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Nr. 545.
Wiesbaden, Samstag, 81. November 1908.
56. Jahrgang.
Morgen - KnsgsLe.
_ i. Matt.
Die Neforrrmra Hluan-TunZ Ln Chinn.
Obwohl bereits mehrere Tage seit dem großen Kaisersterben im Reiche der Mitte, seit dem Tage vergangen sind, da die herrschende Kaiserin-Witwe Lju- hsie und der Schattenkaiser Kwangsü, den die energische Dame vor gerade einem Jahrzehnt auf dem Wege des Staatsstreichs entthront hatte, das Zeitliche gesegnet haben, steht noch immer nicht mit Sicherheit fest, ob die beiden eines natürlichen Todes gestorben sind, oder ob es sich um eine der Palastrevolutionen gehandelt hat, von denen die Mauern ^ des Mandschupalastes in Peking gar manches zu erzählen wissen. Es ist auch sehr fraglich, ob man in absehbarer Zeit oder auch nur jemals hierüber Gewißheit erlangen wird, denn die Mitwisser derartiger Geheimnisse pflegen in China, wenn sie nicht stumm sind, stumm gemacht zu werden, und die chinesische Preise darf überhaupt nur schreiben, was obrigkeitlich genehmigt ftt. Die begleitenden Umstände sprechen allerdings nicht für die Wahrscheinlichkeit eines Kaisermordes oder gar Doppelmordes. ^ . .
Indessen mehr als die tatsächliche Herrscherin und der nominelle Herrscher von ehemals interessiert der derzeitige Sohn" des Himmels, wie der Kaiser von China sich betitelt. Der neue Herrscher im Reiche der Mitte, der Prinz Puyi. der als Kaiser auf.öen Thron gehoben wurde, ist nun freilich nur mn Söhnchen des Himmels, denn er befindet sich seht in dem Alter von 21/; Jahren, so daß selbst die gewissenhaftesten Chronisten über seinen Lebens- und Bildungsgang nichts zu berichten wissen-
Wenn der chinesische Gesandte in Berlin in einem Interview versichert, daß der Kaiser „ein munteres und aewecktes Kind" sei, so wird man billig zugeben müssen, daß dies das Mindeste ist, was ein Gesandter über seinen Kaiser sagen kann. ^ ,
Mehr als der 2stHäh:nge Monarch interessiert selbstverständlich der Regent von China, der für Hsuan- Tung die Regierung führt, der 26 Jahre alte Prrnz Tschun, der zu dieser Regentenrolle als Vater des neuen Kaisers der Berufenste war und auch berufen worden ist. Prinz Tschun ist ja in weiteren Kreisen unter dem Namen des „Sühneprinzen" bekannt geworden, da er seinerzeit die Sühnemission nach Deutschland für die Ermordung des Gesandten Freiherrn o. Kettler ausführte.
Prinz Tschun gilt als einer der Führer der Reformpartei, und die soeben ergangenen Edrlie der Pekinger Regierung bilden bereits den ersten Befähigungsnachweis des Reformprinzen. Besagt doch das wichtigste dieser Edikte, daß die Benennung der Ara des neuen Kaisers als Hsuan-Tung die Einheit der Nation und die Durchführung des Reformpr ogramms
Aemiletsn.
WachdruL verbalen.»
Berliner Stiimnungs&Ufeer.
Von Paul Lrrrdenbcrg.
Der Pulsschlag der Zeit. — „Politisch Gespräch -
Auffassungen und Meinungen. — Politik tu den Tnearern. Bom kritischen Dienstag. — Das westfälische Grubendrama. — Offene und geschlossene Hände. — Mustkall,che Tees. Neue Pflege der Geselligkeit. — Ein Wohltatrgknts-Tee. — Bei Keller und Reiner. — Fatsche Kunst und unechte Meister.
— Aus dem Theaterleben.
Erregter als seit langem fühlt man den hastig eit Pulsi ch l ag u uff e r e r unruhigen Z e i t. Das aus Heu vergangenen Tagen, in denen Ruhe die erste Bürgerpflicht war, überlieferte Wort vom „politisch Gespräch ein garstig Gesprächs 'hat mit einem -kräftigen Schwung feine Geltung verloren. Politik beherrscht jetzt vollkommen die Unterhaltung! In vor kurzem noch unvermuteter, offenster Weise werden die wichtigen Fragen, werden Persönlichkeiten und höfische wie staatliche Einrichtungen erörtert und kritisiert, oft ohne Rücksicht aus die Umgebung, während noch vor einiger Frist sich bei gewissen Gesprächen die Köpfe besorgt umdrehtcn, üb nicht ein unberufener Lauscher in der Nähe. Und hierin ist kein Stand, kein Beruf ausgenommen, durch alle Schichten der Bevölkerung flutet das Gefühl einer größeren Unabhängigkeit in politischen Auffassungen und Beurteilungen -der sonst nicht oder doch nur ungern in den Kampf der öffentlichen Meinung gezogenen ersten Vertreter des Staates und auch bestimmter Jnstitn- iionen, um welch' letztere man sich bisher wenig direkt gekümmert, weil mau sie als gegeben genommen, die nun aber mit einem Male einer scharren und rücköalt-
bedeuten solle. Welches der neue Kurs in China sein soll — ob er es sein wird, hängt freilich von sehr vielen Umständen, Strömungen und Gegenströmungen ab — geht vor allem auch daraus hervor, daß in einem werteren Edikt die Verdienste . des verstorbenen Käfters Kwangsü gefeiert und die Weiterarbeit in fernem Geiste angekündigt wird. Dieser Geist war tn der Tat der des Fortschritts, der Reformen. Hatte doch die Kaiserin-Witwe Tsu-hüe den Karser im Jahre 1898 deshalb im Bunde mit dem Madarinentum gestürzt, weil er sich mit dem Gedanken einer modernen Ver- fassungsreform trug. Freilich hatte die reaktionäre Dame gnm Schluß, der Not gehorchend nrcht dem eig'nen Trieb, sich doch noch vor Jahresfrrst zur Ver- kündung einer Ver f ass un g s r efor m genotrgt gesehen, die nach dem Edikt vom 14. Juni d. I. frerlrch erst — i n 15 I a h r e n ins Leben treten sollte. Es ist anzunehmen, daß jetzt, wo Prinz Tschun die Regentschaft übernommen hat und damit der fett Jahren währende Kampf zwischen den beiden ernflutz- reichsten Leuten in China, den Großsekremren Juanschikai und Tschangtschitung, zugunsten des fortschrittlichen Juanschikai entschieden worden rst, dre Reform Chinas ein schnelleres Tempo anschlagen wrro.
Wenn auch dieser neue Kurs mit noch manchen Schwierigkeiten zu rechnen haben wird, da er auf der einen Seite die reaktionäre Partei desTschangtschitung und aus der anderen Seite die radikale Reformparter, die in dem Prinzen Pulon den legitimen Thronfolger sieht, gegen üch hat, so zeigen doch die bisherigen Maßnahmen des neuen Regenten, daß er ebenso den Wellen wie anscheinend auch die Kraft hat, dre Ordnung nn Reime der Mitte zu wahren und seine Gegner von rechts und links in Schach zu halten. Prrnz Tschun hat mit Hilfe von 10 000 Mann zuverlasirger Truppen, die er in Peking stationierte, die Ordnung dort auf- rechterbalten, und auch aus der Provinz sind bisher keinerlei Ruhestörung gemeldet worden. Auch hat dre erste Unruhe, die zu einem Sturm auf die Banken führte, bereits nachgelassen, so daß diese wieder ge- öffnet werden konnten und das geschäftliche ^eüen seinen gewöhnlichen Gang weiterzugehen scheint.
Wenn es vom Standpunkt des Chrncsentums mit Befriedigung gn begrüßen ist, daß der neue Kurs ern in sich gefestigter und reform fr eu n d l rch er zu sein scheint, io kommt cs doch vor allen Dingen darauf an wie sich nunmehr das Verhältnis des Reiches der Mitte zu den anderen, vor allem zu den europäischen Staaten gestalten wird. Dre mit dem russisch-japanischem Kriege, der den Gelben dre Überlegenheit einer asiatischen Uber eine europäische Natron gezeigt hat, erngelertete nationale Bewegung rn China wird unter der' Ära Hsuan-Tung. wenn sie das halt, was sie verspricht, zweifellos an Kraft gewinnen, und wir Bewohner des alten Europa , werden uns ebenso wie die hier noch stärker interessierten Yankees wohl oder übel an die Parole gewöhnen müssen: Chrna den Chinesen! __ __
tosen Prüfung unterworfen werden. Wie anders es fast über Nacht geworden, zeigen mit am eindrnckvollsten Misere Witzblätter, zeigt das Echo, das in unseren Theatern durch jede gewollte öder ungewollte Anspielung auf die Zeiiertzebnisse erweckt wird: einzelne Stellen des „Faust" im Neuen und des „Kaiser Heinrich" im Königlichen Schauspielhause ftnben erregten ÄNklang, und nrit ironischer Zustimmung, auch mit lautem Jubel werden die scheinbar Harmlosen Hinweise und Andeutungen in der vom Deutschen Theater in neuer Bearbeitung und Inszenierung ausgeno-mmenen Johann Nestroyschen Posse: „Revolution in Krähwinkel" begrüßt: ,/die Szene wird zum Tribunal , selbst beim braven, schon lange den letzten Schlaf schlummernden Papa Rostrot)! Ob aus -dieser bowegien Stimmung heraus unseren Bühnen nicht der längst erschnte satirische Dramatiker ersteht? An Stofs fchlt's ihm wahrlich nicht! — Und ob -man in weiteren Kreisen mit den politischen 'Ergebnissen des k r i t i s ch c n D i e n s t -a g, an welchem Fürst Bülow dem -durch den Tod seines _ -getreuen General-Adjutanten Grafen Hülfen-Haefeler schwer erschütterten Kaiser gegenüber gestanden, zufrieden ist? — Die Antwort kann nicht hier gegeben werden.
Recht vieles kommt zusammen, daß selbst best zäheste Optimismus wankend gemacht wird! Mit tiefer Ergriffenheit vernahm man von dem westfälischen G rub e n d r a m a , ööm so viele blühende, arbeits- srbhe Leben zum Opfer gefallen, und mit inniger Bereitwilligkeit spendet man allerorten für die Hinter- Vlie'benen, um Me drückendste Not zu lindern. Uno da- bei grbt's auch in nächster Nähe genug zu tun, um Tranen zu trocknen und Unglücklichen zu helfen. Die, welche sich dies zur Aufgabe gemacht, spüren in füyl- Harer Weise die ungünstigen Zeitläufte, denn manche Hand, die sich sonst gern den Bittenden geöffnet,. bleibt diesmal geschlossen^ manche Tür, an die sonst nie ver-
Nerpsulchle Reform.
Die dem Reichstag zugegangene Erürechtsreform- Vorlage, nach der der Fiskus Jntestaterbe werden soll, wenn der ohne Testament verstorbene Erblasser keine Kinder und Kindeskinder, keine Eltern und Großeltern, kernen Ehegatten, kerne Geschwister, keine Neffen und Nichten hinterlassen hat, diese lauwarme, zaghafte Vorlage, die erst ein gesundes Prinzip aufstellt und es dann sofort mißachtet, wirkt überall als herbe Enttäuschung. Es hatte so schön und verheißungsvoll gönnen, und ietzt sollen wir uns mit einer schwächlichen Halbheit begnügen. Zwar auf die 600 Millionen, die uns der Justizrat Bamberger in Aschersleben, dcr treffliche Vater eines rühmlichen Reformvorschlage-, in Aussicht gestellt hatte, mußten wir schon in dem Augenblick verzichten, wo man sich davon überzeugt hatte daß gegen die ebenfalls vorgeschlageneStreichung der ' Geschwister als Jntestaterben unabänderliche Widerstände erhoben wurden. Immerhin konnte man hoffen, daß die gefährliche Verlockung, aus gedankenloser Sentimentalität die Geschwisterkinder noch als Jntestaterben zuzulassen, werde vermieden werden. Leider aber ist diese Hoffnung fehlgeschlagen, rmd damit ist die Resornr selbst gründlich verpfuscht worden. Was noch fehlte, um sie ziemlich wertlos zu machen, das geschah durch die sonderbare Bestimmung der jetzigen Vorlage, wonach die Einzelstaatcn und nicht das Reich erben sollen, so zwar, daß die Einzelstaaten 2b Prozent der Jntestaterbschaften erhalten und 75 Prozent sogleich an das Reich heranszahlen. Alles an dem Gesetzentwurf ist lahm und gedrückt, entbehrt jedes frischen rmd freien Zuges, zeugt von eigentümlicher Willensschwäche und hat höchstens Wert als Anerkennung eines vernünftigen Grundsatzes, so daß mindestens "gehofft werden kann, die Zukunft werde mrt diesem mangelhaften Gesetz aufräumen und dafür etwas wirklich Brauchbares schaffen Helten- Was nutzen uns die 28 Millionen, die von der Reform jetzt erwartet werden? Das Zehnfache könnte es fern, wenn die unselige Bestimmung fortfiele, die auch Neffen und Nichten die Wohltat des Jntestaterbrcchts noch ge- währt, und wenn die kalkulatorische Schiefheit beseitigt würde, nach der die Einzelstaaten ganz ohne Fug und Recht ein Viertel des Ertrages bekommen sollen. Wofür denn? Für das bißchen Arbeit, das ihnen die Erhebung der Erbschaft bereitet? Und wenn nicht hierfür/ wofür denn sonst? Man fragt ebenso verwundert wie vergeblich. Dem Vater der lex Baw- berger (denn diesen Namen würde eine verständige Reform mit Recht verdienen) kann man es nachfühlen, wenn er über die Verwässerung seiner Vorschläge ungehalten ist. Schade, daß dieser Mann nicht rm Reick .- taa sitzt. Dort möchten wir ihn gern einmal über das unglückliche Gebilde Wettern hören, das die bureau- kratische Gesetzmacherkrmst aus seinem Reform. gedanken fabriziert hat. Und dabei findet man in der Begründung des Entwurfs ganz vortreffliche Aus-
.gebens -geklopft ward, wird nicht aufgetan, der Ausfall an mildtätigen Speniden ist ein sehr erheblicher. „Wir hstbeu mit uns -selbst -genug zu tun" klingt's häufig oder cs wird -auf die drohenden neuen Steuern hinge- -wiösen, welche die einzelnen Unternehmer und lln - - nchmungen, die sonst -stets erhebliche Summen -für milde Zwecke -gegeben, abermals -schwer belasten.
Und dabei stehen wir gerad' jetzt inmitten -der vielfachsten Bestrebungen, der Wohltätigkeit „keine Schranken zu setzen", wie cs so schön lautet. Hierbei verschafft sich auch eine gesellschaftliche Neuerung Geltung, jene der m n s r k a l t s ch e n Tee s", die bereits im letzten Winter vielfach zur Durchführung gelangte und die jetzt in noch weit stärkerem Grade Anwendung findet. Die ab endlich - Geselligkeit Hat vielen doch zu große Opfer an Geld und Zeit auferlegt und zu störende Umstände verursacht, als daß mau nicht in vielen Fällen mit Freuden die NachmittagsstuNden von ö bis 7 Uhr wählt, um seine Gäste im 'heimischen Salon zu empfangen. Die Bewirtung -mit Tee, Gebäck, Limonade, Wein ist nicht kostspielig und dabei leicht sehr gefällig zu arrangieren, im musikalischen Berlin sehlt's nie -an ausübenden Künstlern urid Künstlerinnen, die Dam-en können ihre neuesten Promenaden-Kostüme und Hüt-e zeigen, und -die, -die.Lust dazu haben, planen etwas Gemeinsames als Fortsetzung: Theater, Eispalast, Restaurants, es ist genügend gesorgt, die Abend- und Nachtstunden in -des Deutschen Reiches Hanp-tstabt unterhaltsam zu verleben. So kommen alle ans ihre Rechnung, Gaistgeber und Gäste, nur daß die Herren, -die ja meist durch ihren Beruf ferngchal-ten sind, in der Minderzahl erscheinen — ob im Zeitalter der „modernen Frau" überhaupt noch viel Wert -ans ihre Anwesenheit gelegt wird? ...
Ein Fünfnhr-Tee fand kürzlich hier zu wohltätigen Zwecken unter dem Patronat der zierlichen und aumut- vollen, Musik und Malerei mit ßleich reichem Talent
