Verlag Langgaff« 37.
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Mr. 133.
Wiesbaden, Samstag, LV. März LSSN»
87. Jahrgang.
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morgen - Ausgabe.
1. Wkcrtt.
Iüv öcrs 2. ^warfcd’ 1909
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„Wiesbadener TagblatL"
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Die innere Füge.
Die Schwierigkeiten der inneren Lage fangen jetzt »rst so recht eigentlich an, nachdem sich herausgestellt hat, daß das Besitzsteuer-Kompromitz von maßgebenden Parteien und von den Bundesregierungen als un- gangvarer Weg empfunden und bezeichnet worden ist Wenn auch gute Menschen, aber mäßige Politiker, wie der Herr Professor Kahl es in der neulichen Wagner- Versammlung kategorisch tat, fordern, daß die Finanzregelung nur vom Block gemacht werdeil dürfe, so stellen sich doch diesem freundlichen Wunsch so stärke Schwierigkeiten entgegen, daß man zur Stunde nach dieser Richtung hin eher Pessimist als Optimist sein möchte. Seit Fürst Bülow die Block-Idee inszeniert hat/haben die krisenähnlichen Situationen im Innern eigentlich nie aufgehört. Von Vorlage zu Vorlage hat sich immer wieder die Frage ausgetürmt: kann dies mit denr Block gemacht werden oder scheitert diese ganze Gedankenwelt und damit die Kanzlerexistenz des Fürsten Bülow? Bei jedem Gesetz von einiger Bedeutung werden der einen oder der anderen oder beiden Feilen de- Blocks Zumutungen auf dem Gebiete der politischen Grundsätze gestellt, die innerhalb der Fraktionen und der Parteien Mißstimmung und Friktionen mit Naturnotwendigkeit erzeugen müssen. Wie iveit das Ungesunde dieses Zustandes geht, zeigt z. B. die originelle Tatsache, daß die „Kreuzzeitung" die Strafgesetz-Novelle, die, jetzt denn Reichstag vorliegt/ allen Ernstes als eine „Konzession an die linke Seite des Blocks" bezeichnet, obwohl die borge» ckchlagenen Straferleichtecungen ganz unpolitischer Natur jind und die Nerschärsung des Beleidi- aungsparagraphen 186 auf liberaler Seite jedenfalls sehr heftige Widerstände anslösen wird. Von „Konzessionen" an den Liberalismus ist jedenfalls hier nichts zu sehen, eher vom Gegenteil.
Bleiben wir aber bei der Finanzreform, so ist es ja doch offensichtlich, daß eine Zustimmung zu den indirekten Steirern auch dann für die liberalen Fraktionen noch ein sehr großes Opfer wäre, wenn die Nachlaßsteuerfrage, wie wir hoffen, zur Zufriedenheit gelöst werden könnte. Die Gegensätze zwischen der agrarisch-konservativen und der liberal-freihänd- lerischen Auffassung sind zu groß, als daß sie ohne Künstelei überbrückt werden könnten. Und außerdenr fehlt eine wirkliche Führung seitens eines leitenden Staatsmannes. Die Motive, von denen Graf P rasch m a bei seinem Generalangriff gegen den Fürsten Bülow ausgegangen ist, sind zu d urch- s ichtig, als daß sie uns imponieren oder gefallen könnten, und wir vermissen auch noch die Beweise für so schwere Beschuldigungen, wie sie in Düren erhoben wurden. Und auch die Attacke, die in einem nationalliberalen Blatte gegen den Staatssekretär © Y d o/w geritten wurde und die von ultramontaner Seite, wie Wir positiv wissen fälschlicherweise, dem Abgeordneten Di-. Weber zugeschrieben wurde, hat kernes- wegs unseren Beifall. Bei den heutigen verworrenen Verhältnissen könnte Wohl kein Mensch mehr schaffen wie S y d o w, der sich mit höchstem Bemühen bestrebt, als Ressortminister feine Millionen zusammenzube- kommen. Wie es eben geht. Für das „Taktische", das „Diplomatische" dabei ist er doch nicht der verantwort- Ache Mann.
Wir trollen uns nicht aus persönliche Dmge ablenken und Nebenwege beschreiten, sondern ganz offen erklären, daß die Schwierigkeiten in den Dingen selbst begründet liegen. Diese Schwierigkeiten in der Blockpolitik bat der Abgeordnete D. Naumann in einem Artikel seiner „Hilfe" sehr gut herausgemeißelt, und wir schließen uns ihm im wesentlichen an, wenn er ausführt:
„Das ist die Krankheit des Blocks, daß er eine eigentliche Finanzpolitik bei verschiedener Wirtschaftsausfassung machen soll. Geld braucht sowohl das foxüsx'sütiüs. toie das liberale wie das sozialistische
ystem, aber eine Finanzreform muß grundsätzlich auf eine--'' dieser Sr.steme bearünbet werden, wenn wir nichr zur bloßen F"l i ck s ch ust e r ei herabsinken wollen. Da es nun jetzt im Deutschen Reiche erne liberale oder sozialistische Regierungsmehrheit nicht gibt, so kann es beim gegenwärtigen Zustand keine anderc Finanzpolitik geben als erne konservative. Das zeigt sich ganz deutlich in den bisherigen Kommissions- Verhandlungen über Tabaksteuer, Viersteuer und Spiritussteuer. In allen diesen Fragen gibt es eine ko ns erbat iv-kle rikale Majorität, und es sind nicht finanzpolitische, sondern nur parteipolitische Gesichtspunkte, wenn man diese sozusagen natürliche Mehrbeit als nicht vorhanden betrachtet."
Eine liberale F i n a st z m eh r h ei t kann nur nach und durch eine Reichstag.sauflösung entstehen. Aber dann hapert es wieder an den Sozial- demokraten, die die positive Mitwirkung versagen. „Aber einnial muß die Sozialdemokratie doch", meint N a u m a n n, „ihren Anhängern den Übergang zur Mitverantwortlichkeit zumuten, und eine Regierung, die mit Ernst und Überzeugung eine liberale Finanzpolitik will, könnte sie schon jetzt zwingen, diesen Übergang zu vollziehen. Das aber tut Bülow liicht. Dazu sitzt'er nicht fest genug, und für diesen Sturm hat er nicht mehr die Kräfte." Ganz offen betont Naumann, daß die für Blocktaten notwendige starke politische G e me i n s ä m r e i t iin Block nicht vorhanden ist uirü der Block uns daher politisch nichts Großes mehr bieten kann. Dem Zentrum bereiten wir den größten Gefallen, wenn wir ihm jetzt die Finanzverantwortnng abnehmen. Schließlich wird sich die Aussichtslosigkeit der Versuche einer liberal-konservativen Spiritus-, Tabak- und Biergesetz- gebung zeigen: „Wir sind bei diesen Versuchen in Gefahr, die schwersten Zugeständnisse zu machen, ohne damit etwas zu erreichen, ioas wir selbst vor uns und anderen Leuten vertreten möchten."
Zu diesen Ausführungen bemerkt die „Liberale Korrespondenz": „Die Ausführungen Staumanns werden im Lande befreiend wirken. In allen post- t i v gerichteten Kreisen des Freisinns war die Blockidee mehr oder minder freundlich begrüßt worden, weil man die Mitwirkung an den Staatsgeschäften, die Erringung liberaler Fortschritte allenthalben ersehnte. Aber es ist doch allgemach die Überzeugung gewachsen, daß angesichts der parlamentarischen Machtverhältnisse dem Freisinn der Fortbestand der bisherigen Politik eine Einbuße an innerer Kraft und Geschlossenheit bringen konnte, der er sich im Interesse des Liberalismus nicht aussetzen darf."
Mriftrrlehrr oder FehrmerlWtLen?
Zur Frage der Lehrlings-Ausbildung.
Zur Osterzeit herlassen Tausende junger Burschen die Schulen und treten als gewerbliche Lehrlinge in das Leben hinaus und kann die Gesamtheit der Lehr- linge, die in gewerblichen Berufen tätig sind, ans annähernd eine Million eingeschätzt werden. Von einer guten Ausbildung aller dieser jungen Leute hängt nicht nur das spätere Fortkommen der einzelnen an, sondern auch die fernere Entwickelung von Gewerbe und Industrie. Die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt ist zu einem großen Teil davon abhängig, ob es gelingt, den Nachwuchs der qualifizierten Arbeiter und Handwerker _ entsprechend Öen allgemein erhöhten Anforderungen in bezug aut Leistungsfähigkeit und Geschicklichkeit auszubilden. In den vergangenen Jahrzehnten toaren manche Kreise geneigt, der Frage der gewerblichen Lehrlingsausbildung eine geringe Bedeutung beizumessen. Es wurde eben vielfach angenommen, daß die Technik in immer größerem Umfange die Verwendung von ungelernten Arbeitskräften gestatten ivürde, so daß schließlich die Erlernung einer Tätigkeit in einer jahrelangen Lehrzeit überflüssig werden muß. Diese durch die technischen Fortschritte mögliche Ausschaltung der gelernten Arbeitskräfte tritt zwar häufig ein, aus der anderen Seite wird aber auch sehr oft durch Aufstellung von Maschinen und durch technische Einrichtungen der Bedarf an qualifizierten Arbeitern ganz wesentlich erhöht, und gerade während der letzten günstigen Geschäftsperiode kamen von allen Seiten und aus allen Industriezweigen Klagen über einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Die Klagen über eine zu geringe Zahl der gelernten Arbeiter sind nach Eintritt der jetzigen wirtschaftlichen Depression verstummt, dagegen aber bestehen noch immer Klagen über die zu geringe Leistungsfähigkeit so vieler Arbeitskräfte. Diese geringe Leistungsfähigkeit aber hat meistenteils ihren Grund in einer zu schlechten Ausbildung während der Lehrzeit. Auch dort, wo eigentlich nicht van einer Lehrlingszüchterei gesprochen werden rann, er- I
halten die gewerblichen Arbeiter meistens nicht die Ausbildung,' die später in anderen Betrieben gefordert wird. Zu einem wesentlichen Teil liegt das Mißverhältnis zwischen der wirklichen Ausbildung und den Anforderungen, die nach der Lehrzeit gestellt werden, schon in der Art der Lehrlingsausbildung. Der größte Teil der qualifizierten Arbeiter wird in den Großbetrieben beschäftigt, dagegen werden die Lehrlinge zum überwiegenden Teil in den Kleinbetrieben herangezogen. Selbst beim besten Willen kann aber der kleine Handwerksmeister die Lehrlinge nicht so auS- bilden. daß sie nach der Lehrzeit gleich als qualifizierte Arbeiter in Großbetrieben als voll leistungsfähig verwendet werden können. Vielfach macht der Handwerksmeister nur Teilarbeit, ihm fehlt es an den neuzeitlichen Maschinen, das übrige Handwerkszeug ist nicht gut imstande, der Lehrling wird also nach Ar- beitsrnethodcn ausgebildet, die in den Großbetrieben und zum größten Teil auch schon in den mittleren Betrieben längst veraltet sind. . So kommt es, daß die meisten Lehrlinge, die in einem Kleinbetrieb gelernt haben, bei Eintritt in einen Großbetrieb noch einmal umlernen, sich ganz andere Arbeitsmethoden ange«, wöhnen müssen. Es ist deshalb notwendig, daß für den Großbetrieb, wie für alle Unternehmungen, ixi denen der Maschinenbetrieb in großem Umfange Eingang gefunden hat, eine besondere Lehrlingsausbildung geschaffen wird. In ganz großen Betrieben kann diese Ausbildung durch stusenmäßige Anweisung innerhalb des Betriebes selbst unternommen werden, für drä anderen Betriebe aber und besonders für Betriebe, rn denen an die Leistungsfähigkeit der Arbeiter besonders große Anforderungen gestellt werden, ist die Einrichtung von Lehrwerkstätten ein Ziel, das immer. notwendiger werden wird. In einigen Berufen tote in' den Bauberufen wird die Einrichtung von Lehrwerk-, statten nicht möglich sein, in diesen Berufen kommt hauptsächlich die Errichtung von Fachschulen in Be- tracht, in den meisten anderen Berufen aber wurde dm Einrichtung von Lehrwerkstätten sehr günstig aus die Leistungsfähigkeit unseres gewerblichen Nachwuchses einwirken.
Daß die Mangelhaftigkeit der Ausbildung in den gewerblichen Berufen auch schon den Regierungen bekannt ist, zeigt so manche Verfügung der letzten Fahre und die „Sozialpolitische Rundschau" erinnert daran, daß der preußische Handelsminister Möller schon vor vier Jahren aus einer Versammlung die Reformbedürftigkeit der Meisterlehre zugegeben hat. Herr Möller sagte damals auf einer Zusammenkunft in Osnabrück: „Ich glaube, in mancher unserer Großstädte werden wir in nicht allzu langer Zeit vor die Frage gestellt werden, wie wir zukünftig die Lehrlinge ausbilden sollen, ob sie noch überall bei den Meistern ausgebildet werden können wie seither, in guter bürgerlicher Weise, gewissermaßen als Mitglieder der Familie. Aber in den Großstädten ist vielfach , diese Verbindung verloren gegangen und da werden wir hie Lehrlingsausbildung nach mancher Richtung hm vrel- leicht schulmäßig gestalten müssen, rndem wir dm Lehrlinge in Musterwerkstätten in die Lehre gehen lassen." In einzelnen Betrieben sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern bestehen solche Lehr- oder Musterwerkstätten bereits, doch ohne bisher eine große Nachahmung zu finden. Am besten haben sich dre Lehrwerkstätten bei der preußischen Eisenbahnverwal- tung bewährt. In diesen Lehrwerkstätten werden Repara- turarbeiten angefertigt, an denen eine Ausbildung möglich ist und ebenso auch je nach der Zeit der Ausbildung leichte oder schwerere Neuarbeiterr. Von der vierjährigen Lehrzeit, die die qualifizierten Arberter bei der preußischen.Eisenbahnverwaltung durchmachen müssen, verbringen sie volle zwei Jahre in den Lehr- Werkstätten und erst nach dieser Zeit werden dre Lehr- singe in anderen Betrieben beschäftrgt. ^n der Lehr» Werkstätte kann dieUnterweisung in viel vollkommenerer Weise geschehen als. in der Einzelwerkstätte. Da hiev gleich eine größere Anzahl angeleitet wird, so kann das Rohmaterial, das zur Unterweisung und zu^>er- suchen nötig ist, viel besser ausgenutzt werden, Werk- zeug und Maschinen können immer aus dem neuesten Stand erhalten werden und es läßt sich auch leichter zu bestimmten Zwecken ein Zusammenarbeiten ermöglichen Und nicht nur für die Großbetriebe ist die Er- richtung von Lehrwerkstätten empfehlenswert, auch für viele Zweige des Handwerks müßten Lehrwerkstätten eine Erhöhung der Leistungsfähigkeit bringen. Von einer Steigerung der Qualität unserer Waren hängt hauptsächlich die weitere Gestaltung unseres Exportes ab: nur wenn Deutschland immer mehr darnach, trachtet, die Qualität seiner Ausfuhrartikel zu steigern, kann es hoffen, über billiger produzierende Völker zu siegen. Zu einer Verbesserung der Qualität unserer: Jndustrieerzeugnisse können aber die Lehrwerkstätten an Stelle der Meisterlebre manckeA beitragen«
