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Wiesbaden, Mittwoch, S. März ISO®.

57. Jahrgang.

Nr. i«3.

Morgen- KAsgabe.

1. Wkertt.

Jur EmMUZ Südasrikus.

Von Hans Grimm, Wiesbaden.

Am 12. Oktober waren es neun Jahre, daß ein Trupp Buren vom Kommando des Generals Delarey auf die Station Kraaipan zujagte, die mitten in der sonnenheißen Hochebene Betschuanalands liegt, an der Bahnlinie von Kimberley nach Mafeking. Von dem Bahnhofsgebäude fort glitt bei ihrem Näherkommen ein englischer Panzerzug, dessen Führer wohl kund­schaftete, aber doch nicht recht an Krieg glaubte. Er sollte schnell eines anderen belehrt werden. Mauser­kugeln pfiffen dem Zug nach, ein bißchen weiter und die Maschine entgleiste und die Buren nahmen das neue Panzerfahrzeug. Am Abend jenes Tages int Jahre 1899 riefen die Zeitungsjungen in London aus: Der Krieg beginnt im Ernst, die Buren feuerten den ersten Schuß!"

Am 12. Oktober 1908, neun in Europa schlecht ver­standene Jahre nach dem Anfang jenes Krieges, der sich heute noch weltweit fühlbar macht, halb Südafrika an den Bettelstab gebracht und dem Sieger nichts ge­nützt hat, stand der General Delarey zusammen mit Louis Botha, Christian Dewet, dem Expräsidenten Steyn, dem Exvizepräsidenten Schalk-Burger, den Generalen L>muts und Richter Hertzog, dem Dr. Jame- son und 23 anderen holländischen und englischen Süd­afrikanern, auch Deutschen, denn Träger deutscher Namen sind darunter als Teilnehmer, bei der Eröff­nungsversammlung derNational - Konvention" in Durban in der Kolonie Natal. ,Was der Traum jenes Cecil Rhodes gewesen ist, der weltenfern und einsam in den Matoppo-Bergen in Rhodesia schläft, und den nur politischer Mißerfolg aus einem afrikanischen Patrioten zum loyalen Engländer zurückverbildet hat, und was mehr wie ein Traum, was fast eine Religion des alten märkischen Bauernpräsidenten Paul Krüger war, der blind und müd und aller herbsten Bitternisse kundig im Elend starb, das sollten die dreißig Männer wahr machen. Züsammenschweißen sollten sie die vier autonomen Koloniestaaten von Südafrika, die alte Kapkolonie, Transvaal, Natal, die Oranjesluß-Kolonie, die früher schöner Freistaat hieß, zu einen: Staaten­bunde oder einem Einheitslande. Die Hauptarbeit haben sie getan, fett dem 9. Februar kennt die Mensch­heit den klugen und großen Verfassungsentwurf, auf Grund dessen ein frisches, einiges Volk in die Welt­geschichte eintreten soll.

Wenn man hineinsehen fömttc in das Denken und Grübeln der vier Richtungen, die b«i der neuen Staatenbildung beteiligt sind, man würde staunen, aus welch verschiedenen Wurzeln die gleiche Hoffnung ihre Nahrung ziehen kanit. Da sind einerseits die beiden alten Kriegsgegner, die doch aus dem Kriege nichts ge­lernt haben:

Die hassensstarken. Altburen, die den Einzelstaat suchen, um in ihm sich als erwähltes Volk, dem von Rechts- und Gotteswegen doch ganz Südafrika gehört, zur kalvinistisch strengen Alleinherrschaft kommen zu sehen; die Klasse Briten engbrüstiger und phantasie­losester Observanz wiederum, denen cs nicht mehr schlimmer gehen kann, die jeden neuen Zustand be­grüßen müssen und blindwütig bon ihm Verhältnisse erwarten, die sie überall und zum Ausschlüsse aller anderen in die ersten Stellen schieben sollen aus keinem anderen Recht, Sinn und Grunde als dein, daß sie eben Briten sind. Da sind zu dritt die national­internationalen Kapitalisten, die Macher des Krieges, die in der Hoffnung, da unten einmal die Führer einer plutokratrschen Republik zu werden, sich stets einen falschen Patriotismus zulegten, der zu allein paßte, nur just nicht zu seiner Zeit. Sie denken, daß sie in einem Bundesstaat wenigstens die Männer, die gefügig gu machen wären bei mehr praktischen Zielen, alle bei­einander hätten. Da sind endlich die Realpolitiker, die Jungburen und die afrikanisierten Engländer. Wechsel­seitig erkannten sie^nach dem Kriege, daß die angel­sächsische .Rasse in Südafrika nicht in die See zu trei­ben und ersäufen ist und daß man dies Achtkindervolk der Holländer nicht abtöten kann, daß es deshalb besser ist, man verträgt sich und spielt selbander König ini eigenen Lande, als daß man es einen vergnügten Dritten tun läßt. Selbstverständlich gibt es unter diesen Realpolitikern wieder alle möglichen Abstufun­gen englischer Loyalität und holländischen Sentimen- tes. E Alle stimmen überein in der Meinung, daß die englische Flotte vorläufig, ihrem neuen Staatswesen von schützendem Nutzen sein kann.

Der Gedanke, daß jetzt der Zeitpunkt zur Staaten­einigung gekommen sei. aber geht von den Realpoli- tikern aus. Im Mai vorigen Jahres luden die Klug- !

sten unter ihnen zu einer Konferenz in Pretoria ein. Die Konferenz entschied, daß im Oktober eine National- Konvention in Durban zusammentreten sollte, falls die Parlamente der vier Kolonialstaaten dem zustimmen wollten. Sie sollten dann aus ihrer Mitte heraus die Konventsabgeordneten wählen, zwölf das Kap, acht der Transvaal, fünf Natal, fünf die Oranjesluß- Kolonie. Auch das Programm des südafrikanischen Bundestages wurde bestimmt, fast komisch mutete die kurze Fassung der Tagesordnung an:

1. Erwogen soll werden und Bericht erstattet über die beste Form der Einigung Afrikas.

2. Es soll eine Verfassung für das neue Staats­wesen entworfen werden.

Don Beschluß der Konferenz in Pretoria nahmen die Parlamente restlos an. Die dreißig Männer, die in Durban und seit dem 23. No­vember in Kapstadt beraten, waren nichts weniger und nichts mehr als die erste südafrikanische Nationalver- sammlung, aber zwischen ihrer letzten Sitzung und der Einberufung des ersten südafrikanischen Reichstags werden keine 23 Jahre verstreichen, denn das Afrikan­derturn. die zwei Drittelmajorität des Gesamtlandes, wird seinen Willen durchsetzen. All die vielen Schwierigkeiten und Eifersüchteleien, die der Einigung noch im Wege stehen (Bahnen, Häfen usw.), betreffen seine meist dem Bauernstände angehörigenGesinnungs- genossen viel weniger als die Nichtafrikander, die Kaufleute und Mineninteressenten. Trotzdem sind die Afrikander^ im Bewußtsein ihrer Stävke schon mäßig gewesen bei der Wahl der Abgeordneten, von den 30 gehörten nur 15 zu ihren Leuten in der Nationalver­sammlung. Das wieder beruhigte England. Das festeste Band ist schließlich das des gegenseitigen Sich- brauchenkönnens. Ist England freundlich, nimmt es den Verfassungsentwurs mit gewohnter Klugheit und Ruhe an, so wird der Bundesstaat, dessen Geburtstag naht, noch gern manch liebes Jahr seinen General- gouverneur von England beziehen, sich die Kosten eigener diplomatischer Vertretung sparen, einen freund­lichen Rat des Westminsterparlaments hinnehmen, seine Landkarte rot gefärbt sein lassen, den Königs­kopf auf der: Münzen erscheinen lassen. It's a small matter. Dagegen wird England da unten seine schützenden Schiffe habet: wie bissige Wachhunde und Anleihen bei sich flottieren lassen, which is not a small matter.

Politische Uderstchr.

Mavrour rmd die deutschen Krssrneeder.

Bei der zweiten Lesung des Etats des Reichsamts des Innern hat dem KapitelOberseeamt" der Abge­ordnete Dr. Heckschcr angeregt, es möge das amerita- nische Beispiel obligatorischer Einführung von drahtlosen Telegraphie-Sta tio- n e n für die Schiffe der Handelsmarine von der ! deutschen Seeberufsgenossenschaft durch Aufnahme einer gleichen Bestimmung in ihren Unfallverhütungs­vorschriften nachgeahmt werden.

Dieser Vorschlag, der beim Hamburger Bureau der S.B.G. bereits fruchtbaren Boden gefunden zu haben scheint, ist um so beherzigenswerter, als die ein­schlägigen Verhältnisse gerade bei den deutsche,: Groß­reedereien sehr im argen liegen.

Nur 44 deutsche Handelsdampfer (von über 1200 großen Schiffen) sind bisher mit drahtlosen Tele­graphie-Apparaten ausgerüstet, während unsere Kriegsmarine fast 100 damit versehene größere Fahr­zeuge zählt. Von diesen 44 Dampfern führen 20 deut­sche Apparate. 24 Installationen dagegen die sich durchweg auf Booten der Hamburg-Amerika-Linie und des Norddeutschen Lloyd befinden sind, den An­gaben der beiden Gesellschaften zufolge, nicht nur von der Marconi-Company eingerichtet, sondern werden auch allein von Angestellten dieser englischen Ge­sellschaft bedient! Ja, es hat erst eines Machtwortes des Reichspostamtes bedurft, um den Lloyd auf den subventionierten. Postdampfern zun: Ersatz der

Marconi-Jngenieure britischer Nationalität durch deutsche Untertanen zu veranlassen.

Hapag und Lloyd haben bisher die deutsche In­dustrie, mit der das Reichsmarineamt und das preu­ßische Kriegsministerium ausschließlich arbeiten, bei ihren Bestellungen überhaupt nicht berück­sichtigt. Die Hamburger und Bremer Aufträge gingen durchweg an Marconi, obwohl sein System den deutschen (Arco-Slaby und Lorenz) in technischer Be­ll nterlegen ist, und ohne Rücksicht darauf, daß im Ernstfall. wo zahlreiche ischiffe beider Reede­reien als Hilfskreuzer und Transport­schiffe dienen, die Kriegsmarine kaum in der Lage sein wird, genügend viel mit den deutschen dann ein­zubauenden Apparaten vertraute Funkentechniker ab­

zugeben, um ausreichenden Ersatz für die Marconi- leute zu schaffen.

Sobald die in der Washingtoner Legislative schwe­bende Rooseveltsche Bill vom Kongreß und Senat an­genommen ist und jedes, also auch deutsche, Schiff, das einen Hasen der Union anläust, Funk­spruchvorrichtungen führen muß, wird sich den ein­schlägigen Fabrikationszweigen ein weites Absatz- gebiet auftun. Daß dann mindestens sämtliche Aufträge der deutschen Schiffahrts­gesellschaften an unsere heimische hochent­wickelte Industrie gehen müssen, erscheint eine durch­aus berechtigte Forderung, die für die staatlich unter- stiitzten Dampferlinien nötigenfalls durch den Reichs­tag zu erzwingen wäre. Es hat aber auch der A d m i r a l st a b, seiner Mobilmachungsarbeiten wegen, ein sehr starkes Interesse daran, daß. wie die gesamte Kriegsflotte, so auch alle Handelsschiffe gleich­mäßig nur deutsche, möglichst einheitliche Systeme drahtloser Telegraphie führen.

Deutsches Deich.

§§ Der Entwurf des neuen preußischen Fischerei- gesctzes hat, wie wir hören, noch eine wesentliche U m - ander un g und Erweiterung erfahren, indem durch das Gesetz auch das Privatrecht der Fischereiberechti­gungen geregelt werden soll, während das geltende Ge­setz im wesentlichen nur polizeiliche Bestimmungen ent- hielt. Bei dem engen Zusammenhang, in dem der Entwurf mit dem kommenden W a s s e r g e s e tz be­sonders^ in der Abwässerfrage steht, hat das Landes- ökonomiekollegium an die Staatsregierung das Er­suchen gerichtet, beide Entwürfe gleichzeitig dem Landtag vorzulegen. Diesem Wunsche wird im Spät-< herbst entsprochen werden. In den durch das Wasser­gesetz zu schaffenden Wasserbüchern werden auch die Fischereiberechtigungen zur Eintragung gelangen.

n ti Maßnahmen zur Arbeiteransiedlung auf Domänen. In Verfolg der parlamentarischen Debatte im Abgeordnetenhause, in der allseitig der Wunsch auf eine. energische Förderung der Arbeiteransiedlung aus Königlichen Domänen betont wurde, hat sich, wie wir hören, die Regierung zunächst entschlossen, in den Pro­vinzen Ostpreußen, W e st p r e u tz e n und Posen zuerst mit praktischen Maßnahmen in der Arbeiteransiedlung auf Domänen vorzugehen. Als eigentliche Träger der Ansiedlung haben die Kreise zu fungieren, die sich mit den Laudesversiche- rungsanstalten, Rentenbanken usw. in Verbindung zu setzen haben. Den Arbeitern, die sich auf dem Gebiet der Königlicher: Domänen ansiedeln, steht gleichfalls eine staatliche Beihilfe von 800 M. pro Stelle zur Verfügung; außerdem wird pro Hektar 10 M. vergütet.

* Graf Posadowsky in der Gesellschaft für soziale

Reform. Zu der Generalversammlung der Gesellschaft für soziale Reform, die vom 4. bis 6. März in F r a n k- surt a. M. stattfindet, hat der frühere Staatssekretär! des Innern Graf Posadowsky sein Erscheinen zu­gesagt. Es ist das erstemal, daß er seit seinen: Abschied Wieder an die Öffentlichkeit tritt.

* Über den Kaiser-Stein urteilt der Herausgeber des Türmers" in seinem Tagebuch wie folgt: Das Steinsche Buch ist von der deutschen Presse zwar über alle Gebühr beachtet, gleichzeitig aber auch mit seltener Einmütigkeit und Entschiedenheit ab g e letz n t und vielfach über­haupt nicht e r n st g en om m e u worden. Das letzte ist das einzig richtige Verhältnis, das «ran diesem mit erstaunlicher Unverfrorenheit in Szene-gefetztenBluff" abgewinnen kann. Das große Licht, bas Herr Stein uns über -den Kaiser angeblich aufstecken wollte, hat sich als -ein zum größten Teil f-elbstfabriAi-ertes, schief einge­branntes Talglicht entschleiert. SeineEnthüllungen" sind papierene Umhüllungen, wie sic aüch sonst bei Attrappen üblich sind. Daß Herr Stein -auf diesem etwas ungewöhnlichen Wege sein -Geschäft machen undbe­rühmt" werden wollte, ist schließlich immer noch harm­loser, als daß einflußreiche Persönlich­keiten sich eines solchen Sprachrohrs für ihre Zwecke glaubten bedienen zu dürfen. Daß sich Herr Adolf Stein alsfreiwill-ig-er Herold", alsSchützer" undRetter" des Kaisers aufspielen, mit der Person -des Kaisers in Verbindung gebracht werden durfte, das ist d-as Bedauer­liche, das -allein Bemerkenswerte an dem Fall Stein. Denn es läßt darauf schließen, daß in der Um ge H u ng -des Kaisers noch lange nicht alles zum besten bestellt ist. Auch der -kluge Herr Reichskanzler scheint -auf Herrn Stein hereingefallen zu sein, da er gewiß sehr zu seinem Bedauern nicht in der Lage ist, ihn von seiner: Rockschößen abzuschütteln. DieNordd. Allgem. Ztg." mutzte sich vielmehr eine Empfehlung für das kompro­mittierende Machwerk abqnälen. Das alles läßt -doch tief blicken". Ich bin gewiß der letzte, der die Zuge-