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Nr. 67.

Morgen - Ausgabe.

1. Wkertt.

Eine nationale Ehrenpflicht.

Ungeheure Wassermassen haben sich in den ersten Februartagen über einen großen Teil unseres Vater­landes mit verheerender Gewalt ergossen. Aus allen deutschen Stromgebieten bringt jeder Tag neue, immer trostlosere Kunde von dem schweren Schaden, den die Hochwasserkatastrophe angerichtet hat. .Kein deutscher Gau, in dem nicht eine beträchtliche Zahl strebsamer Bürger und Bauern die Früchte jahrelangen Fleißes vernichtet sieht; ja, eine großer Teil der Geschädigten steht dem völligen wirtschaftlichen Ruin gegenüber. Namentlich die Landwirtschaft hat schwer gelitten, ganze Höfe liegen in Trümmern, tausende Haupt Vieh sind ein Opfer des verheerenden Elements geworden, wertvolles Saatgut ist vernichtet, und der sorglich be­stellte Ackerboden ist in schlammigen Morast ver­wandelt. Jahrelanger Arbeit und zäher Ausdauer wird es bedürfen, ehe die Schäden des schweren Natur­ereignisses auch nur annähernd wieder ausgeglichen sind.

Wie viele aber von denen, die heute, erschüttert und ohnmächtig vor der Zerstörung ihrer Heimstatt stehen, wie viele von ihnen können überhaupt hoffen, von neuem ans Werk gehen zu dürfen und auf den Trüm­mern ihrer Habe in unermüdlicher Arbeit sich ein neues Leben, neuen Wohlstand zu zimmern? Arbeiten und nicht verzweifeln! -- ist ein guter und echt deutscher Wahlspruch. Aber sollen die nicht verzweifeln, die nicht mehr arbeiten können, weil es ihnen an der un­erläßlichen Voraussetzung dazu, an Betriebsmitteln fehlt?

Sie müssen verzweifeln, sie müssen den weißen Stab zur Hand nehmen, wenn nicht die Volksgenossen ihre Pflicht tun. Eben erst hat unser Volk gezeigt, daß ihm trotz der steigenden Entwickelung seines Erwerbs­sinnes großherzige Opferfreudigkeit für ideale Zwecks nicht verloren gegangen ist. Nur ein Volk, das im innersten Wesen ideal veranlagt ist, konnte die im­ponierende Zeppelinspende, konnte den gewaltigen Mitleidtribut für die Opfer von Messina aufbringen. Tas Unglück, das unsere Heimat betroffen, ist nicht so gigantisch, nicht so grauenerregend wie die Vernichtung der volkreichen Gemeinwesen an der Messineser Enge, rvo hunderttausend blühende Menschenleben unter Schutt und Trümmern ein jähes Ende fanden, aber es ist groß gerrug, um als ein nationales XL nglück betrachtet zu werden, zu dessen Linderung die ganze Nation verpflichtet ist. Es wäre eine Ungeheuerlich­keit, wollten wir, die wir Millionen nach Süd- ffalien sandten, Tausende unserer eignen Volks- genossen in einer Stunde der Not und des Jam­mers kaltherzig im Stiche lassen. Charity begins at bome!

Ke mlleto rr.

PieBevölkerung" unserer Ieedampfer.

Kam da kürzlich zu einem Arzt in BremerHaven ein Lchkffs-mmrn, >um sich, wie es zur Annahme von Schvffs- Lienisten vorgeschrieben ist, auf seinen Gesundheitszu­stand untersuchen zu lassen. Bei Erledigung der For­malitäten fragte der Doktor:Als was wollen Sie

fahren?" und mit einem gewissen Stolz erwiderte der Gefragte:Ich bin Kalte-Luft-Assistent." Der etwas

ungewöhnliche Titel fand folgendermaßen seine Er­klärung: Das Hilfspersonal zur Bedienung und War­tung der SHiffsMaschinen nennt sich Maschinisten- Usststcnt, und diesen Titel hatte jener Mann, welcher ruf einem Dampfer des Norddeutschen Lloyd zur War­tung der Külhlmaschincn und der KÜhlränme angestellt mar, sinngemäß auf sich übertragen: er assistierte bei der Erzeugung kalter Luft.

,>Kalte-Luft-AMtenten" gab's zur Zeit der Segel­schiffe noch nicht. .Überhaupt war damals die Zusammen­setzung der Mannschaft nicht so anannigfaltig, wie sie cs heute an Bord der großen Dampfer mit ihren weitver­zweigten maschinellen Einrichtungen und ihren raffi­nierten Einrichtungen zur Verpflegung und Unter­bringung großer Passagiermengen naturgemäß sein muß. Ein Segelschiff auf großer Fahrt Hatte einen Kapitän, ber bei der Mannschaft den KosenamenDer Alte" führte, sowie einen ersten und zweiten Steuermann: letzterer führte, da er zugleich den Proviant verwaltete, pzxi SpitznamenSpeckschnieöer", d. i. aus hochdeutsch 'Ipeckichneider. Dann gab's als obersten der Mannschaft einen Bootsmann, ferner einen Zimmermann, den Segelmacher und den Koch, und die übrige Besatzung be­fand aus einer Anzahl Vollmatrosen, Leichtmatrosen und einigen Schifssjungen, die zugleich die persönliche Äedieuuna des. Kapitäns, und der Seuerleute besorgten

Wiesbaden, Mittwoch, LG. Februar LTWV.

57» Jahrgang.

In das Liebeswerk, das die Stunde von der Nation fordert, müssen sich private und staatliche Hilfs­bereitschaft teilen. Und beide, Staat und Volk, müssen schleunigst eingreifen. Der Privatopferwilligkeit liegt es ob, unverzüglich für die Lebensnotdurft der Opfer der Hochwasserkatastrophe Sorge zu trägem Die Errichtung lokaler Sammelstellen in allen größeren Städten zur Entgegennahme der aus Privathand ge­stifteten Hilfsgelder und Liebesgaben muß unverzüg­lich erfolgen, sie werden sich mit den Verwaltungs­organen der heimgesuchten Gegenden behufs zweck­mäßiger Verteilung der Gaben vaterländischen Solidaritätsgefühls zri verständigen haben. Und die Organisatoren dieser privaten Hilfsaktion werden alle anderen Rücksichten hintanzusetzen haben, in der einen Erwägung, daß hier, wenn irgendwo, schnelle Hilfe doppelte und dreifache Hilfe ist. Es darf nicht wicher Vorkommen, was bei der großen schlesischen Hochwasser­katastrophe vor einigen Jahren so beschämend wirkte, daß die private. Hilfsaktion durch formalistische Bedenken und kleinlichen Schematismus mancher lokalen Leiter des Unterstützungswerkes verlangsamt und in ihrem Wert für die Geschädigten stark gemin­dert wurde.

Aber auch der Staat muß eingreifen, und auch er muß anders verfahren als seinerzeit bei dem Hoch­wasser in Schlesien. Die Regierungen dürfen nicht, wie damals die preußische, erst tagelang warten, ehe sie die Mittel zur Linderung der Not bereitstellen. Man darf nicht erst minutiöse Berichte über den Unifang des Schadens abwarten. ehe man den Geschädigten die Sicherheit ausreichenden staatlichen . Beistandes nicht nur zur Linderung der augenblicklichen Not, sondern auch zum Wiederaufbau ihrer Existenz gewährt. Ins­besondere von der preußischen Negierung, in deren Be- reich die Hauptschäden der Katastrophe, liegen, fordern wir, daß sie denr eben versammelten Landtag schnell­stens eine dringliche Notstandskrcditvorlage, und eine reichlich bemessene unterbreitet, inzwischen aber aus be­reiten Mitteln die dringendste Not beseitigt.

DasWiesbadener Tagblatt" schließt nunmehr die Sammlungen für die Opfer der Erdbeben­katastrophe von Süditalien und erklärt^ sich zur Entgegennahme von Spenden für die vom Hochwasser schwer geschädigten deutschen Volksgenossen, insbe­sondere unsere n a s s a u i s ch e n Landsleute, bereit.

Zwiespalt m England.

In dem Augenblick, wo König Eduard von Eng­land auf deutschem Boden weilt, kann in seinem heimat­lichen Lande eine Entscheidung fallen, welche für die Entwicklung der dortigen Verhältnisse von weittragen­der Bedeutung sein kann. Seit der Erkrankung und dem sich anschließenden Tode Campbell-Bannermans kriselt es fortwährend im Schoße der englischen Ne­

gierung. Herr A s g u i t h ist an sich ein tüchtiger Minister, aber es scheint ihm die Gabe zu fehlen, dem Gesamtkabinett ein bestimmtes Gepräge zu verleihen und eine, einheitliche Richtung zu geben. Man pendelt hin und her und man steuert einen Zickzack- kurs, wie er ja auch in anderen Ländern zu verzeichnen gewesen sein soll. Das liberale Kabinett, welches bei seinem Amtsantritt vollständig mit den Tendenzen des unionistisch angehauchten Balsour gebrochen zu haben schien, hat sich mehr und mehr gewendet, da es, um sich zu halten, versuchen mußte, der Volksströmung.. ent­gegenzukommen. Nahm doch die Zahl der Anhänger des Ministeriums mehr und mehr ab, und bei den ver­schiedentlich stattgehabten Ersatzwahlen verloren die Liberalen ein Mandat nach dem andern, selbst in an­gestammten Kreisen, an die Konservativen. Ein ge- wisser Umschwung in der Außenpolitik war in den ersten Jahren auch insofern zu verzeichnen, als man gegen Deutschland eine etwas freundlichere Haltung annahm, aber es läßt sich nicht leugnen, daß gerade in dieser Hinsicht man im Kabinett sich allmäh­lich geändert und doch mehr oder weniger in die alten Fußtapfen getreten ist.

Gegenüber der künstlich geschürt e n Strö­mung gegen Deutschland glaubte man auch im Kabi- nett nicht standhalten zu sollen, weil man befürchten mußte, weggespült zu werden, und man ließ sich daher vom Strome mittreiben, wenngleich man nicht allzu­weit sich vorwagen wollte. An die Stelle der A b- r ü st ungsvor schlüge kam als Gegenstück die er­neute Tendenz, nach Kräften zu rüsten, um der angeblichdeutschen Invasion" von _ vornherein vorzu­beugen. So wurde die Stimme wieder laut, welche entschieden eine Verstärkung der Wehrkraft auch zu Lande verlangte, und es hat sich eine große Vereint- gung mit einflußreichen Persönlichkeiten an der Spitze gebildet, welche eine eifrige Propaganda für ihre Ziele betreibt und dabei bekanntlich vor keinenl Mittel zn- rückschreckt; selbst die Bühne muß herhalten, auf welcher ein Spektakelstück aufgeführt wird, welches in drastisch aufgetragenen Farben die deutsche Invasion darstellt und das bezeichnenderweise Abend für Abend bei ausverkaustem Hause tosenden Beifall findet. Hand in Hand damit gehen die Pläne für den Weiter­ausbau der Kriegsflotte, für welche hunderte von Millionen notwendig sind, da man von dem Typ der Riesenschiffe nicht lassen will. Wegen eben dieses M a r i n e p r o g r a m m s ist es nun aber trotz aller Abschwächungsversuche im Kabinett zu lebhaften Diffe­renzen gekommen, ein Teil der Minister, darunter Lord Churchill und L loyd George, sind ent- schieden dagegen: zwar wollen auch sie. den sogenannten Zweimächtestandard nicht aufgeben, aber sie Wollen beit Ausbau der Flotte in maßvollen Grenzen halten, um das Geld für anderweite Ausgaben.^ speziell auf so­zialem Gebiete, zu verwenden. So wie die'Dinge jetzt stehen, kann es nicht ausbleiben, daß die diesen

und dom Koch Heim Kartoffelschälen usw. zur Haüd gingen.

Alls den großen Segelschiffen ist die Zusammen­setzung der Besatzung auch Heute noch so. Nur kommt, da diese Schiffe aus Eisen oder Stahl gebaut sind, ein Schmied hinzu, sowie auf Schiffen, die mit Dampfwinden und Darnpfspill ausgerüstet sind, ein Donkeymaun zur Bedienung des sogenannten Donkeykessels, eines kleinen, am Deck stehenden Dampfkessels. Auch auf Dampfern, die keine Passagiere fahren, ist das Personal noch ziem­lich einfach zusammengesetzt: neben den nautischen SHiffsoffizieren und den Seeleuten gibt cs die »nit der Leitung des Maschinendienstes beschäftigten Ingenieure und Maschinisten und das untere Personal, wie Maschinistenassistenten, Heizer und Kohlenziehcr: letztere trimmen" die Kohlen aus ihrem AnsSowahenngsort, denBunkern", vor die Kesselfeuerung. Auf Fisch- dampfern wird außerdem ein Netzmiacher gefahren, und aus Spozialschifffen wie Kabcldampfern das für diesen besonderen Zweck ausgebildetc Personal.

Ein viel bunteres Bild bietet die Besatzung der großen Passagierdampfer. Den Stamm bildet natürlich das seemännische und das Maschinenpersonal, das um einige Spezialisten vermehrt ist: so hat man an Bord dieser Schiffe besondere Steurer, und in der Maschine besondere Schmierer und einenStorekeeper", aus deutsch Materiailverwalter, welcher das Werkzeug und allerlei Material verwaltet. Die große Rolle, welche die Elektri­zität an Bovö dieser schwimmenden Städte spielt, er­fordert die Teilnahme besonderer Elektriker zur JnstauS- haltung der Leitungen und Apparate: für Spezial-

maschinen, wie die Kühlinaschine, den Destillierapparat usw, sind besondere Wärter vorhanden, und die Aus­dehnung und Wichtigkeit der Kesselanlage, dieses Herzens eines Dampfers, verlangt, daß ständig ein oder mehrere Kesselschmiede an Bord sind. Abgesehen hiervon ist unter dem althergebrachten Personal eine größere Ar- beitsteiluna cingesÄrr worden, !o daß L. B. der erste

Offizier neben dem Wachdienst die Instandhaltung des Schiffes unter sich Hat und der zweite Offizier für das gesamte Ladnngsgeschäst verantwortlich ist. Funktionen, die die Schiffsoffiziere früher nebenher besorgen konnten, sind besonderen Angestellten übertragen worden: so werden die riesigen Proviantmengen, die ein großer Passagievdampfcr imitsührt, von besonderen Proviant- meistern verwaltet, und da mit dom Betrieb eines Linien- öampfers nicht nur während des Aufenthaltes im Hafen, sondern auch während der Fahrt viele Geldgeschäfte ver­bunden sind, hat man Zahlmeister angestellt, und ans den größten 'Schiffen sind ihm sogar Assistenten beigegeben.

Die gewaltigste Veränderung im Mannschaftsbestand unserer Schisse ist aber durch die Zunahme der Passaaier- zahl Herbeigcführr worden. Während aus unserem neuesten und größten Schnelldampfer, dem Lloybdampser .Kronprinzessin Cecilie", die seemännische Besatzung 85 Mann und das Maschinenpersonal 280 Mann stark ist, erfordert die Verpflegung und Bedienung der bald MVkSpfigen Passagierzahl 280 Mann. Zunächst ist da I unter dem Oberstewarö, der mit dem Geschäftsführer eines Riesenhotcls zu vergleichen ist und von mehreren zweiten Skoivavös unterstützt wird, ein Heer von Stewards tätig, die die Funktionen der Kellner ver­treten: für die weiblichen Passagiere gibt's Stewardessen und im Zwischendeck Zwischendeckswärter und Wärte­rinnen. Außerdem gibt es Musiker für die Taselmustk, einen oder mehrere Schriftsetzer, die die Mennkarten und GelogenHeitsdrucksachen Herstellen, Wlumen- und Bttcher- verkäuser, Klingeljungen, Liftjungen, Barbiere und Friseure, Badewärter und andere mehr. Der Küche, auf die besonders die deutschen Reedereien großen Wert legen, steht ein Oberkoch vor, unter de-m mehrere zweite Köche, Konditoren, Bäcker, Schlächter, Auswäscher oder Pantrylente (Pantry Heißt Anrichte) von früh bis spät alle Hände voll zu tun haben. Aber nicht nur für ge­sunde, sondern auch für kranke Passagiere ist Vorsorge * getroffen: jeder Damm er bat ein Hospital und ein oder