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Nr. 84S.
Morgen - Ausgabe.
i. Matt.
Sparsamkeit.
In einer längeren, schön stilisierten Rede hat Fürst Bülow die Reichssinanzreform im Reichstage eingebracht und für diese Vorlage Stimmung zu machen gesucht. Man muß es dem Fürsten Bülow lassen, er sprach recht geschickt und wußte der Sache die beste Seite abzugewinnen, indem er auf die nationalen Momente hinwies, welche die Annahme der Entwürfe als dringend angezeigt erscheinen lassen. In seine' Darlegungen flocht der Kanzler eine Reihe allgemeiner Betrachtungen und sang vor allem das Hohelied der Sparsamkeit. Mit Recht erinnerte Fürst Bülow daran, daß die alten Zeiten der s p a r t a n i s ch e n Einfachheit bei uns vorüber feien, wobei er den Staat selbst keineswegs ausschloß, und ebenso richtig legte er dar, daß dies eine Folge der überschnellen Entwicklung sei. Wenn nun der Kanzler in eindringlichen Worten zur Sparsamkeit mahnte, so hätte er seine Worte vor allen Dingen auch an die Staatsverwaltung selber richten sollen, denn es wird allenthalben brtter darüber Klage geführt, daß die Ausgaben für H e e r und Marine immer mehr anschwellen, und daß man in dieser Hinsicht an den maßgebenden Stellen keinerlei Knauserei kenne, während anderweite dringliche Aufgaben infolge Mangels an Mitteln gurückgestellt werden müssen. Es ist selbstverständlrch, daß alles getan werden muß, um unsere Wehrkraft nicht einrosten zu lassen, aber ebenso ist man sich im Volke wie in seiner parlamentarischen Vertretung klar darüber, daß es doch auf diesem Gebiete. eine Reihe von Kapiteln gibt, in denen g r ö ß e r e E i n s ch r ä n - k u n g eintreten könnte, ohne daß hierunter unsere Wehrfähigkeit irgendwie Einbuße erleiden würde.
Fürst Bülow hat diese selbst vor zwei Jahren geäußert, bisher ist es ihm aber noch nicht möglich gewesen, sein Wort einzulösen, irgend welche Herab- minderungen hat man bisher im Militäretat bei den einzelnen Positionen noch nicht wahrgenoinmen. Auch in anderen Ressorts könnte man sich sehr Wohl Beschränkungen auferlegen, und bei einer anderwerten Ge- schäftseinteilung und Geschäftshabung ließe sich oax sehr wohl ermöglichen; weiß man doch beispielsweise daß niemand so teuer baut wie der Staat, und wenn hierbei ein anderer Modus Plah grisse, fötttnert sicherlich alljährlich Millionen gespart werden.
Man ist jetzt in der Regierung dabei, iiber eure Vereinfachung der Verwaltung nachzusinnen, es Wäre wünschenswert, daß die Reform sich auch darauf erstreckte, daß man alles mehr vom praktischen Standpunkte und demjenigen des Geschäftsmannes handhabt, während die jetzige Methode am grünen Tische dem Steuerzahler eine große Belastung auferlegt.
FeuUleton.
Berliner Theater-Brief.
Neues vou Max Halbe und Ludwig Thoma.
Aus Berlin wird uns geschrieben: Seitdem Max Halbe ferne „Jugend" schrieb, Hatte sein Entwicklungsgang die Hühenrichtung verloren. Was ihm dort gelang, die poetische Läuterung eines, im Grunde rein erotischen Motivs, ist ihm 'später nicht mehr gelungen. Auch die neue vierattige Komödie „Blaue Berge", die am Freitag im Neuen S ch ausp i e l haus e ausgesührt wurde, vermochte jene Verschmelzung nicht mehr zu erreichen. Wähl fühlt es nicht an Worten, die eine horizontweite Idee umtasten: aber es gelingt dem Dichter trotz aller bewußt abgespielten Tonleitern einer an den Oberflächen der Dinge Hinglertenden mystisch gefärbten Symbolik nicht, den nichtigen Geschehnissen einen seelischen Widerhall zu schassen und ihnen so eine ins Zeitlose gleitende Bedeutsamkeit einzuhauchen. Dre ^Blauen Berge", das ist die dunkle Sehnsucht, die uns oon einem 'großen Geschehen träumen läßt, das einmal, einmal kommen wird und kommen muß, die erwartungs- hetäubte Alltäglichkeit zu einem Leben höchster Gefühlssteigerung zu läutern. Das „Wunderbare", dessen Erhoffen das Dasein einhüllt in den Weihrauch einer geheimnisvollen Vorbereitung, das dies ganze Leben wenigstens insgeHeim mit unfaßbarer Zeitlosigkeit lebendig verknüpft. Aber Halbe weiß diesem machtvollen schamhaften Gefühl nur eine grobe, ungeschlachte und qualvoll einseitige Körperlichkeit zu schenken: der Maler, der mit sich selbst ungeivitz Hadernd die Sehnsucht nach den „Blauen Bergen" ansschweifen läßt, hinter denen das „Glück" liegt, er identifiziert feinen dunklen Durst mit einer rein erotisch betonten Leidenschaft, und er wird ein gefestigter Mensch, weil ja der Schutzmann Lehmann
Wiesbaden, Dienstag, 24. November 1908.
Wenn Fürst Bülow in seiner Rede bemerkte, daß auch jeder einzelne sparen solle, so hat er insoweit recht, au tatsächlich vielfach der Hang zum Wohlleben erngerrssen ist; freilich aus die unteren und ni r t t l e r e n Schichten der Bevölkerung darf sich dieser Vorwurf nicht erstrecken, denn diese haben unter der herrschenden Teuerung außerordentlich schwer zu leiden. Es trifft ja zu, daß beispielsweise der Arbeiter von heute weit besser lebt als derjenige vor 30 Jahren, aber dies wird ihm gerechterweise niemand verwehren wollen, denn es ist Heu*, daß mir höherem Verdienst auch die Lebensbedingungen andere werden, was im Interesse der Volksgesundheit durchaus zu begrüßen ist. Daß dagegen in den vermögenderen Schichten verschiedentlich eine große Üppigkeit erngerissen ist, latzc sich nicht bestreiten, aber es ist grurrdfalich , wenn Fürst Bülow hiervon die militärische n Kreise ausnehmen will. Über den Luxus in letzteren Kreisen wird allenthalben sehr geklagt und durch gegenteilige Behauptungen selbst aus dem Munde des Reichskanzlers kann dieser Mißstand nicht ausgeloscht werden. Gewiß gibt es zahlreiche Regimenter, in denen es iiur sehr einfach, aber anderwärts gibt es eine große Reihe von solchen, in denen es s e h r luxuriös zugeht und tvo die Kommandeure von den eintretenden Fahnenjunkern als Minimum das Drei- bis Vierfache der festgesetzten privaten Zulage forderii. Auch über , den Punkt, der zuweilen am Hofe zu verzeichnen ist, schüttelt man im Volke oft mit Recht den Kopf, und Zvenn Fürst Bülow eine Mahnung zur Sparsamkeit für erforderlich hielt, so mutz in er ster Linie oben a n g esa n g en werden.
itraofttattfdjE iStpwn dci dm MmWm.
A Leipzig, 22. November.
Der alldeutsche Verbandstag erregte diesmal^be- sonderes Interesse, weil ziemlich demokratische -vone angeschlagen wurden. Der Hauptvortrag, den der Verbandsvorsltzende, Rechtsanwalt L>i*. (.laß aim Mainz, hielt, lautete: Der Zusammenbruch der deutschen Politik. Zunächst eine Bemerkung über dre Vorzüge des neuen Vereinsgesetzes. Der Verbandstag war von der Polizei verboten worden, weil Totenfest sei. Erst der Ministerpräsident Graf Hohenthal hatte die Genehmigung erteilen müssen. Der Verbandstag wurde zum erstenmal eröffnet mit dein Hoch auf das deutsche Volk, nicht auf den Kaiser. Die Kritik des persönlichen Regiments war offen und sreunutig, wenn auch nicht alle Konsequenzen gezogen wurden. Einige Beispiele dafür: Fr e t smnt ge. Od er-
bürger meister haben dre Wurde des Bürgertums nicht gewahrt. — Wir haben in einer Zeit der Lüge gelebt Schmeich elei und Günstlingswirtschaft waren an der Tagesordnung. An der Spitze der Beamtenschaft und des Heeres müssen Männer stehen und keine Günstlinge. — Der innere Wert des
8«. Jahrgang.
deutschen Beamtentums hat in den letzten 20 Jahren gelitten. Das Rückgrat ist ihnen gebrochen. — Die Sozialdemokratie ist unter Wilhelm II. Hauptfach- lich infolge der allgemeinen Unzufrreo en- heit gewachsen. — Der Schleier der Luge muß für alle Zeit zerrissen sein. — Der Kaiser hat in einer fremden Welt gelebt. — Der Reichskanzler muß ebenso gut der Vertrauensmann des Volkes fern wie des Kaisers. Bei der Entlassung Bismarcks hätte der Reichstag Einspruch erheben müssen.
In Halbheit blieb der Redner ebenso wie die Resolution stecke,'., insofern als man zwar das persönliche Regiment beseitigen, aber das parlamentarische Regiment n i ch t einführen will. Man will die Macht des Kaisertums in bessere Zeiten hinüber- retten Man warnt vor Verfassungsänderungen, will aber, daß Reichstag und Reichskanzler mehr von ihren Befugnissen Gebrauch iiiachen. Also ein F o r t s ch r r t t ist beim Alldeutschen Verband zu konstatieren; aber er bleibt in Halbheiten stecken.
Mindestens so interessant waren die Berichte über die Lage der D e u t s ch e n in Öste r r e i ch. Eine wirklich wertvolle Arbeit leistet ja der Alldeutsche Verband, indem er die Verbindung mit den Deutschen in Österreich-Ungarn Pflegt. Die Kämpfe der Deut- scheu in Prag, die augenblicklich imVordergrund stehen, boten die Veranlassung, Redner aus den verschiedenen deutschen Bezirken Österreichs einzuladen, daß sie Bericht erstatten und die Sympathien für die bedrohten Volksgenossen neu beleben. Es war außerordentlich rührend, den Schilderungen zu lauschen aus den Grenz- bezirken, wo es hart aus hart geht gegen Tschechen und Slowenen. In Deutschland hat man ja keine Ahnung, wie schwer es ist, dort an den Grenzen den nationalen Kampf zu führen, wie dort um jeden Morgen Land, um jedes Geschäft, um jede Handwerksbude, um jeden deutschen Arbeiter in der Fabrik gekämpft Wird. Starr demokratische Instinkte brachten die Redner zum Aus- druck. Der Abg. Schreiter aus Lertmerrtz sagte: Erst du. mein Volk, dann der Staat. Der nationale Arbeiterführer Knirsch aus Aussig betonte, daß der A r be i t e r der Hort der nationalen Gesinnung ist, der sich Nicht biegt wie der reiche Mann, der in der Regel Opportunist ist. Maii gewann aus den Ausführungen dieses Arbeiters die Überzeugung, daß jetzt die Deutschen iy Böhmen ihre Pflicht tun. In Nordmähren werden, wie ein anderer Redner ausführie, jeßi sogar die Frauen national organisiert. In Südsteiermark siedelt man württembergische Bauern an, um gefährdete Be- zirke zu schützen. 10 000 Kronen werdeu jetzt dafür ausgegeben in jedem Jahre. Ein Redneraus- t a ü s ch zwischen Österreich und Deutschland wurde an- qereat, um sich gegenseitig zu befruchten und anzuregen, An die deutschen Studenten appellierte man, daß sic ein paar Semester nach Prag gehen sollen. . .
Bedauerlich ist, daß man in Böhmen Mit Zweig, nwdorlafsungon d6r Rosch^dLuischon teilte günstige (ei*
auf Grund besonderer, stark von Wedvkind beeinflußter Konstellation in der britischen Nacht, die die „Erfüllung bringen soll, vor der Tür der Begehrten zu beider Ernüchterung Wache hält. Vielleicht konnte das ein Zeichen iDKgischen Spottes (feilt: 'Toemt cille v^efc^el)ittffe tticift meufx wortestark als echt und mehr grob als tief aufs Erotische gestellt wären. So kehrt der Maler zu seiner Ehegattin zurück, und die begehrte schöne Sängerin weicht nach Ableistung von tiefsinniriefenöLN Worten in den Bereich der „Blauen Berge". Eine Anzahl menschlich nur ungeschlacht skizzierter Wesen, die mit dem groben Mittel ' lauöläu'ftger Schablonen,komik gerüstet sind, gruppieren sich um dieses Geschehnis: auch sie, durch eine bis .zum äußersten naive Bühnentechnik belastet, vermögen nicht >zu interessieren, und so erntete diese „Komödie", die resolut als eindeutiger Schwank gegeben, vielleicht ein Lachen erweckt hätte, niir den lauen Beifall des Publikums. II. W.
Ludwig Thoma hat in seiner neuen Komödie ,)M oi# l", die das Kleine Theater aufführte, die Sphäre 'bäuerlicher Derbheit und laus'bubeNhasten Humors, in der er bisher die größten Erfolge geerntet und eine scharfe Bevöachtungskunst entfaltet Hatte, verlassen und sich dem bürgerlichen Milieu zugewandt. Er wollte eine Gesellischaftssatirc großen Stils schaffen, die Heuchelei der „staatserhalteirden Elemente und die fadenscheinige Moralität des Sittlichen an den Pranger stellen, aber er ist über ein paar gute Witze und bekannte Pointen im Stil des „Simplizissimus^ isichH hinan-'- gekvmmen. Die soziale Persiflage und die Eharaeter- komödie, zu denen gewisse Ansätze in dein Sciick vorhanden sind, werden nur äußerlich mit dem eigentlichen Hairdluwgsmotiv, einer pikanten Anekdote, verbunden. Der junge Erbprinz eines Herzogtums hat bei einer gefälligen Lebedame, die ihn nach dem Plane seine-. Erziehers ins „Leben" einführen sollte, i» einen Kleidcr-
schrank flüchten inüssen, als die Polizei bei der Abenteuerin erschien und sie verhaftete. Da niemand ahnt, was für hohen Besuch die Kokotte .empfangen, will ein borniert schneidiger Assessor mit aller Strenge gegen sie Vorgehen und bringt dadurch den Sittlichkeits'verein in die Höchste Not, dessen Mitglieder zu den Klienten der eleganten Abenteurerin gehörten irrrd von ihr sorgfältig irr ein beschlagnahmtes Tagebuch eingetragen wurden. Wie nun der Präsident des Sittlichkeitsvereins, der srei- sinnig-konservative Reichstagskandidat Becrmann, das. Tagebuch aür dem Polizeibureau stiehlt und dadurch in komisch verzweifelte Situationen gerät, das ist in altern Pcssenstil gegeben. Mit dieser Tragikomödie wird recht überflüssigerrvcise noch ein ernsthafterer Ehekvnflikt verbunden, in dem Frau Boermann ihrem Gatten weitschweifige Auseinandersetzungen vorträgt. Die Humorvolle Grundidee des Stückes bricht erst wieder höchst ergötzlich in der Schlußpointe durch, als sich Polizei und Sittlichkeit in dem löblichen Streben vereinigen, die unliebsame Affäre möglichst zu vertuschen und der Sittlichkeit sve re in sich bereit erklärt, die nötige Kaution und Entschädigungssumme durch eine Kollekte zusammenzu- bringen, damit die galante Unheilstisterin freiwillig die Stadt verläßt. Das Räsonnement, das sich in geistreichen Diatribcn aus dem Rahmen des Stückes heraus! direkt an den Zuhörer wendet, spielt in der Komödie eine zu große Rolle. Ganze Szenen lang hat Thoma einfach Feuilletons über sein Thema aneinanöergereiht! und den verschiedenen Personen in den Mund gelegt: darunter leidet das dramatische Tempo, das eigentlich nur im zweiten Akt, in den höchst geschickt gezeichneten Szenen aus dem Polizeibureau, in Spannung erhält; Immerhin bleibt es interessant, einem temperamentvollen, klugen und selbständigen Denker auch auf der Bühne in seinen Darlegungen zu folgen. So verdient« denn das Werk den Beifall, der ihm bei vortrefflicher
Darstellung reichlich aeü, endet wurde. P. L.
