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Nr. 56 ä. Wiesbaden, Dienstag, I. Dezember 1S08.
. Morgen - klusgabe.
1. Wkcrtt.
Nach den Finarydebatten.
L. Berlin, 28. November.
Mit aller Nüchternheit' kann und mutz festgestellt werden, daß die von Herrn Spdow verlangten rund 500 Millionen Mark an neuen Steuern nicht werden bewilligt werden. Man wird es nicht so bald erfahren, ob 5OO Millionen verlangt worden sind, um 300 zu erhalten, aber ob man das nun erfährt oder nicht, jedenfalls werden Reichskanzler und Reichsschatz- sekretär zufrieden fein können, wenn sie es auf 300 bringen. Wer im Reichstag etwa webe! darüber rufen wollte, daß der 5OO Millionen-Standard nicht erreicht werden wird, der müßte zuvor erklären, daß er und feine Freunde bereit feien, das Ganze der verlangten Steuern zu bewilligen. Aber einen solchen ungewöhn- lichen Mann gibt es unter den Volksvertretern nicht, und noch weniger gibt es eine derart ungewöhnliche Fraktion. Sie'alle haben sich in den langwierigen und nicht immer kurzweiligen Debatten der ersten Lesung gegen bald diese und bald jene Steuer gewendet, die dafür freilich irgendeiner anderen Fraktion besser ge- fiel, nur daß damit kein Ausgleich geschaffen ward, denn die Unerbittlichkeit der Zahlenverhältnisse im Reichstag schließt in allen diesen Fällen eine Mehrheitsbildung aus. Nicht einmal Herr v. Gamp, der zur Heiterkeit aller Fraktionen entdeckt haben wollte, daß das Sydowsche Steuerbukett vom Volke mit Befriedigung entgegengenommen worden sei, nicht einmal er war bereit, rundweg alles zu bewilligen. Schade übrigens, daß in den Verhandlungen eine der amüsantesten Episoden aus der Zeit des Kaiser-Interviews unerwähnt blieb, nämlich die vom Leipziger Historiker Karl La m p r e ch t ausgegangene Mahnung, der Reichstag möge dem Nuslande gerade jetzt _ dag Schauspiel seiner Entschlossenheit und seines politischen Verständnisses durch die möglichst einstimmige Enblocannahme der gesamten Reichsfinanzreform Vorlage gewähren. Hätte ein Redner diese merkwürdige -Empfehlung zitiert, er wurde eines beispiellosen H e i t e r k e r t s - erfolge s sicher gewesen sein. Es geschieht aber nicht bloß des Scherzes halber, daß wir an Lamprechts wunderlichen Einfall erinnern, sondern die Sache rst lehrreich wegen des unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen der ja nirgends fehlenden Anerkennung der Not- wendiakeit einer Reichsfinanzreform und den sachlichen Bedenken gegen die vorgeschlagencn Mittel und Wege. Soviel sieht man schon jetzt: eine Block f r u ch t wird die sogenannte Ncichsfinanzresorm nicht sein, sondern es wird ohne das Zentrum nicht gehen? Wird aber das Zentrum mittun wollen? Nach der Rede des Herrn Spahn weiß man es nicht so recht, nach der Rede
Wenn sich das Zentrum gegen die Nachlaßsteuer erklärt, so befindet es sich im Einklang mit den meisten anderen Fraktionen. Wenn es das Branntwein- Monopol ablehnt, so folgt daraus noch nicht, daß nicht eine anderenErtrag versprechendeForm für die stärkere Heranziehung des Branntweins gefunden werden könnte. Für eine Erhöhung der Brausteuer würde wohl auch das Zentrum zu haben sein; die Forderung einer besseren Staffelung ist ziemlich allgemein erhoben worden. Wenn sich das Zentrum gegen die Zigarren- und Tabakbanderolensteuer erklärte, so be- deutet das noch nicht, daß die stärkere Heranziehung des Tabaks grundsätzlich verworfen werden soll. Falls eine andere Form gefunden werden würde, um durch Er- höhnng des Rohtabakzolls und der Rohtabaksteuer oder durch Einführung einer Wertsteuer für Roh- tabak größere Erträge zu beschaffen, dürften dre Klerikalen sich wohl kaum ausschließen. Wrr haben hier die Stellung des Zentrums zu einigen der Steuervorlagen näher ins Auge gefaßt, weil es nun einmal von entscheidender Wichtigkeit ist, ob und an welchem Punkte diese Partei zur Mitarbeit bereit sein wird. Denn es liegt nun einmal so, daß eine Verständigung zwischen den Konservativen auf der einen, den liberalen Gruppen aus der anderen Seite allenfalls über einzelne Materien herbei- geführt werden könnte, nicht aber über die prinzipiellen Grundlagen einer durchgreifenden Finanzreform. Denn soviel steht, unbeschadet der kommenden Kom- Missionsverhandlungen, heute fest, daß für dre Frer- sinnigen keine Steuerreform denkbar ist, die stch ledrg. lich aus die Erschließung indirekter Steuerquellen beschränken möchte, und daß, recht besehen, dreNatronal- liberalen aus demselben Standpunkt verharren. Also wird viel, vielleicht alles darauf ankommen, wohin sich das Zentrum neigen mag. Aber was _ auch immer der Reichstag beschließen wird, die Bewilligung von 500 Millionen wird er nicht beschließen. Wird das ein Unglück sein? Die Frage wäre zu bejahen, wenn es sonst kein Mittel gäbe, aus der Schulden- Wirtschaft herauszukommen. Aber es gibt ein solches Mittel, es ist immer schon angewendet worden, und nichts hindert seine erneute Anwendung. Dies Mittel ist, daß die E i n z e l st a a t e n höhere Matrikular- beiträge zahlen. Auch Herrn Sydow hatte das einmal vorgeschwebt, damals, als das Schlagwort von der „V e r e d e l u n q" der Matrikularbeiträge auftauchte. Der Gedanke ist doch eigentlich so übel nicht, daß das einstweilen unmittelbar nicht zu lösende Problem direkter Reichs steuern mittelbar gelöst werde durch eine Reform der Matrikularbeiträge. Aber die Bundesstaaten wollten nicht. Dem Reichstag können sie Opferwilligkeit empfehlen, sie selber drücken sich. Muß das so sein? Wir denken, der Reichstag wird sich nicht verblüffen lassen, am wenigsten durch große Worte.
FenMeton.
(Nachdruck verboten.)
Die Kffäre Mme. bteinhei?.
Paris, 28. November.
Der Fortgang an der gerichtlichen Untersuchung in der Steinheil-Affäre — auch das Auslanöpnblikum wird sich in die täglichen Kapitel dieses fabelhaft umfangreichen Mordskandals schicken müssen! — hat zunächst den Namen des Geliebten der Witwe des unglücklichen Malers ergeben, und auch bereits, wie es scheint, den ilntepstaatssokretär der Schönen Künste, Dujardin-Beau- metz, in die unangenehme Lage gebracht, als einer der Freunde des Hauses Steinheil gelten zu müssen. Maurice Borderel, ein Großindustrieller und Schlotzbesitzcr in den Ardennen, Bürgermeister von Rabaires-ct-Bntz, erzählte einem Red-akteur des „Matin", ganz außer sich darüber, daß man seine intimen Beziehungen zu Frau Steinheil enthüllt Hatte, wie er, der 54jähriige, in die Netze der Sirene geriet. ries er, „ich wußte wohl,
daß man mich entdecken würde! Nicht wahr, Sie haben meinen Namen genannt? Ganz Paris weiß ihn? Man wird mich verdächtigen, anschuldigen. Ist das nicht fürchterlich? Was tun? Mich verteidigen hieße sie an- sHuldigen Das kann ich nicht. Das wäre meiner unwürdig Sie ist eine niedevgöschmetterte Frau, und so verachtenswert sie heute sein mag, sie war mir doch . . ." fterr Borderel ließ sich in einen Sessel niedersallen, und Tränen stürzten auS seinen Augen. „Meine Kinder, meine armen Kinder! Was 'werden auch sie von mir denken müssen? Ich d-chte schon daran mich nmzu- brtrvgen. Aber was würde man nachher sagen, was von mir glauben? Und doch . . . ! O, wie unglücklich bin
Eine Stunde lang dauerte die Verzweisliingskrise des tat ganzen Osten Frankreichs sehr Gekannten und
hochgeschätzten Mannes. Dann erzählte er, wie er Frau Steinheil kennen lernte: Am 8. März dieses Jahres gab der Direktor einer großen ElsenbahwgescllsHaft ein Fest, bei dem er Herrn Borderel der schönen Gattin des Malers vorstellte, der sofort von ihren verwirrenden Reizen entzückt war. Einen Monat ließ er sich von ihr verführen, sie nach ihrem Landsitz bei Bellevue zu begleiten, und dort wurde er ihr Geliebter. „Ich machte eine Zeit wahnsinniger Leidenschaft durch. Alles an ihr begeisterte mich. Ihre Naivität, ihr musikalisches Talent, ihr graziöses Geplauder. Alle drei bis vier Tage trafen wir in Bellevue zusammen, wo Mariette Wölf uns bediente. In diesem Vorort von Paris schien man Frau Steinheil nur unter dem Namen Prövost zu kennen: sie erklärte mir, die Billa von einer Dame dieses Namens gemietet zu haben, und da ich meiner Geliebten nichts schuldig bleiben wollte, zahlte ich die Miete für diese Billa. Einen Monat lang dauerte schon diese Idylle. Marguerite, die sich den Kosenamen „Mcg" geben ließ, schien mich anzubeten. Sie erzählte mir ihr vergangenes Loben und beschwor mich, nicht zu glauben, was böse Zungen von ihr behaupteten, daß sic zahlreiche Geliebte gehabt Habe. Sie schwor mir, daß ich ihr erster Geliebter wäre, der einzige Mann, den sie je geliebt. Jch^halte jedoch einen Namen auf den Lippen, der von der Skandalchronik so oft ausgesprochen wurde, und ich nannte ihn: Felix Faure. Bei diesem Namen fuhr „Meg" ans und ries: „Das ist eine von den Verleumdungen. Ich weiß, man hat behauptet, ich wäre seine Maitressc gewesen und hätte im Elysee seinem Tod beigewvhnt. -ras ist falsch. Damals lag ich krank zu Bett. Ich könnte dir das Zeugnis des Arztes zeigen, der mich pflegte. Nein, ich habe nur dich, ich liebe nur dich. Meinen Mann hasse und verabscheue ich, ich hasse auch meine Mutter, die mich zwang, ihn zu heiraten."
Einige Tage später schlug mir „Ästeg" vor: „Ich werde mich scheiden lassen, denn mein Mann führt ern
56. Jahrgang.
Me MmMeMlsitzeruR im M;r§ 1907.
Dem Reichstag sind zugegangen die Nachweisungen über die 31 Invalidenoersicherungsanstalten und 10 zugelassenen Kasseneurrichtungen. die im Jahre 1907 aus Grund des Jnvalidenversicherungsgesetzes bestanden. Unter letzteren befindet sich auch die am 1. Januar 1907 ins Leben getretene Invaliden-, Witwen- und Waisen-Versicherungskasse der Sce- berufsgenossenschaft. Diese 41 Versicherungsträger be. saßen am Jahresschluß insgesamt 809 Vorstandsmil- glieder, 44 Hilfsarbeiter der Vorstände, 616 Ausschutz- mitglieder, 396 Kontrollbeamte, 3 Rentenstellen, 124 Schiedsgerichte, 2498 besondere MarkenvcrkaufSsiellen und etwa 7400 mit der Einziehung der Beiträge beauf- tragte Stellen.
An Wochenbeiträgen wurden bei den 31 Invaliden. Versicherungsanstalten rund 666 Millionen Stück der- wendet, die einen Erlös von 163 457 590 Mark ergaben. .Hiervon entfielen auf polnische Arbeiter russischer oder österreichischer Staatsangehörigkeit rund 6,1 Millionen Wochenbeiträge im Werte hon 520 375 Mark. Bei den Kasseneinrichtungen betrug die Einnahme aus Bei- trägen 15 185 586 Mark.
Bei der Abrechnung für das Jahr 1907 wurden 134 490 Renten als im Jahre 1907 zugegangcn behandelt, nämlich 112184 Invalidenrenten, 11637 Krankenrenten und 10 769 Altersrenten im durchschnittlichen Jahresbetrage von 166,04 Mark, 166,24 Mark und 161,64 Mark.
Beitragserstattungen wurden im Jahre 1907 fest- gesetzt bei 152 478 Heiratsfällen, 616 Unfällen und 35 463 Todesfällen, wobei sich der durchschnittliche Betrag auf 38,44 Mark, 82,76 Mark und 85,44 Mark stellte.
Auf diese reichsgesetzlichen Entschädigungen wurden allein zu Lasten der 41 Versicherungsträger, also ohne den Anteil des Reichs, im Rechnungsjahre 1807 106 827 544 Mark gezahlt und zwar an Renten 97 972 908 Mark, an Beitragserstattungen 8 854 636 Mark. Die hinzutretende Leistung des Reichs belief sich auf 49 620 664 Mark.
Für daS Heilverfahren wurden 15 186 286 Mark aufgewendet; hierbei find die von Krankenkassen, von Trägern der Unfallversicherung und von anderer Seite gezahlten Kostenzuschüsse in Höhe von 3 850 362 Mark bereits in Abzug gebracht. Der obige Betrag umfaßt u. a. die Unterstützungen an Angehörige der in Heilbehandlung genommenen Versicherten in Höhe von 1271466 Mark. Darüber hinaus wurden aber auf Grund des § 45 des Gesetzes noch weitere 812 836 Mark gewährt.
Die gesamten Ausgaben für Jnvalidenhauspflegs beliefen sich ans 653 937 Mark. Hiervon wurden durch Einbehaltung der Renten der Pfleglinge 177 250 Mark erstattet und durch Zuschüsse von anderer Seite 32 703 Mark ersetzt, so daß den Versicherungsträgern aus der
schändliches Leben, und dann wirst du mich heiraten. In den Ardennen werden wir glücklich im Verborgenen leben, fern Öen Verleumdungen." Nur mit Mühe konnte ich sie von diesem Plan abbringen. Als Vater von vier Kindern, darunter einer 13jährigen Tochter, könnte ich nicht daran denken, sie vor einigen Jahren zu heiraten. Unsere Liebschaft wurde noch einige Tage fortgesetzt, dann mußte ich nach meinem Schloß zuvückkchren, und in der Ruhe kam mir die Überlegung. Ich schämte mich vor mir 'selbst. Die glänzenden Feste, denen ich in der Villa der Jmpafse Ronsin beiwohnte, schienen mir plötz- lich sehr zweideutig. Und doch verkehrte dort die Elite der Pariser Goselllschaift, Berühmtheiten des Gerichts, der Finanz, der Künste und der Politik, und allgemein geachtete Frauen. Aber ich erinnerte mich auch gewisser Szenen im Halbdunkel des Ateliers, die mir zu intim schienen, und des Sichgehenlaffens, das mich anfangs erstaunt hatte. Ich bereitete mich znm Bruch vor. Am 14. Mai kam ich znm letzten Male zu einem großen Diner in die Jmpasse Ronsin. Eine hohe politische Persönlichkeit (wie es heißt, Herr Dujardin-Veanmetz) und eine nicht minder hohe militärische Persönlichkeit faßen rechts und links von Frau Steinheil. Da ich an diesem Abend nur wenig mit ihr sprechen konnte, fuhr ich in die Ardennen zurück, wohin sie mir fünf- oder sechsmal telephonierte.
Am 80. Mai morgens (vor der Mordnacht) wurde ich wieder von ihr an den Apparat gerufen. Die Verbindung war sehr schlecht. Schließlich hörte ick) nur, wie „Mcg" in ein frohes urvd sonores Lachen ausbrach und rief: „Gut, ich bin doch beruhigt. Ich habe deine Stinnue gehört, und das ist sür mich alles." Dann vernahm ich nichts mehr, dis ich am 1. Juni von einem alten Freund der Familie, dem Grafen d'Arlon, einen Brief erhielt, der lautete: „Paris, 81. Mai. Geehrter Herr! Gestern abend ein schreckliches Unglück Jmpasse Ronsin. Madame Japy und Herr Steinbeil. beide ermordet in ihren Zim-
