Einzelbild herunterladen
 

Verlag Langgaffe 27.

Tagblatt-Haus".

Dchalter-Halle geöffnet von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends.

26-000 Abmmenlen.

Bezugs-Preis für beide Ausgaben: SOPfg. monatlich durch dm Verlag Langaasf- 27, ohne Bringer- lolm- 2 SO«. 50 Vfg, vierteljährlich durch alle deutjchen Posiankialten. ausschließlich Bestellgeld. Bezugs. Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die 5 Zweigstellen, sowie die

I3l Ausgabestellen IN allen Teilen der Stadt; in Biebrich: die dortigen 36 Ausgabestellen und in den benachbarten Laudorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.

Anzelgen-Auuahmc: Für die 2Ibend-Ansgabe bis 12 Uhr mittags; für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags.

2 Tagesausgaben.

Fernsprecher:

Verlag (Expedition) LU53, Redaktion 52. Druckerei 2266.

Nufzeit von 8 Uhr morgens bis 3 Uhr abends.

Anzcigcn-Prcis für die Sette: 15 Pfg. für lokale Anzeigen imArbcilsinarkt" und ..Kleiner Anzeiger" in einheitlicher Satzform; Al Psg. in davon abweichender Satzausführuva, sowie für alle übrigen lokalen Anzeigen; SO Pfg. für alle auswärtigen Anzeigen: 1 Mk. für lokale Reklamen; 2 Mk. für auswärtige Reklamen. Ganze, halbe, drittel Mid viertel Seiten, dnrchlauiend, nach besonderer Berechnung, Bei wiederholter Aufnahme imveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräume» entsprechender Rabatt.

die Aufnahme später eingcreichter Anzeigen in die »ächsterscheineilde Ausgabe wird keine Gewähr übernommen.

Nr.

Morgen - Kusaabe.

_ 1. Matt.

Politische Wochenschau.

Das neue Jahr Hai auf dem Gebiete der Politik nicht freundlicher angefangen, als das alte .aufgehört hat. Dem-in der nächsten Woche erfolgenden W ied er- z u s a m 11 t e n tr i11 des Reichst a g s, der die große und schwere Frage der Re i ch sfinanz- roforni ihrer Lösung cntgegenführen soll, sieht inan nicht ohne Grund mit ernstlichen Besorgnissen ent­gegen, da die Lage während der Weihnachtsferien sich nicht geklärt und die Aussichten eines Kompromisses sich kaum gebessert haben. Nicht minder ungemütlich aber sieht es auf dem Gebiete der auswärtigen Politik aus. Tie internationale Lage läßt von einem Nachwirken der wer beachtlichen Friedensbotschaft nichts verspüren, auch wenn man keineswegs alles das unterschreiben möchte, was der ehemalige Chef des Generalstabes, Generaloberst G ras 3 d) 1 i e f f e n , in seinem vom K a i f e r nach dem Diner der k 0 m - in andi er enden G e ncrale berlefcuen Artikel an pessimistischen Schlußfolgerungen vorgebracht hat. Offiziöse Darstellungen betonen denn auch ausdrück­lich, daß der Kaiser sich nicht mit diesen politischen Nutzanwendungen, sondern lediglich mit den rein mili­tärischen Darlegungen jenes Artikels einverstanden erklärt habe. Trotzdem, wird man es sehr bedauern müssen, daß durch diesen Vorgang, der durch eine kaum begreifliche Indiskretion in die Öffentlichkeit gebracht worden ist, in der Presse des Auslandes, insbesondere in der englischen und französischen, aufs neue eine. Debatte entfesselt worden ist, über die endlich die Akten geschlossen zu sein schienen.

Es verdient übrigens ernste Beachtung,: daß auch bei dieser Gelegenheit wieder das Treiben gewisser K a in a r i l l a k r e i f c wahrzunchmen ist, welche be­flissen sind, aufs neue, zwischen Kaiser und Kanzler Mißtrauen zu säen. Ein solches Kamärillatreiben ist diesmal von verschiedenen Kreisen aus zu beobachten. In dem rechtskonservativenReichsboten" wurde von anscheinend militärischer Seite eine Attacke gegen den Fürsten Bülow. geritten, indem der Artikel des Grafen Schlieffen alsdie denkbar schärfste Kritik von militärischer Seite an den völlig negativen Ergebnissen unserer auswärtigen Staatsknnst" bezeichnet wurde. Und gleichzeitig cröffnetc das Berliner Zen- t r u m s 0 r. g a n im Verein mit der Wiener christlich- sozialenReichswehr" eine Kampagne gegen den Reichskanzler, indem man ihn der mangelnden BundeS- trcne gegen Österreich-Ungarn zu bezichtigen suchte, ein Vorstoß, der laut offiziöser Mitteilung von

Femlleton.

-Nachdruck »erboten)

Dsr Verdächtige Brief.

Aus ü. Russischen -des Potapenko von Heldscher Nustikow.

Herr und Frau Pilonski saßen am. Mittagstisch und warteten auf die Heimkehr ihrer Kinder, die mit dem Kinderfränlein Annuscha zur Eisbahn gegangen waren.

Der Hausherr ivar etwas verärgert. Er begann daher in sarkastischem Tone allerlei Fragen aufzu­werfen, wie die,, ob vielleicht das Kinderfränlein zu be- stimmen habe, wann gegessen werden soll, oder wann das Fräulein wohl sich einmal an pünktliche Tisch­zeiten gewöhne und weshalb denn .eigentlich der Annuscha die neue Uhr geschenkt worden sei?

Frau Pilonskis fettes, würdevolles Gesicht nahm einen vielsagenden Ausdruck an. Einen Ausdruck, der den Hausherrn stutzig machte.

Was ist los?" srug er und sah seine Ehehälfte voller Neugierde an.

Was soll los sein? Mir scheint, als ob unser Fräulein etwas vorhabe."

Was vorhabe?"

Ich weiß nicht. Es ist nur eine Vermutung von mir", antwortete sie und wandte sich zu dem Samowar, dessen Wasser zu singen begann.

Das ist nun so deine Art. Anspielungen, ohne zu sagen, was eigentlich los ist."-

Ärgerlich knurrte der Hausherr die Worte vor sich hin. Er war, wie schon gesagt, mißgestimmt, weil er heute nicht zu dem gewohnten.Spielchen zu Kossubows gehen konnte.. Dort war.der Jüngste an Masern er­krankt, weshalb der Hausarzt, der morgens vorgS sprochen hatte, ihn verwarnt hatte.ES ist zu dumm", brummte er weiter, »als ob das so gefährlich wäre.

Wiesbaden, Sonntag, I®. Januar ISO®.

dem österreichisch-ungarischen Botschafter in Berlin als eine absurde und böswillige Erfindung" gekennzeich­net worden ist.

In der Tat haben die leitenden Kreise in Öster­reich-Ungarn weder Anlaß zu solchen Beschwerden nock den Wunsch einer mehr aktiven Beteiligung Deutsch­lands an den B a l k a n dingen, die trotz des jüng­sten Konfliktes mit Serbien allgemach in ein ruhigeres Fahrwasser zil kommen versprechen. Wenn man sich am Ballhausplatz in Wien auch genötigt ge­sehen hat. den etwas vorlauten Kriegsminister Milo­wan awit sch zur Ordnung zu rufen, so nimmt mau doch diese Eruptionen des serbische». Volksgeistes nicht allzu ernst,, und die neueste. Ministerkrisis im Lande König Peters kennzeichnet ja zur Genüge die Zerfahrenheit der dortigen Lage. Als ein beruhigen­des..Zeichen ist es auch zu begrüßen, daß nach dem jetzt zu Ende gegangenen Benamsest die ö st er r e i ch i s ch- rtürkis ch-e n Verhandlungen wieder ausge­nommen werden sollen, während andererseits nicht bloß Rußland sondern auch England eine versöhnliche Gesinnung bei den diplomatischen Verhandlungen an de» Tag legt.

Daß aber von I t a l i e n, dem man bis dahin ans österreichischer Seite in der Balkanfrage wenig getraut hat, keinerlei Schwierigkeiten zu befürchten sind, liegt in der Natur der Sache oder, wenn man will, in der 'Sache der Natur, denn die furchtbare Erdbeben- katastrophe, die Sizilien und Calabrien so schwer heimgesncht hat, zwingt das wirlschaftlich ohnehin nicht allzu starke Italien, alle seine Mittel dein Wieder­aufbau des Zerstörten, der Heilung der blutigen Wnn- den nach Maßgabe menschlicher Kräfte znzuwenden. And wenn Italien hierbei so opferfreudige llnter- stützung seitens aller Knlturstaaten findet, so kann diese über die. Grenzen der Nationen binaüsreichende Betätigung . der Nächstenliebe . nur versöhnend und sittigend wirken und den Willen zum Frieden stärken.

Hoffentlich wird dieser, der im nahen Orient noch immer aus des Mesiers Schneide stobt, nicht etwa im fernen Orient durch den jüngsten Umschwung im Reiche der Mitte gestört werden. Daß bei dein unerwarteten Sturze des bisher einflußreichsten chine­sischen Politikers Dnanschikai neben den in China üblichen Palnstintrigen die Furcht der Mandschu vor dem neuen Reformkurs mitgewirkt bat, daran kann kein Zweifel sei, aber darüber müssen sich eben die Völker Europas klar werden- ob Uuanschikai oder Natung, mit dem Fremdenhaß. mit dem durch das Land der ausgehenden Sonne geförderten Emanzi­pationstrieb des bezopften Chinesentnms müssen wir so oder so rechnen.

Jedenfalls ist der chinesische. Rekord der Reform­feindlichkeit durch den persischen erheblich geschlagen worden. Trotz der noch unlängst den Engländern und

Der Junge liegt doch sicher oben in der zweiten Etage. Außerdem, werden sich mir doch die Krankheitserreger nicht anhasten."

Er redete sich immer mehr in seinen Ärger hinein.

Du irrst, wenn du glaubst, ich mache nur An­spielungen", ließ sich Frau Pilonski vernehmen. ..Die Sache ist außerordentlich ernst. Ich fürchte. ."

Na?"

Ich fürchte, daß Annuscha die-Absicht bat."

Welche Absicht?"

Tie Absicht fortzügehen."

Alle Wetter!" rief der Hausherr und rückte mit seinem Stuhle.Tu glaubst? Das wäre ja heiter! Aber woraus schließt du denn das?"

Je nun", meinte sie achselzuckend,ich denke, die Tante, steckt dahinter. Ist dir nicht ausgefallen, daß diese in der letzten Woche schon dreimal hier war und außerdem bereits zweimal geschrieben hat? Das war doch sonst picht' heute ist 'schon, wieder ein Brief von ihr da." sie.

Und du denkst, es handele sich um eine neue Stelle?"

Natürlich doch! Es kommt hinzu, daß sich ihr Wesen verändert hat. So etwas Zerstreutes, was sie früher nicht an sich hatte, bemerkte ich in den letzten Tagen."

Aber Kind, du siehst, zu schwarz. Jetzt... wo die Kinder sich so an sie gewöhnt haben! Wie wär'S, ivcnn wir ihr eine Zulage gäben? Wenn ich an den Trubel denke, damals, wo wir ohne Gouvernante waren. Und ehe eine neue gefunden ist

Fatal wäre es ivirklich."

Schlimmer als das! Wo hast du denn den.Brief?" Er nahm das in einem groben Umschlag steckende Schreiben, das mit ungeübter Hand an Annuscha adressiert war.Xu hast recht. Cr ist von der Tanke."

In seinem wie in ihrem Kops stieg gleichzeitig der Gedanke ans.- Wie schön wäre es, jetzt den Brief lesen zu können. Dann wäre man alles Zweiselns ent»

57 . Jahrgang.

Russen gemachten Zusicherungen hat der Schah in einem neuen Erlaß seinen Entschluß der Ä u f > h c bung d e r Verfass u n g als unabänderlich be­zeichnet, und die gleichzeitigeErnennung des reaktionären S a a d e d Daniel) zum Minister des Äußeren be­siegelt das Ende des kurzen parlamentarischen_ Früh­lings in diesem nur an einem akuten konstitutionellen Wechselfieber heimgesuchten Dorado der Reaktion.

Politische Üderftcht.

Zur Strafrechtsreform

wird uns aus richterlichen Kreisen geschrieben: Die

bevorstehende Strafrechtsreform ist insofern zu be­grüßen, als sie die Strafe für die aus Not begange­neil Eigentumsvergehen mildert. Im übrigen mutz schon jetzt die aus politischen Gründen zum Teil unter dem Eindruck der Harden-Prozesse borge- schtagene Erhöhung der Beleidigungsstrasen, die Ein­schränkung des Wahrheitsbeweises und der in der neuen Slrafprozeßordnung enthaltene Ausschluß der Öffentlichkeit nachdrücklich bekämpft werden. Tie Öffentlichkeit muß darauf hingewiefen werden, daß schon jetzt die Beleidigungsstrafen recht hoch sind, so bei Z 385 ein Jahr, bei § 186 zwei Jahre, bei Verleum­dungen sogar fünf Jahre. Die Gerichte haben also weitesten Spielraum und können schärfere Strafen ver­hängen, als bei Körperverletzungen. Es werden auch durchaus nicht immer niedrige Strafen verhängt. Noch neulich wurde ein christlich-sozialer Redakteur .m Wetzlar wegen geringfügiger Beleidigungen zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Die P r e s f 0 ist über- Haupt in erster Linie der getroffene Teil und..hat des- halb die größte Veranlassung, rechtzeitig mobil, zu machen. Nicht eine Verschärfung der Strafen tut not, sondern eine schärfere Begriffsbestimmung der Beleidi­gung. Was wird nicht heute olles auf Grund des § 185 deö Strafgesetzbuches als Beleidigungfrisiert"! Man ist heute selbst als Jurist kaum in der Lage, ans eine. Anfrage, ob etwas nicht eine Beleidigung rin- halie, eine sichere Antwort zu. geben, namentlich, wenn es sich um Beamte und Behörden handelt. Eine Blsttenlesc von Urteilen ans ben Gerichtszeilüngen würde von manchem mit Kopfschüttcln ausgenommen werden. Eine Beschränk n n g des. Wahrheit S- beweifes müßten eigentlich und gerade auch die Politiker der Rechten bekämpfen, öjc doch die christ­lichen Sittengesetze auf das gesamte Staatsleben auL- dehneu wollen. Denn wie soll es möglich sein, un­moralische und unwürdige Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben zu 0 nt.se r 11 e n, wenn der Ge­richtssaal dafür, seine Türen verschließt, der heute noch die einzige. Stätte, für die. Aufdeckung solcher Schäden

hoben und wüßte, wie die. Sache liegt. Wenn man ihn unbemerkt öffnen könnte?

Der Hausherr schnitt bedachtsam die Spitze seiner Zigarre ob und betrachtete angelegentlich Lös Deck­blatt. grau Pilonski aber drehte an der Spiritus, flamme, des Samowars. Beider Blicke mieden ein­ander. t

Im Korridor mürbe es laut. Tcks Geräusch zur Erde geworfener Schlittschube klang in das Füße- getrippel. Mit hochroten Wangen und leuchtenden Augen stürzten die. beiden Kinder, der achtjährige Knabe und das sechsjährige Mädchen, herein. Hinter ihnen folgte das Fräulein.

Nun aber marsch zu Tisch!" rief der Vater, dessen gute Laune beim Anblick der fröhlichen Gesichter wiederzukehren begann.

Die Kinder' und Annuscha nahmen Platz. Letztere berichtete lochend, wie ungeschickt sich da.8 Töchterchen angeftelll habe, und nichts an. ihr verriet, daß sie irgend, welche Fortzugspläne hege.

Es ist ein Brief für Sie da", sagte die Hausfrau und blickte, forschend die Angeredete an.

Ein Brief?" srng Annuscha, während eine leichte Räte ihr blasses, anmutiges Gefichtchen färbte. Die beiden Gatten warfen einander verständnisinnige Blicke zu, obschon sie wußten, daß Annuscha jedesmal verlegen wurde, wenn etwas gesprochen wurde, was sie anging.

Das Fräulein nahm das Schreiben und legte es, ohne, es zu.öffnen, mit. den Worten:Ah, von meiner Tante!" neben sich. DAß sie sich nicht getraute so legte, es das Ehepaar aus den Brief zu lesen, war Ursache eines erneuten Blickewechfels.

Der Hausherr bedachte, daß es eigentlich nicht seiner Würde, entspreche, sich für eine derartige Lappa­lie, wie etz. .die. erörterte, Angelegenheit darstellte, zu iliterisisiereii. Aber trvtzddni kam ihm die Geschichte nicht aus dem Sinne. Selbst als das Mahl zu Ende war und er sich in sein Arbeitszistuner zurückgezogen