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Bei wiederholter^Ausnahme unveränderter Anzeigen rn kurzen Zlvischenraiimen eni,prechei>der Raoat,.

Nr» 243 .

Wiesbaden, Freitag, 2$». November 190S.

Für die Ausnahme später eingereichter Anzeige» in die nächstcrscheinende Ausgabe wird keine Gewähr übernommen.

26 . Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt. __

Me MW Mnng des KüNW non CuglMS.

XX London, 16. November.

Gegenriber den jüngsten Ereignissen, die 5ie Poli­tische Welt in so große Aufregung »ersetzt haben, dürste Sie Erörterung nicht ohne Interesse sein, worin die Machtbefugnisse eines englischen Königs — und ihre Beschränkung! — in unseren Tagen bestehen, ohne daß ich deshalb auch gleich ein Urteil über die Zweckmäßig­keit der vorhandenen Sachlage zu geben mich unter­fangen mochte. Ein König von England soll bekannt­lich „herrschen ohne zu regieren". Er soll das sichtbare äußere Haupt, „eine Zierde des Staates" sein, bei allen öffentlichen Festlichkeiten, im ganzen Gesell­schaftsleben die tonangebende Führung übernehmen, aber regieren soll er sogar weniger als z. B. der Prä­sident der Vereinigten Staaten. Negieren will sich das Volk selbst durch die von ihm selbst gewählten Ver­treter und die aus ihrer Mitte formell allerdings vom König, tatsächlich aber von der Mehrheit der Abgeord­neten" wieder auserkorenen Minister. In des Königs Kamen geschieht alles, durch sein persönliches Ein­greifen nichts — wenigstens nichts, was' nicht zuvor bie volle Billigung seines Kabinetts gesunden hat. Tritt eine Meinungsverschiedenheit ein, so muß. aber unbedingt der König nachgeben, nicht das Kabinett: Das letzte Mal, daß ein britischer Souverän sich her­ausnahm, dem Willen des Ministeriums zuwider zu handeln, war das bekannte Bedcliamber Plot, toenige Jahre nach dem Regierungsantritt der Königin Vik­toria. Es hatte sich schon damals der Brauch ausge­bildet, daß mit einem neuen Kabinett auch die obersten Hofchargen wechseln, die dann aus den Kreisen der zur Regierung gelangten Partei genommen werden. Als nun aber beim Rücktritt des Whig-Ministeriums im" Jahre 1839 der neue. Premier, Sir Robert Peel, darauf bestand, daß auch einige der höher gestellten Damen des Hofes durch solche der Tory-Partei ersetzt würden w'es die Königin dies schlechterdings zurück. Sie hat sich aber später selbst in solchen Dingen stets dem herrschenden Brauche und dem Willen des Premier-Ministeriums gefügt. Und auch hier handelte es sich doch nicht sowohl um Sachen der Reichspegie- rung, als der Hofhaltung. 1 .

„Je weniger ein britischer Herrscher tn die hohe Politik drein redet, um so besser." Dies gilt insbeson­dere in Bezug auf die innere Politik; und in Sachen der Partei-Politik — und was wird in einem Lande der Partei-Regierungen nicht alsbald Partei-Politik steht der König eigentlich unter dem untersten seiner 'Untertanen. Denn jeder Engländer kann in volitischen Angelegenheiten sagen was er will. Nur der König nicht. Er soll über den Parteien stehen und daher solchen Dingen überhaupt nicht mitreden. Und das erstreckt sich auch auf sämtliche Angehörige des königlichen Hauses. Älle englischen Prinzen wer­den regelmäßig zu Mitgliedern des Hauses der Lords gemacht, aber niemals werden sie sich unterfangen,

selbst hier in Parteisachen irgendwie ihre Meinung zu äußern oder gar an der Abstimmung darüber terlzu-

nehmen. _ , ■ .

Etwas anders steht es nun wohl rn Sachen der äußeren Politik. Auch da wäre ein eigenmächtigem Vorgehen des Königs von vornherein ausgeschlossen. Ohne sich im Einklang mit dem Kabinett zu befinden, kann er auch hier nichts unternehmen. Besteht,, hbee. ein solcher Einklang, so kann cur Schrrtt desKomgs. zumal dem Auslande gegenüber, leicht viel wrrtungs- voller sein, als ein eiiriacher Ali des Ministeriums. Er kann diesem daher unter Umständen von wesent­lichem Nutzen sein. Und so werden dre Minister seinen etwaigen Vorstellungen auch gewiß gern Gehör geben, bis zu einem gewissen Grade auch wohl nachgeben, aber die Entscheidung steht immerhin ber ihnen allem. Es ist klar, daß König Eduard sich m Sachen der aus­wärtigen Politik mii ihnen in völligem Einklang be­findet und eben deshalb und weil sie seiner Umsicht und seinem Takt vertrauen können, wird ihin bereit­willigst ein um so weiterer Wirkungskreis gewahrt.

Manches wird ihm — wie bei Fürsten so häufig — da nun wohl in Anrechnung gebracht, wofür er per­sönlich herzlich wenig getan; gleichwohl laßt sich eme gewisse persönliche. Einwirkung des Königs rnder äußeren Politik nicht in Abrede stellen. Aber wirkliche Macht hat ein englischer König ist der Politik gar keiire, sondern nur Einfluß, und auch diesen mcht sowohl kraft seines Amtes — der gegenwärtige Thronfolger wird schwerlich iemals bedeutenden Einfluß, ausubeu! - sondern erst auf Grund erwiesener Befähigung und des Vertrauens, das er sich bei dem Volk und dessen Vertretern erworben hat.

UMMche Werlich!.

Der nene Chef des MMtirrkabirretts.

Greilherr v. Ly n ck er ist der fürtfätteste Preußische Generalie utn-an t und märe, dem voraussichtlichenpGtznge des Avancements nach, wohl im Frühahr 1889 'schon komwanÄ rererrder General -geworden. General v. Lyn cd er, der -am 80. Januar sein 68. Lebensjahr vollendet, -stammt

-aus dem Kafler-FranL-Gard-e-Grenad-ier-ReglM-eut und

ist hei St. Privat als blutjunger Offizier vurch einen Brustschuß schwer -verwundet worden. Noch al^> Leutnant wurde der mit -dem -Eisernen Kreuz Dekorierte in das 1. -Garde-Regiment zu Fuß versetze. ^ Aus lener Pots­damer Zeit der 70er und 80er Jahre stammen des Gene­rals enge persönliche Beziehungen zu einer großen Zahl von Herren aus der jetzigen und 'früheren kaiserlichen Umgebung, wie den Generalen v. Messen, v.Äesiel, v Höpsner r. Löweusel-d u. -a., die seine Dnzirenndr sind! Als Hauptmanu und Major hat der neue Chef des MMtärkabinetts später vier Jahre in Flensburg Dem GeneraHstab Der 18. Divisiou au-gvhört und trat 1898,-zuni Generalstade des 1. Armeekorps in Nia-göeburg über. Dort verheiratete -er sich mit Freiin von der Horst. -Aus der Ehe stammen 6 Kinder, dessen jüngstes erst 4 Jahre alt 'ist Rach kurzer BatalLonskommandeurzejt im Ga rde-F üsil ier -R eg im e nt wurde Freiherr v. Lyncker 1394 L 1a suite des Geucralstabes -der Armee gestellt und

als 1. M i l i t ä r g o u v e r u e u r -mit der Leitung der 'Erziehung der I a iferli clj -e it P r i n -z -e n beauftragt. In dieser Stellung ist der in der Armee -allseitig als grundvornehmer Charakter, vorzüglicher Soldat, un­parteilicher und -ivöhlwollend-er -Vorgesetzter anerkannte Offizier von !be-sttMmcndc-m Einfluß besonders auf den Entiwickelungsigang des Kronprinzen -und -des Prinzen 'Ertel-Frickdrich gewesen. J-m Jahre 1898 vertauschte der zum Obersten Beförderte die so hoch ver-antwortlichc 'Stellung mit dom Kommando des Elisabeth-Regiments in CharlottcuLurg und wurde 1901 als Nachfolger Holmuths i T/ v. Moltkc, Kommandeur der 1. Gardc- I ufarrt c r ic -Brigade und Sradttommaudant von Pots­dam. 1908 kam General -v. Lyncker nach Hannover, wo er seither die 19. Division befehligt hat.

Der neue Vortragende G-eneraladjutant des -Kaisers besitzt dank der langen Jahre, die er in Generalstabs- st-ellun-gen in der Provinz verbracht hat, im Gegensatz zu seinem -Vorgänger volles -Verständnis für das, was Kuß er -H -a l b .de r Ber st ine r u nü P o t s d -a m e r -militärischen Sphäre nottut. Sein gerader Charakter dürfte, wie uns versichert wird, -auch starke Garantien dafür bieten, daß gewisse Einmischungen des Kaisers in die Eimelheiten der Heeresverwaltung und des Gcneral- statösdienstes in Zukunft w-eniger stark, Heroortrete» werden. Der neue Herr wird als jeder -Prot e k t i o u S- S e in ü h u n,g u n z ug ä n g l i ch geschildert. Er ist ein ruhiger, fast verschlossener Mann. Stur die Tüchtigkeit gilt bei ihm. So nahm er in Hannover zu -seinem Ad­jutanten den bürgerlichen Haupt-mann des Hildesheimer Insan-teric-Regi-men'ts, unbekümmert um die glänzend­sten Namensträaer, die das Militärkctbinett für diese visW-egehrke Stellung vorgöschlagen hatte. General­leutnant Freiherr v. Lyncker ist -ein Beiter des Ha-us- Marschalls des Kaisers und hat verschiedene Brüder und Vettern in der Armee. Ganz und gar nicht der kön­ne n t i o n e l l e H o s m a n n, der sein Vorgänger rvar, verläßt er, so Hört man, Ww-eren Herzens seinen Posten -in Her Front und siedelt nach Berlin in eine Tätigkeit über, die immerhin in beträchtlichem Maße den Charakter eines Ho samt-es hat. In ihm aber scheint dies Amt den Mann gesucht und gefunden zu Haben, der ihm in dlüser politisch -verwickelten Zeit nottut. Die Armee wenigstens Hat, darin sind sich alle Stimmen einig, volles Vertrauen dazu, daß .sie durch den neuen Chef des -Bkilitärk-abinetts bestens bei der Person des obersten Kriegsherrn vertreten sein wird.

Dsts Urtrrl döS Anslarrdes.

Die Auslassungen einer Anzahl hervorragender; deutscher Blätter über die Beendigung der Krise haben wir im Abendblatt gebracht. Die folgende kleine Blutenlese aus denPreWimmen desAuslandes erweist, wie man im Auslande denkt: Die amerikanische Presse lobt des Kaisers mannhaftes Eingeständnis seines Fehlers und beglückwünscht das Deutsche Reich zu dem ersten Schritt zu einer pgrlamentarrschen 8>e- gierung. Sie glaubt, daß dieser Vorgang einer friedlichen Revolution nie wieder rückgängig gemacht werde. „W o r l b“ sagt, das größte Verdienst habe die de u t s che P r e s s e.

Wie die Wiener begrüßen auch die italieni­sch e n Blätter die Beilegung der Krisis und

F§Mll§ZSN.

RadiNM»

MaSdruck DeröotciuJ

Trotzdem nun -schon mehrere Jahr-e dahiugeg-an-gen sind, seit wir von dem Merkwürdigen Stoffe wissen, den man mit dem Namen Radium bezeichnet, besitzt er doch für -die meisten Menschen noch etwas Geheimnisvolles, und es wird sie immer eigentümlich berühren, wenn da­von die Rede ist, daß man -ihn auf industriellem Wege fabriziert. Allerdings handelt es sich um keine, gewöhn­liche, laufende Fabrikation, immerhin aber -existiert sie

^ ^Alle Welt weiß oder sollte wissen, daß Radium nicht im m-etallitschsn Zustande isoliert wird. Es Handelt sich um einen einfachen -Körper, -ein neues Element, das eine außerordentliche Ausstrahlung -besitzt. Das -gelchrte Ehe­paar Herr und Frau Curie, von dem der Mann lewer auf so schreckliche Weise aus dem Leben geschieden ist, ent­deckte zuerst einen ähnlichen Körper, den es Polonium nannte, dann erst fand es das Radium.

Wissenschaftlich sind das metallische Stoffe, in der Praxis aber kennt -man Radium nur als chemische Salze, die -eine größere oder geringere Aktivität besitzen. Übrigens ist es nicht so einfach, sich diese Kenntnis zu -erwerben, denn ein Kilo Radium kostet ca. 300 Millionen

Mark. ■ .

SBcittt man eine Lösung — in kleinen Dosen, wie man sich -denken kann — von Bromradinm besitzt, dann

findet man, daß sie fortwährend Sauerstoff und Wasser- 'sto'sf etttttHcfclt, was frurefj ( Me Zersetzung öes Wassers unter dem Einfluß des wunderbaren Minerals hcrvor- gerus-eu wird. Radnimchlorid -zeigt ähnliche Phänomene, -es entwickelt oft unter explosiven 'Erscheinungen -Sauer­stoff, Wasserstoff, Kohlensäure, Helium und -andere Gase, die in den letzten Jahren in der atMosphärlschen Lust entdeckt worden sind.

Gs cittc ig'ause NuA-aM (&v&c f öie Nastum etti- halten, und es ist sehr w-cchrscheinlich, daß man noch weitere entdecken wird. Da sind zuerst die Pechblenden, Uranoxyde, di-e man in Joachimsta-l und in Przibram in Böhmen findet, ebenso wie in Schweden, Ungarn, Kanada und Kolor-alüo. Andere Erze, die -Radium ein­schließen, sind Pyromorphit, C-Halcolit, Thorianrt usw.

Um die R-aöiumsalze -zu erhalten, werden -die Erze sein zerriebe» und dann -ein Brei daraus gemacht. Eure Tonne pülverisiertes Erz erfordert 5 Tonnen gemischte Produkte und 89 Tonnen Wasser. Es erklärt dies, wieso die. betreffende» -Fabriken die enormen Bottiche gebrau­chen, trotzdem sie doch nur -einige Gramm des kostbaren

Stoffes-gowinnen. ^

Wenn -es -sich z. B. um die Gewinnung von Radium aus Pechblende Handelt, dann entzieht man dieser zuerst das Uran. Es verbleibt dann eine Mischung von «ul- faten verWiebenster Sorten 101 einße. Das RaH!u-msulsat ist das am wenigsten lösliche, man isoliert es also, in­dem man die Löslichkeit der anderen durch bte Ein­wirkung von bestimmten Säuren vermehrt. Endlich, U-ach ültz-monatiger Behandlung einer Tonne, d. h. von 1VM Kilo Pechllond-r, erzielt man 1 bis 2 Kilo -unreines

^ Bromradiüm, dessen ÄtttviiLt durch die Zahl LV bis 69

der Meßapparate -ausgedrückt wird. Es handelt sich nun darum, diese AMpitat zu ver-m-chren, was geschieht, in- deni man das Brom aüflüst und es dann kristallisieren und wieder kristallisieren läßt. Die Ilktivität steigt so von 50 -auf 1000, und durch immer weitere Behandlung erreicht sie schließlich di-e -enorme Ziffer von 2 Millionen, d. h., daß ein Gramm der -erzielten Substanz z-wei- millionemnal so radioaktiv ist wie -ein Gramm Uran. Wenn man dahin gelangt bst, verbleiben aber nur noch 1 bis 2 Milligramm Bromradinm.

Diese geringen Mengen sind imstande, die Wunder­barsten Phünflmene hewortzuSving-en, u. -a. das merk­würdige, daß Substanzen, die während einer g-ewissen Zeit in der Nähe von R-adiumsalz sich befinden, cben- salls radioaktiv werden. Die Ätachbarschast desselben verwandelt auch weißen Phosphor in roten, gibt dem Glase zuerst eine violette, dann eine schwarze -FärVung, dank dem Radium wird -farbloser Topas orangegelb, schweselsaurcs Kali erhält eine schöne Smaragdfarb-c, Steinsabz -eine blaue. Mau hat denn auch bereits daran denken können, diese -erstaunlichen Eigenschästen zu be­nutzen, um Edelsteine zu verbessern.

All dies erklärt, wieso die Chemiker soviel Zeit und Mühe aufwenden, um einige Milligramm des kostb-ar-on RiMumsalz-es zu -erhalten. -Vielleicht werden sich, was- fa sm Interesse der Wissenschaft sehr zu wünsch-cn wäre, die Methoden nach und nach vereinfachen lassen, die Ge­winnung weniger lange dauern und nicht so kostspt-eltg sein. Borlänfig gibt -es für die Chemiker kaum eine miH selige re Ilrüeit, -aS-cr sie unterziehen sich derselben mir Geduld, da sie. trotzdem sie so viel Zeit erfordert, doch außerordentlich lohnend ist. W. W ‘U d a u.