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Nr. 23?.

Wiesbaden, Sonntag, 1L. November

LS. Jahrgang.

Morgen- Ausgabe.

1. Mntt.

Der Kamler und die KonlerMttven.

Man kann es nicht anders bezeichnen, als daß die Konservativen dem Fürsten Bülow in den Rücken gefallen sind. Die Partei, für die der Reichs­kanzler gearbeitet hat wie für keine zweite, die Partei» cm deren Adresse Fürst Bülow einmal das Wort ge­richtet hatte, auf seinem Grabstein werde man lesen, daß ereilt agrarischer Reichskanzler gewesen, opfert jetzt kalten Herzens dieseir Staatsmann. Auf ctvten solchen Akt des Verrats konnnt es hinaus, wenn die parteioffiziöse „Konservative Korrespondenz" dem Fürsten Bülow den Vorwurf macht, den Kaiser im Reichstage nicht genügend in Schutz, genormnen zu haben. Die Erklärmtg der „Kons. Korr." unter dem Titel „Ein letztes Wort in ernster Stunde" ist die Seitsation des Tages. Der Artikel muß von ganz be­sonderer Seite stammen. Wenigstens versichert die „Deutsche Tageszeitung", die cs wissen sollte, daß er nicht von der Parteileitung herrührt» und das agrarische Blatt hebt mit Recht den Widerspruch her­vor, in welchem der Artikel ztt der bekannten Er- klärung des Elferansschttsses steht. Hat aber die Kundgebung einen besonderen Ursprung, so bekommt man erst recht den Eindruck, daß hinter dein Rücken des Reichskanzlers nrit vergifteten Waffen gearbeitet wird. In der Tat erzählt man sich in Reichstags­kreisen, es werde in der Umgebung des Kaisers gegen den Fürsten Bülow gewühlt' dem Kaiser soll der Ein­druck beigebracht worden sein, daß der verantwortliche Staatsmann in den Interpellationsdebatten _ seine Pflicht verabsäumt habe. Daß solche Uuterminie- ruugsarbeit im Gange sein muß, dafür hat man jetzt auch sonst triftige Anzeichen. Die seltsame D i v e r s i o n des Herrn v. Oldenb u r g am zwei­ten Tage der ReichStagsdebattc, die Erklärung, daß die Konservativen im Kaiser nicht bloß eineJnstitution. sondern eine Person sehen, und daß sie bis zum letzten Atemzuge für ihn eintreten würden, diese durch das vorangegangene ' Verhalten derKonservativen nirgends vorbereitete oder begründete Kundgebung nimmt sich sofort anders aus, wenn man die Behauptungen an­gemessen würdigt, nach denen Herr v. Oldenbtrrg attf Grund eines bei der Fraktion während der Sitzung eingelaufenen Telegramms aus Donaueschingen das Wort ergriffen habe. Man bekommt immer mehr den Eindruck' als ob die Führer der Rechten von An­fang an planmäßig darauf ausgegangen seien» dem

FcrrMeton.

(Nachdruck verboten^

Filia hospitalis.

Skizze von Joseph Buchhorn.

Sie sah den jungen Studenten mit prüfend-sorgcn- hen Blicken lange, lange an. Dann meinte sie:

„Und wenn ich Sie darum bitte, Herr Erler, — bitte, hören Sie wohl? — meine Nichte .zufrieden zu lassen?! Sie sind ja beide erst in den Anfängen des Lebens, und da ist es mißlich und, nehmen Sie's mir nicht übel! töricht, sich zu binden. — Ich weiß, ich weiß", wehrte sie ab, als er sie unterbrechenwollte, „das alles, was Sie mir vorhin gesagt haben, ist Ihr Ernst, Ihr heiliger Ernst — momentan wenigstens! r— Das von der grenzenlosen Zuneigung und der Jahre überdauernden Treue. — Und es macht euch jungen Leuten ja auch alle Ehre -—! Aber dann kommen die Seiten, in denen die lichten Farben, die eurcStudenten- jahre verklärten, verblassen; es gilt zu kämpfen und um den Preis einer sicheren Stellung zu ringen — da verschwindet' alles das, was ihr jetzt erlebt und er­träumt, in einem fernen, bloßen Nebel - und was war, liegt hinter d e n Bergen, die eure Werdejahre halten iind nur das. was ist» hat Wert für euch; nur das '„Jetzt" ist das Ausschlaggebende. Und dann» -- ich sehe Ihren Daseinsgang vor mir, als wäre ich ihn schon einmal alle seine Merksteine entlang geschritten, r— dann lockt die Dame aus der Gesellschaft; lockt das Geld, das euch eure Stellung sichert und vergoldet. — lind dann — was glauben Sie wohl, daß dann von dem kleinen Mädchen aus der Universitätsstadt bleibt, das euch angehangen hat und dem aitch ihr zugetan wart? Eine kleine Reminiszenz, eine traulich-fchone, ja! Aber doch nur eine Reminiszenz. Die Taktvollen behalten sie für sich, in ihrem Herzen, als einen Duft aus seligen Brausestundcn, und die Taktlosen -l -\s-e nun, die erzählen vielleicht au lustiger Kneiptafel von ihren Studentenaffären, protzen und renommieren und geben die Geschichte von der kleinen Film hospitalis

Fürsten Bülow die Fortführung seines Amtes zu er­schweren oder ganz unmöglich zu , machen. Im Lichte der neuen und überraschenden Tatsachen nimmt sich die vielberufene Kundgebung des Elferausschusses anders als unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung aus. Zu­nächst hatte diese Kundgebung, so mannhaft und sogar konstitutionell sie klang, die eigentümliche Beschaffen­heit, daß sie die Mitwirkung der Volksvertre­tung bei der Herbeiführung eines normalen Ver­hältnisses zwischen Krone und Regierung ablehnte und sich mit den Sorgen und Wünschen der Konservativen unmittelbar an den Kaiser wandte, also sich als eine außerparlamentarische Adresse der Rechten darstellte. So mochte cs den Freunden der Konservativen m der Umgebung des Kaisers nicht schwer gefallen sein, den Monarchen davon zu überzeugen, daß diese Erklärung des Elferausschustes ganz anders als die. sonstigen Kundgebungen der anderen 'Parteien bewertet werden müsse, daß sie. als Ausdruck des ehrfurchtsvollen Ver­trauens auf die Entschließungen des Kaisers gar will­kommen geheißen werden würde. Indem aber die Konservativen zugleich der allgemeinen Unzufrieden­heit mit einem nicht normalen Zustande beistimmten, wirkten sie mit an der Untergrabung der Stellung des Fürsten Büloiv.

Jetzt stellt sich der Verdacht ein, daß, wie gesagt, ein planmäßiges Spiel unternommen wird. Die Konservativen werden sich nach oben hin wieder einmal als Retter in der Not zeigen können. Von den Gerüchten, die sich mit der Nachfolge für den Fürsten Bülow beschäftigen, braucht man zunächst allerdings nur registrierend Akt zu nehmen. Im Vordergrund stellt plötzlich der Name des Komman­deurs des zehnten Armeekorps, des Generaladjutanten des Kaisers, v. Loewenfel-d in Hannover. Auch General von der Goltz wird genannt, auch von B et hm an n- Holl weg. . Aber, wie gesagt, diese Namensnennungen sind völlig unbeglaubigt, und zu­nächst ist Fürst Bülow noch Reichskanzler. Wird es. wie selbstverständlich, voil seiner Aussprache iiut dem Kaiser in Kiel (anl nächsten Montag) abbangen, ob er es bleibt, so liegt hierin schon, daß die M o g l r ch fett fortbesteht, er werde es wirklich bleiben. Die Situation wäre nicht vollständig dargestellt, wenn man diese Möglichkeit nicht ebenfalls nach Gebühr betonte. Es besteht eine Krise, aber sie kann immer noch über­wunden werden.

Nehmen wir einmal an, sie werde mit dem Rück­tritt des Fürsten Bülow, endigen, und fragen wir demgemäß, was sein Nachfolger, wer es auch sein mag» dein Reichstag an Garantten von seiten des Kaisers gegen die Wiederkehr der bekannten Vorgänge bringen

könnte und bringen möchte. Man muß sich freilich zu­nächst mit dem Fragen begnügen; denn keiner kann wissen, was wird. Unser aller Sorgen sind groß, unser Vertrauen auf eine Änderung ist gering, aber unsere Hoffnungen dürfen wir darum nicht aufgeben.

Politische Mochrnschmr.

Die zweitägige Debatte, die sich in dieser Woche im deutschen Reichstag abgespielt hat und die sich um das vielerörterte Kaiser-Interview und die dadurch her- vorgerufene Kanzlerkrisis drehte, hat in der deutschen Parlamentsgeschichte etwas ganz Neues» bisher noch nicht Gekanntes bedeutet, und der Wunsch ist sicherlich allgemein, daß dieser erste Fall, in dem die Verhand­lungen des Reichstags der Person des Kaisers galten, auch der letzte sein »löge, daß sich fürderhin kein neuer Anlaß zu solchen Auseinandersetzungen zwischen dem deutschen Kaiser und dem deutschen Reichstag, die nach einem bekannten Wort an demselben Tage ge­boren, also Zwillingsbrüder sind, bieten möge. Viel Hoffnung, daß dieser Wunsch sich verwirklicht» besteht allerdings noch nicht. '

Fragt man nach dem positiven Ergebnis der Reichs­tagsdebatte, so ist die Antwort nicht leicht. Der von der wirtschaftlichen Vereinigung angeregte Gedanke einer Adresse au den Kaiser ist schon in der Vorprobe, nämlich bei der Abstimmung, ob er auf die Tages­ordnung der Donnerstagsitzung kommen sollte, sang- nnd klanglos begraben worden» und er wird mensch­lichem Ermessen nach den Weg der meisten Initiativ, anträge wandeln, das heißt am Schluß der Session unter dem „unerledigten Material" verzeichnet werden. Ta die Geschäftsordnung bei der Behand­lung der Interpellationen Anträge und Abstimmungen nicht zuläßt, so endete die zweitägige Debatte weder mit einem Vertrauensvotum für noch mit einem Miß­trauensvotum gegen den Reichskanzler. Wohl aber bedeutet die Stellungnahme der deutschen Presse wie des Reichstags ein einmütiges Mißtrauens- v o t u m f ü r K aiser W i l h e I m II. und seine persönliche Politik. Was den Verantwortlichen höchsten Reichsbeamten anbelangt, so hat der Gang der Debatte erwiesen, daß die derzeitige Blockmehrheit des Reichs­tags jedenfalls nicht gewillt ist, auf den Sturz des leitenden Staatsmannes hinzuarbeiten, dessen Rück- tritt in der gegenwärtigen Zeit erheblicher innerer wie äußerer Schwierigkeiten in der Tat als ein außer­ordentlich bedauernswertes Ereignis hätte bezeichnet werden müssen. Zwar gibt es Pessimisten, welche meinen, daß es sich bei dieser Kanzler-Krisis nicht um ein Aufgehoben, sondern nur um ein Aufgeschoben

zum besten, die so entzückend zu plaudern und so heiß

zu küssen — Ach, nein - wozu sage ich Ihnen

das alles? Das klingt ja beinahe wie eine Ge-

„Tante Sophie", bat der Student, „Taute Sophie, mir können Sie's ruhig sagen — ist es nicht auch eine Geschichte? Ihre Geschichte?"

Die alte Dame wehrte ab: „Lassen wir das; wozu die Schatten einer Zeit . heraufbeschwören, die • uns heule nichts mehr sein kann — nichts mehr sein - soll?"

„Sehen Sie, da Hab' ich's —: nichts mehr sein

soll! Aber doch noch etwas ist! Sehen Sie, Tante Sophie, die Erinnerungen werden lebendig in Ihnen, heute, jetzt, da Sie zu Gericht sitzen wollen über ein

kleines Sündervaar .-. Und diese Erinnerungen» die

Sie an blitzende Frühlingstage haben, sind die nicht Ihr schönster, unvergänglichster Schatz?"

Da fuhr die Greisin auf- —

„Herr Erler, Sie sind jung; das erklärt vieles, und das entschuldigt alles. -- Sind wir denn dazu da, ein Leben zu verplempern, uni das Glück zu genießen, im Alter ein paar Erinnerungen zu Gaste laden zu können?" .

„Ganz so meint' ich's nicht — das Ware ja auch zu ruppig . . . Nein -.- aber wenn Sie das Leben be­

logen hat, wenn Ihre Hoffnungen . getäuscht worden sind — müssen darum alle Jugendlieben, alle Tüuden- tenschwärmereien in die Brüche gehen, poesielos ver­sanden? Ich weiß, daß ich Treue halten kann und daß ich treil bleiben werde. —' Ja, ich bekenne es frank und freudig: ich habe die Emmy gern, von Herzen gern, und ich darf es Sie versichern, sie hat mich ebenfalls gern, und wir zwei sind uns darüber einig, daß wir uns. heiraten iverden. Ob das noch eine Zeit dauert — das soll uns nicht kränken; wir sind gottlob noch beide jung, und in uns loht noch das heilige^Fencr freudiger Daseinsbegabung. . Und. . Tante Sophie, glauben Sie's mir, ob sich die «Schwierigkeiten Wider uns zu Bergen antürmen, die höher sind als die Achalni oder der Neuffen — wir zwingen s doch, wir siegen trotz- und alledem, und sollten wir uns das

bißchen Sonne, das wir dazu nötig haben, ans den Leitern unserer Träume vomHimmel hernnterholen — wir siegen doch: ivir setzen uns durch!"

Sie fühlte, das war echt; da klang das Herz mit. und doch —

„Und Ihre Eltern —?"

„Pah, muß ich gleich zu denen laufen und an dis große Glocke hängen, was noch nicht in die weite Welt hinauslänten soll? Erst mein Examen, dann meine Stellung und dann — meine Emmy . . ."

„Und —• w a n n ?"

Erler überlegte nicht lange. — „Auch das steht schon fest — in sechs Jahren, denke ich, habe ich alle Lasten beiseite geschaftt: alle Sperrungen gelöst —"

Die alte Dame war in ihreni Lehnsessel zurückge- funken, und über den Kopf des jungen Studenten hin. weg wanderten ihre Gedanken in den Dümmer, der die Straße zu füllen begann. Ein paar Abendtupfen, die die scheidende Sonne noch zurückgelassen hatte, blnmten die alten Gardinen . . . In den Dämmer, der in der Ferne Schatten und Schemen zu formen schien, in die Ferne, da die rotbeglänzten Schäfchen über Schwabens Berge standen. —

Wo hatte sie doch schon einmal diesen Ton vernom- nien? •—• Wo doch? Und mählich liefen ihre Gedanken zurück — an der Ulrichslinde war es gewesen, droben am alten Schloß, das Tübingen überdräute. Au einem Lenzabend war's, die Wasser des Neckars liefen früh- lingsbehende, und die jungen Vögel rumorten in den Zweigen, die sich über den breiten Mauerrand ins Land streckten — denselben Ton; diese Klangfarbe. — Da war sie sechzehn oder siebzehn gewesen und Yoff- nungsselig wie das Kind ihrer Schwester, ihre Emmy —- Und sie hatte dem Ton geglaubt und Daseinsharmo- nien auf ihm anfgebant,. die wie ein voller Chor reinen Glückes nnt den Wassern des Flusses in die Weite ge­wandert waren; geglaubt, wie jetzt das Kind ihrer Schwester, ihre Emmy, dem Ton lauschte —: erwar- tnngsselig, daseinsglücklich . . . Und doch war dis Saite gesprungen, die den Ton gehalten batte; doch Waren die 'Harmonien in jähe Dissonanzen verkehrt worden, in Dissonanzen, die ihr ein Leben lang t» den