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Nr. 526.

Wiesbaden, Montag, D. November LSS8.

26. Jahrgang.

Kvend-Kusgabe.

i. _ .

Ksr der MeHnmg öüer des Iusamenbrstz der „MrsÄlAfen PvMiK".

Zur VerautWortung des Sieichskanzlers.

L. Berlin, 8. November.

.Die eriste, um Dienstag zur Besprechung kommende Interpellation wird, wie es nach der Zeit der Ein- vringnug iselbstverständlich ist, die uationnlliberale lselu, und dieser Umstand hat seine besondere Wichtigkeit, aus die wir rechtzeitig Hinweisen möchten. . Die Ans rag cd es Astg. Bassermann geht im Kern dahin, od der Herr Reichskanzler die Verantwortung für die im Artrkel des „Daily Telegraph" angegebenen Tatsachen üver- ,nehmen wolle. Nun liegen aber die Vorgänge, von Lenen in dem Londoner Blatte gesprochen wird, über ore vielmchr der Kaiser selbst dort spricht, durchweg vor der Zeit, zu der Fürst Bülow Reichskanzler wurde, brr war Staatssekretär, als von Petersburg und voll Paris die Anerbietungen des Zusammengehens mit uns gegen England hergelangten, und als der Kaiser seine ableh­nende Haltung gegenüber diesen Umwerbungcn rn Lon­don bekannt gab. Sowohl diese diplomatischen Vorgänge wie die Stellungnahme zu der Burendeputation, wie die Überreichung eines kaiserlichen Vorschlags zur wirk­samen Niöderkämpfung der Buren, alles das geschah vor dem Oktober 1900, von welchem Monat die Kanzl er­schaut des Fürsten Bülow datiert. Wenri also der Reichs­kanzler jetzt gefragt wird, ob er die Verantwortung für jene Tatsachen zu tragen gedenke, so kann es ihm nicht .schwer fallen, a u s w e i ch e « d z u antworte n. Der Reichskanzler, dem in Wahrheit die verfassungsmäßige Verantwortlichkeit oblag, Fürst Hohenlohe, ist längst tot, und der damalige Staatssekretär im Auswärtigen Amte würde sich, wofern er es wollte, auf ein Buchstavenrccht zurückzieHen und formell richtig sagen können, daß man ihn für jene Zwischenfälle nicht stellen dürfe. Läge also nur diese Interpellation vor, so hätte cs Fürst Biilow verhältnismäßig leicht; denn die erste Frage, wie es mit der Verdfsenstlichung im „Daily Telegraph" überhaupt stehe, kann er mit dem Eingeständnis einer begangenen schweren Versäumnis beantworten, und die zweite, ob er die Handlungen des Kaisers in jenen kritischen Monaten decken wolle, brauchte er nicht zu beantworten, da gegen seinen Einwand, diese Vorgänge lägen außer­halb der Zeit seiner verfassungsmäßigen Deckungspslicht, nichts Positives zu erwidern wäre. Aber der Abg. Vassermann wird hoffentlich mit seiner Jnterpellations- begründung dafür sorgen, daß die Hintertüren, die der Wortlaut der Interpellation selber offen laßt, nicht be­nutzt werden können, und im übrigen find die anderen Interpellationen da, die solche Möglichkeiten zum Ent­weichen überhaupt ausschließen.

Die Redner zur Interpellation über das Kaiserintervieiv.

Die Reihenfolge der Frakiionsredner zu den Inter­pellationen über die Krisis, die endlich am Dienstag zur Verhandlung kommt, richtet sich nach dem Zeitpunkt des Einlaufs der verschiedenen Interpellationen. Danach wird zunächst für die Nationalliberalen Abg. B a s s e r - mann sprechen, ihm folgt für die freisinnige Frakttons- gemeiwschaft Abg. Dr. Wremer, für die Sozialdemo­kratie Aba. Singer, für die Konservativen A'bg. v. Normann und für die Reichspartei Abg. Fürst Hatzfeld. Wann der Reichskanzler sprechen wird, steht noch Nicht fest. Verfassungsrechtlich kann er zu jeder Zeit bas Wort ergreifen. Wenn es aber bisher üblich war, daß mehrere Interpellationen über denselben Gegenstand von den Verbündeten Regierungen erst nach den Reden der Interpellanten gemeinschaftlich beant­wortet wurden, so spricht doch diesmal alle Wcchüschcin- lichkeit dafür, daß Fürst Bülow unmittelbar nach dem Mg. Bassermann das Wort ergreifen wird. Der Redner des Zentrums, Abg. Freiherr v. H e r t l i n g, kann, da feine Partei eine Interpellation nicht eingebracht hat, erst in der Besprechung der Interpellation zum Wort kommen.

Der Alldeutsche Verband an den Reichstag.

Die Hauptleitung und der geschäftsführende Aus­schuß des Alldeutschen Verbandes haben eine Kund­gebung „an die Mitglieder des Reichstags" beschlossen, die folgenden Wortlaut hat:

„In den Tagen der tiefen Niedergeschlagenheit und der gerechten Empörung, die unter dem Eindrücke der nngeheuerltchen Ereignisse der letzten Woche im deut­schen Volke entstanden ist, war ein Trost: die fast e i n - heitliche tapfere Halt n n g der d e u t s ch e n Presse. Beruhigend wirkte die Hoffnung, die sichere Erwartung, die berufene Vertretung des deutschen Volkes, der deutsche Reichstag, werde in solcher Zeit alle Unterschiede der Partei, alle Rücksichten auf Partei- höürelbrrnget! vergessen. Man durste erwarten, daß er

in machtvoller Kundgebung einheitlich und rücksichtslos die Meinung des deutschen Volkes zum Ansdruck bringen

werde. , . . . ,

Durch die Presse geht die Nachricht, daß eine einheit­liche K u n ö g e b u n g des Reichstages nicht zu­stande komme; cs wird die Befürchtung ausgesprochen, daß eine der Größe der Aufgabe entsprechende wirkungs­voll abschließende Verhandlung nicht mehr erwartet wer­den könne. ...

Wir bedauern das erste, halten aber 'schlechthin für unmöglich, daß die letztere Befürchtung Wahrheit iverdc.

Zlifainm enge treten in diesen schweren Tagen, um nach unserem bescheidenen Teile mitznwirkcn im Dienste der Sache unseres in seinem nationalen Empfinden aufs schwerste getroffenen Volkes und, wie die Mitglieder des Reichstags selbst, ans allen Gauen des Vaterlandes Hierher geeilt, erachten wir cs irr Kennt­nis der ungeheuren Erregung unseres Volkes für unsere Pflicht, in diesem Augenblicke nicht zu schweigen. Wir bitten daher den Reichstag, der Welt zu zeigen, daß er vor öer ihm fö evovsteh eit b cix Aufgabe rncht Zurück schreckt. Die kraftvolle einmütige Haltung der d e u t s ch e n P L e s s e entbindet den Reichstag nicht von der Notwendigkeit, das auszufprechen, was die Volks­seele bewegt. Wo alle anderen Stellen versagen, auf die das Volk mit leider unberechtigtem Vertrauen blickte, ist der Reichstag der letzte Träger deutscher Hoffnung. Wir können uns nicht denken, daß in diesem wichtigsten Zeitpunkte seit Bestehen des deutschen Reichstags die Volksvertretung sich irgend welche Zu­rückhaltung auferlegen und damit ihrer Bedeutung und Wertung vor idem In- und Auslande einen unheilbaren Stotz versetzen sollte. In banger Besorgnis bitten wir den Deutlichen Reichstag, in« unseres Volkes und um seiner selbst willen, so viel an ihm ist, das erschütterte Ansehen der Nation wieder herzüstellen.

Möge cs dem Deutschen Reichstag beschießen sein, dieser Aufgabe in vollem Umfange gerecht zu werden.

as ist zweifellos der einmütige Wunsch des deutschen Volkes."

Die Stimmung am bayerischen Hofe.

Nach Informationen von unterrichteter Stelle ist die Stimmung am bayerische n H o f c infolge des

Kaiser-Interviews eine

ernste. Der Ministerpräsident

über die deutsch-französischen Unterhandlungen bezüg­lich Marokko.- Er soll gesagt haben: Seien Sie ohne Sorge, alles wird beigelegt werden.

Ein Botschafterwechsel in Berlin?

Wie verlautet, hatte C a m b o n, als Deutschland zum erstenmal den Wunsch äußerte, es möchte das Bedauern ausgedrückt werden wegen der Haltung oer französischen Soldaten in Casablanca, die Ansicht ausgedrückt, Frankreich werde in zwei Tagen Genug­tuung geben. Der Minister des Auswärtigen Pichon erwiderte mit einer formellen Absage und ersuchte den Botschafter, der deutschen Regierung mitzuteilen, daß Frankreich bezüglich dieser Punkte nicht. nachgeoen werde. Angesichts dieser Antwort, welche Pichon seinen Instruktionen beilegte, glaubte Cambon. seine Demission einreichen zu müssen, doch wurde diese ab­gelehnt. Der Botschafter erhielt gleichzeitig den Be­fehl, auf seinem Posten zu verbleiben und Deutschland gegenüber den französischen Standpunkt zu verteidigen. Andererseits wird mitgeteilt, daß sofort nach der Regelung des Falles die Frage der Ersetzung Cambons in Berlin aufgerollt werden wird.

Die Stimmung irr Paris.

Die Stimmung ist in Paris nach einer Draht­meldung vom heutigen Montag ruhiger und man be­ginnt das krampfhafte Suchen nach der erlösenden Formel mit Heiterkeit zu betrachten. Es kann nicht genug darauf hingewiesen werden, daß alle Meldun­gen, die von Nervosität des Publikums oder gar von chauvinistischen Manifestationen sprechen, auf tenden­ziöse Übertreibungen oder unklare Geschäfts-Mani­pulationen zurückzusühren sind. Der Ton aller Zeitungen ist setzt maßvoll. Jeder Ausfall gegen Deutschland wird vermieden. Alle ernsten Blätter raten zur Geduld und Vertrauen. Sogar das „Echo de Paris", das gewiß nicht deutsch-freundlich ist, werft die alberne Sensationsmeldung eines Blattes über deutschen Truppenansamm l u n g e n an derGrenze mit Schärfe zurück. Die Geschichte ist stark über­trieben, schreibt der „Petit Parisien", in Wahrheit ist sie höchst unbedeutend und verdient nicht die Ehre einer so langen Auseinandersetzung.

wurde «um Prinzregenten zur Audienz besohlen, nach welcher der Ministerpräsident vorgestern telegraphisch in Berlin, die bayerische Forderung nur nunmehrige Terminsanfetzung zur Einberufung des Bundes- rats - Aus 's ch u s f e s stellte.

Sozialdemokratische Volksversammlungen.

Die sozialdemokratische Parteiorganisation von Groß- Berlin hat für Dienstagabend 26 Volksversammlungen für Berlin, Teltow und Niederbarnim einbcrufen, in denen zu den letzten Vorgängen in der inneren und äußeren Politik, insbesondere zu dom Kaiser- Interview Stellung genommen werden soll.

Der Landesvorstand der s o z i a l d e m o k r a - tischen Partei in Bayern kündigt laut „Pfalz. Post" in einer Aufforderung an die Parteigenossen vom 6. November im g a n z e n Königreich Bayern Protestve rsamml ung en an, in denen gegen das Kaiferinterviöw und die Erklärung des Reichskanz­lers Stellung genommen werden soll.

Für die Dienstagssitznng des Reichstags ist die. Nachfrage nach Eintrittskarten zur T r i b n n e des Hanfes so stark gewesen, daß über sämtliche Plätze ver­fügt ist und weitere Karten weder im Reichstagsge- burcan noch bei den ReiHstagsabgeordneten zu haben sind.

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Jimt JimfrijntM Mir CufßMmttm

Die offizielle A n t w o r t De u t s chlands über die zur Erledigung des Casablanca- Streites vorgeschlagene französische Formel wird erst Montag oder Dienstag erwartet. Inzwischen Wird in Paris amtlich festgestellt, daß einer der vom Konsul geschützten deutschen Deserteure ein naturali­sierter Franzose war, und daß weder der Konsulats- sekrctär Just noch der marokkanische Kawaß, der ihn begleitete, amtliche Abzeichen trugen.

"Die Pariser amtlichen Kreise scheinen entschlossen zu sein, den Bericht des Polizeikommissars Borda über den Zwischenfall von Casablanca fetzt nicht zu der- öffentlichen, urn keinen Vorwand zu Preßpolemrken zu liefern, die eine Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland erschweren würden. Die Ver­zögerung sei um so wünschenswerter, als die deutsche Regierung, von demselben Gedanken beseelt, die öffentliche Meinung von ihrer Darstellung noch nicht in Kenntnis gesetzt hat. .. „ , „ y

Einem Telegramm aus Wien zufolge äußerte, sich Kaiser Wilhelm bei seiner Abreise aus Schönbrunn in einer Unterredung mit Kaiser Franz Joseph

UoMlche Übersicht.

GiserrlrahrrVSkl-ot dev „Zirkmrft".

Wiesbaden, 9. November.

Ein Fehler, milde ausgedrückt, kommt wie ein Unglück selten allein. Kaum, daß sich Bülow und ferne Leute selber eines großen Versehens zeihen mußten und daß sich die ganze politische Welt über die Ent- büllungen des Kaisers und seinen unglückseligen, jeder Neutralität ins Gesicht schlagenden Eingriff m den Krieg zweier Staaten - aufregt und das „perfide Deutschland deshalb mehr schmäht, als fenrals das „perfide Albion" von uns geschmäht wurde, da sorgt der preußische Verkehrsminister in einer unbegreif. lichcn Verblendung dafür, daß die Angelegenheit mcht so bald zum Abflauen koninit. Er übt erneut Zeilsuc an beit ihm unterstellten Bahnhofsbuchhatidlungen, ec setzt sich in Widerspruch mit der Ansicht eines aufge- klärten Absolutistcn, Friedrich des Großen, welcher dekretierte: „Gazetten dürfen nicht behindert werden", in Widerspruch mit dem Empfinden jedes liberalen Staatsbürgers, er verbietet den Vertrieb eines Blattes, das in einer zwar scharten, aber durchaus zutreffen­den, ernsten Kritik Stellung zu dem Kaiser-Interview nimmt. Kabinettsfustiz höchst einseitiger Art, denn wenn der Minister nur ein bißchen konsequent seur wollte, müßte er jetzt so gut wie alle politischen Blätter, mit Ausnahme von ein paar kritiklosen, lakeienhaften Organen, von den Bahnsteigen hinauswerfen. Schließlich ist die Kritik der Hardenschen „Zukunft" doch gewissermaßen nichts anderes als der beißende Ex­trakt der gesamten Meinung der Presse und des ge- samniten, politisch gebildeten Europas. Man hat es schon vielfach als einen Fehler bezeichnet, daß der Minister seinerzeit den „Simplizissimus" des Lokals verwies. Aber über die oft giftige und ungerechte, oft aber auch haargenau ins Schwarze treffende Satire dieses Blattes kann man verschiedener Meinung sein und so auch über das „Simplizissimus"-Verbot. Das Verbot einer. ernsthaften kritischen Zeitschrift, das Eisenbahnverbot gegen einen in der ganzen Welt ge­hörten Schriftsteller, der von vielen als der hervor- ragendsteJournalist Deutschlands angesehen wird, aber müßte einstimmigen Protest finden. In ferner Kurzsich­tigkeit, in seinem „monarchischen Eifer" übersieht der Minister ganz, daß er durch dies Verbot, das der Preß, freiheit zwar keinen entehrenden Schlag ins Gesicht versetzen kann, ihr aber empfindlich auf die Hühner­augen tritt, die schwierige Stellirng ^ der Regierung i noch erschwert, die Position des mißliebigen Krurcers