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Nr. 497.

Wiesbaden, Freitag, SS. Oktober 1908.

56. Jahrgang.

Morgen - klusgabe.

1. Mtcrtt.

Iüv "November urrö Dezember

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Die Deform der Fehrerbessldung.

Aus Volksschullehrerkreisen wird uns geschrieben:

Es wäre nicht nur undankbar, sondern auch unklug, Tvollte man nicht anerkennen, daß das vor: der preußi­schen Regierung am Dienstag dem Landtag öorge- lcgre Lehcerbesoldungsgesetz eine ganz erhebliche Ver­besserung seiner bisherigen Lage bringt. Zahlen be­weisen: Man braucht nur die gegenwärtig geltenden Gehaltssätze mit denen des Entwurfs zu vergleichen. Kurzeit beträgt das Grundgehalt der Volksschullehrer, das ^Mindestgehalt also, 1000 bezw. 1100 Mark, das Höchstgehalt 2160 Mark. Stellte schon diese Gehalts- be-essung einen Fortschritt gegenüber dem Gesetze vom 3 März 1897 dar, das, das Anfangsgehalt für die L^brer auf 900 Mark — in den ersten vier Dienstjahren nur 720 Mark! — und das mit 31 Dienstjahren zu er- reichende Höchstgehalt auf 1800 Mark festsetzte, so bemitzt der Entwurf das Grundgehalt auf 1360 Mark und das Höchstgehalt auf 3160 Mark. Auch die Gehaltsverhält- nisse der Lehrerinnen erfahren in dem Entwurf eine cr- bebliche Verbesserung: Das Grundgehalt ist von 700 Mark im Gesetze von 1897 auf 1050 Mark, das Hochst- von 1420 Mark auf 2400 Mark im Entwurf er° iböbt worden. Der Lehrer erreicht das Höchstgehalt ver- rnüae neun ihm in Abständen von drei zu drei Jahren ä» zahlenden Alterszulagen von je 200 Mark, die cr-brerin verbessert sich ebenfalls alle bei Jahre um 150 SKarE, bis sie das Höchstgehalt, mit 31 Dienstjahren, wie der Lehrer, erreicht.

Gewiß bedeutet diese Aufbesserung einen prozen­tual und auch allgemein erheblichen Vorteil für die Letrer und Lehrerinnen. Aber nicht für alle, sondern uur für die auf dem Lande wirkenden Lehrkräfte. Für das städtische Lehrerpersonal bedeutet diese Verbesse­rung des Grund- und Höchstgehalts nicht nur keinen morteil, sondern in sehr vielen Fällen einen erheblichen Rachteil. Die im Gesetz von 1897 und durch spätere gesetzgeberische Maßnahmen festgestellten Grund- und Höchstgeh altssä he stellten Mindestsätze vor, während dre ?ri Entwurf vorgesehenen Sätze fortan als Pormalsätze aelten sollen, über die nur größere Gemeinden hinaus- gchen dürfen. Und auch diese nur rn engen Grenzen:

Gemeinden von 26 000 bis 60 000 Seelen sollen ihren Lehrern jährlich nicht mehr als 200 Mark, ihren Lehrerinnen jährlich nicht mehr als 100 Mark über dre im Entwurf festgesetzten Normalsätze hinaus bewilligen dürfen. Gemeinden von 60 000 bis 100 000 Seelen sollen solche Zulagen in Höhe von 400 bezw. 200 Mark, und schließlich Gemeinden von iroch mehr Einwohnern Zulagen von 750 bezw. 300 Mark an ihre Lehrkräfte zahlen dürfen.

Wer die Lehrerbesoldungsverhältnisse rn unseren größeren Kommunen kennt, weiß, daß das Gehalt, das die Lehrer solcher Gemeinden nach dem Reformentwurs beziehen würden, zum Teil weit hirrter ihren jetzrgen Bezügen zurückbleibt. Allerdings sind diese Zulagen, die die größeren Gemeinden in Zukunft zu zahlen be­rechtigt sein sollen, pensionsberechtigt,_ während sie es bisher nicht waren. Das will aber nicht viel besagen. Denn die Statistik beweist, daß nur ein verhältnrs- mäßig kleiner Bruchteil der städtischen Volksschullehrer das pensionsfähige Alter erreicht, die Pensionsberechtr- gung der Zulagen hat also nur für wenige Lehrer tat­sächlichen Wert. Ihnen ist es viel willkommener, wenn sie während der Dienstzeit ein höheres, wenn auch zu einem Teile nicht pensionsfähiges Einkommen be­ziehen.

So große Veranlassung danach die ländliche Lehrer­schaft hat, den Entwurf willkommen zu heißen, so wenig Veranlassung dazu haben die städtischen Lehrkräfte, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß aus ihren Kreisen eine lebhafte Protestbewegung gegen den Entwurf ein- setzen wird. Sie wird sich voraussichtlich in der Rich­tung bewegen, daß die städtische Lehrerschaft das Recht für die größeren, ihre Schullasten aus eigenen Mitteln bestreitenden Kommunen fordert, wie bisher die Ge­hälter der Lehrkräfte nach eigenem Ermessen scstzu- setzen, mit der Maßgabe, daß die so, festgesetzten Ge­hälter im vollen Umfange pensionsfähig sein sollen.

Es fragt sich, ob eine solche Protestbewegung zuni Erfolge führen wird. Daß die Kommunen mit den Lehrern gemeinsame Sache machen sollten, ist nicht sehr wahrscheinlich. Am Ende liegt es im Interesse der Ge­meinden, daß die Bezüge der Lehrer begrenzt werden. Heute sind reiche Kommunen in der Lage, durch beson­ders günstige Gehaltsverhältnisse den ininder reichen die besten Lehrkräfte abspenstig zn machen.. In, Zukunft würde das nur in bedingtem Maße möglich sein, näm­lich nur da, wo eine Kommune durch besondere örtliche Vorzüge, schöne Umgebung, billige Lebensverhältnisse, geringe Steuern usw, auf die Lehrer besondere An­ziehungskräfte ausüben könnte. Solcher Kommunen gibt es in Preußen aber nur wenig. Vielleicht könnten die Kommnnalverwaltungen in der generellen Fest­legung der Lehrergehälter eine Einschränkung des Selbstverwaltungsrechts sehen und deswegen mit den Lehrern gemeinsame Sache machen. Aber das ist erstens nicht wahrscheinlich und würde zweitens aller Voraussicht nach wenig fruchten. Denn die Regierung würde sich dagegen auf Artikel 25 der preußischen Ver­fassung und das Schulunterhaltungsgesetz berufen, das

den Staat verpflichtet, den Volksschullehrern em festes den Lokalverhältnissen angemessenes Einkommen zu ge. währleisten. Mit einigem juristischen Scharfsinn ist es nicht schwer, aus dieser Verfassungsvorschrrst das Recht des Staates zu beweisen, das Einkommen der Lehrer nach seinem Ermessen zu regeln. Es ist klar, daß der Staat dieses Recht leistungsunsährgen Ge­meinden gegenüber zn beanspruchen hat: Diesen, Ge­

meinden kann er nicht gestatten, nach ihrem Gutdünken die Lehrergehälter beliebig hoch zu bemessen, denn wenn die Gemeinden nachher ihren Verpflichtungen nicht Nachkommen können, müßte der Staat, der die Lehrer- gehalter nacki jenem Verfassnngsartikel 25 zu gewähr­leisten hat, an Stelle der Kommunen zahlen. Wenn aber der Staat gegenüber armen Kommunen das Recht bat, über die Festsetzung der Lehrergehälter zu be­stimmen. so hat er es auch allen übrigen Kommunen gegenüber. Denn die Rechte der Kommunen gegenüber dem Staat sind nicht von ihrer größeren oder geringeren Wohlhabenheit abhängig. Keine hat vor der anderen etwas voraus, wenn man nicht ein Sonderrecht darin sehen will, daß die Kommunen, die nicht mehr als 100 Prozent der Staatseinkommensteuer an Kommunal­abgaben erheben, für ihren Etat nicht des staatlichen Placet bedürfen.

Mit einer Unterstützung der Protestbewegung der städtischen Lehrer gegeii den Entwurf durch dre Kommunen wird man also schwerlich zu rechnen, und wenn sie erfolgt, nicht viel von ihr zn erwarten haben. Den Erfolg einer solchen Protestbewegung wurde auch der Umstand so gut wie ausschließen, daß die Land­lehrerschaft diese Bewegung nicht nur nicht unterstützen, sondern eher bekämpfen würde. Wer die Verhandlun­gen des Magdeburger Lehrertages verfolgt hat, wird darüber nicht im Zweifel sein.

Nach alledem werden die städtischen Lehrer damit rechnen müssen, daß die feste Begrenzung ihrer Ge­hälter Gesetz wird. Wollen sie etwas erreichen, so gibt es für sie nur einen Weg. Und der ist: Src müssen für eine Erhöhung der allgemeinen Normalgehaltssätze des Entwurfs sich ins Zeug legen., Sie müssen dafür eintreten, daß an Stelle des — wie zugegeben ist — gegen früher erheblich erhöhtenGrund- undHöchstgehalts für die Gesamtlehrerschaft Gehaltssätze festgestellt wer­den. die den Forderungen des Magdeburger Lehrer­tages entsprechen. In Magdeburg wurde ein Ein- heitsgehalt unter Gleichstellung der Lehrer mit den Regierungssekretären gefordert. Dieser Forderung entspricht der Entwurf nicht, nach ihm erhalten „ dre Sekretäre 1800—4200 Mark und erreichen das Höchst­gehalt schon in 21 Dienstjahren. Eine Agitation der städtischen Lehrer für diese Forderung ist der einmüti­gen Unterstützung durch die Landlehrer sicher. Mit ihrer Verwirklichung fönrtten die stüdliichen Lehrer sich gut und gerii zufrieden geben, denn ihre Vorzugs- besoldnng gegenüber den Landlehrern würde immer bestehen bleiben, iind sie würden nur noch höhere Ein­künfte zu erwarten haben, wenn die Grundgehaltssätze sich erhöhten.

Feuilleton.

Schönes Wiesbaden!

Ich las neulich, am 19. Oktober, im Abendblatt dieser eit miß, daß Anlagen im alten Steinbruch des Nrro- Zas, geplant werden: Pflanzungen, Wasserfall, Schweizer- tauschen usw. — Jäher Schrecken riß mir sofort die ^-eöer in die Hand. Mich hat der Zustand der Sohle Liekes alten Steinbruchs noch nie gestört, vielleicht mit Unrecht, vielleicht nur nach den Regeln der Verliebtheit: i/ft gebe zu, Anpflanzungen würden ihn verschönern können. Aber auch ein Wasserfall, ein Wasserfüllchen, so ein künstliches Ding, — wirklich? Und vor dem Schweizerhäuschen gar graut mir schon in der Phantasie: aehört so ein liebes Ding in den Naturstil unseres wöönett Nerotals, dem man die Leichtweishöhle gerade noch verzeiht? Wo ist ein solches Tal bei solcher Stadt? cut) kenne bas ganze Alpenmassiv durch zahlreiche Reisen, Italien bis hinab nach Pesto, vom schönen Frankreich Manches, kenne unsere Küsten und Inseln, unsere Dünen und unsere Heide, unsere deutschen Ströme und unsere deutschen Mittelgebirge mit seinen tausend Schönheiten,

_-iesen ganzen großen Zaubergarten der Natur: will

auch alle diese Herrlichkeiten, die ich in vollen Zügen genossen, nicht vergleichen mit dem stillen Reiz unseres lieblichen Tals: ich sage nur, das alles muß, um voll iein Selbst zu sein und voll zu wirken, in der ihm eigenen Stimmung, der ihm von Gott verliehenen Heiligkeit geschaut werden. Die hat auch unser Tal, in dem steht es keiner jener Herrlichkeiten nach, ivenn man die Stunde zu wählen weiß, die eigene und die der Welt- nhr, die innen und die außen. Stört alsv nicht mit ireundl'.ch-üeichästiger Hgnd, mit gütigem Ungc schwach

den Zauber dieser Harmonie! Wie viel wirkt er gerade jetzt

„In diesen blauen Herbstestagen,

Da einmal noch die Erde lacht,

Eh' ihr der Mantel nmgeschlagen Zur tiefen Ruh der Winternacht. . . ; .

Vorbei das Wogen und das Schimmern,

Vorüber Blitz und Sommerglut,

Und nur ein sommermildes Träumen Und — alles Friede, alles gut."

So ist's mir jedesmal zu Sinnen, wenn ich in der Dämmerstunde dieser blauen Tage den lieben Ort an der Berglehne des Nerotals aufsuche, wo die Bank hinter den alten, fast pinienhaften Fichten, am Philo­sophenweg (so heißt er ja wohl?), zum Ausblick gen Norden einladet. Ich meide sie — sie steht nicht ganz am rechten Platz — und setze mich seitwärts auf die Böschung, und der Blick durch dichte Lanbkulissen schweift unbehindert über den schönen Rabengrund, vorbei au den sich staffelnden Hängen, hin auf die verdämmernde Taunuskctte. Und die Seele verliert sich mit dem Blick in blauende Fernen, blauende Träume, bis alles dem Auge verschwimmt. Und den Heimweg, wenn ich die Stunde wähle, geleitet mir an des Tales anderer Seite das friedvolle

„Füllest wieder Busch und Tal Still mit Nebelglanz,

Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz . . . .'

Wie war das doch am Abend vor der letzten Voll­mondnacht? Später als sonst war's, als ich zu meiner Bank hinhastete, fast 6 Uhr. Die Nebel brausten förm­lich schon über der Nerotalwiese bei den drei Wclliug- touien, den zarten Tamarisken, der Libanonzeöer mit ihrer herben Schönheit. Oben war's klarer und heller, noch hell genug, um den schönen Blick über den Tal- gruud M erhaschen. Dann Hinein in das Waldesdunlel

und seinen feierlichen Ernst! Und endlich dieser Rück­weg jenseits, — märchenhaft schön, eine jener Feier­stunden, welche die mit ihren Schönheiten so verschwende­rische Schöpfung doch nur selten, fast wie ein heimliches Liebesgeschenk gewährt. Märchenhaft schön, wie das Licht des nahen Vollmonds, der sich mir verbarg, mit den Hier feineren Nebelschleiern kämpfte, sie siegreich durch- brang, zärtlich durchsog, den Berghang in Duft, in matt­farbene Schleier einhüllte und wieder entkleidete im reizvollen Wechselspiel, wie er die Wiese durch das plastisch niederhangenöc Gelaube leuchten ließ, — ein Bild wie aus einer andern Welt, aus einem Elysium, das unsichtbare Schatten durchschwebten. Kein Mcnschcn- snß, kein Laut, der diese geisterhafte, weihevolle Schönheit störte. Überwältigt von all dieser Herrlichkeit, — doch nein, das gehört nicht in eine Zeitung. — Schönes Ncro- tal, dich will man verschönern?! Ein holdes Antlitz schmücken?!

Schönes Wiesbaden auch! Nirgends bin ich eigcnt. lich bodenständig geworden, in zehn Jahren nicht, in fünfzehn und aber fünfzehn nicht, wenn auch mein Lebensbäumlein Wurzeln trieb, — und hier, bei Ansrast freilich, in wenigen Monden. In dieser Landschaft fiuöe ich die Resonanz für jede Stimmung meiner Seele, in dieser Stadt auch den Rahmen zu jedem farben­frohen Bilde meines Herausschauens aus mir in die heiter bewegte Welt. Auch das wird manchmal gestört von rauher Hand. War da neulich an einem schönen lauen Abend im Kurgarten: gute Gartenmusik, eine froh bewegte Menge, schöne Frauen, schön gekleidet, und Feuerwerk. Was braucht man mehr, um eine Stunde, sozusagen glücklich zu sein? Denn auch ein stimmungs­volles Feuerwerk, daß ich's nur gestehe, ist mir ein fast idealer Genuß, sonderlich hier, wo dieses Schauspiel in den müchttaen BanmkrMen, iy Hem stillen Weiher