Einzelbild herunterladen
 

Wiesbadener TaglilA

Verlag Langgafle 27.

Tugblatt-Haus".

Schalter-Halls geöffnet von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends.

26,000 Abonnenten.

BeAUgs-Preis für beide Ausgaben: 5O Pfg. monatlich durch den Verlag Langgasse 27. ohne Bringer- lobn.' 2 Mk. 50 Pfg. vierteljährlich durch alle deutschen Postanstalren, ausschließlich Bestellgeld. Bezugs-Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die 5 Zweigstellen, sowie die

13t Ausgabestellen tu allen Teilen der Stadt: rn Biebrich: die dortigen 36 Ausgabestellen und in den benachbarten Landorten und im Nheingan die betreffendeil Tagblatt-Träger. - -

Auzeigeu-Amrahme: Für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags: für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags.

2 Tagesausgaben.

Bering (Expedition 2953, Redaktion 52, Druckerei 2266.

Ruszeit von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends.

R-Uamen. Ganze, 'halbe, drittel und viertel"Seiten, durchlauiendach besonder» Berechnung - Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen ln kurzen Zwischenräumen ent p.cchender Rabatt.

Für die Ausnahme später eingereichier Anzeigen in die nächsterscheinende Ausgabe wird keine Gewähr übernommen.

Nr. 81.

Wiesbaden, Samstag, 8. Fedrrrar 190».

BBBaHflmaaM

Morgen - Ausgabe.

1. Wlc-tt.

Sll)mlps!ltilche Umschau.

Anfang Februar.

Eine der am meisten umstrittenen Fragen der heuti­gen deutschen Sozialpolitik ist die Einführung von A r b e it s k a m m e r n. Man hat seit Jahren er­örtert, ob Arbeiter- oder Arbeitskammern, in welchen letzteren auch Unternehmer sitzen, einzurichten sind, ob sie nach Berufen oder nach Landesteilen gegliedert wer­den sollen und was der wichtigen, aber sehr verschieden­artig beantworteten Fragen mehr sind. Die Reichs- regierung hat in ihrem kürzlich zur ersten Lesung ini Reichstag gelangten Gesetzentwurf sich für .Arbeits­kammern entschieden, dre durchaus paritätisch einge­richtet und beruflich gegliedert sein sollen. Die Be­ratungen wurden durch eine ausgezeichnete Rede des Staatssekretärs des Innern v. Bet h m a n n - H o 1I- w e g eingeleitet, der daraus hinwies, daß er aus eigener Erfahrung wisse, daß sich die Gegensätze zwi­schen Unternehmern und Arbeitern nur deswegen so vertiefen und oft zu großer Verbitterung auf beiden Seiten führen, weil sich die beiden Teile nicht zu fin­den wissen. Die Hauptschuld an der schreienden Disso­nanz, die zwischen Unternehmern und Arbeitern be­stehe. liege darin, daß sich die beiden Teile nicht mit­einander aussprechen.

Zu diesen! Zweck sollen die Arbeitskaunnern ge­schaffen werden. Der Reichsregierung schwebt durch­aus nicht vor, diese Kammern schematisch über das ganze Reich auszudehnen und das Gebäude schließlich mit einen: Rcichsarbeitsamt zu krönen. Sic hält cs für richtiger, derartige Kammern an Orten einzurich- teu. wo das praktische Bedürfnis dazu tatsächlich vor­handen ist: also wo sich die Industrie zusammenballte und besonders dort, wo schon Streitfragen, zwischen Unternehmern und Arbeitern Vorlagen. Die Reichs« regierung denkt dabei z. B. an eine Kammer für das stuhrgebiet, für das Saargebiet, für 'Oberschlesien usw. Die Anschauungen des Staatssekretärs wurden in: Reichstag sehr beifällig Ausgenommen: in der Kom­mission, der die Vorlage überwiesen wurde, werden aber wobl die Anschauungen bei der Beratung iin ein­zelnen wieder weit auseinandergehen. Immerhin ist zu hoffen, daß endlich eine brauchbare Einrichtung, ein Roden für gemeinsame Beratungen zwischen Unter­nehmern und Arbeitern geschaffen wird.

Allerdinas wird der große sozialpolitische Vorteil derartiger Beratungen nur dann eintreten, wenn die Gesetzgebung auch für die Anregungen dieser Kammern

FMlleLmr.

(Nachdruck verboten.)

Durch Dorf und Stahl um Uhrin.

Von Ludwig Anders.

tErgenbericht für dasWiesbadener Tagblatt".)

IV.

Lorch.

Unweit -der Grenze des eigentlichen Rheingaues, von Hiesom durch den steil in den Strom fallenden Taunus­riegel und den Engpaß des Bänger Loches scharf getrennt, liegt Lorch an der Mündung der Wisper. Nur ein ganz schmales Uservorland gönnt der Strom dem uralten Ltädttein. In den erlsten Tagen seines Bestehens mag der enge Userstrich für die Ortschaft vielleicht ausgereicht haben, als aber die Bewohner sich mehrten, seine Be­deutung wuchs, die Zahl der Siedlungen zunahm, da mußten die Ansiedler in die Höhe steigen und sich auf den terrassenförmig emporwachsenden Hügelrücken nieder- lassen, der sich im Winkel, der beiden «Flntzläuse aufbaute. So bietet Lorch, vom Rheine gesehen, das Bild einer treppenförmig emporwachsenden Stödt, auf deren höchstem Punkte das quadratische Massiv des abge­brochenen Psarrkirchenturmes ausragt.

Wann der Ort gegründet «sein mag, «darüber sind die Gelehrten sich heute noch nicht einig. Es wirst behauptet, daß ihn Me Kelten angelegt hätten, woraus «der Name hindeutet, «dessen heutige Fassung aus Lorecho oder Loricho entstanden ist, während andere «der Meinung sind, daß «die Römer au der Wispermündung ein Kastell eübaut Hätten, Laureacum geheißen, in dem «man den Ursprung des heutigen Lorch zn suchen hätte. Wie dem auch sei, zweifellos feist «steht, daß «die^ Stadt eine «der ältesten Ansiodlungen i«m Rheingau ist uüd in alten Zeiten «schon eine «ganz hervorragende Bedeutung hatte. Die Vage «des Ortes unterhalb der Durchbruchsstelle des Stromes bedingte dies. Hier sperrten zerklüftete Ge- birgswände den Userweg, während die Schiffahrt schon ln «ihren «erlsten Anfängen, Mo wohl noch vor den Römer-

Derständnis zeigt. Wie erfolgreich gemeinsame Be­ratungen sein können, beweisen jetzt wieder die gemern- samen Konferenzen, die im preußischen Haudelsministe- rium zwischen den Vertretern der Bergbauvereine und den Arbeiterführern über die Grundzüge der zu er­wartenden preußischen Bergge [ e tz n ovelle statt- sanden. Diese wird eine sehr wichtige Forderung der Grubenarbeiter erfüllen. Sie bringt für jedes Steig­revier Arbeiter ko utrolleure, so daß auf jede Zeche etwa 612 derartige Aufsichtspersonen fallen. Diese Kontrolleure dürfen jederzeit in Be­gleitung eines Zechenbeamten die Grube befahren. Ihre Ausstellungen tragen sie in ein besonderes Buch ein und auf :br Verlangen muß im Falle von Gefahr sofort der staatliche Revrerbeamte benachrichtigt wer­den. Diese Urbeiterkontrolleure gehen aus geheimer allgemeiner Wahl der Bergleute hervor; sie bleiben im Arbeitsverhältnis der Zeche und werden von dieser be­zahlt. Die Bergleute wünschen vielfach die Bezahlung selbst zu übernehmen, um die Kontrolleure von den Werksverwaltungen unabhängiger zu macken. Die sächsische Regierung hat die von den sächsischen Kohlen­bergleuten gleichfalls verlangte Einführung der Ar­beiterkontrolleure leider abgelehnt und dabei die Unter­stützung des Landtags gefunden- Sie will die Em- setznng derartiger Kontrolleure denn fr eien Willen der Grubenbesitzer überlassen, aber dem nächsten Land­tag Bericht darüber erstatten, wie weit die Besitzer der Anregung ::achgckon:n:en sind. Auf di«? Dauer wird cS wobl'auch in Sachsen ohne die gesetzliche Regelung dieser immerhin wichtigen Frage nicht gehen und würde sozialpolitisch klug gewesen sein, sic den Wün­schen der Arbeiter entsprechend schon in dem neuen Berggesetz zu ordnen. Auch die Anstellung von Ban- ko nt roll euren an? dem Arbeiterstand wird von den Arbeiten: ganz allgemein verlangt, und kürzlich hatte sich auch der Reichstag wieder mit dieser Ange­legenheit zu beschäftigen. Die Konservativen wollten sie kurz durch Übergang zur Tagesordnung es han­delte sich um eine Petition - abtun. Es wurde jedoch beschlossen, sie dem Bundesrat zur Berücksichtigung zu überweisen.

Eine ebenso freundliche Aufnahme fand der Gesetz­entwurf zur Bekämpfung des unlauteren Wett­bewerbs. Mit den Grundsätzen des Entwurfs waren alle Parteien einverstanden, da tatsächlich kein Zweifel darüber bestehen kann, daß eine Abhilfe der auf diesem Gebiet sich bemerkbar machenden Übelstände dringend notwendig ist. Selbsthilfe reicht weit, aber sie genügt nicht immer, um den Schwindel zu besertr- gen, und so muß auch hier die Gesetzgebung etwas schärfer als bisher zufassen. Aussichtslos ist dagegen, vorläufig wenigstens, eine Forderung des Zentralver­bandes der Handlungsgehilfen und gehilfmnen, der

MgeMii oB aanm aBBM

57 . Jahrgang.

sich in den letzten Wochen au Reichstag. Reichsamt des Innern und die Ministerien der Bundesstaaten mit der Forderung einer A r b e i t s l o s e n v e r s i ch e rung gewendet- hat. Die Eingaben weisen darauf hin, das Einkommen der kaufn:ä::nischeu Angestellten« sei in: allgemeinen zu gering, um davon Ersparnisse für den Fall der Arbeitslosigkeit zu machen. Ditz gegenwärtig besonders stark hervortretende Stellen- losigkeit treffe daher die Handlungsgehilfen ebenso schwer wie die. Arbeiter. Es wird schließlich vorge­schlagen, eine Arbeitslosenversicherung nach dem Gen­ier System einzuführen, also Zuschüsse zu der Arbeits­losenversicherung der Gewerkschaften zu leisten. Zu diesen Zuschüssen sollen jedoch nicht nur die Gemein* den verpflichtet werden, sondern auch das Reich oder; die Bundesstaaten sollen einen Teit übernehmet!. Diesel Forderung ist, wie gesagt, zurzeit gänzlich aussichtslos und sie wird sowohl vom Reich wie von den Einzel­staaten abgelehnt werden, von denen manche bekannt, lich wie das Reich in den schwersten Finanznoten stecken.

Über einen Ausbau der Arbeiterfürsorge nach dieser! Richtung werde:: voraussichtlich noch Jahre vergehen. Zunächst muß reichsgesetzlich nicht nur die Witwen- und Waisenversicherung unter Dach sein, sondern man wird wahrscheinlich auch erst die Versicherung der Privar- beamten ins Werk setzen wollen, ehe man reichsgesetzlich die Arbeitslosenversicherung in Angriff nimmt. Bis­her besteht für eine Regelung dieser Frage durch das Reich überhaupt wenig Neigung. Wem: wir unsere deutsche Arbeitersiirsorge recht würdigen wollen, so müssen wir sie mit jener des Auslandes vergleichen. Das Ergebnis ist für uns stets ein günstiges. Kläglich zurückgeblieben ist besonders auch England mit seiner alten und stark entwickelten Industrie. «Seit dem 1. Januar gibt es auch dort endlich eine Alters­versicherung, die 7!» Jahre alten Arbeiiergreisen, die nicht mehr als 4 10 M. Jahreseinkommen besitzen, höch­stens 260 M. jährlich zahlt. Aber unter sehr beengen­den. Bedingungen. Ein solcher Rentenempfänger darf in den letzten 20 Jahren England nicht Verlässen haben und er darf auch keine drei Monate nach Empfang der Rente abwesend sein, wenn er sie nicht vertieren will. Immerhin ist das weit mehr, als was die reichen Ver­einigten Staaten für ihre Arbeiter leisten. Dort denken wohl einzelne an eine zielbewusste und ausreichend gesetzliche Arbeiterfürsorge, aber die Gesetz­gebung im Weißen Hause wie in den Einzelswaten der Union ist vorläufig kaum für sie zu haben- Selbst die notwendigsten Arbeiterschutzmaßregeln sind nicht gesetz­lich angeordnet. So treibt man geradezu einen Raub­bau mit der Arbeitergesundheii und den: Arbeiter-

leben. Nach einer amtlichen Statistik sind im letzten Jahre in Industriebetrieben der Union etwa 35 000

zetten, durch «die Strom-schnellen, Me Klippe» und Barren im Uuhbette stark beeinträchtigt wurde. Schwerve- la-üene größere Schisse, die rheinauf kamen, mußten hier umgeladcn werden, weil «das Biwgcr Loch nur für leichtere Fahrzeuge passierbar war. Meist jedoch wurden die Waren von hier aus auf dem Landwege rheinauf unid in das Innere gebracht, weshalb Lorch von jeher ein Ausgangs- und Knotenpunkt wichtiger Straßen war.

Lorch gegenüber stieß die Straße von Trier nach Bingen au «den Rhein: nordwärts führte eine «Straße Mer «den Weifeker Berg und der «berühmteKaufmanns- wog" «war «die Umgehung der unwegsamen Stromfchlucht- paffage «über «das Gebirge nach Rüdesheim uüö Geisen­heims Mit «dem Wisperta-le «selber öffnete sich «ferner der wichtigste Zugang in «das Landesinnere, weshalb «die Römer «hier «ihre .Heerstraße nach den Llmestastellen ent- «lang «führten.

Diese Bedeutung «ist Lorch «bis in «die Neuzeit treu «geblieben und er'ft die «durch «den gewaltigen Aufschwung der DamP-fmafchinentechnik verursachte Änderung «des BerkehrSwosens «h«at sie etwas abzuschwächcn vermocht. In früheren Jahrhunderten stand Lorch «als Harrdels- nnld U-wschlagAplatz in hoyebBlüte, «wie andererseits «seine «vorgeschobene, geographisch isolierte Lage cs zu ein mir «sehr gefährdeten «Punkte «am Mittelrhein machte, der unter' kriegerischen Heimsuchungen «mehr zu leide:. Hatte als manch bevorzugter Schwesterplatz. Lorch ist «so oft niedergeh rannt, geplündert, drangsaliert und zerschossen «worden, daß cs eigentlich ein Wunder ist, daß es Heute noch «besteht. Germanen und Römer, Franzosen und «Schweden, Österreicher und Spanier haben «es gebranst- schatzt und schikaniert, Feu^rsbrün'ste und Pest haben es verwüstet und seine Bevölkerung «dezimiert, doch immer wieder hob es sich verjüngt «aus Asche und Trümmern «zu rvtzwom kräftigen Leben empor. Da es selten vrel Hilfe von außen oder Unterstützung und Beistand von seinen Herrn, den Mainzer Erzbischöfen, hatte, «zwischen den «-«öligen Rittern der Wehrstand war in Lorch stets reich vertreten gewesen und der Bürgerschaft sich i-m Mittelalter ein iheft«i«gsr Gegensatz entwickelte, der manches «Mal verhängnisvoll für die Stadt war, so darf

| man «der Bürgerschaft einen schier unerschütterlichen Hermatssinn und unerschöpfliche Tatkraft nicht versagen. Sie Hatten oben «die «zähe Heimatliebe des Rheingauers, die sich trotz «aller «schweren Nöte stets siegreich behauptete.

Diese Verhältnisse haben, wie dies verständlich ist, zum Teil die berufliche «Gliederung der «Stadt, ihre wirt­schaftliche «Struktur und gesellschaftliche Schichtung be- strwmt. Im Mittelalter natürlich in weit stärkerem Maße «als heute, wo äußere Einflüsse einen Ausgleich schaffen und «die Grenzlinien verwischen. In den streit­baren Zeiten vergangener Jahrhunderte spielte, wie be­reits erwähnt, «der Wehrstand in Lorch eine große Rolle. Jod er Bürger «war auch «Kriogsmann. Als «durch «die Ge. Währung verschiedener Privilegien und Gerechtsame, Belohnungen und «Schenkungen ein Adelsstand «auch« in Lorch aufkam», wuchs «die Zahl der adligen Ritter- geMechter «ganz erstaunlich schnell. Die Urkunden be­richten von gar gewaltigen Geschlechtern, deren einzelne Angehörige «weit «über «den Rheingau «hinaus« ibcrüh'Mt waren und «die über große Macht verfügten. Unter ihnen befanden sich «Männer, «die sich um das Wohl ihrer Vaterstadt «sehr verdient gemacht und «dazu 'beigetragen haben, «daß Lorch auch heute noch «eine Sehenswürdigkeit unter'den pheinMuffcheir «Orten *ft,. einer der «wenigen Plätze am Mittelrhein, «die das historische «Bild einer mitttellältevlichen StaSt auch noch «in einer Zahl bemer­kenswerter Bauten un«d «stattlichen Resten der Stadt- befosti«gnn«g «bewahren. Es fei nur an «die Ritter Hilchen von Lorch erinnert und ihr «stattliches Patrizterhans, das füNfgeschoKa «mit «breitausladenden Ballonen an «der Rheinstraße -ansragt und als einer «der wenigen Renaissancebauten des Rheinganes interessant «bleibt, wiewohl «die «Stilform ein «wenig roh nn«ö «han«dwerks«.

,mäßig angewandt ist. Erbaut hat «dieses Haus der «Feld, marfchall «Johann von Hilgen, «der ein Waffenbruder Franz von «Sickingens war, «ein «kriogslüstiger Herr, von dem ldie Chronik manch wackere Heldentat zu «melden weih. U«:n so erfreulicher «mag es sein, «daß er neben seinem Kriegshandwerk Zeit und Mutze «fand, jenes «dem Kunstsreunde «immerhin Wertvolle V-au«w«er-k zu «erstellen, seiner -wUöcu Zeit ici die BerüMerurW des Stiles