem Licht gleißen­den Glasdächern der Hallen abhebt, schlägt es drei.

Weiße, graue, braune, kornblumenblaue Autos rattern heran.

Aus den samtgefütterten Glaskasten guellen Volants und schwänzelnde Seidenschleppen, die Lackschuhe der Herren blinken auf dem tauwetterfeuchten Pflaster. Wie man sonst die Nachtstation bei Ricke macht, so geht man jetzt in die Arena.

einer internationalen Einschränkung der Rüstungen zur See alseine an und für sich sehr wünschenswerte Sache" bezeichnete und be­merkte, daß die deutsche Regierung solchen Vorschlägen gegenüber eine ablehnende Haltung nicht eingenommen habe, weil siean uns nicht herangetreten" sind. Viel­leicht werden diese Unstimmigkeiten durch die vom Reichskanzler in Aussicht gestellte Erklärung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, welche dieser in der Budgetkommission,so weit das im Interesse des Landes liegt", abgeben soll, eine Klärung erfahren. Es ist wohl möglich, daß die deutsch-englische Differenz bei der Darstellung dieser Vorgänge darauf beruht, daß Vorschläge, wie die erwähnten, vom König Eduard bei der Kronberger Zusam­menkunft privatim dem deutschen Kaiser gemacht wor­den, aber aus denselben Gründen als nicht arstrehmbar bezeichnet worden sind, die der Reichskanzler in seiner erwähnten Rede im Reichstag ja ausführlich dargeleyt 'hat, indem er betonte, daß ein derartiger Plan ebenso an derSchwierigkeit, wenn nicht Unmö gltchkeit der Ausführung im einzelnen und der Kontrolle wie an dem Widerstand der meisten anderen, Mächte scheitern müßte, während ein solches einseitiges Abkommen zwischen Deutschland und England sich angesichts der internationalen Konstellation ganz von selbst verbratet,

London. 22. März. DerObserver" in London will wissen, daß der Staatssekretär des Auswärtigen Sir Edward Grey und alle hohen Beamten des Marineministeriums ihren Rücktritt androhten für den Fall, daß die Regierung in diesem Jahre nicht acht Dreadnoughts fordere. Das Blatt ver­langt, daß auch die nur mit Vorbehalt geforderten vier Schiffe schon in diesem Jahre begonnen und außerdenr die drei auf englischen Werften für Brasilien erbauten Dreadnoughts gekauft werden.

Uolttische Übersicht.

Die soxkaßpoMisiche Tätigkeit -es Reichstags

ist durch die langwierigen und dabei. bisher dpch so unfruchtbaren Verhandlungen über die Reichsfinanz­reform in der gegenwärtigen Session so erheblich in den Hintergrund gedrängt worden, daß.es drin­gend notwendig erscheint, auf diese bedauerliche Tat­sache die öffentliche Aufmerksamkeit zu lenken. Es muß um so mehr gefordert werden, _ daß dieses wich­tigste Gebiet der inneren Politik nicht über Gebühr vernachlässigt wird, weil einmal große Aufgaben auf dem Gebiet der Arbeiterversicherung wie des Arbeiterschutzes ihrer Erledigung harren, und weil ferner die gegenwärtige Situation mit der Geldnot der Reichsregierung so günstig für wichtige Zugeständnisse gerade in der Sozialpolitik ist, wie sie

Und der Unterschied ist, daß bei Ricke die Frauen die Professionals und dteMä inner erregt sind, indcrArena aber die Männer, nämlich die Fahrer, die Professionals und die zuschauenden Frauen die Erregten sind.

Stanbatmofphäre füllt den riesigen Raum, ein wir­belndes Meer von Köpfen wogt an den Mauern, ans den Galerien. Mitten in der Ovalbahn, die mit ihrem welligem Niveau zu vibrieren scheint, wächst ein Treppenansban empor zu einer Laufbrücke. Hier drängt sich's von Experten und Amateuren, und alles flutet durcheinander, die Typen mit der Mütze und kariertem Ulster, Herren im Frack unter dem lang aufgerollten Pelz, Zylinder und Mvnocle, Damen in weitsallendem Sortie über dem schimmernden, perlengeschmückten Deeollets und kleine Mädchen mit der großen, flachen Auto-Tellerkappe auf dem Wuschelhaar und der gestrick­ten Golfjacke.

Die Musik spielt:Martha, Martha, du entschwan­dest", über den Häuptern balanciert der Kellner ein Plateau mit Schinkenbröten. Und da ist das Merkwür­dige und eigentliche Aufregende: in der riesigen Halle herrscht eine fast starre Ruhe, eine Ruhe, von der einem die Ohren summen. Und in dieser atemlosen Stille gleiten dauernd, dichtgedrängt, die Räder herum mit blinkenden Speichen, gleiten dauernd unter dem Brückenüberbau hindurch und tauchen jenseits wieder ans. Etwas Mechanisch-Gespenstisches hat das, wie bei einem jener Kinüerspielzeuge, aus dem durch Drehen die gleichen Figuren zu einer unendlichen Prozession aufmarschieren, nach unten im Kasten verschwinden und unabänderlich wieder auftauchen.

Lautlos rollend geht der Umzug. Und blickt man ihm nach, so sieht man gekrümmte Rücken, deren jeder eine große Zahl trägt, ein numerisches Feld, und wieder 'denkt man an das Roulette. Und gewiß wird aus solche Zahl gesetzt, nur daß hier die Zahl zugleich die Kugel ist, die rollt ans ihr eigenes Glück Hin, auf ihren etge-

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