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Nr. 509.

Wiesbaden, Freitag, SO. Oktober 1SOS»

56. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

..O du mein Österreich N

In der böhmischen Landeshauptstadt Prag, dieser alten Kampf- und Leidensstätte der Deutschen, die sich auf dem Boden ihrer eigenen Kulturarbeit von dem Ansturm der slavischen Barbaren bedroht sehen, spielen sich in diesen Tagen wiederum jene blutigen_ Kämpfe ab, derenSchlimmstes das ist, daß sie uns gar nicht mehr als ungewöhnlich erscheinen. Seit dem Beginn der achtziger Jahre setzten diese Überfälle deutscher Studenten durch den tschechischen Pöbel ein, die seitdem gleichsam zum Straßenbilde von „Praha" gehören. In den achtziger Jahren beschränkte die Tätigkeit der tschechischen Rowdies^sich noch mehr auf die Umgegend der Stadt, und -Schreiber dieses, der damals als reichsdeutscher Student den Prager Kommilitonen Grüße „aus dem Reiche" überbrachte, konnte sich durch die Praxis davon überzeugen, welchen Kalibers von Ziegenhainern es bedurfte, um sich die tschechischen Patrioten vom Halse zu halten. Seit dem Ende der achtziger Jahre verlegten diese das Feld ihrer Tätigkeit in die Stadt selbst, wo die Deutschen­hetze in den Dezembertagen 1897 kurz nach dem Sturze Badems ihren Höhepunkt erreichte.

Seitdem ist die Deutschenhetze auf der einen Seite und die Slawisierung auf der anderen zu einer ständi­gen tieftraurigen Erscheinung nicht nur in Prag, son- kerri im ganzen „Lande der Wenzelskrone" geworden. Nur liebsten möchten die Tschechen, wie sie die'deutschen Straßenschilder in Prag beseitigt haben, auch die Deutschen selbst und vor allem die Studenten, in denen sich für sie das Deutschtum am greifbarsten verkörpert, ausrotten. Und da die Slawen nicht auf dem Ge­biete der Kultur mit den Deutschen wetteifern können, .so versuchen sie es mit der Politik des Knüttels und des Messers, wobei sie nicht nur den Vorteil der Über­zahl, sondern auch den des ausgeprägten Wohlwollens einer hochwohllöblichen Behörde haben. Die jüngsten Tage haben uns wieder eine neue blutige Auflage dieses „tschechischen Kulturkampfes" und zugleich ge­radezu erschreckende Beweise für das heimtückische und schändliche Verhalten der Prager Polizei gebracht, die nicht nur aus fanatischen Tschechen besteht, sondern einem bcsonderen tschechischen Bunde an­gehört, der die Bekämpfung der Deutschen in sein Pro­gramm geschrieben hat, während man diese Hüter des Gesetzes mit dem Schuhe der Deutschen betraut. So bildeten denn die Schlachttage in Prag ein passendes Nachspiel zu der letzten Session des böhmischen Land­tags, die am 15. d. M. geschlossen werden mußte, nach­dem sich Pultdeckel, Stöcke, Messer und sonstige Requi­siten des österreichischen Parlamentarismus nicht als geignete Mittel zur politischen Verständigung erwiesen hatten. _

Feuilleton.

Mackdruck verbotene

Aus der Ougiechnik der Matur.

Studie von Georg Kors-Hamburg.

So lauge es Menschen auf der Erde gibt, haben diese sehnsüchtig und bewundernd aufwärts geschaut, wenn die leichtbeschwingten Bewohner .der Lüste an­scheinend mühelos ihr dreidimensionales Bereich durch­queren.

So möchte cs der Menisch auch können, ohne Gas, ahne Motoren — einfach mit einem Flügelpaar ausge­rüstet -und dann frei wie der Vogel schweben über

Berge, Täler, Landstraßen, Flüsse, Dächer und-

Dunst.

Auf dem Wege der Technik und Jngcnieurkunst eroberte der Mensch in jüngster Zeit den Lustozean, und staunend erlebte die Mitwelt den wohlverdienten Erfolg eines greisen Titanen und ist Zeuge einer beginnenden neuen -Epoche der Entwicklung des gesamten Erdballs.

Auch Flugmaschinen, im Prinzip „Motovörachen", tauchen hier und da über dem Horizont aus, um Probe aibzulegen von ingeniöser Tätigkeit, rastlosem Eifer und großem Wagemut einzelner Menschen; aber Fliegen — wie die Natur cs uns großartig in Tausenden von Variationen demonstriert, und wie es uns ein Dichter singt: „Wenn ich ein Vöglein wär . . ." — solches Fliegen ist cs immer noch nicht.

Das eigentliche Flnggeheimnis hat die Natur dem Menichenacist trotz „Hebel, Schrauben und — Motoren" bisher noch nicht offenbart.

„Geheimnisvoll am lichten Tag" tummelt sich zwar die iliegende Welt vor unfern offenen Angen Herum, und Hoch haben wir die »Natur dieses Schleiers noch u,f ***

Wie immer in Österreich kündigt man-jetzt an, daß der Brunnen zngedeckt werden soll, nachdem das Kind hineingefallen ist. Der Ministerpräsident v. Beck hat vom Kaiser die Ermächtigung erhalten, über Prag den Ausnahmezustand zu verhängen, in dem es sich^ eigent­lich seit einem Vierteljahrhundert befindet. Es wäre allerdings allerhöchste Zeit, daß dem barbarischen Mordbrennertreiben des tschechischen Zivil- und Poli­zeipöbels ein Ende gemacht wird, schon im Interesse des österreichischen Ministerpräsidenten selbst. Denn am 19. Dezember wird gerade ein Jahr verflossen sein, seit der Baron v. Beck im österreichischen Abgeordneten­hause erklärte, er werde es versuchen, eine nationale Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen herbei­zuführen. Es wäre doch mehr als peinlich und bla­mabel, wenn der Jahrestag dieser feierlichen Erklärung in Prag durch eine neue Strahenschlacht begangen würde.

Aber auch sonst ist Gefahr im Verzüge, und zwar eine weit größere Gefahr, als die österreichischen Staatsmänner, denen es ja freilich bet ihrer Gewohn­heit, politisch von der Hand in den Mund zu leben, bei ihrer Methode des Fortwurstelns von jeher an Voraus­sicht gemangelt hat, zu ahnen scheinen. Dem Kampf, den die Deutschen in Böhmen um ihre nationale Existenx führen, können die Deutschen der anderen österreichischen Länder nicht gleichgültig zusehen, und sie tun es auch nicht mehr. Die leitenden Kreise in Österreich haben ja von jeher in verblendeter Kurz­sichtigkeit auf die Schwächung der Deutschen hingearbeitet und diese zumindest geschehen lassen, ob­wohl doch gerade die Deutschen den sowohl der Bildung wie der Zahl nach stärksten unter den Volksstämmen des Landes darstellen und sich zugleich als das allein staatserhaltende Element in dem Lsterrerchrschen Nationalitätengemenge erwiesen haben. Sogar Käufer Franz Joseph, der einst — lang ist es her! — das Wort gesprochen hat, „ich brn ein deutscher Fürst , hat die wechselnden österreichischen Kabinette diese gegen das Deutschtum und damit gegen deir österreichi­schen Staat gerichtete Politik treiben lassen. Jetzt, wo der Einfluß des fortschrittsfeindlichen und den Slawisierungsbcstrebungen zugeneigten Thron­folgers, des Erzherzogs Franz Ferdinand, tm Wachsen begriffen ist, scheint diese deutschfeindliche Politik in derWienerHosburq einen noch stärkeren Rück­halt zu gewinnen. Aber diese Politik könnte sich zu­gleich als eine im schlimmsten, Sinne des Wortes staatszerstörende erweisen, wenn die österreichische Re­gierung in deni Augenblick, wo sie einen Zuwachs von I 1/2 Millionen Bosniaken und Herzegowzen erfährt, 9 Millionen Deutsche in die Opposition treibt, und diese Drangsalierung der Deutschen kann — das möchten wir vor allem entschieden betonen — auch auf das Verhältnis zu dem deutschen Bundes­genossen auf die Dauer nicht ohne Einfluß bleiben. Das niögen die verantwortlichen Staatsmänner in Zis- und Transleitbanien wohl bedenken.

raubt" und rufen mit Goethe heute noch aus: „Ach, daß rein Flügel mich vom Boden hebt, dir (der Sonne) nach und immer nachznstreben."

Die bisherige Anschauung über den Naturslug basiert ans dem Grundsatz, daß der Vogel sich durch orga­nische Leistung (Flügelschläge) in die Luft „erhebt" und hierzu eine sehr große Kraft notig haben soll.

So entstanden iir den letzten Jahren die großen Drachenflieger, die mit Mpfcrdigen und noch stärkeren Motoren ausgerüstet sind, um mit Hilfe des Propellers dem System eine große Horizoutalgcschwiudigkeit zu er­teilen, die dann ein Auswärtslcnken und -Fahren durch die Lust ermöglicht. Dabei entspricht der Propeller dem geschlagenen Flügel, der Motor der Muskelstürke und -die Drachenflächen dem Flächen bildenden Teil der Flügel eines Vogels.

Nun ist es aber bekannt, «Satz bei den größeren Flng- geschöpfcn Flügelschläge ganz fehlen können und doch ein zu gleicher Zeit vor sich gehender Vorwärts- und Auswärtsflng möglich ist, wie cs 9 . B. daS Kreisen der Störche eklatant zeigt.

Bei seinem ruhigen Answärtsschwebcn macht der Storch aber nicht den Eindruck, als verrichte er damit eine Arbeitsleistug mit großem Kraftaufwand. Nehmen wir dagegen dem Drachenflieger den Propeller — oder was dasselbe ist —, versagt plötzlich der Motor, dann hört die zum Fluge unbedingt notwendige Horizontal- Schnelle ans und ein rasches Sinken oder auch ein jäher Stur-f ist die Folge.

Aber der Vogel stürzt nicht, auch wenn — wie cs beim Albatros der Fall ist — stundenlang kein Flügcl- scylag gemacht wird.

Dies beweist, daß der Flug bei den größeren Vögeln nicht von organischer Leistung abhängig ist, dagegen mechanischer Natur sein muß, und wir können kon­statieren, daß mit der zunehmenden Große und Schwere

Die kaiserlichen Enthüllungen über öie deutsch-englischen Beziehungen.

Die neuesten Aussehen erregenden Verösseni- 'lichungen des „Daily Telegraph" werden überall im Inland wie Ausland ans das lebhafteste kommentiert. Sie werden ähnlichen Staub aufwirbeln wie die be­kanntlich e „Tw e edmouih"-Älssär e, und der erhoffte „Nutzen" solcher Veröffentlichungen wird voraussichtlich gleich negativ sein wie damals und in ungezählten Fällen vorher. Es war ohne weiteres klar, daß die Ver­öffentlichungen über die persönliche Haltung des Kaisers im Burenkriegc in Deutschland kein angenehmes Echo eriwecken würden. Niemand wird ja auch die Nach­richt, der Kaiser habe den Engländern einen Kriegsplan gege n die Buren ausgearbeitet, dieselbe n Buren, -an deren Adresse früher das Krüger-Telegramm gerichtet war, anders gelesen haben, als mit einem Gefühl des Unbehagens, als mit dem Wunsche, die Angaben möchten nicht zutreffen. Nicht ohne Grund wird auch in diesem Falle von den schädlichen Folgen der bei uns so oft be­liebten -G c f ü h l s p 0 l i t i f gesprochen. So schreibt — wenn -auch in üblicher Übertreibung der alldeutschen Politiker, so doch in vielen Dingen zutreffend — die rechtsnationalliib erale „R Hein is ch - W e stf älische Z et t u n g" oi. a.:

„So sprach kein Politiker. Es sprach die G e f ü h l s p o l i t i k, auf die wir immer stießen. Auch die Zeichen der Vergangenheit wären besser ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Geralde aus ihnen war ja die Lehre zu ziehen, daß Dankbarkeit die Welt nicht regiert und das britische Weltreich nicht in Tränen der Rührung auflöst. Konnte der Engländer nicht nach dem Telegramm an Krüger fragen? Erfolgte die iiver- sendung des uneribetenen Kriegsplanes im Interesse des eigenen Landes, und wird diese Neuigkeit nicht alte, vernarbte Wunden aufrcitzen, die Klagen erneuern, die über davgebotene, aber nicht gehaltene Versprech­ungen Mer die Lande gelaufen sind? Auch in Ma­rokko ist ein 'früherer Schützling des Kaisers preis- gegeben worden, und die kaiserliche Entschuldigung über die Entsendung des Konsuls Bassel — der einzige er­freuliche Schritt Deutschlands im Lande der Scherisen — scheint ja zu bestätigen, daß dieser Anlauf zu einem neuen Kurs von der obersten Hand „verbessert" worden ist, um im geglätteten Fahrwasser des über alles ge­liebten Friedens alle Klippen zu umsegeln.

Aufs tiefste aber wird es die deutsche Volksseele treffen, daß sein Kaiser den Kriegs p l a n ans- geavbeitet hat, mit dem das tapfere, stammverwandte Burenvolk vernichtet worden ist. Den deutschen Kaiser als unevbetenen Strategen gegen ein niederdeutsches Volk, das ist ein Bild, d-as Jahrzehnte nicht ver­wischen -können. England führte damals nicht nur Krieg gegen deutsches Blut, sondern auch gegen u n s e r c Interessen, es mißhandelte und verachtete deutsche Reichsangehörige als only Germans, es belegte unsere Reichspostdampfer mit Beschlag, Ehambcrlain beleidigte aufs schwerste unsere Krieger von 1870 und den alten

der Fstuggeschöpfe deren Flügelschläge abnchmen bis zn-nr Verschwinden: Die Mücke (Culex pipiens) vibriert

ihre seinen membran-artigen Flügel in der L-ckundc über vierhundertmal, die Biene (Apis mellifica) etwa ein- hundertncnnzigmal, kleine Flattervögcl machen füns bis zwölf, Krähen, Möwen usw. eineinhalb vis drei Flngel- schlägc pro Sekunde; letztere und die noch größeren, wie Storch, Adler, Kondor, Geier und Albatros (viomecken exnlans) können ganz ohne Flügelschläge auskommcn. Diese mechanische Schwebe-Leistung läßt die Flügel als Apparate erscheinen, die naturgesetzlichen Funktionen unterliegen, bei denen die Schwerkraft, respektive die eigene Schwere des Tieres die größte Rolle spielt.

Das schwerste Flugticr, der Albatros, der den ele­gantesten und ausdauerndsten Schwebeflug leistet, wiegt rund vier Millionen mal mehr als das leichteste, die Mücke; nämlich ersterer wiegt 12 Kilogramm, letztere nur d r e i tan se ndst e l G r am m.

Wenn nun innerhalb dieser ungeheuer großen Skala der Naturslugtechnik von drei Milligramm bis fast ein Viertel Zentner Gewicht und einem Flächen­inhalt von einigen Quadratmillimetern bis zu ungefähr einem Quadratmeter die Natur viele Tausende von Flugmöglichkeiten geschaffen hat, dann liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, daß wir über diese Skala Hin­ausgehen können, und -annehmen dürfen, daß es auch flugfähige Geschöpfe geben kann und in vergangenen Zeitaltern wahrscheinlich auch gegeben hat, die das Ge­wicht des Menschen erreichen.

Da das Gewicht eines -muskulösen Normalmeuscbcv aber nur das Sechs- bis Siebenfache des jetzt lebenden -schwersten Flugtieres beträgt,so brauchten wir uns dessen Flügel nur entsprechend größer -zu denken, um den pro­portionalen Flugapparat für den Menschen zu haben.

-Allerdings müßte dann mit dem alten Typ der bis­herigen Drachenflieger gänzlich gebrochen und dafür ein