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Nr. 33.
Wiesbaden, Mittwoch, 2«. Januar IKON. _
Morgen ° Kusgabe.
_1. lÖCctff. _
FandtliZserjllhiMh! in Berlin.
Kein Zweifel mehr ist möglich: in biejcm Frühjahr wird die Reichshauptstadt einen neuen Landtagswahl- kamps durchleben Um die vier Sitze in der preußischen Landstube geht's, welche die Berliner Sozialdemokralie in der Wahlschlacht von 1908 sich eroberte. Die Wahlprüfungskommission des Abgeordnetenhauses hat anr Samstag sich mit dem freisinnigen Protest gegen die Wahl der Genossen Borchmann, Hennann, Hirsch mtö Hoffmann beschäftigt, und wenn sie auch noch nicht geradezu beschlossen hat, dem Plenum die Ungültigkeitserklärung dieser vier Mandate zu empfehlen, so unterliegt es doch nicht dem leisesten Zweifel, daß ein solcher Kommissionsbeschluß nur noch wenige Tage aui sich warten lassen wird. Der freisinnige Woblprolest stützte sich nicht nur auf den Terrorismus und die Boykottaktik der sozialdemokratischen Wahl- wacher, sondern in erster Reihe daraus, daß die Ausstellung der Abteilungslisten für die Wahl rechtswidrig sei. Der Protest behauptete, daß der Einreihung der Wähler in die Abteilüngslisten verschiedene Steuerjahre zugrunde gelegt seien; die Wähler mit weniger als 3000 M. Einkommen seien mit den für das Jahr 1908 festgesetzten Steuersätzen, Wähler mit höheren Einkommen dagegen mit den Steuersätzen von 1907 in die Abteilungslisten eingetragen worden. Es ist klar, daß ein solches Verfahren auf den Wahlaus- sall erheblich anders einwirken mutzte als das reguläre. Ja, es ist nicht ausgeschlossen, daß die Genossen diese vier Wahlsiege einzig und allein diesem unzulässigen Verfahren bei der Ausstellung der Abteilungslisten zu verdanken haben. Diese Ansicht hegt auch die Wahlprüfungskommission. Sie hat deshalb beschlossen, beim Berliner Magistrat offiziell anzufragen, ob die Behauptungen der sreisinn-igen Wahlproteste zutreffen, und sie hat kein Hehl daraus gemacht, daß, wenn die Antwort des Magistrats bejahend lautet, die vier Mandate ohne weiteres kassiert werden müssen. Und da die Kommission die Antwort aus die nur der Form wegen an den Magistrat gerichtete Anfrage längst in der Tasche hat, da sie längst weiß, daß tatsächlich jene unzulässige Praxis hei der Aufstellung der Abteilungslisten beobachtet -wurde, so dürften wir schon heute, noch ehe die Kom- jmission darüber gesprochen hat, die Kassierung der vier sozialdemokratischen Mandata als unmittelbar bevorstehend ankündigen.
Wenn man der Frage nachgeht, wie es kommt, daß die Kommission schon jetzt weiß, daß die freisinnigen Protestbehauptungen der Wirklichkeit entsprechen, dann stößt man auf ein— niedliches politisches Nvenment humain. . . Es hat mit dem freisinnigen Wahlprotest eine eigene Bewandtnis: Nicht nur in denjenigen Berliner Wahlkreisen, in denen die Sozialdemokraten siegten, sondern auch in allen anderen ist die Aus-
Femllelon.
Vettine.
Ölt ihrem BO. Todestage, 20. Januar.)
Die Museder Romantik hat man sie genannt, aber huch ihre dun-kelraunenöe Sybille: man Hieß sie den verkörperten Geist her Romantik, aber auch ihren neckenden KoblW, das Kind der Romantik und ihr enfant terrible, ihren Genius und ihren Dämon. Aber kein Name verputz das vielgestaltig wechselnde Wesen dieser Frau zu umfassen, die immer neu erschien in ihrem schicksals- ireichen Leben und doch in den schwankenden^ Formen 'ihres Erscheinens stets das gleiche „undefinierbare Rätsel", dasselbe „holde Wunder" blieb. Und nun, da der Gedenktag ihres -fünfzigjährigen Todes herangenaht ist, steht sie noch immer vor uns, unverändert, ungeältert, bas „Feen-kmd" Bettine im Schimmer jenes unvergänglichen Reizes, der von ihr zu Lebzeiten ausgegangen uNö der von ihren Büchern, Briefen, Reden und Taten stets wieder uns anstrahlt. Wie war ihre Gestalt, waren ihre Bücher ganz vergessen: dazu waren sie, besonders »/Goethes Briefwechsel mit dem Kinde", zu eng mit dem Höchsten unseres Geisteslebens verbunden, aber man hatte ihre Schriften als „haltlose Erfindung und dichterische Phantastik" abtun wollen und diesen so kunstvoll gewundenen Kränzen der Erinnerung jeden Anbruch auf tatsächliche Echtheit verweigert. Heute sind ihre schönsten Werke, der Briefwechsel mit einem Kinde, die Günderode, Klemens Brentanos FrühlingskraW in Prächtigen Liestha-bereditionen und einfacheren Ausgaben wieder aufgelegt, und unsere Zeit, die für di- Wunder der RoiMntik ein so feines Verständnis hat, findet ihrer
stellung der Abteilüngslisten nach dem in den freisinnigen Wahlprotesten gerügten unzulässigen Modus erfolgt. Sitzen also die vier Sozialdemokraten zu Unrecht in der preußischen Landstube, so steht es bei den freisinnigen Berliner Landtagsabgeordneten um kein Haar anders. Von Rechts wegen, und wenn es ihnen wirklich ernst um das Prinzip zu tun gewesen wäre, hätten die Berliner Freisinnigen also auch gegen die Wahl ihrer eigenen Parteifreunde Einspruch erheben müssen. Klug und weise haben sie sich schon gehütet, das zu tun. Klug und weise, wie sie sind, sind sie mit ihren Protesten erst im letzten Augenblick herausgerückt, um den Sozialdemokraten _ die Anwendung desgleichen, sicheren Erfolg versprechenden Protestkniffs gegenüber den Wahlen der Berliner bürgerlichen Abgeordneten unmöglich zu machen. Die Begründung des -Protestes durch den Hinweis auf das rechtswidrige Listenaufstellungsverfahren wurde bis zum letzten Augenblick Don den Parteigewaltigen so geheim gehalten, daß selbst die Parteipresse erst nach der Absendung der Proteste und nachdem die Ein- reichungsfrist für Wahlproteste überhaupt abgelaufen war, davon erfuhr, daß nicht die Beschwerden über den Terrorismus der Genossen, sondern der Hinweis auf den Formfehler bei der Aufstellung der Ab- teilungslisten die Piece de Resistance der Proteste war. Wir wolle:: diese kleine Kriegslist der Freisinnigen gegenüber den Genossen nicht mit rhadamantischer Strenge tadeln. Wahlzeiten sind Kriegszeiten, und Kriegslisten sind überall und zu allen Zeiten erlaubt gewesen. Bedenklicher aber erscheint dieses an sich vielleicht verzeihliche Manöver des Freisinns, wenn .. man hört, aus welchem Wege die freisinnige Parteileitung zu der Kenntnis der allen anderen Parteien unbekannt gebliebenen Gesetzwidrigkeiten bei der Aufstellung der Abteilungslisten gekommen_ ist. Das pst eine eigentümliche Geschichte. Nur ein Mann ^ im ganzen großen Berlin wußte um den Modus, nach dem sich die Aufstellung der Abteilungslisten vollzog. Vorder Wahl hatte der Berliner Magistrat beim Minister angesraqt, ob die Aufstellung der Abteilungslisten in der. Weise zulässig sei, daß die Wähler mit Einkommen von weniger als 3000 Mk. aus Grund der Steuerveranlagung von 1907, die Wähler mit mehr als 8000 M. Einkommen auf Grund der Veranlagung von 1908 in die Abteilungslisten eingetragen würden. Der Minister hatte dies Verfahren zunächst für u n z u - läfsia erklärt. Da kam der Berliner Magistrat und erklärte: „Tut uns leid, nach einem anderen Modus können wir die Abteilungslisten nicht aufstellen." Nun änderte der Minister seine juristische Überzeugung und erklärte sich mit der Abteilungsgliederung teils nach den Einschätzungen von 1907. teils nach denen von 1908 einverstanden. Und so geschah es denn. Der Mann aber, der während dieser Verhandlungen das Wahlsachendezernat des Berliner Magistrats verwaltete, war — Herr Stadtrat Fischbeck! Er war es, der nicht locker ließ, bis der Minister seine Zustimmung zu dem unzulässigen Vorgehen bei der Aufstellung der Abteilüngslisten gab. Und er ist es, der jetzt als
-geheimsten Sehnsucht einen Widerhall in den mon>d- -schein-durchsluteten Zaubergärten, Len von üppig wachseri- >dom Gewirr erfüllten Tempel-Hainen, die sich in Bettines Wahrträumen und Lebensmärchen anstun. Vergilbte Briefe von ihr, wie die begeisterten Forderungen und Mahnungen an König Friedrich Wilhelm IV., werden ans dem Staub der Archive, da sie geruht, veröffentlicht und erregen allgemeines Aufsehen. Immer mehr Material tritt zutage, das 'den Inhalt ihrer Bücher zu kontrollieren erlaubt, und -bietet die Handhabe dafür, daß Bettine, da, wo sic es angivt, zumeist authentische Dokumente verwertete und sie mit höchster Kunst in das farbige Muster ihrer Erzählung einzu-weben wußte.. So erlebt -diese „romantische Zauberin" geralde in unseren Tagen eine Renaissance in wissenschaftlicher. und in -künstlerischer Hinsicht, obgleich ihr feuriger Geist eigentlich immer let endig war und st-w mit begeisternng- nährenden Mammen empfängliche Seelen entzündet und
erwärmt -hat. ^
Bettina — sie selbst nannte sich stets Bettme — entstammte jenem aus Italien nach Deutschland gekom- - -menen Geischlechte der Brentano, -deren FamittenhauS zum goldenen Knopf in der Sandgafse zu Frankfurt ein Sammelpunkt für die verschiedensten geistigen Strömungen und literarischen Erinnerungen gewesen ist. Ihre' Großmutter, -die Dichterin Sophie Laroche, Wielands Freundin, thronte als eine Tochter der Aufklärung und Verehrerin des Verstandes über den wirren Drang und der Gefüh-ls-mystit, die in ihren Enkelkindern lebte. Ihre Mutter Maximiliane war einst von Goethe -geliebt woriden und hatte ihm Züge znm Bilde der Lotte gegeben. In -dem sieben Jahre älteren Brüder Klemens trat Bettine all der Glanz und all die Tragik dessen, was man wohl Romantik nennt, in höchster -Steigerung entgegen. Sie geriet zunächst ganz unter seinen Einfluß.
Referent in der Wahl-Prüfungskommission sich mit demosthenischer Beredsamkeit für die Berechtrgung der freisinnigen Wahleinwände gegenüber der Wahl der vier Genossen ins Zeug legt. Herr Fischbeck, der Berliner Stadtrat und Wahldezernent, ist der Urheber jenes gesetzwidrigen Verfahrens bei der Wahl, das Herr Fischbeck, der Vorsitzende der freisinnigen Volkspartei und der Referent der Wahlprüfungskommission, jetzt — mit Recht — so scharf als ein Mittel zur Fälschung des Wahlergebnisses angreist. Herr Fischbeck :st der einzige Mann, der davon wußte, welcher Modus der Aufstellung der Abteilüngslisten zugrunde lag, und man muß ihm zugestehen, daß er sein Geheimnis wohl zu wahren wußte, bis zu dem Moment, da die Prets-- gäbe dieses Geheimnisses ihm im politischen Wettkampf für seine Partei nützlich dünkte.
Schön ist die Art und Weise, wie der Freisinn den p. t. Genossen mitgespielt hat, gewiß nicht, aber man wird um io weniger geneigt sein, deshalb über die Volkspartei oder ihren Führer den Stab zu brechen, als die Genossen im politischen Kampfe sich von jeher durch völliae Moralfreiheit und Skrupellosigkeit her- vorzutun belieben. Was man dem Freisinn übel ver- merken würde, wenn er es einer anderen bürgerlichen Partei zugefügt hätte, das wird man ihm nicht nur Nachsehen, sondern ihrn auch bis zu einem gewissen Grade als wohlgelungenen Max- und Moritzstrerch beifällig anrechnen, wo es sich um eine Überlistung der Genossen handelt. Entspricht doch diese frersinnrge Reineketartik gegenüber deck sozialdemokratischen Wölfen durchaus dem Grundsätze, der auch bei uns _ gilt, dem Grundsatz: „A corsaire •— corsaire et demi.. (Aus einen Seeräuber anderthalben.)
P--!i«sche Kberftcht.
BerrLschlarrd Itttd Fpasrl'. reich.
L. Berlin, 18. Januar.
Fürst Bülow wird dem Reichstag binnen kurzem ein lenes Weißbuch über Marokko überreichen. Man hört es gern und glaubt es auch, daß der Reichskanzler sich bemühen wird, bei der Auswahl der Aktenstücke so vorzugehen, daß die immer noch in dieser Frage vor. handenen Gegensätze nicht verschärft, sondern vielmehr nach Möglichkeit gemildert werden. Aber die bloße Tatsache, daß es eine Spannung zwischen Deutschland und Frankreich wegen jenes Problems gibt, bleibt nun einmal bedauerlich, und dies uttt so mehr, je willkommener der Eindruck ist, den das Verhältnis zwischen den beiden Ländern im Komplex der Balkanfragen und ihre fortschreitende Begleichung gemacht hat. Die Gegensätze in bezug auf Marokko sind gerade ernst ge- nug. Auch ohne den vor zwei Monaten glücklich bei- gelegten Casablanca-Zwischenfall gab es und gibt es Reibungsflächen genug zwischen beiden Ländern. Man mutz hoch ausmerken, wenn ein diplomatischer Beirr- teiler wie Adolf v. Flöckher öffentlich und unter Nennung seines Namens, seine warnende Stimme er-
Die starken Eindrücke, die während ihrer Erziehung im Kloster von der Magie der Natur und der Schönheit des Katholizismus ans sie eingeiströmt wären, erhielten nun ihr -festes Ztel in der Verehrung -des Bruders und dessen, was ihm heilig war. Das leuchtet so recht aus -dem vor kurzem veröffentlichten Briefwechsel von Klemens mit Sophie Merean hervor. -Hier klingen Töne an, die die Schwester dann später irr dem feinen, aus Briefen ihm geweihten Buch des Andenkens in vollen Akkorden variiert hat: niemand stand dem Dichter, bevor er Sophie -kennen und lieben lernte, näher als Bettine, die es -dem iftteren Bruder auch in allen Freiheiten und Bizarrerien -gleichzntun strebte und dadurch etwas Jnngenhaft- Burschtkoses, forciert Männliches in ihrem Wesen annah in. Bett ine war damals, a-kso noch mit 1-5—16 Jahren, das unerzogene und verzogene Wunderkind, ein Natur- wosen und Wildsang voller Übermut, Unrast, Tollheit uüd kecker Droleric, zugleich erstaunlich frühreis, in allen Dingen hochbegabt, sprühend und sprudelnd von verblüffenden Einfällen und zuckenden Funken des Genies. Ein solch voir Leben und Unruhe vibrierendes Polter-getstchen hat immer in ihr gewohnt: auch im
grauen Haar noch hatte sie diese quecksilbrige Kobold-- Hastigkeit, so daß Nachdenkliche sich wohl fragten, ob sic „nur als alte Frau verkleidet sei, ihre Vermummung a-bwerfen und als junger Genius einhertanzcn werde." Aber in ihrer Jugend mutz ihr gar viel des Spielerischen, des Posierenden, des Unaufrichtigen und Gemachten an- gehaftet haben. Es war auch -etwas von jenem „Gurli"- Typus in ihr, den damals Kotzobuc irr Mode gebracht hatte, von dem sich seiner Weiblichkeit wohl-bewußten, naiv-raffinierten Backfisch, der seine Koketterie -hitrter einer stürmischen Zutraulichkeit oder einem schmollenden Abwehren verbirgt. Klemens, der diese Geister entfesselt, hat sie nicht zu bannen gewußt. Erst als -die mit
