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Nr» S7S.
Wiesbaden, Freitag, 11. Dezember 1SV8.
SK. Jahrgang.
Morgen- Kusgabe.
r. Wlatt.
Me neue UasMukg der Beamten uaü Kehrer?
Aus preußischen Abgeordnetenkreison wird uns geschrieben: Ä ,
Die preußische Regierung steht bekanntlich von alters her auf dem Standpunkt, daß die Bearntenschaft des Hohenzollernstaates weder politisch noch sonstwie wider den Stachel lecket: dürfe. Der Beamte. der sich zur Wahrung oder Erlangung seiner staatsbürgerlichen Rechte oder gar zur Verbesserung seiner Lage mit Seinesgleichen zusammentut und auf dem allein erfolgversprechenden Wege der Koalition sein Ziel zu erreichen sucht, wird scheel angesehen, in den meisten Fällen fogor gemaßregelt. Wer den Hund prügeln will, findet immer einen Knüppel, und der preußische -Geheimem ist nie verlegen, in der Agitation der Beamten für ihre Rechte und Interessen irgend etwas zu entdecken, was sich „mit dem Ansehen und der Würde des Beamtenstandes nicht vereinbaren" läßt und Gelegenheit zu Disziplinarmaßregeln gibt. In hohen Tönen beteuern bei solchen Gelegenheiten die Herren Minister und ihre Spiritus rectores, die Herren Wirklichen und nicht wirklichen Geheimen Räte, es gezieme dem preußischen Beamten einzig und allein, sich auf das Wohlwollen seiner Vorgesetzten zu verlassen: dies Wohlwollen sei so phänomenal entwickelt, so allumfassend, es betätige sich so spontan, daß es eine schwere Undankbarkeit und Dreistigkeit der Staatsdiener sei, wollten sie durch Agitationen, durch Petitionen, durch Inanspruchnahme der Presse und W Volksvertretung das Vorhandensein dieses grenzenlosen Wohlwollens leugnen. Nun, schon die Tatsache, daß sich immer wieder Beamte zu Vereinigungen zusammenschließen, um ihre Interessen gegenüber der wohlwollenden Regierung zu verfechten, daß diese Beamten solches tun, obwohl sie wissen, daß sie sich dabei in der Regel in die Nesseln setzen, schon diese Tatsache zeigt, daß es mit der praktischen Bedeutung des Wohlwollens der Vorgesetzten für die Beamten nicht allzuweit her sein muß. Aber noch augenfälliger zeigt sich die Wertlosigkeit des vielgerühmten Regieruirgswohl- wollens für die Staatsdienerschaft in der Art, wie das preußische Staatsministerium jetzt mit der Beamten- !und Lehrerbesoldungsreforin umspringt. Um es gleich porauszuschicken: Die Aufbesserung der Beamten und Lehrer irr Preußen droht in zwölfter Stunde in die Binsen zu gehen, weil die Regierung in halsstarrigen: Eigensinn aus diesen Besoldungsvorlagen ein kaudinisches Joch für die Volksvertretung machen möchte.
FeuUleton.
(WoflitreutJ enSoteiU
Me Entfernungen im Himmelsrnmn.
SJort Rudolf Goldlust, Direktor der „Urania" in Zürich.
(Fortsetzung.)
Ungeachtet dieser verwirrenden Zahlen und Maße regt sich in dem Menschen das Verlangen, dennoch einen Überblick über die Entfernungen zu gewinnen, so wie man etwa auf einer Landkarte, vermöge des verkleinerten Maßstabes, die respektiven Größen der Länder übersehen und Distanzen vergleichen kann. In dem gegebenen Fall ist es freilich erforderlich, in der Reduktion sehr weit zu gehen, da selbst bann noch, zufolge der Ausdehnung des gedachten Modells, der Überblick nur teilweise erreicht werden kann, andererseits kann man »ich" zu weit greifen, weil sonst auch größere Himmelskörper bis zur Unsichtbarkeit znsammcnschrumpsen würden. Wir wollen alio einen Maßstab von 1 : 10 000 000 000 (eins zu zehn Milliarden) wählen, und dieses stark verkleinerte Modell der Welt, so weit es Raum hat, in einer der größten Hallen unterbringen, wie man sie in großen Städten findet, in der Perronhalle eines Hauptbahnhofs, die etwa 150 Meter lang ist. Wir denken sie uns vollständig leer, ohne die Schaltevhäuser, ohne Züge und ohne Personen. Inmitten dieses weitläufigen Raumes denken wir uns, völlig frei schwebend, eine blendend Helle. Licht und Wärme verbreitende, weißglühende Kugel von .14 Zentimeter Durchmesser: es ist dies unsere Sonne. Fn zu großer Nähe würden wir weder ihre Wärme noch ähre Helligkeit vertragen, in 15 Meter Entfernung hätten Mir noch Tageslicht, in den fernen Enden der Halle wäre es wohl merklich kühl und dunkel.
Ungefähr in der Ebene des Äquators dieser kleinen Sonne, deren Achse wir uns senkrecht stehend vorstellen wallen, also in der halben Höhe der Halle, erblicken wir in nicht ganz 6 Meter Entfernung ein winziges Kügelchen, nur % Millimeter int Durchmesser, den Planeren Merkur: tait 11 Meter entfernt und 1,2 Millimeter groß,
Man weiß, wie sehr und wie lange die Beamten- und Lehrerschaft Preußens sich in Geduld üben mußte, ehe diese Besoldungsreform endlich aus. dem Regierungslaboratorium herauskam. Man weiß, wie Herr v. Rheinbaben, der eigentliche Chef des preußischen Staatsministeriums, dieses an sich gar nicht üble Produkt seiner Destillierkunst monatelang fest verkorkt hielt, wie er namens der Gesamtregierung erklärte, das Parlament dürfe sich nicht beikommen lassen, diesen Zaubertrank zu „verschneiden", wenn das _ Staatsministerium ihn nicht ohne viel Federlesens wieder auf Jahre hinaus ins Repositorium stellen sollte. Mau weiß auch, daß Herr v. Rheinbaben — immer namens der dem Finanzgewaltigen gegenüber submissest gehorsamen Gesamtregierung — erklärt hat: Nicht nur nichts dürfe an dieser Reform geändert werden, sondern Volksvertretung und Volk müßten auch ohne Wimperzucken die neuen Steuern schlucken, die ihnen das Finanzgenie des Herrn im Kastanienwäldchen kredenzte: Entweder würden die neuen Steuern und die Besoldungsreform unverändert angenommen, oder die Beamten und Lehrer erhielten — gar nichts. Man hat sich über diese brutale „Friß, Vogel, oder stirb"- Politik des preußischen Finanzministcrs weidlich entrüstet, aber man hat seine kategorischen Drohungen nicht ganz ernst genommen, denn turnt sagte sich: Im Ernst kann keine Regierung diesen Standpunkt cin- nehmen, zumal keine, die so emphatisch und bei jeder Gelegenheit ihr grenzenloses Wohlwollen für die Beamten und Lehrer beteuert.
Es war ein Irrtum, wenn mau so dachte, ein Irrtum freilich, der die Irrenden mehr ehrt als die preußische Regierung. Man hat zu hoch boit der Regierung gedacht, zu hoch dort ihrer Gesinnung gegenüber deit Beamten, aber auch zt,t hoch von ihrem Respekt vor der Würde und den-.Rechten der Volksvertretung. Die letzten Tage haben unwiderruflich gezeigt: Die preußische Regierung ist allen Ernstes entschlossen, die Besoldnngsreform scheitern ztt lassen, wenn sich die Volksvertretung nicht dazu bequemt, sowohl diese Reformen selbst lote die neuen Steuern in Bausch und Bogen zu genehmigen! So unglaublich das ist, es ist wahr.
Die Landtagskommission für die Besoldnngsreform und für die tteuen Steuern haben die erste Lesung dieser Vorlagen beendet. Sie haben sowohl an den Besoldungsgesetzen wie an den Steuervorlagen beträcht- licheÄnderungen vorgenommen. Die Budgetkommission hatte zugleich die Beamtenbesoldungsreform _unö die Steuervorlagcn zu prüfen. Lsie ist bei der Besoldungs- reforni über den Rahmen der Regierungsvorlage hin- ausgcgangeti, indem sie zur weiteren Aufbesserung vieler unteren und mittleren Beamtet: 7 464 250 Mark mehr eingestellt hat, als die Vorlage forderte. Da-
citt zweites, die Venus. Wir schreiten weiter, bis zu 15 Meter von der Sonne und erblicken wieder eine kleine .Kugel, fast genau so groß wie die Venus, nur Isst Millimeter int Durchmesser: es ist das Itbbild unserer eigenen Erde. Um die einzelnen Länder auf diesem kleinen Globus zu erkennen, müssen wir schon ein Mikroskop von lOOmaligcr Vergrößerung anwenöen. Nur 38 Millimeter von der Erdkugel entfernt, also deutlich zitz ihr gehörend und innerhalb eines Monates diese umkreisend, erblicken wir, aber erst bei genauem Hinsehen, ein ganz .kleines Kügelchen, im Durchmesser nur tztz Millimeter haltend, also nicht größer als einen i-Punkt, unfern Mond. Immer weiter von der Sonne uns entfernend, gegen 23 Pieter, erkennen wir, % Millimeter groß, den Mars.
Man sieht, daß selbst an dieser -so stark verkleinerten Wiedergabe der Wirklichkeit die Entfernungen schon bedeutend anwachsen, während die Glieder unseres Sonnensystems nur ganz kleine Gebilde bleiben. Wir sind setzt 23 Meter von der Mitte der Halle, also von der Sonne entfernt, haben mithin noch mehr als 50 Meter bis zum Ausgang, können aber auch beim angestrengtesten Suchen nichts weiter entdecken, in diesem großen Raume erblicken wir weiter nichts als die 14 Zentimeter große Sonne und einige Kügelchen, kleiner als jeder Stecknadelkopf, Merkur, Venns, die Erde mit ihrem Mond und^ den Mars. Wir nehmen schließlich ein Mikroskop zur Hand, betrachten damit den Mars und entdecken zu unserer Verwunderung zwei ganz kleine Gebilde, so verschwindend klein, daß wir sie selbst mit hoher Vergrößerung nur als Pünktchen ebblicken, weil die Sonne sie beleuchtet, ohne daß wir imstande wären, zu unterscheiden, ob sie rund sind oder formlose Bruchstücke eines gc- Lorstenen Körpers. In unserem Modelle sind sie nur 0,0 resp. 1,7 Millimeter von der Marskngcl entfernt und der nähere dieser, wegen ihrer Kleinheit und geringen Entfernung vom Hauptkörper, so interessanten Marstrabanten läuft in nur 714. Stunden um sein Zcntral- gestirn, er vollendet in weniger als zwei Stunden einen Viertclkreis, wir können also in ganz kurzer Frist schon eine Ortsvcränderung wahrnehmen. In Wahrheit hat
gegen hat sie die Gehaltserhöhung, die Stellenzulagen und die Repräsentationsgelder für einen Teil der höheren Beamten mit 276 000 Mark gestrichen. Für die zweite Lesung ist eine weitere Umgestaltung der Vorlage in der Richtung wahrscheinlich, daß noch einige andere untere und mittlere Beamtenkategorien höher bedacht werden. Die Lehrerbesoldungs- k o »t Mission hat rund 20 M i l li o n e n M k. mehr eingestellt, als die Vorlage vorsah, davon entfallen etwa 7 Millionen auf die Staatskasse. Auch hier dürften bei der zweiteti Lesung noch einige Abänderungen zu erwarten sein, vor allein wird man gewisse, durch die Beschlüsse erster Lesung bedingte Benachteiligungen einer Anzahl Lehrer und Lehrerinnen zu beseitigen haben. Während die Beschlüsse erster Lesung von der Regierung über die Vorlage hinaus ein Jahresmehr voit 14188 000 Mark für die Beamteit- und Lehrerbesoldung fordern, dürfte sich dieses Mehr nach der zweiten Lesung aus 17—18 Milli, orten Mark stellen.
Dieses Mehr zu decket:, sind die Parteien durchaus bereit. Aber sie wollen die Deckung nicht auf die Grundlage der Steuervorlagen der Regierung herbei- führen. Die Budgetkommission hat in der ersten Lesung bereits das Gesellschaftssteuergesetz — das 22 von den 55 Millionen Mehrausgaben für Beamten- und Lehrerbesoldung, wie die Negierungsvorlage sie ver- anschlagt, bringen sollte — rundweg abgelehnt. Die Kommission hat diesen Abstrich durch eine Erhöhung der von der Regierung vorgeschlagenen Einkommen- und Ergänzuttgssteuersätze bereits wettgemacht: Nach den Kommissionsbeschlüssen würdet: diese Steuern statt der 33 Millionen, auf die die Regierungsvorlage sie veranschlagte, etiva 58—60 Millionen bringen. Es würden also zur Durchführung der Kommissionsbe- Müsse bei den Besoldungsvorlagen noch etwa 13—15 Millionen auf den: Steuerwege aufzubringen sein. Man plant attscheinend, die früheren Bergwerksatt, lagen wieder einzuführen, die etwa 20 Millionen abc werfen würdet:.
Mit all diesen Änderunget: ist die Regierung mcht einverstanden, zumal da die Kommission die gesamten neuen Steuern nicht, wie die Regierung es fordert, datternd, sondern nur auf zwei Jahre bewilligen will. Eit: Eittschluß, dem das Plenun: zweifelsohne bei-
treten wird. Die Regierung hat bereits itt der Kommission wiederholt feierlich erklärt: Es sei der feste
Beschluß des Staatsministeriums, die Besoldungsgesetze abzulehnen, wenn die Deckungsmittel nicht dauernd bewilligt würden. Und sie hat Iveiter erklärt, daß sie andere Steuern als die von ihr vorgeschlagenen nicht akzeptieren werde.
Wer Herrn v. Rheinbaben kennt, weiß, daß an emq Preisgabe dieses Standpunktes nicht zu denken ist —
der Mars einen Durchmesser von 0781 Kilometer, seine beiden Monde sind von ihm nur 6000 resp. 17 000 Kilometer entfernt) da der nähere, Phvbvs, ihn, wie ermähnt, in weniger als 8 Stunden umkreist, vollendet er in einem Marstage (— 24 Stunden 37 Minuten eines Erdentagcs) mehr als 3 Umläufe, er würde also für. jeden Ort aus dem Mars, für den er sichtbar ist, dreimal des Tages auf und unter gehen, da aber innerhalb eines Umlaufes Mars selbst Ys seiner Rotation vollendet, so erreicht Phobos den gleichen Ort über Mars erst nach einem zweiten halben Umlauf, er geht folglich zweimal an jeden: Marstage für die betreffende Marsgegend ans und unter, und zwar, weil er schneller läuft, als Mars sich um seine Achse dreht, steigt er, obwohl alle Bewegungen rechtläufig sind, rat Westen auf und geht somit im Osten unter. Da er überdies stets so außerordentlich nahe der Oberfläche des Planeten schwebt, so kann er niemals über der ganzen Halbkugel sichtbar sein, sondern „ur in den Marstropen und den naheliegenden gemäßigten Zonen und während er zum Beispiel über jenem Teile des Mars, der Mittag hat, im Zenit steht, steht er gerade im Horizonte jener Gegenden, die 4 Stunden vor oder nach Mittag haben, für die einen als ausgehender, für die andern als untergehender Mond, so daß seine kleinste Distanz von der Sonne für die eine Gegend 0», für eine andere zur selben Zeit 30° betragen kann: cs ist wohl möglich, daß die hypothetischen Marsbewohner es frühzeitig verstanden haben, diese außerordentliche Erscheinung rechnerisch zu verwerten. In den Polarg egenden des Mars bleibt er immer unsichtbar, da er in einer Ebene läuft, die von der Äquawrebcne des Mars wenig verschieden ist.
Einen ganz besonderen Anblick muß aber Mars selbst von diesem ihn: so nahen Gestirne bieten. Wenn für einen etwaigen Bewohner auf diesem kleinen Mars- m-onde dessen wahrer Durchmesser auf nur 11 Kilometer geschätzt wird, den also eines unserer schnellen Auto- mobile in einer Viertelstunde, der Schnellbahnwagen der Versuchsstrecke Berlin-Zossen gar nur in 7 Minuten umfahren kann, wenn also für einen Bewohner dieser Pygmäe unter den Gestirnen der Mars ausgeht, so schiebt
