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Nr. 81 !«
Wiesbaden, Donnerstag, Z8. Februar L§EKA.
S7. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. WtcrLt.
|3a2 |aimuual(lcaerpriüileo der Beamten.
Aus parlamentarischen Kreisen wird uns geschrieben:
Tie Regierungsvorlage ist von der Gemeindekommission des Abgeordnetenhauses in zwei Punkten abgeändert worden. Es ist der Beitrag, den die nach dem 31. März 1909 anzustellenden umnittel- baren und mittelbaren Beamten und die Hofbeamten zu leisten haben, im Höchstbetrage aus 125 Prozent (statt 100 Prozent) der Einkommensteuerzuschläge erhöht worden: von diesen 125 Prozent erhalten die Kreise bis zu 25 Prozent, wenn und soweit sie Einskommensteuerzuschläge erheben. Außerdem sind die nach dem 31. März 1909 anznstellcnden Geistlichen, Lehrer und unteren Kirchendiener in das Gesetz in gleicher Weise einbezogen worden wie die oben genannten Beamten. Im übrigen bleibt alles beim alten. Tic vor dem 1. April 1909 angestellten Beamten usw. behalten ihre Vorrechte, sogar die mittelbaren Beamten, obgleich bei ihnen die Dinge nicht wesentlich anders liegen, als bei den Privatbe- ümten. Ein Verlangen auf gleiche Behandlung dieser Kategorie — und vollends dis gänzliche Aufhebung des Privilegs scheiterte an der Erklärung der Regierung, Mittel zur Entschädigung der angestellten Beamten für die Änderung des Privilegs bei den schlechten Finanzen des Staates nicht auswenden zu können.
Vielleicht wird das H e r r e n h a u s entsprechend seiner früheren Haltung bei Beratung von Petitionen auf Aushebung des Privilegs noch eine wesentliche Änderung vornehmen.
Wird die Vorlage nach Maßgabe der Kommissionsbeschlüsse Gesetz, so wird sie die Gemeinden, insbesondere die Städte, nicht befriedigen. Gerade die Bauten sind es, die in den Gemeinden höhere Ausgaben veranlassen. Namentlich gilt dies für Schulen, Wasserleitungen, Badeanstalten, öffentliche Plötze. Pflasterungen usw. Aber davon abgesehen, must/ erwögen werden, daß die Städte infolge der Erhöhung der Lehrergehälter erhebliche Ausgaben zu machen haben, daß sie außerdem bei der Beamten- b e f o I ö u n g direkt (bei den Gehältern der Oberlehrer und der Lehrer und Lehrerinnen an Mädchenschulen! und indirekt (durch Erhöhung der Gehälter ihrer eigenen Beamten) erhöhte Ausgaben machen müssen, für die sie Deckung nur durch Beseitigung des Privilegs erhalten können. Am schlimmsten sind natürlich die Gemeinden daran, in denen die Schlachtsteuer besteht, die im Jahre 1310 zur Aufhebung gelangen muß. Einen — wenn auch nicht gerade erheblichen — Vorteil haben die Gemeinden, die bis 100 Prozent erheben; den Gemeinden mit über 100 Proz.
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
„Colette Vauöochs-"
„Colette Bau doch c" ist der Titel des neuesten c l s a s; - lothringischen Patriotenromans von Maurice Bar res, der auch in deutschen Landen von sich reden machen wird. — Ein junger preußischer Lehrer aus Königsberg namens Asmus wird nach Metz verletzt und nimmt dort bei einer alten Einwohnerin der früher französischen Stadt, der Witwe Baudoche, Pension, wobei er nicht verfehlt, sich in ihre neunzehnjährige Enkelin Colette zu verlieben. Barrös wollte den Unparteiischen spielen und versuchte, seinem Preußen einige sympathische Charakterzüge zu geben. Aber der Zweck des Romans ist, wieder einmal eklatant zu beweisen, wie es jüngst Marcel Prövost in seinem Buch über den Professor Moloch unternahm, daß ein gewaltiger Unterschied zwischen der verfeinerten, alten Kultur Frankreichs und dem nodfj recht barbarischen Deutschtum besteht. In der jungen Colette personifiziert sich die affinierte gallische Zivilisation. Der gutmütige und etwas schwerfällige Herr Asmus verspürt den Zauber einer ihm bis dahin unbekannten, ihm überlegenen, hochentwickelten und äußerst zarten Empfindsamkeit, und „der Adel der Besiegten erobert den Sieger". Colette ist gerührt von der Liebe, die sie dem „Barbaren" einfloßt: aber sie zögert, seine Hand anzunehmen, wenn er schon einer ihm Angclobten im fernen Königsberg ihretwegen den Verlobungsring wieder abverlangte. Die Tochter des alten Metz schwankt hin und her in ihrer gut französischen Gesinnung, und nm ihr letztes Zögern zu überwinden, will Herr Asmus einen Beweis besonderer Hochachtung für ihre pietätvolle
Zuschlag wird nichts Nennenswertes gewährt. Da das Gesetz nur für die nach dem 31. März 1909 anzustellenden Beamten usw. Geltung erhält, so kann sich die Wirkung einigermaßen erst in 10 b i s 20 Jahren zeigen. Was sollen sie aber jetzt ansangen? Die Zuschläge werden sich steigern, der Bürger wird erhöhte Kommunalsteuern zahlen, bei den bisher angestellten Beamten usw. bleibt cs bei der bisherigen Begrenzung und bei der ungerechten Anordnung, daß der Beamte nur von der Hälfte seines Einkommens Kommunalsteuerzuschläge zu entrichten hat und nicht etwa die Hälfte seines Einkommensteuersatzes beiträgt.
Der Z u st a n d v o in I a h r e 1 8 2 2 wird also vorläufig aufrecht erhalten. Dabei haben . fast alle deutsche Bundesstaaten das Privileg beseitigt. Was diese können, müßte auch in Preußen möglich sein. Dabei hat der Finanzminister v. Rheinbaben bei der Erörterung der Frage der Niederschlagung der Matrikularbeiträge erklärt, die übrigen Bundesstaaten, namentlich die mittleren und _ kleineren, befänden sich in einer viel schlimmeren finanziellen Kalamität. Aber in Preußen mahlen die Mühlen recht langsam — in Preußen mit dem Drer- klassenwahlrecht! Ein anders zusammengesetztes Parlament hätte das veraltete Privileg längst dahin getan, wo cs hingehört: in die Rumpelkammer! In einen pi obetnen Staat gehören Steuervorrechte einzelner Bevölkerungsklassen nicht! Das beherzigt der Staat, Wenn seine Steuern in Betracht kommen; die Einkommensteuer erhebt er auch von den Beamten voll. Aber bei den Gemeinden — ja, Bauer, das ist ganz was anderes!
DeMchrs Deich.
* Herzog T)r. Karl Theodor in Bayern, der bekannte Augenarzt, feierte vorgestern das 50jährige Jubiläum seiner Zugehörigkeit zum bayerischen Reichs- r a t, zu dessen fleißigsten Besuchern er gehört, wenn er auch seit Jahren nicht mehr in die Verhandlungen eingreift.
§ Die Neuordnung der Stundenpläne und Besoldungsverhältnisse an den Rektoratsschuleu. Die Erwägungen, die bezüglich der Neuregelung der Rektoratsschulen schwebten, sind, wie wir an zuständiger Stelle erfahren, abgeschlossen. Die neuen Stundenpläne sind bereits fertiggestellt, und ein neuer Besoldungsplan dürfte gleichfalls im Kultusministerium zu Ende geführt sein. Man will die ganze Materie gleichzeitig mit der Neuordnung des Mittelschulwesens erledigen, zumal die Rektoratsschulen auch etwa als Mittelschulen anzusehen sind. Ter neue Lehrplan dürfte auch annähernd so wie der für die Mittelschulen ausfallen. Der Wunsch, die Reformen des Mittelschul- und Rektoratsschulwesens noch in djeser csession an den Landtag zu bringen, wird sich Wohl erfüllen lassen; jedenfalls ist im Kultusministe
rium alles Nötige fertiggestellt. Bezüglich der Wünsche der Rektoratsschulen, den Provinzialschulkollegwn unterstellt zu werden, sowie die Übernahme ihrer S ch ü I e r ans h ö h e r e S ch n I e n oh n e P r u - fuitg zu ermöglichen, wird davon abhängig gemacht werden, in welcher Weise die Rektoratsschulen die ihnen durch die neuen Lechrpläne zu steckenden Ziele erreichen werden. Ehe hierüber völlige Klar- heit herrschen wird, wird selbstverständlich einige Zeit vergehen.
* Das Kaiserschloß in Posen geht nach der „Voss. Ztg." seiner Vollendung entgegen. In den nächsten Tagen sollen bereits 20 Eisenbahnwagen mit Möbeln eintreffen, die zur Ausstattung der Fürsten- und Ge- solgezimmer dienen werden. Es werden auch die Herren vom Hofmarschallamt mit Geheimrat Schwech- ten und dem Hofgartenbaudirektor zu einer Besichtigung des Schlosses in Posen eintreffen.
* Castros Ende. Der „Nieuwe Rotterdamschs Courant" bringt eine Nachricht, aus der hervorgeht, daß der Expräsident Castro nach berühmter: Mustern sich mit einer Proklamation an „sein Volk", das bekanntlich sein Nachfolger Gomez beherrscht, ge- wandt hat. Danach ist er der Edle, der, wie die „L. N. N." schreiben, „alles auf dem Altar des Vaterlandes opferte" (er hat aber 50 Millionen in auswärtigen Baukerr angelegt), der rnit einem titanischen Stoß seines gewaltigen Armes drei Weltmächte zerschmetterte, der das Sklavenjoch der Fremdherrschaft brach usw. usw. Aber auch ein Napoleon starb auf St. Helena, und Miranda und Bolivar, die venezolanischen National-Heroen, seufzten in Verbannung, „wie alle wirklich großen Männer". Castro kündigt ferner an, daß er sich nun für immer der Macht entkleide und daß sein großes Herz keine Rache kenne, doch wenn das Vaterland es wolle, werde er wieder sein ruhmreiches „Kampfgkwand" anziehen. — Wie übrigens der „Voss. Ztg." gemeldet wird, ist ans den letzten Numnrern der in "Caracas herausgegebenen „Gazetta ofsicial" zu ersehen, daß Castros Nachfolger setzt die amtlichen Ernennungen als Präsident von Venezuela unterzeichnet. Bisher hat Gomez sich ans den amtlichen Schriftstücken und in der „Gazetta official", dem venezolanischen Reichsanzeiger, immer nur als stellvertretender Präsident ausgegeben. Wie die „Voss. Ztg." weiter erfährt, dürfte der Kongreß, der die Ernennung Gomez' zu bestätigen hat, erst Ende März zusammentreteu.
* „Ärztliche Söldner". Vom „Verband zur Wahrung der Interessen der deutschen Betriebs-Krankenkassen" erhalten wir eine Zuschrift, in der es heißt: „In Ihrer geschätzten Zeitung vom 12 d. M. bringen Sie einen Artikel „Ärztliche Söldner", der mit den Worten beginnt: „Mit einem eigenartigen Vorschlag tritt neuerdings der Verband deutscher Betriebs-Krankenkassen an die Öffentlichkeit." Es handelt sich um eine direkt falsche Angabe. Wir stehen dem Vorschlag völlig fern. Ein solcher Vorschlag ist von uns überhaupt noch nicht erwogen worden. Wir haben davon erst
Erinnerung an das frühere Vaterland geben und begleitet Großmutter und Enkelin in die Kathedrale zur Trauermesse, die im Auftrag der Damen der Stadt für die während der Belagerung von 1870 gestorbenen Soldaten alljährlich abgehalten wird.
Varrös gibt dann in der ihm «eigenen mystisch- poetischen Weise, die all seine Kunst ist und die ihm mangels wahrer psychologischer Vertiefung allein zu literarischem Ruf verhaft, eine Schilderung dieser Messe mit Blumen und Kerzen um den Katafalk. Colette betet ans den Knien zwischen ihrer Großmutter und dem preußischen Verehrer. Sie weint, und die Trauerfeier übt einen mächtigen Einfluß auf sie aus. „Von ganzem Herzen gibt sie sich der geheimnisvollen Stimmung in der non Licht und Orgelklängcn erfüllten Kathedrale hin, sie. taucht in den großen Gedanken unter, die alles, was an Religion in unserer Rasse ist, in Bewegung setzen. Einen Monat lang hat sie sich gefragt: „Ist cs entschuldbar, nach 35 Jahren einen Deutschen zu heiraten?" Aber heute nimmt das Hinnnöhererwägen ein Ende: Sie sieht, oatz die verflossene Zeit keine Entschuldigung ist, und daß 35 Jahre eine nur zu lange Frist sind, seit der die Helden eine Wiedervergeltung erwarten. Ihre Schatten nmgleiten sie, bewachen sie. Wird sie es wagen, sie zu enttäuschen, sie zu beleidigen, sie zu verleugnen? Diese Kathedrale, diese Gesänge, der ganze große kirchliche Apparat erschüttert das arme Mädchen, aber vor allem die Gegenwart der Dahingcschiedenen. Colette sieht die Unmöglichkeit ein, mit diesen Toten, die gegenwärtig sind, feilschen zu wollen.
Herr Asmus ist tausend Meilen weit von solchen zarten Empfindungen. Er ist aus Königsberg zurückgekommen, glücklich, von seiner Braut frei zu sein. Beim Klang der liturgischen Musik träumt er von Vergnügungen, und während er diese schöne Gesellschaft hier, die er etwas traurig findet, beobachtet, dünkt es ihn,
als habe er schon eine höhere Stufe erklommen. Sein inneres Aufjanchzen vermählt sich schlecht mit der Ge- wissenspein des jungen Mädchens. . . Als der Segen erteilt wird, als die Glocken zu läuten beginnen und die Priester sich rings um den Katafalk gruppiert haben, bemerkt der frivole Asmus, wie Colette ihre Tränen trocknet, und wie ihr Gesicht dann von Entschlossenheit aufleuchtct. Er ist erschrocken, denn er errät eine Art Enthusiasmus in dem jungen Mädchen, ohne sich sagen zu können, daß er die Ursache sei. Sie aber verspürt nach dieser Feier in sich etwas wie Läuterung und unterscheidet jetzt, was tief verborgen in ihrer Seele ruhte. Das religiöse Gefühl läßt diese Mädchenknospe schwellen, und die Blüte von Metz bricht in ihrer schlichten Schönheit hervor. Freudig und erleichtert bemerkt Colette, daß es zwischen ihr und Herrn Asmus keine persönliche Frage gibt, sondern eine französische Frage. Sie fühlt sich emporgetragen zu einer hohen Würde, zu etwas Größerem, Höherem und Erhabenerem, als ihre bescheidene Persönlichkeit zu bedeuten schien. Ungezwungenen Schrittes verläßt sie die Kirche, die Großmutter Hinter sich herziehend, und ganz nahe der Treppe, kaum noch ans dem Trottoir der Place d'Armes, mitten unter! der Menge, die davongeht, wendet sic sich dem jungen Dentschen zu, voll Ungeduld, sich zu erklären. . . Dieses Fest der Toten soll nicht ohne Wirkung geblieben sein. „Herr Doktor", sagt das junge Mädchen, „ich kann nicht Ihre Frau werden. Ich achte Sie, ich werde Ihnen viel Freundschaft bewahren und ich danke Ihnen für all das Gute, was Sie von uns denken. Grollen Sie mir darum nicht." Asmus ist das Blut in den Kopf gestiegen, so daß er ganz aufgedunsen ausfieht, während das junge Mädchen festen Tones diese Worte spricht, strahlend vor Freude, weil sie über das siegte, was sie erniedrigt hätte. Madame Baudoche, aus die er einest flehenden Blick richtet, sieht ihn nicht einmal an. Ohne
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