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Nr« FZJ»
Morgen - Basgabe.
_ 1. Matt.
voMischr Uberstcht.
Dir „NatiorrallikLr'ale Korresporrde«;" übev
KaifergesKräche, Rerchstag urrd Presss.
Die „Nat.-Lib. Korr." schreibt:
„In der Presse wird vielfach bedauert, daß es aus Anlaß der .Kaisergespräche nicht zu einer einheitlichen Kundgebung des Reichstags gekommen ist. Dies Bedauern teilen wir. Wenn aber bei der Gelegenheit behauptet wird, die Schuld dafür, daß eine einheitliche Aktion nicht zustande gekommen sei, liege an den Nationalliberalen, die aus kleinlicher Eitelkeit nach der Ttzte gestrebt hätten, so entspricht eine solche Darstellung den Tatsachen nicht. Die Nationalliberalen — wir glauben in der Beziehung einigermaßen Unterrichtet zu sein — haben zunächst an ein gemeinsames Vorgehen aller Blockparteien gedacht und sie hätten auch nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn, um die Wucht des Vorgehens zu verstärken, in dieser ernsten vaterländischen Angelegenheit, in der für Parteiunterschiede und Fraktionsgezänk kein Raum sein darf, das Zentrum mit von der Partie gewesen wäre. Wer diese Pläne dann durchkreuzt oder zum mindesten zum Scheitern gebracht hat, darüber möchten wir uns im Moment nicht äußern. Es hat in diesem Augen- blick, wo ohnehin allerlei Flaumacher am Werke sind, die dämpfen und glätten möchten, was im richtig verstandenen vaterländischen Interesse nie ab geschwächt werden dürfte, kernen Sinn, Zwietracht in die Parteien zu tragen, die am Dienstag gemeinsam marschieren sollen. Nur gegen eines müssen wir rrns doch wenden: Der konservative Parteivorstand erläßt eine sonst recht- würdig gehaltene Erklärung, au deren Schluß er nrit „aller Entschiedenheit feststellt", er würde eine wertere publizistische Behandlung dieser Vorgänge nicht für segensreich erachten können. Wir sind in der Beziehung durchaus entgegengesetzter Meinung. Wir können ein Volk von der Kulturhöhe des. deutschen nicht dumm machen, und zu vertuschen gibt es auch nichts mehr. Gerade dies Vertuschen uird behutsame Zudecken, das in einer bestimmten Art von Blättern zum System erhoben wurde, hat zu nicht geringem Teile die heutigen Zustände nrit heraufführen helferr. Deshalb sollten, ehe nicht wirkliche Abhilfe erzielt ward, diese Erörterungen über- h a u p t nicht abreißen. Wenn man sie in ernster Mannhaftigkeit führt, werden die „Würde und das Machtbewutztsein des Deutschen Reiches" darunter gewiß nicht leiden."
FemAetrm.
Aus dem Leben Uirlorien Kardsus.
Aus Sardous Lehrjahren.
Victorien Sardou. dessen Tod dieser Tage aus Paris gemeldet wurde, ist nicht sogleich der unumschränkte Beherrscher der Bühnenwelt geworden, als der er durch einige Jahrzehnte hin gelten konnte. Er hat lange und mühsam um die launische Gunst des Erfolges ringen müssen, und nur seine unverdrossene Energie und Geduld ließ ihn endlich den Platz erobern, den er dann siegreich behauptet. Auf Befehl seines Vaters studierte er Medizin und schrieb daneben unermüdlich Stücke über Stücke, die ihm den Eintritt stk die glänzenden Sphären des Theaters erschließen sollten. Eins seiner ersten Dramen war eine Tragödie, die in Schweden spielte und den Titel „KöniginUlfra" führte. Sie war in Versen geschrieben, und das Eigenartige daran war, daß die Bedeutung der Personen in Einklang mit der Länge der Verse stand. Die Königin sprach in Alexandrinern, die Minister mußten sich in zehnsilbigen Versen ausdrücken und das gemeine Volk hatte sich mit ganz kurzen Versen zu begnügen. Das Manuskript wurde mit vieler Mühe der Rachel unterbreitet aber die sagte nur: „Ein Trauerspiel, das in Schweden spielt! Der junge Mann soll daraus ein griechisches Stück machen, dann werde ich es vielleicht spielen." Unterdessen aber mußte Sardou sinn Brot verdienen, denn seine „Königin Ulfra" war sein ganzes Vermögen. So schrieb er denn in Zeitungen und arbeitete auch an dem großen Biographien-Werk mit, das bei Didot herauskam: sieben Monate lang spurte
Wiesbaden, Mittwoch, 1$. November 1908,
Diese berechtigte Mahnung des nationalliberalen Korrespondenz-Organs, also des Hauvtsprachrohrs der Partei, ist im höchsten Grade beachtenswert. Was sich in der nationalliberalen Presse noch „liberal" nennen konnte, hat freilich diese Mahnung nicht nötig gehabt. Es verstecken sich aber bekanntlich hinter der Flagge eine Anzahl von Mitläufern, die mit dem Wort „liberal" nur kokettieren, die aber in Wirklichkeit aus sehr durchsichtigen Absichten einem elenden Lakaien- tum, einer widerlichen Streberei und Rückwärtserei huldigen und für ihr Teil die nationalliberale Sache gründlich schädigen.
Die Deutsch-Radikalen nnd die Kalrinettskrisr-s irr Oesterdeich.
X B öh m . - L e i pa, 9. November.
In einer vom hiesigen deutsch-politischen Verein einberufenen äußerst zahlreich besuchten Versammlung machten die Abgeordneten Kraus und Wolf bemerkenswerte Ausführungen über ihre Stellung zur gegenwärtigen Kabinettskrisis in Österreich. Abgeordneter Kraus erklärte u. a.: Die durch die Demission des
Kabinetts Beck geschaffene Lage ist ein Wendepunkt im politischen Leben. Man braucht dem Freiherrn v. Beck keine Träne nachzuweinen, er hat von dem, was er versprochen hat, nichts oder nur wenig gehalten. Die Verhältnisse in Böhmen konnte er nicht ordnen. Er war zwar ein guter Vermittler, aber ein schlechter Regierer. Nun haben wir es voraussichtlich mit einem Kabinett Bienerth zu tun. Freiherrn von Bienerth muß sofort vor Augen gehalten werden, daß es die Deutschen in Böhmen satt haben, hinter den Tschechen zurückzustehen und sich auf deren Kosten als Aschenbrödel des Staates behandeln zu lassen." Redner trat dann unter stürmischem Beifall der Ver- sammlung für die administrative Zwei - teilung Böhmens ein. Von dieser Forderung dürfen die Deutschen unter keinen Umständen abgehen, da ihre Erfüllung eine ihrer Existenzbedingungen bedeute. Abg. Kraus besprach dann die Vorgänge der letzten Zeit in Laibach und Prag und empfahl die Einsetzung von nationalen Überwachurigs- a u s s ch ü s s e n in allen deutschen Städten. Abgeordneter Wolf, von der Versammlung stürmisch begrüßt, forderte ebenfalls nachdrücklichst die Zweiteilung und Abgrenzung der Bezirke in rein deutsche und rein tschechische. Wir wollen, so führte er aus, keine territoriale Trennung, sondern Fortsetzung der administrativen Zweiteilung, wie es im Landeskulturrat und im Landesschulrat bereits der Fall ist. Das in Bildung begriffene Kabinett Bienerth dürste einen stark klerikalen Einschlag haben. Wie immer dasselbe anssehen wird, es steht jedoch schon heute eins unverrückbar fest: Unsere Haltung gegenüber dem
neuen Ministerium hängt ausschließlich davon ab, wie sich die neue Regierung zur Lösung der deutsch-böhmischen Frage stellen wird. Wenn die neue Regierung es ablehnen sollte, die Sicherstellung unserer nationalen Existenz festzulegen, so hat sie von den deutsch-böhmi-
er dem Leben des Arztes Cardamus nach und erhielt für seine mühselige wissenschaftliche Arbeit das Hono- rar von 32 Frank, einen Sou die Zeile. Da war doch am Theater mehr zu verdienen, aber Erfolg und Ruhm mochten nicht erscheinen. Endlich wurde eine Komödie von ihm aufgeführt „Die Studentenkneipe", die in einer deutschen Universitätsstadt spielte. Alles schien gut zu gehen, aber in der großen Liebesszene ging plötzlich das Gas aus. Unter den Zuschauern entstand ein Aufruhr, inan schrie über Unsittlichkeit und Beleidigung, und das Stück ward in dem so plötzlich entstandenen Dunkel begraben. Der junge Dramatiker schrieb weiter und wurde bald von diesem, bald von jenem Direktor abgewiesen. Da hörte er, daß der be- fannte Schauspieler Fechter, der „schöne Fechter", das seltsame Gelüst nach einer Rolle verspüre, in der er in häßlicher verkrüppelter Gestalt austreten könne. Sardou ließ sich diese Andeutung nicht zweimal niacheu; er schrieb ein Melodrama „Der Buckelige" und brachte es Fechter. Aber der hatte sich unterdessen eines anderen besonnen: er wollte weiter der „schöne
Fechter" bleiben und keinen Buckeligen spielen. Der Abgewiesene trug nun sein Stück zu dein Vielschreiber Paul Fäval, der aus dem Stoff einer- Roman machte. Damit war Sardous Stück endgültig erledigt. Sieben Jahre des Elends hat Sardou so unter beständigen Mißerfolgen ertragen müssen, bis den „mageren Kühen die fetten Kühe folgten".. Ein fünfaktiges Drama „Candide" hatte die Schauspielerin Däjanet angenommen, aber es wurde von der Zensur verboten. Erst 1859 begann ihm mit zwei heiteren Vaudevilles „M. Garat" und „Fes premiferes am' S de Figaro" die Sonne des Ruhmes zu lächeln und dre graziösen „Pattes de mouche" machten ihn mit etitejn Schlage bekannt.
LS. Jahrgang.
schen Abgeordneten weder Unterstützung noch Duldung zu erwarten,' sondern vielmehr die schärfste Bekämpfung." — Schließlich wurde einstimmig . eine Resolution angenommen, in der den deutsch-böhmischen Abgeordneten Dank und Vertrauen für ihre Haltung ausgesprochen und die Forderung nach nationaler Sicherstellung der Deutschen in Böhmen wiederholt erhoben wird. Die deutsch-böhmischen Abgeordneten werden zur Vorsicht der kommenden Regierung gegenüber ausgefordert.
DrNtschrs Usich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Die Seniorin deZ freiherrlichen Geschlechts v. Stengel, Freiiu Maria v. Stengel, die unvermählt gebliebene älteste Schwester des vormaligen Reichsschatzsekrctärs, vollendet in Starnberg am 10. November ihr 90. Lebensjahr.
ist Ein Geschenk Kaiser Wilhelms zur Ausschmückung Londons. Bor sechs Wochen, also vor Veröffentlichung des Kaiserinterviews, laugte in London ein Geschenk Kaiser Wilhelms II. an, das der Monarch anläßlich seines Besuches in London im Februar 1907 zur Verschönerung dieser Stadt zn spenden versprochen hatte. Das Geschenk besteht in einer lebensgroßen Statue Wilhelms III. von Oranten, der zu Pferde dargestellt ist. König Eduard VH. war als Vertreter der englischen Nation Empfänger dieses voluminösen Geschenkes. Jetzt ist die Statue tm Kensington-Garten, der an den Hydepark grenzt, gegenüber dem Geburtshaus der Königin Victoria, anfge- stellt ivorden. Sämtliche Zeitungen kritisieren die Statue, die in der Nähe des Denkmals G. F. Watts steht, dessen energische Gesichtszüge einen bemerkenswerten Kontrast zu dem ausdruckslosen Antlitz des Oraniers bilden. Man scheint in England und besonders in London über diese neue Gunstbezeigung Kaiser Wilhelms II. für die Engländer nicht sonderlich e r b a u t zu sein. — Anderes haben ernsthafte politische Kreise in Deutschland von diesem neuen Akt der kaiserlichen „Geschenkpolitik" auch durchaus nicht erwartet.
* Botschafter Hill bleibt in Berlin. Wie die „B. Z. a. M." erfährt, hat der amerikanische Botschafter Dr. Hill in der Bismarckstraße eine ständige Wohnung gemietet, die er spätestens zum 1. Januar zu beziehen gedenkt. Damit werden die Gerüchte, daß Vr. Hill Staatssekretär des Auswärtigen im Kabinett Tafts werden solle, hinfällig. Auf Befragen hat der Botschafter erklärt, daß er einen Wechsel seiner jetzigen Stellung weder angestrebt noch erwartet habe.
* Fürst Bülow und das stenographische Einheitssystem. Der Reichskanzler Fürst Bülow hat für den im kommenden Jahre in Stuttgart stattfindenden Stenographentag des Verbandes Stolze-Schrey den Vorsitz im Ehrenausschusse übernommen und dabei den Wunsch und die Hoffnung ausgesprochen, „daß die Verhandlungen des Verbandes in dem Sinne einer Annäherung der verschiedenen in Deutschland zur Entwickelung gelangten Stenographiesysteme geführt werden, und daß das Be-
Der erste Orden.
Der scharfsatirische Gesellschastsschilderer, der bald in den ersten Konversationsstücken Sardous blendende Lichter des Witzes über alle Gesellschaftsklassen Hinspielen ließ, hatte rasch die Lacher auf seiner Seite, und auch die regierenden Kreise waren unter Napoleon III. tolerant genug, den Spötter gelten zu lassen, wenngleich die Zensur alle Anspielungen unnachsicht- lich tilgte. Nach dem großen Erfolg seiner „Ganaches" im Jahre 1862 wollte der Kaiser das Stück auf seinem Privattheater in Compitzgne sehen, und zugleich wurde bekannt, daß Sardou im Anschluß an diese Aufführung zum Ritter der Ehrenlegion ernannt werden würde. Der Theaterdirektor Doucet teilte voll Stolz seinem Autor nrit, daß das Dekret schon unterzeichnet sei und er sich würdig auf die Auszeichnung vorbereiten solle. „Der Kaiser wird Ihnen selbst das Kreuz überreichen. Da dürfen Sie sich unter keinen Umständen linkisch oder schüchtern benehmen. Haben Sie sich denn schon überlegt, was Sie machen werden, wenn er Ihnen das Kreuz gibt? Sie körmen's doch nicht einfach in die Tasche stecken oder in der Hand halten. Sehen Sie, daran haben Sie noch nickst gedacht. Aber ich, ich denke an alles . . . Nehmen Sie hier diese Nadel", schloß Doucet triumphierend. „Die tragen Sie ganz unauffällig an Ihrem Rock, und wenn Sie das. Kreuz aus des Kaisers Händen erhalten, befestigen Sie es damit an Ihrem Knopfloch." Der große Abend kam. Die Vorstellung verläuft glücklich. Aber der Kaiser läßt sich nur bedanken und von der Auszeichnung ist nicht das mindeste zu sehen. Am anderen Morgen bringt Sardou Doucet seine Nadel wieder: „Da ist sie, und
zwar ganz unbenutzt, heben Sie sie für eine bessere Gelegenheit auf." Die Sache verhielt sich so, daß die Kaiserin das Kreuz hatte Sardou überreichen wollen.
