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Nr. 61.

Morgen-Ausgabe.

2. Blatt.

Wiksbsöener Tsgblstt.

Samstag,

6. Februar 1909.

57. Jahrgang.

Dos Erdbeben in Süd-Italien.

Luigi Barzini erhebt imCorriere bell« Ser«" schwere Anklagen gegen die ungeheure Schwerfällig­keit der italienischen Bureaukratie. Schiffsladungen von Bauholz, die ankamen, lägen unbenutzt, weil im Ministerium noch kein Entschluß gefaßt sei über düs Modell, nach dem die Baracken zu erbauen find.

ö. K Erdbebenkatastrophen und Sterblichkeitsziffern. Über den Einfluß der Erdbebenkatastrophe auf die Sterblichkcitsziffer Italiens veröffentlicht Dt. E. Roesle tm neuesten Heft derUmschau" interessante Unter­suchungen. Er stellt die Frage, wie der plötzliche, unge­heuere Volksverlust sich in den Lebensvorgängen der Gesamtheit des italienischen Volks bemerkbar machen wirb. Da die Gesamtsumme der Sterbefälle Italiens im Jahre 1908 mit ca. 700 000 angesetzt werden kann, so wird sich diese Summe bei den etwa 200 000 Opfern, die die Katastrophe gefordert hat, auf 900000 erhöhen. Die Sterbeziffer betrug nach der amtlichen Bevölkerungs­statistik, die bis zum Jahre 1906 vorliegt, in den Jahren 1901 biS 1906 durchschnittlich jährlich 21,7 auf je jausend Einwohner der Gesamtbevölkerung. Da die Gesamt­bevölkerungsziffer Italiens in diesem Jahre auf 84 Millionen angewachsen war, so ergibt sich für die Ge­samtsterblichkeit des Jahres 1908 eine Sterbeziffer von

25,5 auf Taufend. Der natürliche Volksverlust Italiens ist also im Führe 1908 gegenüber dem Durchschnitt der ersten sechs Jahre unseres Jahrhunderts um 4,8 für das Taufend gewachsen. Diese Vermehrung der Sterblichkeit durch eine einzige lokal begrenzte Ursache darf jedoch in ihrer Wirkung auf den Gesamtorganismns öeö Staates nicht überschätzt werden. Es wird erst recht deutlich, wenn man den Einfluß anderer Ereignisse, die unter Len Be­griff der sogenannten höheren Gewalten fallen, be­sonders der Seuchen, auf die allgemeine Sterblichkeit betrachtet. Gegen die furchtbare und unbegrenzte Macht solcher Schrecken der Völker erscheint auch der Schaden dieses gewaltigsten Erdbebens nicht mehr so groß. Kein Naturereignis, auch das entsetzlichste nicht, kann nur an­nähernd so viele Menschenleben fordern, wie sie etwa Cholera und Pocken dahingerafft haben. Durch diese beiden Seuchen stieg z. B. in Ungarn die allgemeine Sterblichkeit im Jahre 1873 auf 62,9 böi 1000, in Ruß­land noch 1902 auf 41,1. Die Hungersnot und der sie be­gleitende Hungertyphus rafften im Jahre 1868 in Finn­land insgesamt 77,8 von jedem 1000 der Bevölkerung dahin, die höchste Sterblichkeitsziffer, die jemals in die Annalen der Statistik eingetragen worden ist. Gegen solche Verluste ist auch die durch Kriege erhöhte Sterbe­ziffer nur gering. In Frankreich stieg die normale Sterblichkeit von 28,5 bei 1000 im Jahre 1869 auf 28,4 im Jahre 1870 und 85,1 1871. Bei diesem Anstieg wirkten jedoch Typhus und Pocken mehr als die Kriegsverluste. In Deutschland stieg die Zahl der Gestorbenen auf je

1000 Einwohner von 29,9 1869 auf 27,4 1870 und 29,6 1871« Speziell in Italien läßt sich feststellen, daß die Höhe btt Sterblichkeit durch den Einfluß der Seuchen früher »U4S mehr gesteigert wurde als durch das jetzige Erdbeben- MS zum Jahre 1889 ist die Sterbeziffer in Italien iiber- haupt nie unter 26,8 auf 1000 herabgegangen, war also- stets höher als die im letzten Unglücksjahr. Fm Jahr«t 1867 betrug die Sterbeziffer 84,3, es starben also bei jef 1000 Einwohnern acht mehr als im Jahre 1908. Noch im Jahre 1887 forderten tn Italien Typhus, Malaria/ Pocken, Tuberkulose, Diphtherie, Masern und Scharlach zusammen 198 921 Menschenleben, also ungefähr eben-; soviel als die jüngste Katastrophe. In den neunziger- Jahren ab^r war durch Len wirksamen Kampf gegen dir' epidemischen Krankheiten die Sterblichkeitsziffer sehr ge­sunken. 1905 starben nur noch 87 795 Menschen an de»' genannten Krankheiten; 1906 war das Sterblichbeits- Minimum von 20,3 Sterbefällen auf 1000 erreicht. Dieser dem Tode mühsam abgerungene Gewinn an Menschen» leben ist nun allerdings für das Jahr 1008 mit einem Schlage vernichtet. Doch dieses traurige Resultat ist nur ein einmaliges; es ist vorübergehend und kann ein kräftiges Volk, dem die Seuchen früher so viel größere Wunden geschlagen haben, nicht auf die Dauer schwächen. Immerhin wird erst tn einem Jahre dieser plötzliche Verlust durch die natürliche Zunahme des italienischen Volkes wieder ausgeglichen sein, so daß Italien durch diese Katastrophe in seiner organischen Entwicklung um ein Jahr zurückgeworfen worden ist.

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