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Nr. »».
Wiesbaden, Dienstag, S. März ISO».
57. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Die Fee und der Merallsrrms.
In -der Finait-zreformfrage herricht ein Wirrwarr, wie man ihn sich schilimmer gar nicht denken kann. Kaum fand Las Kompromiß in der KommrWon Mehrheit, wenn auch nur eine schwache, da wollte sich niemand mehr so recht AU Len: Wechfelbalg bekennen. Die Konservative» erklärten: wir sind in der Mehrheit dagegen. Der Krrndesrat ließ sich vernehmen, Latz er die Antastung der Finanzhohcit der Einzelstaaten nicht SulScn könnte. Bei Len Freisinnigen machte hauptsächlich die P r es s e mobil. Die K a tz e n j a m in e r st i m m u n g -war allgemein.
Das einzige, was gewonnen ist, sind ein paar Wochen Zeit. Die indirekten Steuern können zunächst durchöeraten werden. Aber da die BerhanS'lung über die Besitzlstener so nubefricdigenL ausgefallen ist, so herrscht eine allgemeine Unlust auch bei der Beratung -er indirekten Steuern. Bei der Tabaksteuer hat z. B. keine Fraktion Lust sich die Finger zu verbrenuon. Tie Branntweinsteuer ist für die Ltberaken ziemlich uuau- uehmbar. Bei der Biersteuer ivevüen die Liberalen ebenfalls von -den Interessenten anfgehetzt. keine Zugeständnisse zu machen. Kurz, die Sydow'sckie Nnanzreform nimmt noch einen viel kläglicheren Verlauf als die Stengelsche.
Der Reichskanzler selbst hat vollständig die Zügel verloren. Er läßt das Sch Mein treiben und liefert sich den steuer,politischen Launen einzelner Fraktions- führer ans. Man kann fast 'sagen: ans dem Dache sitzt ein Greis, der sich nicht zu helfen weiß. Die jetzigen Finanzberatungen gleichen im Augenblick fast aufs Haar denen in der schlimmster» Zeit des Niederganges Deutschlands im 18. Jahrhundert.
Fürst Bülom scheint zu -glauben, daß, wenn die Reform immer mehr verschandelt wird, nicht er, sondern, wie im Falle Stengel, nur Sydow ansgeschifst -wird. Darin dn'rite er sich -aber doch wohl täuschen. Das -z-weitemäl kommt er nicht ungestraft davon. Der Kaiser hat am 24. Juni in Hamburg ausdrücklich erklärt: „Das Hambüvgifche Blut, das in den Adern unseres hochver- Ähr'ten und ans-g-ezcichneten Kanzlers fließt, wird Ihnen qaranti-evell, daß der Aufbau für die Finanzreform rationell, gesund und für das Reich zweckdienlich sein wird." Also Bülom und die Finanzreform sind eins-.
Der Kanzler hofft nun tatsächlich noch die N a ch - laßsteuer oder Erbauf allst« u-er durchzu- bringen. Man weiß das ans den Verhandlnngen, -die die' Freisinnigen dieser Tage mit ihm geführt halben. Sonü könnte man es wahrHafttg nicht erraten, d-cnn leine Politik ist wahrlich widerspruchsvoller als die der S°' ben Bülom hofft in den nächsten Wochen die Konservativen zu überzeugen, daß die Bcsitzstenern auf dein Wege des Gamp-Ahr-endschen Kompromisses nicht gut durchführbar sind, und daß man deshalb auf di- Besteuerung der Hinterlassenschaft znrnLkommcn müsse. M»sr halten das zwar für eine unerhörte Berti a n e n s s e l ig k-e i t ; -doch ist sie tatsächlich vorhanden. , - _
Noch unerklärlicher aber ist das Verhalten der L i b -e r a l -e n. Sie hatten eine ausgezeichnete Stellung. Si-e standen fest auf dem Reg-i-erungsbod-en der Nachlatz- stsner. Da begaben sie sich auf die schiefe Ebene, des Antrags Ga mp. Weshalb? L-odig-lich -aus Bülom s Wunsch. Weil er ihnen sagte, ich hoffe, Zeit zu gewinnen und die Konservativen noch für die Nachlatzst-encr einzufan-g-en. Diese Tatsache st e h t -fest. Bülows Einfluß -auf die Liberalen ist geradezu feenhaft. Man muß n-invillkürlich an die Fee und den Fischer denken. Sie sprach ait ihm, sie sang zu ihm, da war's um ihn geschch'n. Halb zog sie ihn, halb sank er hin.
Toni deutschen Bnvgerlum fehlt es am Mark, nnjbent Gefühl, daß gerade das Bürgertum eigentlich den Staat repräsentieren und daß deshalb das -ganze -L-taatAwcsen sich um 'seine Wünsche drehen mutz wie die Tür -um die Angel. Die sind die Herren im Staat, und die llkcgie- rung hat z-n ihnen zu kommen, nicht umgekehrt. Solch Gefühl besitzen im Bürgertum höchstens die rhei-nifch- westsälischen Jnduistrielleu. Sic steheil ans dein -«tand- punkte wie der selig« Diest-Daber: Die Minister können uns sonst was! In ihrem Bereich lassen sie keine so jämmerliche Schreiberseele, wie einen Minister, hinein- rod-en. Als Herren von Kohlen und Eisen wissen sie, daß sie 'die Grundlagen des moü-crncn Staates schaffen, während die Minister höchstens A k t e n st a n b schlucken. Was im Reichstag ans den Banken der Freisinnigen sitzt, ist sich viel zu sehr seiner Geringfügigkeit und Beden- tiingslosigkeit bewußt. Das verstirbt in Ehrfurcht vor einem bunten Mrnisterfrack, vevgeht in Wonne vor einem Ordensbäudchen und ist selig, wenn das Wörtchen „von" ihm auch einen Schein von dem Abglanze der ZVdÄMlafse zwwirft. Von jeher haben deshalb im Parlament liberale Prästdent-on von Forckeubeck an -die Miui'sterbank viel eihrfürch-i-gcr und cutgegerrkommender behandelt als konservative. Noch Heute ist Herr v. Kröcher ein Präsident, der viel weniger nach Hem Wort handelt: nach -oben nickt er und nach unten drückt er, als Herr Kaempf.
Da stlvd die Junker Leute von ganz anderem Schlage. Trotzdem sie -nur noch ein zehrendes Element km Staate sind, größtenteils nur noch -mit staatlicher Armennntcostützung durch Zölle vor dem allgemeinen Bankrott bewahrt werden — welches 'Selbstbewußtsein lurd welcher Stolz bei diesem heruntergetom-m-enen Landadel! Sie halten sich nicht mir für die ersten im Staate, sondern sie glauben, es wäre viel besser, wenn alle -anderen Bevufsklassen im Staate nnter-giugen und sie allein blieben. Industrie und Handel sind fa fchnld, Latz sic i-n die zweite Linie gedrängt werden sollen. Den Junkern wäre wohl er, die alte Zeit käme wieder, wo sie allein den Staat bedeuteten.
Wie okt hat die „Krenzzeitung" erklärt, uns steht -Preußen viel Höher als des Reich! Mag -das Reich die Steuern -noch so nötig brauchen, und mag die Nachlahsteiuer noch so brauchbar sein, ntza-a darüber die ganze Steuerreform zum Ten-scl gehen, sie schädigt den adligen Familiensinn und Fämilienstolz, und somit ist sie-gerichtet. Da gibt es kein Kompromiß, da mag Bülow 'fallen und wenn er noch so agrarische Politik gotrieben hat und im deutschen Landwirlscha-ftsrat noch so liebevoll
girrt. ^ . .
Die Freisinnigen hat Bülow stets vor den Kopf gc-
FeniUeton.
Gustaf af Geijerstam.
Der Tod hat den großen nordischen Erzähler Gustaf af Geijerstam mitten aus dem Schaffen seiner gereiften Mannesjahre hinweggerissen. Uns Deutsche!: war dieser schwedische Dichter so nahe vertraut und so lieb geworden, daß wir ihn wohl zu den Unseren rechnen mochten. Sein Meisterwerk., der wundervoll klagende Sang vom „Brüderchen", traf mit seiner tiefen Todes- sehnsucht und seiner melancholischen Seelenlyrik auf verwandte Seiten unsers deutschen Fuhlens: neben
Hermann Bang erschien er als der berufenste Erbe jener hohen künstlerischen Tradition des Romans, die Jonas Sie begründet und zurückgelassen. Geijerstams Dichtung führte ihn tief und immer stiefer hinein in die Labyrinthe und Dunkelheiten der Seele; ganz nach innen, zu den dunklen Pforten des Unbewußten und kaum'Geahnten führte ihn sein Pfad. So ist er zu dem Poeten des Todes und der Ewigkeit geworden, zu dem Gestalter lener lautlosey geheimen Kämpfe, die orausamer und guälender sind als alles körperliche Leiden zum Verkünder jener schweigenden Stimmen der Menschenbrust, die die Rätsel des Lebens erzählen, zum schilderen der Abgründe, die sich jäh im Gemüt auftun und durch die Herzen auf ewig gefchieden werden.
,2er Kampf der Seelen" ist der Titel eines ferner Romane, und solch aufreibende, in lautloser Stille^ erbarmungslos geführte Seelenkämpfe bilden den Stoff
I seiner ergreifendsten Erzählungen. Wie auf Bildern nordischer Maler, die ihm in der Stimmung verwandt sind, besonders Hammerhois. sind seine Menschen von dem gespenstischen Helldunkel eines ganz iu sich ge- kehrtenTräumens umspielt; sie leben und lieben Ustam- ntert, aber in seinem Innern trägt jeder sein Heiligstes selbst, das den: anderen fremd ist, und plötzlich merken sie, daß sie allein stehen, weltenfern von km, der ihnen am nächsten war, und mit verzweifelter Sehnsucht strebe!: sie, Brücken zil schlagen über die Klüfte des
Innern und können einander doch nie finden und trauern und sterben . . . Sie haben alle „einen kranken Punkt, der nach innen blutet."
In einer langen Entwicklung hat sich Geijerstam zu dieser Verinnerlichung, zu dieser nur in dem Zwischcn- reick des Gefühls sich entfaltenden Psychologie dnrchge- rungen, loie sie im „Buch vonr Brüderchen, in „Frauenmacht", in den „Brüdern Merk" lebt. Als strenger Realist hat er mit Bauernnovellen, nut streng realistischer Wirklichkcitsbeobachtung begonnen und dann einen Weltanschauungsroman in seinem Jngend- werk „Erik Grane" zu geben versucht. Das Studenten- lcben in Upsala, das hier in breiter: Zügen entrollt wird, spiegelt die eigenen Erlebnisse des Verfassers, dci: es schon früh zu autobiographischen Bekenntnissen drängte. -Obgleich das Buch eine bittere Anklage gegen die Jugenderziehung ist und sich zu pathetischen Ten- denzreden aufschwingt, waltet doch im Grunde ein opt:- mistisches Weltbetrachte:: vor, der Held lernt :n eurem freien Naturleben und in einer Durchschmttsehc „das Werktagsleben ertragen, ohne zu verkrüppeln. Es
stoßen. Er hat stets gegen sie Politik gemacht, oft in svhr 'schroffer Forn:. Wenn er aber in -Not ist >un>d -ruft, La können sie Lcr Sirenenstimme rricht widerstehe::. All lihre Grundsätze, all ihre Reputation sinken -ihnen -in <bi« Hofen, wenn ihnen Bülow die Wangen streichelt. ?lls im vorigen Jahre Rr. M üller - Meiningen in -der Fraktionsisitzun-g die Freisinnigen zur Nachgiebigkeit bezüglich des S p r -a ch e:: p a r-a g r a p h e n nHerrc'deie, La' hat er fast Tränen vergossen, so rühreüd hat er Bülows 'Wevb-en um öic Freisinnigen ge-schilLert, so w-ch- mutsvoll wußte -er 'die flch-en'Len Blicke Bnlcws wieder- zi:gelben, -die Bülow u-lller L-em Bilde Wilhelms II. ans ilst: gerichtet hatte.
-Die Herren -F-r-eisinnig-en find eher: Sen Verkehr ->m-t Minister!: nicht gowöHnt. Sie seihen in i-hnci: wer weiß was für obrigkeitliche Organe, die sie -nicht im Stich lassen dürfen. Bedi-entenhastigk-eit, Lakaienhafirgkeit! nennt man solches Verhalten. Ehe 'das nicht gründlich aus allen Herzens'k-anunern des freisinnigen Bürgertums ansgesc-gt tvoridcn ist, eher erhalten wir in DeirtschlaNd keii: nroldernes Staatswef-cn: Es mag sein, Saß in der SozialSemokrat'i-c das AvLeitcrprotzentnm ouvas zu sehr ausg-eprägt ist, Saß man 'dort zn viel verlangt, daß die Welt vom St-andpunk-t Ser Arbeiter'bluse regiert werden muß. Aber es ist -die -Nainrltch-e Reaktion Sem Junker gegenüber. Wann wivd auch das B ür-ge r t u -m lernen: Der Staat, das bin ich!?
Uolttische Uberftcht.
Dev pttttserbischr Komplottpv»xeß.
IN. A g r a m , 5. März.
Ein gelegentlicher Mitarbeiter schreibt uns: Da
draußen in der Welt hat man schon fast ganz vergessen, daß sich hier eine kleine Episode ii: den: stillet:, aber erbitterten Kampfe der S ü d s l a w e n gegen die Donaumonarchie ihrem vorläufigen Ende z::- neigt: Dreiundfünfzig Angeklagte stehen heute, ::ach einer ungemein langwierigen und mühevollen Vor- untersuchung, vor de>: Schranket: des Gerichtes, um sich wegen Hochverrates zu verantworten. Wann und wie der Prozeß endigen wird, ist gar nicht voraus^ zuberechnen, interessant aber ist schon die Art, wie die Verhandlung eingeleitet wurde. Der Präsident Tara- bochia war bereits bei der Kartenausgabe tlngeheucr zurückhaltend und wählerisch gewesen. Trotzdem fand er es noch für notwendig, sofort bei Eröffmmg der Verhandlung den Pressevertreteri: eiiw Warnnngsrede zu halten: cs sei ein offizieller Stenograph c u- die n st organisiert lvorden und man werde dre Zeitungsberichte an der Hand dieser Steno- g r a m m e prüfen. Sobald man dabei irgendwo auf tendenziöse Berichterstattung stoße, werde er dem betreffenden Journalisten die Einlaßkarte entziehet:. — Ob eine derartig scharfe Sprache angebracht ist, bleibe dahingestellt, denn hier platzen die natw- nalen Gegensätze so mlfeinander, daß der Verdacht der Tendenzmache vielleicht nicht allzuferu liegt.. Drei der Verteidiger wurden sofort abgeleh>:t, der en:e (Abgeordneter Stojanowitsch), weil er des gleichen Ver- brechens angeklagt ist wie die Beschuldigten, dre berden
lebt eine resolute, ja burschikos humorvolle Art i\t Geijerstam, dem wir einige seiner prächtigsten Jugendwerke verdanken. Die sinnlich kraftvolle Fren.de am Formen der Umwelt brach in ihm durch und wurde in einer eigenen glücklichen Ehe gekräftigt. In dem Roman „Aus der letzten Schäre" gibt er 2-zet:et: aus den: Leben der Fischer, sich leicht am Strindberg anlehnend; die zähe in der Natur wurzelnde Originalität des Bauern stellt er in anschaulichen Novellen hin; von seinen beiden Söhnen erzählt er drollige Bubenstreichs in einer Sommergeschichte voll Leben und Som:e, „Meine Jungest". Aber allmählich tritt der heiters Lebens- und Sinnenmensch immer mehr zurtick gegei: den Grübler und Träumer, der alle Möglichkeiten des eigenen Seins durchlebet: niöchte, der schon iu dein Erstlingsroman nach einem allseitigen Welterfassen ge- rungen; Mit dein 1895 erschienenen Werke „Das Haupt der Medusa" bat Geijerstam den großen Schritt zirr Begründung seiner ureigensten Kunst getai:; er . hat dies selbst anerkannt, indem er in: vorigen Jahr diesen Roman u: einer sorgfältige!: Umarbeitung als ein Ge» detckbnch zu seinem 50. Geburtstag herausgab.
In „Erik Grane" hatte der Sinnenmeiffch sich zum Lebensglück durchgcrnngen; im „Haupt der Medusa" erliegt , er trotz seines äußerlichen Sieges der Tragik des Idealisten, der an der Grausamkeit der Welt zugrunde geht. Das „Haupt der Medusa", das ist das Grauen und die Entsetzlichkeit des Lebens,^ bei deren Anblick das große fühlende Herz ztr Stein erstarrt, während der oberflächliche Metstch achtlos an dieset: furchtbaren Zügen vorbeieilt. Die langsame Verkch-
