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Nr. 8».
Wiesbaden, Dienstag, 23. Februar 1809,
57. Jahrgang.
Morgen - Kusaabe.
__ 1. Matt.
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Aus dem toten Punkt.
Die Finanzkommission ist augenblicklich ans dem enten Punkt angekommen. Die Erweiterung der Erbschaftssteuer oder die Einfübrnng der Nachlaßsteuer ist abgelehnt worden, wie es scheint endgültig. Die meisten Aussichten auf Annahme hat der Antrag auf Erweiterung oder Erhöhung der Matrikularbeiträge. Die Subkommission hat einen solchen Beschluß bereits gefaßt. Danach sollen loO Millionen durch Matrikular- beitrage aufgebracht werden, 60 Millionen hatte die Regierung bereits vorgesehen. Ans diesen 50 sollen jetzt 150 Millionen werden. Und zwar sollen diese aus die Einzelstaaten je nach der Bevölkerungszahl verteilt werden.
^ Das ist unsers Erachtens ein außerordentlich itn- glücklicher Ausweg, den die Fiuanzkoinniissioil da ein- schlagen will — eine traurige Verlegen- h e i t s m a ß rege l. Dmnit kommt man ans die alte elende Methode zurück: wenn man das Lied ilicht weiter kann, fängt man bei den Matrikularbeiträgen an. Die Bundesstaaten haben schon bisher mit diesen Beiträgen furchtbar uachgehinkt. Die kleinen Staaten haben Dkühe gehabt, die Gelder auch nur zum großeil Teil aufzubriilgen. Das Stuudungs- I Y st e nl war furchtbar eingerisseu. Die Negierung hatte deshalb sogar vorgeschlagen, die früheren Stundungen niederzuschlagen, was der Reichstag allerdings abgelehnt hat. Aber die Beiträge nun noch erhöhen, das ist kaum möglich. Die Bundesstaaten werden sich jedenfalls dagegen sträuben. Außerdem wird auf diese Weise das Reich immer niehr abhängig von den Einzelstaaten in seiner Finanzwirtschaft. Es wird zum K o st g ä n g e r der Pa r t i k u l a r st a a t e n. Unter Bismarck galt das als eine Art Sprengung des Reichsgedankens. Außerdem ist dabei noch gar nicht ausgemacht, daß die Einzelstaaten diese 150 Millionen gerade von den besitzenden Klassen aufbringen lassen.
was die Liberalen zur Hauptbedingung gemacht haben, wenn sie 300 Millionen indirekte Steuern- bewilligen sollen.
Jedenfalls zeigt sich, daß mit den Ko n s erbat i v e n eine Steuerpolitik, die auch die Besitzen- d e n heranziehen will, nicht zu machen ist. Die Konservativen wollen nur deshalb die l60 Millionen auf die Einzelstaaten abschieben, weil sie in diesen, namentlich in Preußen, wegen des Dreiklassen Wahlrechts die ausschlaggebende Majorität haben und eine erhebliche Belastung der Besitzenden schon hintenanhalten können. Nach unseren Informationen werden deshalb auch die Liberalen auf den Vorschlag der Subkommission nicht ohne weiteres e i n- gehen. Das Zentrum hat zwar an deren Stelle seine Hilfe angeboten, aber dann ist eben der Block vollständig gesprengt, und das wird Fürst Bülow auch faurn. wollen.
Die Finanzkommission tritt erst am Donnerstag wieder zusammen. Bis dahin haben die Agrarier im Zirkus Busch getagt. Die Regierung hofft, daß, wenn die Bündler hier ihren Herzen gegen die Belastung der Erbschaften gründlich Luft gemacht haben, die Konservativen hinterher gefügiger werden — eine gründliche Täuschung. An maßgebender Stelle verlautet indes. Fürst Bülow vertraue, daß auch diesmal das G l ü ck ihm hold sei und er noch in letzter Stunde die Konservativen für eine Art Nachlaßsteuer oder Reichsvermögenssteuer oder etwas Ähnliches gewinnen werde. Aber am Geldbeutel ist der Mensch bekanntlich am empfindlichsten. Hier sind Kompromisse stets am schwersten abzuschließen.
Jedenfalls spricht die größte Wahrscheinlichkeit dafür. daß etwas G r ü n d I i ch e s in dieser Kampagne kaum noch erledigt werden kann. Einiges Flick- werk wird man vielleicht fertig bringen, mehr nicht. Es fehlt eben im Reichstag eine feste Majorität, und es fehlt die regierende Partei, die sich für die Finanznot v e r an t w o r t l i ch fühlt. Beim parlamentarischen System ist so etwas leicht zu machen. Die ständige Schuldenwirtschaft macht auch das Deutsche Reich dafür reif._
Politische Übersicht.
Girre Arrssirrmrdevsstzirug.
L. Berlin, 21. Februar.
Am 29. Januar hielt der Gesandte z. D. Raschdau in der Deutsch-Asiatischen Gesellschaft seinen vielberufenen Vortrag über „Deutschland und die türkische Reformbewegung" und nahm in seinen Ausführungen eine Stellung ein. die von der offiziellen deutschen Politik so stark abweicht, daß der Bortrag schon um
dieses einen Moments willen lebhafte Aufmerksamkeit erregen mußte. Ob Herr Raschdau irgend wo Zustimmung gesunden hat, wissen wir nicht. Es ist mög- lich, aber dann sind uns die betreffenden kritischenWürdl- gungen entgangen. Dagegen ist uns eine ganzeReihe von Zurückweisungen der von diesem Diplomaten eingenommenen Haltung begegnet, und wir selbst haben uns genötigt gesehen, einige Glossen zu seinen Auseinandersetzungen zu machen. Durch diese Glossen nun hat sich Herr Raschdau beschwert gefühlt, und er wendet sich mit einer Kritik unserer Kritik gegen eine Dar- stellung, die den Sinn seines Vortrages darin findet, daß nach der Ansicht des Gesandten Raschdau wir uns auf die Seite der Pforte hätten stellen und die österreichische Annexionspolitik ebenso ungünstig behandeln müssen, wie es Rußland und England getan haben. Herr Raschdau hat recht mit der Versicherung, daß er diese Worte nicht gebraucht hat. Wir unsererseits haben aber auch _ nicht behauptet, daß er sie gebraucht habe, sondern wir haben die starke Empfindung gehabt, daß dies zu den grundlegenden Stimmungen gehöre, von denen der Redner sich habe leiten lassen. Eine wieder, holte aufmerksame Lektüre des ausführlichen Referats des Raschdauschen Vortrages bestärkt uns in dem Eindruck, daß eine Politik, wie sie da empfohlen wird, Folgen gehabt hätte, mit denen Österreich-Ungarn ebenso unzufrieden hätte sein müssen, wie die Pforte und namentlich Rußland und England mit ihnen hätten zufrieden sein dürfen. Es ist wahr, .Herr Raschdau denkt sich eine Politik aus, die es beiden Teilen gleicherweise hätte recht machen können, aber der unbefangene Beurteiler kann dem Gesandten nicht den Gefallen tun, die Richtigkeit seines Räsonnements anzuerkennen, sondern er gelangt zu der Überzeugung, daß es keine Wahl gab, daß unsere Politik gerade das Richtige getroffen hat, und daß die Politik der B a l a n z i c r n n g, wie sie sich Herr Raschdau vor- stellt, unvermeidlich dazu geführt hätte, uns auf die Seite der Pforte allein zu bringen, also die öfter- reichische Annexionspolitik tatsächlich ungünstig zu behandeln. In dem Augenblick, wo wir den Raschdauschen Rezepten gefolgt wären, hätte sich Freiherr von Aehrenthal in einer unsicheren Lage befunden, und Sir Edward G r e y wie Jswolski hätten cs mit wahrscheinlich besserem Erfolge versuchen können, einen Keil in das Bündnis der Zentralmächte zu treiben. Das wird Herr Raschdau nicht zugeben wollen, aber es ist unsere Ansicht, und wir halten ünS für berechtigt, die von ihm empfohlene Politik für fehlerhaft zu er- kennen und Reich und Nation dazu zu beglückwünschen, daß sie nicht eingeschlagen wutde. Das formale Zn- geständnis, daß Herr Raschdau nicht gesagt hat, „wir hätten uns auf die Seite der Pforte stellen und die österreichische Annexionspolitik ebenso ungünstig be-
Feuilleton.
ZrieÄeich Spielhagen.
(Zum 80. Geburtstag, 24. Februar.)
Als Spielhagens 70. Geburtstag gefeiert wurde, hat der Jubilar „post kastniu" selbst das Wort genommen zu einer lächelnd bescheidenen Abrechnung mit sich und seinem Werk und klarer, sachlicher als in seinem weitschweiienden autobiographischen Bekenntniswerk „Finder und Erfinder" Wesen. Ziele und Schicksale seiner Kunst bestimmt. Er betont das starke Phantasielement, das dem Knaben und Jüngling- Mann eine Fülle scharfer Erinnerungsbilder, einen Schatz rein und stark dnrchgeführter Erlebnisse bescherte. verteidigt den unmittelbar und zwingend in ihm wohnenden Drang, sich auszusprechen und mitzuteilen, seine Erzählergabe, deutet den mühsam zurück- gelegten Entwicklungsgang seiner ästhetischen und theoretischen Bildung an. jenes ihm so notwendige Sichklarwerden über die Mittel und Bedeutung der Kunstgattungen, und stellt schließlich das früh bewußt erfaßte Ideal seines Lebens und Strebens auf: „Den Roman aus seiner selbstverschuldeten prosaischen Erniedrigung zu der Höhe eines reinen .Kunstwerks zu erheben." An einer andern Stelle, in seinem warmherzigen Aufsatz über Daudet, formuliert er sein Ziel noch einmal dahin, daß er wie der Franzose babe ein Künstler sein wollen, damit das edle Metier . cht in die Hände der Handwerker falle. Daudet habe dies Ziel erreicht, er werde sich wohl mit dem „großen Wollen" begnügen müssen.
Es ist also das künstlerische Problem, das Spielhagen wie jeder wirkliche Dichter in den Mittelpunkt einer Wertung gestellt wissen will, und vor allen anderen Betrachtungen über seine kulturelle Be- deutung, über Art und Einfluß seiner Persönlichkeit ist da immer die Frage zu beantworten: Was bedeutet Spielhagens Werk für.die Entwickelung des deutschen
Romans? Der kritisch-kluge und vielbelesene Mann ist mit einer Ästhetik und Theorie des Romans hervorgetreten, die, im wesentlichen aus den von Wilhelm von Humboldt aus ’ „Hermann und Dorothea" abgeleiteten ästhetischen Normen weiterbauend, für die Erzählung ein strenges Zurücktreten des Erzählers hinter seinen Gestalten und Begebenheiten fordert, durch eine möglichste Objektivität die poetisch notwendige. Illusion der Wirklichkeit hervorbringen will. Eine erlaubte Umgehung dieser Regel ist der „Jch-Roman", in dem der Held in eigner Person erzählend auftritt. Als Muster dieser epischen Art führt Spielhagen nicht recht glücklich Homer an, aber auch auf den Don Quixote, den Tom Jones, Goethes Wahlverwandtschaften hat er sich mit Vorliebe als Beispiele berufen. Nur ein Uneinsichtiger kann die außerordentliche formale Wichtigkeit dieser Forderungen leugnen, die unser Dichter als erster mit aller Konsequenz nnfstellte. Die wirre Arabeskenart Jean Pauls, die sich ins Gestaltlose verlierende Stimmungskunst des romantischen Romans hatten jede Einheit und H.-,rnwnie der Erzählung gesprengt. Eine geschlossene Durchführung wohlüberlegter technischer Mittel war notwendig geworden, um den Roman als Kunstwerk zu retten. Wohl ist das persönliche Dreinreden des Dichters als Stilmittel nicht völlig zu verwerfen; wie seelisch fein weiß es Raabe oft zu behandeln? Aber daß Spielhagen das Rechte wollte, beweist die Tatsache, daß zu gleicher Zeit andere bedeutende Dichter dieses Ziel mit höchster Energie verfolgten, in Deutschland z. B. Freytag und Otto Ludwig, vor allem aber Gustave Flaubert, der mit der wundervoll ausgebildeten Kunst seines objektiven Stils den modernen Roman begründete, dann die Concourts, Turgeniew und der Däne Jens Peter Jacobsen. Die Aufstellung eines solchen Stilprinzips war eine künstlerische Großtat Spielhagens.
Als Vorkämpfer dieses realistisch-psychologischen Gesetzes ist der Dichter in vielem nur Vorläufer geworden, nicht Vollender. Ein bedeutender Fortschritt ist ihm aber sogleich von Anfang an gelungen. Man
vergleiche die Komposition seines eigentlichenErstlings- Werks, der „Problematischen Naturen", mit dem Werk, das ihm ans der großen Sippe der „Wilhelm-Meister" - Nachfolger am nächsten steht, mit Jmmermanns „Epigonen", und man erkennt die viel übcrlegtere Gruppte- rung und Anordnung bei dem Jüngeren, die sehr feine analytische Führung der Handlung, die Spielhagen dann überhaupt . so meisterhaft ausgebildet hat, daß erst allmählich die rätselhaft dunkellastenden Schatten der Vergangenheit in vielen seiner Erzählungen erklärt und entdeckt werden. Spielhagen hat in seiner Autobiographie einige Entwürfe und Skizzen für die „Problematischen Naturen" mitgeteilt; sie lassen , in der Art, wie hier der Charakter jeder Figur für sich genau umrissen wird, eine Ähnlichkeit mit Zolas jetzt so ausführlich erläuterter Schaffensweise erkennen. Ein Romancier, der nach bewußt künstlerischen Motiven schuf, das war eine Seltenheit in jenen Jahren, wo eine Reihe ausgezeichneter Erzähler völlig sorglos, ohne jede Form und Stil, als reine Unterhaltungsware das „Garn" spannender Handlungen abrollen ließ. Und mit wahrhaft großartigem Fleiß und Energie hat der junge Dichter dann durch Jahrzehnte an der Vervollkommnung und Verfeinerung seiner Technik gearbeitet. Die den „Problematischen Naturen" folgenden Zeitromane feilten das von Gutzkow genial-hastig und unfertig roh hingeworfene Thema in straffer Gliederung und reicherer Nüancierung der Szenen und Bilder durch. In „Hammer und Amboß" gab er, noch in sehr fühlbarer Anlehnung an Dickens „David Copperfield", einen Bildungs- und Lebensroman in der Form der Jch-Geschichte, und wenn er auch dies Werk an Wärme und dichterischem Glanz der Schilderung nicht über- troffen hat, so sind doch die Liesen mehr biographischen Romanstil fortführenden Bücher „Was will das werden?" und „Sonntagskind" folgerichtiger entwickelt, geschlossener komponiert. Den Höhepunkt erreicht Spielhagens Technik in seinen beiden stärksten Romanen „Sturmflut" und „Platt Land". Der Gutzkowsche „Roman des Nebeneinander" ist in
