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Wiesbaden, Freitag, I. Januar ISvS. ^ ^ G S> ^ Jahrgang
Nr. 1.
Margen - Ausgabe.
_ 1. 'pCatf.
?gen des Neujahrsfestes erscheint die nächste „Togbla tt"nsgabe am Samstagnachmittag.
1908 - 1909.
Don Karl Schräder, M. d. R.
I.
Dem Jihr 1908 hatte sein Vorgänger große Aufgaben hinttclaisen. Es sollte die Früchte der 1907 begonnenen konservativ - liberalen Politik zur Reife bringen. Lichts ist geleistet als ein an sich erhebliche Berbesserumen aufweisendes, aber mit den Polcn- paragrapycn belastetes Vereinsgesetz und einige Erleichteruigen bringende Gesetze über die Majestäts- beleidigun,en und über die Bors e. Die innere Politik, di tvesentlich eine preußische ist, blieb die alte reikrionäre, wie die verschiedenen Fälle: Schücking. Kl'idS u. a.. klar bewiesen. Die Verbesserung des preußichc'mWahlrechts ist nicht über ein vages Versprechen il ^er letzten Thronrede hinausgekommen. Die neue uinten preußischen Minister haben denselben F, gesponnen wie die früheren, nur noch ungeschickt “ ,
©reißt; in andern Ländern, besonders aber drc ungeschickt eigene Finanz- und Wirtschaftspolitik, hatten schm im Jahre 1907 zu großen Notständen, be- sonders zl einer, schließlich eine allgemeine gewaltige Preisstei<erung bewirkenden Dertenernng der Lebenshaltung cführt und die Einnahmen des Reiches schwer geschädij. Das Jahr 1908 hat nichts gebessert, nur noch ve schlimmer t. Die als., notwendig crkann- !.«, Res dungserhähungen sind aufgeschoben.
Die Reichsfinanzen bedurften einer eingreifenden Besserung. ?die Einnahmen blieben hinter den Anschlägen zurück. Die Ausgaben stiegen in unheimlichem Maße, die Schulden näherten sich der fünften Milliarde. Aber der Etat des Jahres 1908 wer nach der alten Schablone aufgestellt und erforderte große Mehrausgaben. Für ihre Deckung wurde nicht gesorgt. Es wurde befürchtet, daß die in Aussicht gekommenen Steuern die Regierungsmehrheit incht h'nter sich haben würden. So schließt der Etat für 19(8 mit einem großen, durch Matrikularbeiträge zu dcckmden Fehlbeträge und einer neuen gewaltigen Vermelrnng der Schuld.
Nur sollte durch eine große Aktion mit einem Male der Nc: abgeyolfen werden. Der Schatzsekretär von
Stengel wurde durch Herrn Sydow ersetzt, der gleich für 5 Jahre mit Hilfe von 500 Millionen neuer Steuern die Finanzen ordnen wollte. Bei Licht« be. sehen zeigt sich, daß der einzige mögliche Erfolg die neuen Steuern waren, von einer Resor m, die einige Sicherheit guter Finanzverwaltung böte, aber keine Rede war. Kleine Ersparnisse und Mittelchen, allerlei Verheißungen helfen nichts, wenn nicht da gespart wird, wo wirklich etwas erreicht werden kann, rrämlich bei den großen Ausgaben für die Wehrkraft, und wenn nicht Garantie geboten wird, daß die guten Vorsätze ausgeführt werden. Dem Jahre 1909 bleibt die Aufgabe, eine wirksame und nachhaltige Besserung der Reichsfinanzen zu schaffen. Und diese Aufgabe ist um so größer, als die gleiche Kalamität in Preußen und den übrigen deutschen Staaten herrscht. In allen fehlt es an den Einnahmen, in allen steigen die Ausgaben, insbesondere bedürfen die Gehälter der Beamten allenthalben einer starken Aufbesserung.
Die Folgen der falschen Wirtschaftspolitik liegen klar zutage, aber die sie stützenden Interessen sind noch stark, und die Einsicht, daß in ihr das eigentliche Übel liegt, bedarf, wie es scheint, noch trüberer Erfahrungen, um sich entscheidend geltend zu machen.
Einen überraschenden Erfolg hat der Reichstag durch die Kritik erreicht, die er am 10. und 11. November an der Leitung der Reichs Politik übte. Er vertrat hier in der Tat die allgemeine Überzeugung der Nation, die, von wahrer Sorge getrieben, eine Änderung dringend verlangte. Aber wenn nun auch eine einheitliche Leitung der Politik durch den Reichskanzler in Aussicht steht, so ist doch jetzt die Aus. gäbe, seine Verantwortlichkeit sicher zu stellen, um so dringender geworden. Auch diese Aufgabe ist ungelöst ans das neue Jahr übergegangen, und sie wird große Schwierigkeiten bieten, weil die Reichs- Verfassung durchaus 'unklar und unlogisch ist. Für die ganze Gesetzgebung und Finanzgebahrung gibt es z. B. überhaupt keine Verantwortlichkeit gegenüber dem Reiche, da hier der Kaiser nur die Rolle eines zur Folgeleistung genötigten Präsidenten des Bundes- rateS spielt. Der Bnndesrat aber entscheidet allein und ist nicht dein Reiche, sondern nur den Einzel- siaaten verantwortlich. Ein eigentliches Reichsheer haben wir nicht, sondern Bundeskontingente, von denen das preußische kraft besonderer Konventionen alle Staaten außer Bayern, Württemberg und Sachsen umfaßt. Die Verwaltung liegt in den Händen der Fürsten, .resp. ihrer Kriegsminister, die ihren Staaten verantwortlich sind. So gibt es eine einheitliche
Verantwortung sür die innere Reichspolrtik nicht. Jeder Versuch, eine solche herzustellen, wird auf den entschiedensten Widerstand stoßen.
Und dazu wird noch die Fortsetzung der Sozia l- Politik, besonders die Schaffung des Reichsarbeitsamts, die Revision der alten Versicherungsgesetze, die Beamtenversicherung, die Witwen- und Waisenversorgung treten. Die Änderung der Zivil- und Strafprozeßordnung soll durchgeführt werden.
Kurz, das arme Jahr 1909 ist mit den schwersten Aufgaben der inneren Politik belastet, dazu kommen aber noch die Schwierigkeiten der äußeren Politik.
Ketrjedsmrschriften für die GrOiseümdu!lr!e.
Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Reihe von Vorschriften, die auf Beschluß des Bundesrats vonr 1. April an für die Betriebsanlagen der Großindustrie Geltung haben sollen. Der Wortlaut dieser Bestimmungen läßt nicht erkennen, in welchem Zu- sammenhange dieselben erlassen worden sind; wir teilen daher über Ursprung und Ziel der betreffenden Vorschriften folgendes mit: Der Reichstag hat in den letzten drei Jahren bei Beratung der Etats immer wieder Resolutionen angenommen, durch die der Reichskanzler ersucht wurde, eingehende Untersuchungen der Arbeitsverhältnisse der Arbeiter in der Groß- industrie zu veranstalten. Das Vorgehen des Reichstages war veranlaßt durch wiederholt aufgetretene Behauptungen von einer Überanstrengung und Gefährdung der Arbeiter in manchen Kategorien der Großeisenindustrie infolge der Einlegung von Überstunden und Überschichten . sowie infolge lässiger Jnnehaltung der für die Arbeiter erlassenen Schutzbestimmungen. Die eingehende Beantwortung der vom Reichstag aufgeworfenen Fragen für das ganze Reichsgebiet hätte einen Aufwand an Leit und Mühen beansprucht, der in keinem rechten Verhältnis zu den begehrten Aufklärungsergebnissen gestanden hätte. Die in erster Linie beteiligten preußischen Regierungspräsidenten in Oppeln, Arnsberg und Düsseldorf wurden deshalb zur Durchführung von Probeerhebungen veranlaßt, und der Handelsminister berief im Anschluß an diese Auskünfte, um die Angelegenheit nach Möglichkeit zu beschleunigen, eine Konferenz, an der neben besonders sachkundigen Gewerbeaufsichtsbeamten mich Vertreter des Reichsamts des Innern teilnahmen. Die Konferenz stellte fest, daß allerdings in einem Teil der Großeisenindustrie die Arbeitszeit einzelner Arbeiter infolge ausgedehnter Überarbeit häufig so lange gedauert habe und daß die Arbeitspausen so knapp bemessen gewesen seien, daß darin eine Gefahr
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Jahreswende.
Silvcster-Novcllette von Thea von Harbo«.
„D leine Gnädigste?"
M öve Hndstone fuhr zusammen und sah verwirrt zu 51c ipttäii von der Heyde auf, der, das volle Punschglas in der erhobenen Hand, sich über den Tisch zu ihr neigtl . „Auf ein fröhliches Neujahr!"
V> n allen Seiten streckten sich ihr die Gläser ent- geger denn alle liebten die zarte, junge Frau in Trau c, die mit ihrem rührend hilflosen ,'nnoe>'!ächeln aus l ; guten Wuigchc antwortete, alle fühlten sich der» pflich t, ihr ein herzliches Wort zu sagen. Man hielt ihr t wirrtes Erschrecken für ein Auffahren aus trau- riget Erinnerungen und mühte sich, ihr über die quälende Gedanken der letzten Jahresstunden hinwegzu- helfc.
A ■ Möve Hndstone dachte nicht an den Tod ihres Gatt noch an den Abschied von der zweiten Heimat. Sie jte an einen Silvesterabend, — wie lange war das ? — mein Gott, vier — fünf Jahre! Da war
drill im alten Lande ein Stübchen voller Kerzen- sche; Denn sic hatte den Christbaum wieder ange- zün Und die Fenster standen offen — es war eine mil friedtichc Nacht. Und sie stand mit dem Manne, dess fcharfgeschnittenes Profil sich jetzt so regungslos gegen den lichten Hintergrund abhob, Schulter an Schulter im Erkerchen, und sie lvarteten auf Mitternacht ^ Und sprachen beide kein Wort. Aber dann . . .
Möve Hudstone schloß die Augen.
Und ein Jahr später . . -
»Ist Ihnen nicht wohl, gnädige Frau?" fragte Leutnant Asmussev plötzlich lieben ihr, und die be- folgte, herzliche Frage nahm ihr den letzten Nest ihrer mühsam behaupteten Fassung. Blind vor Tränen stand sie auf und tasteie nach dem zarten, indischen Tuch, das sie um die Schultern zu tragen pflegte. Fred Asmussen och es Hk.
„Ich danke Ihnen", stammelte sie tonlos. „Und verzeihen Sie mir, — ich kann nicht mehr. Ich hoffe, die Lust wird mir gut tun . . ."
Unwillkürlich hatten sich alle erhoben, auch Heiko Tenhusen. Aber in seinem harten Gesicht rührte sich nichts, als die junge Frau an ihm vorüberging.
Möve Hndstone hatte lange allein an der Reeling gestanden und sich vom Wind die heißen Augen kühlen lassen. Nun war es seltsam still geworden in Luft und Meer. Es nebelte.
Fred Asmussen hatte die junge Frau bald entdeckt, als er mit dem Freunde heraufkam. „Hundewetter, elendes! Pardon, meine Gnädigste!" sagte er und schnupperte wie ein Jagdhund.
„Ist denn Gefahr im Anzug?" fragte Möve Hudstone fast unbewußt.
„Gefahr? Aber keine Spur, meine Gnädigste!^ beruhigte Fred Asmussen mit seinem hübschen Spitzbubenlächeln. „Sie dürfen ganz vertrauensvoll ins neue Jahr hinüberschlasen, wenn Ihnen die Sirenen keinen zu tollen Spektakel machen. Aber dat helpt nu nich! Also — rocht gute Nacht!"
„Gute Nacht!" sagte Möve dankbar und drückte dem jungen Offizier die biedere Seemannstatze. Als sie dann auch Tenhusen die Rechte bieten wollte, ließ sie sie auf halbem Wege wieder sinken, erwiderte seine straffe Verneigung mit eineril Senken des blonden Kopfes und schritt müde die Treppe zu ihre Kabine hinunter.
Asmussen schob seinen Arm in den des Freundes und seufzte melancholisch. „Armes, blasses Frauchen!" meinte er. Als er keine Antwort bekam, sah er auf. „Mensch, wie sehen Sie denn aus? Wie Grünspan, — pfui Deibel! Fehlt Ihnen was?"
„Nein", sagte Heiko Tenhusen lakonisch und schraubte an seinem Nachtglas.
Asmussen zog die Augenbrauen tu die Höhe und dachte sich das Seine. Aber er schwieg.
Der Nebel lag über dem Wasser wie eine greifbare Last, nur mühsam schoben die Positionslaternen ihre Lichtkeile in die graue Dämmerung. Unheimlich warnten die Signale der Sirenen, unheimlicher, noch
klang die Antwort irgend eines vorbeigleitenden Fahrzeugs, das man nur hörte, nicht sah.
Die „Helgoland" ging mit halber Fahrt. Kapitän von der Heyde wechselte mit seinen Offizieren ein paar ernste Worte. Keiner dachte ans Schlafengehen. Die abgelöste Wache blieb in den Kleidern.
Ruhe im Schiff.
Heiko Tenhusen aber ging ruhelos aus und ab, die Hände in den Taschen vergraben. Er überzeugte sich mit eigenen Augen, daß die Rettungsboote außenbords klar zum Tieren waren, und sprach mit der Wache. Irgend etwas hatte die Ruhe in ihm aufgepeitscht zu fiebernder Spannung, und nun wartete er auf die Gefahr, die er fühlte, wie ein alter Soldat die Schlacht vorausahnt.
Plötzlich, mit einem Ruck, verhielt er den Schritt. Tief hineingedrückt tu den Schatten vor ihm lehnte eine dunkle Gestalt, als ob sie ihn erwartet hätte.
Heiko Tenhusen wollte reden, aber die Erregung packte ihn wie eine würgende Faust nach der Kehle. So griff er stumm nach der Mütze und wollte weiter. Aber die Frau fand endlich das erlösende Wort.
„Nur drei Worte", sagte sie tonlos. „Nur einen Augenblick. Ich ertrage das nicht länger. Ich bin müde, o mein Gott, wenn Sie ahnten, Heiko, wie müde mich daSLeben gemacht hat. Aber ich will sreittverden von meiner Schuld, soweit das möglich ist. Ich will diese Last nicht mit hinüberschleppen in das neue ^al,r; was übrig bleibt, ist noch schwer genug. . . Heiko, verzeihen Sie mir!"
Er stand regungslos. „Was soll ich Ihnen ver- zeihen?" fragte er und sah über sie hinweg. „Daß Sie ein Leben im Reichtum und Bequemlichkeit einer ungewissen, kleinen, sorgenvollen Existenz vorzogen? Das habe ich vollkommen begriffen. Mr. Hudstone hatte den Vorzug der sichereil Gegenwart und seiner Millio- neu, ich den Nachteil der Dienstreisen und der Armut. Die Entscheidung war einfach und daran ist nichts zu verzeihen."
„Das meinte ich nicht", murmelte sie, und ihre feinen, blassen Häride falietcn sich krampfhaft. „Ach,
Heiko .. .
