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Nr.LLS.
Wiesbaden, Dienstag, 2. November 1808.
Morgen -- Kusgabe.
1 . 38Caff.
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OeheimmMe!.
In der Geschichte der Medizin spielen die Arkana eine wichtige Nolle. Sie sollten ein unfehlbares Mittel sein, wenn nicht gegen alle, so doch gegen vielerlei Krankheiten. In unseren Tagen will die wissenschaftliche Medizin von ihnen nichts wissen. Sie hat längst erkannt, daß ein vorzügliches Mittel _ gegen vielerlei Krankheiten lediglich eine vernünftige, in allen Dingen mäßige Lebensweise ist. Die Geheim- mittel haben trotzdem ihr Ansehen nicht verloren. Im Gegenteil, ihr Einfluß auf die Volksgesundheit und die Börse der nicht alle werdenden Vertrauensseligen ist eher gestiegen als zurückgegangen, denn heute ist der Geheimmittelschwindel zu einem wert ausgedehnten und sehr reichlich lohnenden Erwerbszweig geworden, der mit allen Mitteln einer umsichtigen und ge- schästsklugen Reklame arbeitet und für diese in jedem Jahre viele Millionen verausgabt. Man kann heute ein beliebiges großes Blatt in irgend einer Kultursprache zur Hand nehmen, um regelmäßig auf Dutzende derartiger Reklamen zu stoßen. Es ist bekannt, daß das Geschäft seinen Mann nährt: sowohl in Deutschland wie in England, Frankreich und den Vereinigten Staaten gehören die Fabrikanten der bekannteren Geheimmittel und Patentmedizinen zu den reichsten Leuten.
Der durch sic der Volksgesundheit zugesügte Nachteil ist schon oft, auch im Reichstag und in den einzelnen Landesvertretungen, erörtert und tatsächlich ^unübersehbar. Mancher Kranke, der bei tüchtiger ärztlicher Behandlung genesen wäre, fällt ihnen zum Opfer. Andere verfallen lebenslänglichem Siechtum, weil sie, auf die Wirkung eines Gcheimmittels hoffend, zu spät zum Arzt gehen. Hierüber ist kaum noch viel zu sagen. Allgemein kennt man die häufig eintretenden verhängnisvollen Folgen und trotzdem scheint der Schwindel mit jedem Jahre mehr zu blühen. Der Grund liegt nicht nur in der Reklame der GeheiM- mittelfabrikanten, sondern vielfach auch wohl in dem Nerz des Unbekannten und in einer gewissen krankhaften Stimmung der Leidenden. Manche von ihnen, die von Ärzten vergeblich behandelt sind, vielleicht weil sie ihren Ratschlägen zu wenig folgten, suchen schließlich Trost bei einem Geheimmittel. Andere furchten sich, dem Arst ihre Sünden offenbaren zu müssen: so wenden sie sich an den Mcdicaster, der, ihnen kerne un- bcgucmen Frageir stellt und gegen die, übliche Nach- nahme seine Tränklein und Salben schickt und noch
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
B'erimer Stimmungsbilder.
Won Paul Lindcnberg.
Geld, viel Geld! — Berlin als Großstadt. — Die's bekommen and die's nicht bekommen. —, Carnfo. «nral,
— Eleonore Düse. — Girardi. — Nach dem Dollarlande — Geraldine Farrar und Emmi, Desturn. — Der Abschied Hsidora Duncans. — Bei Keller und Rerner. — Die Uhd„-
AuSstellung bei Schulte.
Geld, Geld, Geld! Der Ruf hallt durch die Welt! Aber ganz besonders stark hallt er gegenwärtig im lieben Deutschen Reiche wider, allwo uns Tag für Tag zum Morgenkaffee und zum Abendschoppcn die Zeitungen eine neue Liste geplanter Stenern vorsetzen, mit allerhand daran geknüpften lieblichen Erörterungen, dtc selbst des pomadigsten Staatsbürgers Ruhe erschüttern können. Denn trotz aller noch so wohllautenden Beteuerungen und heiligen Versicherungen, daß es sich nur um die Allgemeinheit handelt und um völlig indirekte Abgaben, mutz ja doch der einzelne ganz direkt in die Tasche greifen und seinen mehr oder minder beträchtlichen Teil zu den Abgaben an den Staat beitragen. Vielen Berlinern dürfte dieser bewußte Griff nicht allzu schwer fallen, da sie Übung darin haben müssen, wenigstens wenn -s sich um Unterhaltung und Vergnügungen handelt. Da scheint dann hier das Geld keinerlei Rolle zu spielen. Bitte an das Gastspiel des göttlichen Enrico Caruso zu denken! Das Königliche Opernhaus bis zum letzten Plätzchen dreimal ausverkauft, trotz der hohen Preise, die in den meisten Fällen verdoppelt und verdreifacht waren, da ja nur die wenigsten ipre Karten an der Kasse erhielten, sondern die menschenfreundliche Hilfe Her Herren Billetthändler in Anspruch nehmen mutzten. Wie häufig konnte man in jenen Tagen das Bebauern vernehmen, daß das Gastspiel dcS Italieners nur ein so kurzes sei, auch drei weitere Abende hätten die gleiche Anziehungskraft ausgeübt und dieselben klingenden Erfolge erzielt.
ein Paket hochtönender Versprechungen dazu. Es ist bekanntlich nichts so töricht, daß es nicht, wenn nur der nötige Wortschwall nicht fehlt, von vielen Menschen und, wenn die Macht der Suggestion dazu kommt, auch schließlich von der, großen Masse geglaubt und selbst eifrig verteidigt wird. „ ..
Wie das Sonnenlicht das beste , Mittel gegen die Ausbreitung gefährlicher Bazillen ist, so die Aufklärung auch gegen den Aberglauben m der Heilkunde. Es ist zwar in dieser Beziehung bereits manches geschehen, aber die Wahrheit wird, im Volk leicht vergessen und immer wieder durch die ungeheure, sich nut „Autoritäten" und hohen Titeln schmückenden Geherm- mittelreklame überwuchert. Zur Verbreitung der Wahrheit über Geheimmittel haben seit langen Zähren namentlich der Ortsgesundheitsrat der Stadt Karlsruhe und das Polizeipräsidium in Berlin beigetragen. Natürlich gibt es auch in Deutschland eine Gesetzgebung gegen den Geheimmittelschwindel, aber sie ist in, allgemeinen gegen das Übel selbst wirkungslos geblieben. Wir haben noch nicht einmal eine klare juristische Disinition des Begriffs Geheimmittel. Dre Folge ist, daß oft manche Erzeugnisse, die tatsächlich unter diesen Begriff fallen, ohne Einschränkung ,rn den Handel gebracht werden dürfen, während gänzlich einwandfreie Mittel verfolgt werden. Aus der deutschen Rechtsprechung ließen sich, hierfür zahllose Beispiele anführen. Der gegenwärtige rechtliche Zustand wird denn auch überall, natürlich nur nicht bei den Geheimmittelfabrikanten, als ein unerträglicher empfunden. Auch der kürzlich in Darmstadt abgehaltene deutsche Apothckertag hat dringend eine endliche gründliche Änderung der über Geheimmittel bestehenden Gesetzgebung verlangt: eine Forderung, die bekanntlich
Ärzte uiid Redakteure längst ausgestellt haben. Na- mentlich auch die letzteren, die man häufig strafrechtlich verantwortlich macht, weil sie Anzeigen anscheinend harmloser Waren in ihr Blatt' aufnahmen, die spater von den Gerichten als Geheimmittel bezeichnet wurden.
Die heutige deutsche Gesetzgebung über Heilmittel unterscheidet zwischen solchen, die ohne polizeiliche Erlaubnis nicht zubereitet und ferlgehalten werden dürfen, und anderen, die freigegeben sind. Die ersteren dürfen nach einer kaiserlichen Verordnung vom 27. Januar 1890 nur in Apotheken verkauft werden, für die anderen, unter die auch die Geheimmittel fallen, ist der Verkauf frei gegeben, aber die öffentliche Ankündigung ist verboten. Die Geheimmittelsabrrkanten schützen sich nun dadurch, daß sie möglichst im Stile der ärztlichen Rezepte ihren Ankündigungen eine kurze Mitteilung über die Zusammensetzung des Mittels bcigebcn. Dem Gesetz ist dadurch Genüge geschehen: in seinem Sinne ist das Gesteimmitiel nun aber kern Geheimmittel mehr. Es bestehen außerdem noch rn
„Nur einer, einer tat es weh", wie man den Schluß eines Volksliedes umändern könnte — Sarahleben! Einst ward sie die göttliche Sarah Bernhardt genannt oder ließ sich von ihren literarischen Trabanten so nennen, diesmal erschien sie den Berlinern sehr irdisch, allzu irdisch, und sie selbst kam sich doch nicht so göttlich vor, daß sie des Dichters Worte ans sich anwendete: „Wer in sich den Himmel findet, kann dce Erde leicht ver- schmähn". Nein, sie verschmäht sie nicht und am wenigsten ihre Güter, vor allem nicht die in Goldmünzen ausgeprägten. Davon bekam sie diesmal aber am Strand der Spree herzlich wenig zu sehen, denn das Hebbel-Theater, das sie sich znm Rahmen ihres Gastspiels erkoren, war stets nur schwach besucht, und auch der künstlerische Triumph blieb ans, nicht einmal die papierene Belohnung ward ihr zu teil. Das gleichzeitige Auftreten Carusos mochte mit daran schuld sein, daß sich Berlin WW., dessen Angehörige sich so viel ans ihre französischen Kenntnisse etnbtlden, nur so spärlich eingefunden, aber man ist auch dieser Schauspielkunst satt, ebenso satt der optischen Jugcndvortäuschungen der zierlichen Sarah, deren Enkelkinder schon in einem Festspiel ihr zu Ehren Mitwirken könnten. Auch die Wahl der Stücke, in denen sie auftrat, war eine unglückliche, alles matt, die Künstlerin, ihre Kunst, ihre dramatischen Gaben, der Kassierer, dieser aber nicht ob zu großer Tätigkeit, im Gegenteil!
Ganz anders ward Eleonore Düse empfangen, die sich diesmal Jbsensche Rollen gewählt, uns damit einen neuen Einblick in ihre grohe, reise Kunst gewährend. Das gewählte Publikum der Kammerspiele des Deutschen Theaters kam ihr verständnisvoll entgegen mit tiefem Interesse an diesen ernsten Darbietungen feinsten psychologischen Eindringens in die Werke eines Dichters, zu dem sich Italiens darstellende Künstler wie Publikum bisher recht kühl verhielten, was übrigens leicht zu verstehen ist. Und selbst die Düse vermochte es nicht, diese schwermütigen Dichtungen ganz zu erschöpfen und deren innersten Wesenskern zu erkennen, soviel Mühe sie sich auch gab. Trotzdem bot sie uns als Ella Rentheim in „John Gabriel Borkmann"
86. Jahrgang.
der Gewerbeordnung Bestimmungen, die Geheimmittel von dem Handel im Umherziehen ausschließen: weitere über Bestrafung wegen Betrugs und Körperverletzung, wenn schuldhaft die Gesundheit eines anderen durch den Geheimmittelfabrikanten oder -Verkäufer geschädigt ist.
Alle diese Bestimmungen haben den Gehermmrttel- handel, wie gesagt, nicht erkennbar beeinträchtigt. Er wußte sich allem anzupassen und mit allem auszukommen.
Eine anderweite gesetzliche Regelung wird dre Frage wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Ge> setzentwurf gegen die Kurpfuscher finden, der vermutlich im nächsten Jahre im Reichstage zur Verhandlung gelangen wird. Recht interessant ist es, an der Hand amtlicher Feststellungen einmal den wirklichen Wert mancher Geheimmittel mit ihrem Verkaufspreis zu vergleichen:
Ein Mittel gegen Warzen und Hühneraugen, Preis 3 M- Wert 20 Pf.: gegen Ohrenleiden 2 M.. Wert Io Pf.; Pillen gegen Vollblütigkeit und Korpulenz 2,40 M., Wert 60 Pß: ein Mundwasser 3 M., Wert 50 Pf.: ein Pulver gegen Fußschweiß 4 M., Wert 12 Pf: ein weiteres Mittel gegen Fettleibigkeit 2-4 M., Wert 1,75 M.; Asthmakraut 3 M., Wert 50 Pf.;. Auaenestenz 3 M., Wert 40 Pf.-. Augenheilwasser 3 M., Wert 20 Pf.: Bandwurmmittel 6 M-, Wert 60 Pf.; Barterzeugungspomade 2,90 M-, Wert 20 Pß: Salbe gegen Sommersprossen usw- 3 M., Wert 20 Pf.; Epilepsiemittel 25 M., Wert etwa 3 M.'. ein anderes Epilepsiemittel 15 M., Wert 10 Pf. Diese Beispiele könnten noch um Hunderte vermehrt werden: zahl
reiche täglich angepriesene Mittel finden sich unter
ihnen. . ,
Hier kann man also tatsächlich das wertloseste Zeug zu Gold machen, wenn man skrupellos ist und dre Reklame versteht. c -
Das Kaiser-Interview.
Aus der Fülle der Prcßstimmen zur neuesten Sensation des neuesten Kurses in Deutschland heben wir nachstehend noch einige hervor:
Die „Rheinisch-Westfälische Zeitung" schreibt: ,
Der Herr also schiebt die Verantwortung ans seine Diener. Wenn die Diener verantwortungsvoll, verständig, tüchtig und zuverlässig sind, io kann dies unter Umständen nichts schaden.. Diese Eigenschaften be- sitzen aber offenbar die jetzigen Ge h c i m rate unseres Auswärtigen Amtes nicht. Es sind wohl lauter Geschöpfe des neuesten Kurses, die, keine Meinung und Überzeugung haben, sondern seit zwei Jahrzehnten dazu erzogen sind, alles zu vertreten unk
sehr viel Eigenartiges und Fesselndes, das den willig gespendeten reichen Beifall durchaus verdiente.
Gar zu schnell ist unseres Erachtens Alexander Girardi, der hier sich erst im letzten Winter einer so jubelnden Aufnahme zu erfreuen hatte, wieder nach Berlin gekommen. Das ist nur im Interesse des sympathischen, prächtigen Künstlers gemeint, dem man von ganzem Herzen den denkbar größten Erfolg gönnt und dessen Enttäuschungen man ebenso bitter empfinden würde, als wenn man selbst daran beteiligt wäre. Als „Bruder Straubinger" in Eyslers gleichnamiger Operette erschien diesmal Girardi im Thalia-Theater, in einer Rolle, für die er doch nicht so ganz geeignet ist, wenigstens was das Gesangliche anbelangt. Desto köstlicher war er in den komischen Partien, siegreich brach hier sein herzlicher, warm empfundener Humor durch, der tiefe Saiten unseres Gemüts in Bann zu schlagen weiß.
Die einen kommen, die anderen gehen. Gcral- d i n e Farrar hat bereits ihre Fahrt über das große Wasser zum lockenden Dollarlande angetrctcn. Am Abend vorher gab sie in der Philharmonie ein Abschieds- konzert, bei dem der weite Saal überfüllt war und die vielen Hunderte junger, mittlerer und alter Weiblcin sich vor Enthusiasmus nicht zu halten wußten. Zum Schluß drängten sie unter stürmischem Jubel zum Podium, auf dem zwei blondlockige Kinderchen einen Niesenlorbcer- kranz der Gefeierten überreichten, welche die Babys auf den Arm nahm und küßte. Neuer begeisterter Trubel, tiefe Rührung und verzückte Ausrufe: „Wie himmlisch! Wie reizend! Wie süß!" — Ja, allerliebst ist wirklich Miß Geraldine, sie hat einen überaus gewinnenden persönlichen Liebreiz, dem Fremdartiges und Anekdotisches noch zu Hilfe kommen, so ist die Suggestion, die sie besonders ans das Damenpnbltkum austtbt, wohl zu begreifen. Die Persönlichkeit überwiegt die Künstlerin, das Wollen ist größer als das Können, aber wie wahr ist das Wort, daß die Schönheit ein freies Geschenk der Natur ist, und daß der, dem sie zuteil ward, eine bezwingende Macht besitzt!
Auch Emmy D e stinn will ja bald ihren Amerika- zug antreten und wird gleichfalls vorher noch -nmal
