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Nr. 10®.
Morgen - Ausgabe.
1. AZkcrtt.
SsnalpolLtischs Umschau.
— Anfang Mauz. —
Neben der Reichsfinanzreform beherrscht die große Arbeitslosigkeit seit Wochen das öffentliche Interesse. Die Geschäfte gehen schlecht, die Lebensmittel sind teuer und der Winter ist lang. Man braucht nichts weiter hinzuzusügen, um die bedrückte Lage von Hunüerttausenden ehrenwerter Familien im Reich zu kennzeichnen. Es soll in Berlin allein über hunderttausend Arbeitslose geben. In fast allen Städten finden gegenwärtig Arbeitslose nzählungen statt, nicht so häufig hört man jedoch van ausreichenden Vorkehrungen gegen die Arbeitslosigkeit, von preckentsprechenden Notstandsarbeiten. Die Sozialpolitik der Gemeinden ist auch aus diesem Gebiet noch sehr verbesserungsbedürftig. Manche Verwaltungen denken an die Arbeitslosigkeit viel zu spät. Erst wenn die Not drängt, wollen sie Vorkehrungen treffen, die dann natürlich nur sehr mangelhaft sein können. Allerdings kann auch die beste soziale Vorbeugungspolitik der Gemeinden nicht jede Arbeitslosigkeit beseitigen. Sie wird immer erheblichen Ar- Leitergruppen machtlos gegenüberstehen. Aber man hors doch verlangen, daß die soziale Einsicht der Gemeinden auf diesem schwierigen Gebiete noch tu anderer Seife Rat zu schaffen weiß, als lediglich die Arbeitslosen mit Erdarüeiten, Steineklopsen, Holzhacken und dergleichen zu beschäftigen.
Auch die S t a a t s r e g i e r u n g e n können durch erne kluge vorbeugende Sozialpolitik viel Massenelend verhüten oder doch lindern. Das ist keine Utopie. Aber allerdings muß man zur Erreichung dieses Zieles andere Wege einschlagen, als sie unsere heutige Negierungskunst verfolgt. Auf diesen Wegen darf sich nicht eine Steuerpolitik befanden, die alle wesentlichen Gebrauchsgegenstände und besonders die Lebensmittel verteuert, die den Konsum gerade der Bedürftigen stark belastet, die für i'eden neuen großen Geldbedarf nach neuen Steuer- äuellen sucht, ohne seine Berechtigung zu prüfen, ohne vorurteilslos und gerecht zu untersuchen, ob denn ielbst die gewaltigsten Anforderungen an die Steuer- krast wirklich notwendig sind, das heißt im Interesse des allgemeinen Wohles liegen. Statt nach --euen Steuern sollte man sehr vernehmlich nach Sparsamkeit rufen; nach Sparsamkeit nicht für Kulturaufgaben, sondern für endlose Kriegsrüstungen, die das beste Mark unseres Volkes aufzehren. In dem Augenblick, wo die starke Mehrheit des deutschen Volkes ernstlich und mit dauerndem Nachdruck Ersparnisse durch Abrüstungen verlangt und nicht abläßt, bis -, e in einem erheblichen Umfange durchgesetzt sind, werden wir im Reich und in den Einzelstaaten alle unsere
FerMeLom.
(Nachdruck verboten,)
Berliner Sthnmung$MI6er.
Von Paul Lmdcnberg.
Berlin im Schnee. — Die Berliner räfamtiere«., — Alles ,- t0 cft! — „Genug davon!" — Gesellschaftliche Abspannung. - Das Ballfest der Bühnengenossenschaft. — Die armen Künstlerinnen! — Im Eispalast. — Kronprinzens auf der Eisbahn. — Die Ausstellung von Neuerwerbungen aus Ost- und Zentral-Asien im Kunstgewerbemuseum. — Die Ergebnisse 'der Afrika-Expedition des Herzogs 'Adolf Friedrich zu Mecklenburg.
Berlin im Schnee -ein recht kostspieliges
Ausstattungsstück ist's. das zudem der Mehrzahl der Zuschauer keine Freude macht. In Berlin wird ja immer viel räsonniert, aber seit langem wohl nicht so oiel. wie in den letzten beiden Tagen und zum Teil auch Nächten, denn fast 48 Stunden hindurch schüttete Frau Holle ihre allem Anschein nach sehr umfangreichen und einer Lüftung dringend bedürftigen Betten über die Reichshauptstadt aus und hüllte letztere in ein friedliches Unschnldsgewand, das ja dem steinernen Koloß sehr kleidsam ist, das er aber bei dem in ihm wogenden bekannten Sündenpfuhl kaum recht verdient! Herrsch, wie wurde überall gewettert über das Wetter, denn nichts kann den Großstädter mehr erbosen, als wenn man sein Fortkommen hindert, er hat doch eben so'ne strebsame Natur! Und wenn er auch in den Bureaus und Geschäftsräumen eine Schnecke erröten macht ob seiner pomadigenLangsamkeit, aus derStraße hat er's stets eilig und hastet dahin, als ob jede seiner Minuten für die allgemeine Menschheit von größter Kostbarkeit und Wichtigkeit wäre. Mit dein „Hasten" war es nun aber nichts in diesen letzten Tagen, der
Wiesbaden, Samstag, 6. März ISttS.
Geldsorgen los sein und der internationale Friede wird mehr als heute aus sicheren Füßen stehen. Dre Steuerschraube für Rüstungszwecke kann doch nicht bis an das Ende aller Dinge gedreht werden, es m u ß doch endlich einmal ein Stillstand eintreten. Unser Rationalwohlftand wächst doch nicht in das ungemessene, und wenn er zunimmt, so ist es doch ein tägliches Kulturergebnis, das Mehr zu einem sehr wesentlichen Teile für Kriegsrüstungen zu verwenden, statt für die Förderung der idealen Ausgaben unseres Volkes. ' , .
Derartige Betrachtungen drängen sich gebieterffch aus in Tagen, in denen mit ganz besonderem Eifer nach neueil Steuerguellen gesucht und abermals eine Belastung der breiten M a s s e durch, Kohlensteuer und Erhöhung des Kaffeezolles erwogen wird; in denen kein Geld da ist für die Einführung der bei Belastung der ärmeren Bevölkerung durch erhebliche Lebensmittelzölle ihr versprochenen Witwen- und W a i s e n v e r s i ch e r u n g; in Tagen, in denen dre bei derselben Gelegenheit versprochene Aufhebung der indirekten Gemeindeabgaben auf Lebens- inittel noch eine Reihe von Jahren hinausgeschoben werden soll; allerdings nur, wenn der Reichstag den Forderungen dieser Gemeinden zustimmt. Auch die Finanznot der Städte und Einzelstaaten hängt mit der Finanznot des Reiches eng zusammen. Das Reich drückt durch" die Matrikularbeiträge auf die Einzel- staaten. diese überlassen in ihrer Geldklemme den Gemeinden Ausgaben, die der Staat ausführerr oder doch .mehr unterstützen sollte, als es unter den heutigen Verhältnissen geschehen kann. So spürt man die im wesentlichen durch den übermäßig hohen Militäretat veranlaßte Reichsfinanznot auch bis in die Steuerkanäle der Gemeinde-Verwaltungen, wo sie gleichfalls häufig unsozial wirkt.
Hinter den Erwägungen, wie man aus der Finanz- not des Reiches und der deutschen Einzelstaaten sowie der einzelnen Gemeinden herauskommen und die schlimme Lage der unbemittelten Volksklassen verbessern soll, treten heute alle anderen Erörterungen zurück. Selbst die eindrucksvollen und für unsere sozialen Zustände recht bemerkenswerten Verhandlungen des^ Allgemeinen deutschen Bergarbeiterkongresses rn Berlin vermochten die Aufmerksamkeit nur für einige Tage zu fesseln; ebenso die Besprechung der Bergarbeiterfrage im Reichstag _ und im _ preußischen Abgeordnetenhause. Die preußische Regierung will bekanntlich wie andere Bundesregierungen von einem Reichsberggesetz nichts wissen; aber sie hat die Ern- führung von Arbeiterkontrolleuren zugesagt und, wie jetzt bekannt wird, soll sie auch damit einverstanden sein, daß diese ganz unabhängig von den Werksbesitzern gestellt werden, was von vielen dieser Unternehmer gleichfalls, von den Bergleuten ganz allgemein gewünscht wird. Vielleicht werden durch dieses Entgegenkommen die scharfen Gegensätze etwas gemildert, die namentlich im deutschen Bergbau zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bestehen.
! ganze Verkehr stockte, trotzdem 10 OOO^Schneeschaufler, angestellt waren, konnte doch nur ein Teil der Hauptstraßen in winzigem Matze gesäubert werden und auch nur ganz vorübergehend, denn unaufhörlich wirbelten die Flocken herab, viele Straßenbahnlinien waren überhaupt nicht _ im Betrieb, die Droschkenkutscher und -Pferde streikten, überall entstanden Stockungen, Zeitungen und Briefe wurden verspätet ausgetragen, aus die Frühstückssemmeln wartete man vergeblich, aber sieh' da, wie cs in einem echten und rechten Ausstattungsstück nötig ist, geschah ein Wunder: bim-bim, bün-bim, hell klangen die Glöckchen an altertümlichen Mietsschlitten, die plötzlich nicht nur an dasTages- und Laternenlicht sondern auch zu Ehren gelangten und int Nu zu hohen Preisen genommen wurden. Besorgt fragt man sich aber, ob diese ungeheuren Schneemassen, die ja nicht bloß über Berlin niedergegangen, nicht neue Überschwemmungen zur Folge haben werden, wir haben hinlänglich genug davon! —
„©einig davo n" — die beiden Wörtchen werde:: jetzt hier häufig mit ermatteter Stimme und müdem Augenblinzeln ausgesprochen. Genug der Feste und Vergnügungen — ihr Matz war wieder 'mal geschüttelt voll! In den Gesellschaftskreisen hat sich allgemeine Abspannung eingestellt, was nicht verwunderlich ist, denn im Gegensatz zu London und Paris verteilt sich bei uns die Saison ans zwei Monate,. Januar und Februar, und es ist erstaunlich, !vas in diesen acht Wochen in geselliger Hinsicht geleistet werden soll und geleistet wird. Die großen öffentlichen Bälle schlossen mit dem Ba11sest der B ü hnengeno s s e n - schast in der Philharmonie ab, leider zeigte sich auch hier derZwiespalt zwischenDirektoren und Mitgliedern der Theater, erstere fehlten iast ganz und ebenso die Anaehörigen unserer Königlichen Bühnen, auch , die
57 . Jahrgang.
Auf dem Gebiet der Arbeitskämpfe hat in den letz- ten Wochen besonders der Konflikt der Ä r z t e rn Cöln mit der dortigen Krankenkasse die Beachtung aus sich gezogen. Es ist ein Kamps, der ähnlich geführt wird wie der noch in frischer Erinnerung stehende Lerp- ziger Ärztestreik. Hier ist nicht der Ort, dre Schuldsrage näher zu untersuchen; aber es verdrerrt Er- wähnung, daß der Staatssekretär v. B e t h m a n tt 8 Hollweg in seiner Antwort auf eine Zuschrrft des Leipziger Verbandes der deutschen Ärzte davor warnt, dem Streik nrit den Krankenkassen eine Schärfe zu gebeut „die dtp ideale Berufsauffassung trübt und nicht nur für die Allgemeinheit sondern auch für ^ den ärztlichen Stand ernste Gefahren heraufbeschwören
kann. . a
Zu erwähnen ist noch, daß rm preußrschen Kultus- Ministerium eine neue Anleitung für das Knaben- tumen ausgearbeitet ist, durch die auch für Orte mtt einfachen Schulverhältnissen ein anregender und wirksamer Turnunterricht ermöglicht werden soll; erne rm Interesse der V o l k s g e s u n d h ei t zu begrüßende Maßregel. .. ■ ,
In der englischen Thronrede sind dre Gewerkverems aufgesordert, die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit und Invalidität besser, zu organisieren. Zu dresem Zweck will ihnen der Staat Zuschüsse lersten. . Auch sozialpolitisch können wir, wie man sieht, noch immer
Deutsches jßeid}*
* Hof- und Personal-Nachrichten. Vorgestern mittag fand die Trauung des Prinzen Bernharo von Livpe mit Freiin C r am m - D r r'bnr a rn Oelber lBraunscbweig) statt. Prinz Bernhard trrtt rn Kolon rat- dienst, er. geht nach Südwestafrika.
* Die Branntweinsteuer. Nachdem der Abg. Weber
(nat.-lib.) in der vorgestrigen Sitzung des Finanzausschusses des Reichstags den Wunsch geäußert hat, den interessierenden «Kreisen die Möglichkeit zu gewähren. sich zu den Branntweinsteuervorschlägen zu äußern, genehmigte der Ausschuß gestern die Verösseni, lichnng des Berichts des Reserenteri Du. Weber. Dep Inhalt des Berichts ist etwa folgender: Überemstrm-
ulend war der Ausschuß der Ansicht, daß bei einen Steuererhöhung für den Spiritus als erner solchen dem Reiche 100 Millionen neuer Mittel zusließen sollen, daß ferner die unter der bisherigen Gesetzgebung bestehenden Produktionsverhältnisse nach Möglichkeit beizubehalten, zum mindesten aber zu schonen waren. Zur völligen Trennung der fiskalischen Aufbesserung des Reiches und der Ausbesserung des Gewerbes empfehle ich die Schaffung einer einheitlichen Verbrauchsabgabe auf der einen Seite und einer BetriebsauflagL auf der anderen, und zwar so, daß die Einnahmen in der ersteren lediglich dem Reiche, in der letzteren zur: Auszahlung von Denaturierungsprämien dem Brenne- reigewerbe zufließen sollen. Dadurch soll dem vorhandenen Differenzierungsbedürfnis Rechnung ge-
Literatur und bildende Kunst waren diesmal wenig vertreten, dafür glänzten — es soll manch' falscher und . . . . erborgter Glanz dabei gewesen sein — die „Sterne" der kleinen Theater und Varietäs mn so Heller. Aber nach ihren Gewandungen zu schließen, geht's diesen Damen und Dämchen recht schlecht, sie sparten erheblich am Stoff und man konnte in einzel- neu Fällen kann: noch von einem Kostüm sprechen. Herr, Dr. Pfeiffer, der süddeutsche Reichstagsabgeordnete, der sich so marrn inner- und außerhalb des Parlaments der Künstler und Künstlerinnen angenommen, hätte hier interessante Studien machen können, nicht nur daß in puncto’ Kostümierung eine Anzahl von Priesterin- nen (ei verflirt!) Thalias und Terpsichores nicht 'mal ihre Bloßen zu verhüllen vermochten, sondern daß sie auch eine tüchtige Frist gedarbt haben mußten, denn sonst hätten sie unmöglich mit solcher Hingebung und solchem Erfolg schmausen und bechern können, alldieweil es dorten geschehen! — Die Durst- und Hunger, künstlerin Elaire de Serval, die unter Aufbietung einer recht niedlicben Reklame sich gegenwärtig in unserer Charits einer gründlichen Enthaltsamkeitskur unter- zieht, hätte Ach und Weh geschrien ob dieser Schlemmerei und Champagnerei, falls nicht auch diesmal böse Sitten das gute Beispiel verdorben und Frau Clair- chen sich plötzlich mit einer knusprigen Poularde und einem rnndbäuchigen Fläschchen, gekrönt von schim- mernbcnt Silberkopf, angefreundet hätte.
Hört mählich bei uns der Tanz aus dem gleißenden Parkett auf, so wird er fröhlich fortgesetzt aus der blendenden Fläche im Eispalast. Ohne den letzteren läßt sich das moderne Berlin kaum noch denken, denn er hat das weitstädtische Vergnügungsprogramm ganz erheblich vermehrt und hat dem Eissport frischeste An- regung gegeben. Eine Mittagsstunde in der mächti-
