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Nr. 48®.
Morgen - Ausgabe.
i. Mkatt.
Politische Wochenschau.
„Immer langsam voran!" — das ist die Losung, nach der sich die Vorberatungen über die R e i ch s f i n a n z - reform abspielen; in welchem Tempo werden da erst die Verhandlungen im Reichstag vor sich gehen. Wie offiziös mitgeteilt wird, ist ein Abschluß der Beratungen im Bundesrat über die Finanzvorlagen nicht vor dem 25. Oktober zu erwarten, während der Reichstag bereits am 4. November Zusammentritt. Indessen scheinen sich schon setzt mancherlei Unstimmigkeiten zu ergeben, wie dies aus dem scharfen Vorstoß von konservativer Seite gegen den Ausbau der Erb- fchastssteiler hervorgeht. Der Vorschlag, als Ersatz hierfür eine von den Einzelstaaten zu erhebende und an das Reich aus dem Wege der Matrikularbeiträge abzuliefernde Vermögenssteuer in dasFinanzProgramm einzustellen, ist in einer offiziösen Kundgebung entschieden zurückgewiesen worden.
Wie im Reichstag die Reichssinanzreform so wird im preußischen Landtag, dessen neue Session am Dienstag eröffnet wird, die W a h l r e s o r m im Mittelpunkt der parlamentarischen Kämpfe stehen. Von dem Schicksal der wiederholt angekündigten Regierungsvorlage gilt das Wort „nichts Gewisses weiß man nicht". Trotzdem erfreut die noch unbekannte Reform sich' schon jetzt des entschiedenen Mißfallens von rechts und links: und das hat seine guten Gründe, denn während die freisinnigen Parteien die Einführung des Reichstagswahlrechts sür Preußen fordern, wehrt die konservative Partei sich gegen jede Reform des „elendesten aller Wahlsysteme". Unter diesen Umständen kann es den Parteien, die im Reiche fürs erste noch im Block vereinigt sind, leicht gehen wie den beiden Königskindern: sie konnten zueinander nicht kommen, das Wasser war allzu tief!
Etwas besser haben sich in den letzten Äagen die Aussichten der W a h l r e s o r m in Sachsen gestellt. Nationalliberale und Konservative haben sich über ein Kompromiß geeinigt, dem allerdings, wie die vom Minister Grasen Hohenthal in derWahlrechtsdeputation der Zweiten Kammer abgegebene Erklärung zeigt, die Regierung bisher nur zum Teil zustimmt. Als völlig gesichert kann jetzt, nach dem Ausfall der olden- b u r g i s ch e n L a n d t a g s w a h l e n, die Einführung des neuen allgemeinen Wahlrechts im Großherzogtum Oldenburg gelten. Die ebenfalls in dieser Woche stattgefundenen Wahlen zum a n h a I t i - scheu Landtag haben keinerlei Überraschungen, sondern nur eine kleine Verschiebung nach links gebracht. Auch der außerordentliche mecklenburgische Landtag ist in dieser Woche wieder zu- sammcngetreten, um sich aufs neue an der vertagten Verfassungsreform zu versuchen: aber die
Aussicht, die beiden mecklenburgischen Großherzog-
FemAetsn.
(Nachdruck verboten.)
Ein übersehener Umstand.
Humoreske von Alfons Watzlsrvi-k.
Tie Lage war ernst — Pessimisten hätten sie verzweifelt genannt. Gefühllos zeigte der große Abreißkalender im Bureau die Zahl 26, und darunter stand Freitag, zwei Angaben, die an sich nichts Besonderes bedeuteten: was die Sache komplizierte, war der Umstand, daß zwei Tage später Sonntag war, daß an diesem Tage das große Wohltätigkeitsfest im Stadt- park stattfand und daß Paul mit einer reizenden jungen Dame, die er erst drei Tage kannte, verabredet hatte, an dem Feste teilzunehmen. Was aber die Sachlage zu einer überaus bedrohlichen gestaltete, war die peinliche Feststellung Pauls, daß sein Gesamtvermögen gerade nur ausreichte, die Straßenbahnkarte zu. bezahlen. Der junge Mann sah sich daher genötigt, einen finanziellen Deckungsplan für die geplante Ausgabe zu entwerfen, und hierbei zeigten sich schier unüberwindliche Schwierigkeiten. Er hatte bereits am 10. des Monats ausgerechnet, daß er sechs Monate umsonst arbeiten müßte, wenn cs seinem Chef cinfiele, das Vorschußkonto Pauls regeln zu wollen; hatte auch behufs Angabe einleuchtender Gründe für die Notwendigkeit der Vorschüsse bereits so viele Verwandte erkranken oder in Not geraten lassen, daß Bedenken über die Wahrscheinlichkeit des Vorhandenseins noch weiterer Verwandter zu befürchten waren. Es blieb dem armen Jungen nichts weiter übrig, als sich, wie oft in solchen Fällen, seiner Verwandten zu erinnern. Da gab es
Wiesbaden, Sonntag, 18. Oktober 1S«8.
CE. Jahrgang.
Politische Kberstchl.
tümer in die Reihe der europäischen Verfassungsstaaten überzuführen, ist bekanntlich seit der Maitagung nicht besser geworden. Die Regierungen haben dieselbe Vorlage wieder eingebracht, aber bereits erklärt, daß sie in bezug auf Einzelheiten mit sich handeln lassen wollen. Die privilegierten Ritter indessen wollen überhaupt nicht handeln, sondern ihr „Mittelalter im 20.^Jahrhundert" weiter spielen. Deshalb haben sie in die Kommission zur Beratung der Vorlage handfeste Männer gewählt, die dafür sorgen sollen, daß es nach dem Übergang Rußlands und der Türkei zum Ver- fassungsstaat doch noch ein Staatswesen in Europa gibt, welches die „gute, alte Zeit" repräsentiert.
Dem jüngsten konstitutionellen Staatswesen geht es übrigens keineswegs sonderlich gut, . und der „k ranke Man n" ist in der neuen Ära bisher nicht gesünder geworden. Freilich schicken die Großmächte sich an, den Patienten, der arg von Gliederreißen — das heißt von dem solcher Glieder, die sich losreitzen wollen — geplagt wird, zu kurieren, wenn .. es nicht anders geht auf dem Wege eines europäischen Kongresses. Aber der kranke Mann, der anfänglich für den Kongreßgedanken sehr eingenommen war, lebt jetzt in der Furcht, daß die Kur in einer . sehr schmerzhaften Amputation bestehen könnte. lind so beginnt die Pforte, während das nach den Dardanellen schielende Zarenreich für die Konferenz Stimmung macht, allgemach abzuwiegeln, aber es ist vielleicht schon zu spät, den Zusammentritt des Kongresses zu verhindern. Was die Stellung der deutschen Regierung zu der Frage betrifft, so hat der Reichskanzler F ü r st B ü l o w bei den mehrfachen Unterredungen, die er in dieser Woche in Berlin mit den Staatsmännern der beteiligten Mächte hatte, jedenfalls keinen Zweifel daran gelassen, daß Deutschland hierbei, frei von jedweder Jnteressenpo l i t i k , lediglich die Rolle des ehrlichen Maklers zu spielen gedenkt.
Während es im Balkan-Hexenkessel lustig brodelt, neigt die totgehetzte marokkanische Frage sich allein Anschein nach ihrem Ende zu. Zwar haben die Soldaten des Roghi auch in dieser Woche sich wieder einmal mit den unbotmäßigen Riffleutcn geschlagen, aber derartige interne Auseinandersetzungen können heute die Ruhe Europas nicht mehr stören, da von der Marokko-Frage selbst nur noch ein friedliches diplomatisches Nachspiel übrig geblieben ist, über dem auch bald der Vorhang fallen dürfte. Die angemeldete Erledigung der letzten deutsch-französischen Zwischenfälle läßt übrigens — schon in der vorigen Wochenschau mußten wir darauf Hinweisen immer noch auf - sich warten.
Sein ministerielles Nachspiel hat jetzt auch der Alberti-Skandal in Dänemark gefunden. Der bisherige Finanzminister Neergard hat aus den Trümmern des alten ein neues Kabinett gebildet, dem die Aufgabe obliegt, die schmutzige Wäsche des Ex- ministers und Übergauners zu reinigen. Schwer kann das den neuen Männern eigentlich nicht fallen, denn das „Einieisen" hat ja schon Herr Alberti aufs gründlichste besorgt.
Z,ueicr!cr Maß.
Über eine sehr eigenartige Differenzierung erhalten wir folgenden Bericht: Fall 1. Ein bekannter Tages- schriftsteller (und Preuße) sollte von drei — nicht- preußischen — Zeitungen von mehr als nationaler Bedeutung zur Berichterstattung eiligst nach dem Balkan gesandt werden. An einer Berliner amtlichen Stelle zieht er Erkundigungen über die Paßfrage ein . und wird dahin beschieden, daß ein sogenannter „M i n i st e« rialpa ß" wohl seinen besten Ausweis im Orient bilden würde. An der nun zuständigen Verwaltungsstelle um ein solches Dokument einkomme^d, wird dem Journalisten folgender Bescheid: „Derartige Pässe wer- den nur an Personen ausgegeben, von deren Tätigkeit im Auslands die Regierung sich besondere Vorteile oder die Förderung bestimmter Ziele verspricht. Für die P r e s s e t r i f s t d a s k a u m z u I — Es wird jedoch", jo lautete die weitere Auskunft (im preußischen Ministerium des Innern),, „anheimqestellt. ein besonderes Gesuch über das zuständige Polizeirevier und den Landrat hin dem Regierungspräsidenten von Potsdam einzureichen. Die Entscheidung und Erledigung dürste 2 bis 3 Wochen in Anspruch nehmen." Selbstverständlich verzichtete der eilige Mann der Feder aus diesen Versuch und begnügte sich mit dem schlichten braunen Paßbüchlein, das die Polizeibehörde jeden: „Unverdächtigen" innerhalb 24 Stunden um eine Dreimarkgebühr ausstellt. — Fall 2. Ein junger Garde- Offizier will heiraten. Seine Hochzeitsreije soll nach Italien gehen. Bei einem Bekannten vom Hofe, der im Auswärtigen Amt arbeitet, erholt er sictz privatim Rates wegen seiner Legitimierung im Aus- lande: „Ist zwar in Italien nicht gerade notwendig,
aber so ein vom Staatssekretär oder Minister selbst gezeichnetes Pergament macht überall Eindruck und spart zum mindestens Zollplackereien. — Machen wir sofort sür Sie." Am übernächsten Tage hat der Oberleutnant und angehende Familienvater einen hoch offiziellen Patzbries „so groß wie'n Bettlaken", der den „rc. pp. und Frau" der besonderen Rücksicht aller deutschen Vertreter im Auslande empfiehlt. Und dankbarlichst wird von der Kasino-Korona die „hohe Kulanz der Wilhelmsstraße" gepriesen. — Difficile «st satiram non scribere, y. L.
Ms LarrdSagswahlerr rrr GlLerr'-nsg.
Aus dem Großherzogtum Oldenburg wird uns geschrieben: Das Ergebnis der Landtagswahlen hat
manches Bemerkenswerte, das bisher nirgends erwähnt worden ist. Zunächst ist, obwohl der „Vorwärts" munter das Gegenteil behauptet, die Zahl der sozialdemokratischen Wähler zurückgegangen, relativ im ganzen Lande, aber auch absolut im zweiten Wahlkreise (Delmenhorst), im vierten (Varel) und im fünften (Jever). Dagegen. hat sie, absolut und relativ, allerdings zugenommen im drittenKreise (Butjädingen)
eine Tante, die ihn vor nicht allzu langer Zeit „saniert" hatte, wofür er die Versicherung gab, nunmehr strenge Aussicht über sein Geld zu üben. Da dieses Versprechen erst 28 Tage zurückdatierte, mußte diese Dame aus der in Betracht kommenden Gruppe ausgeschieden werden. Eine andere Tante war jederzeit bereit, ihn zu unterstützen, wenn es galt, Kleider, Schuhe oder einen neuen Hut zu kaufen — leider hatte sie die Gepflogenheit, ihrem Neffen zu diesem Behuf nicht Bargeld zu geben, sondern entweder mit ihm das Kleidungsstück zu kaufen, oder sich von den Lieferanten die Rechnung senden zu lassen.
Blieb nur ein Herr, den Paul aus einer eigentlich nur mehr theoretischen Verwandtschaft her Onkel zu nennen pflegte. Dieser war Inhaber eines großen Exporthauses und verdankte sein Vermögen guten Geschäften mit Kaufleuten der Balkanstaaten, weshalb er für den näheren Orient stets warme Sympathien fühlte. Herr Mühlberg genoß großes Ansehen, war mit allen Kauflenten der Stadt befreundet und daher jederzeit über die Höhe von Pauls Vorschußkonto unterrichtet. Je größer dieses wurde, desto zurückhaltender zeigte er sich, wenn Paul ihn besuchte.
Als dieser erst festgestellt hatte, daß diesmal nur Onkel Mühlberg fiir ihn in Betracht kam, beschäftigte er sich nur mehr mit der Konstruktion eines einleuchtenden Grundes, den er schließlich auch gefunden zu haben glaubte. Nach Schluß des Geschäfts eilte er nach Hause und begann in seinen Erinnerungen an die Studienzeit zu kramen: befriedigt zog er eine Visitenkarte hervor, unterzog sie mittels eines Radiergummis einer gründlichen Reinigung und begab sich also ausgerüstet in das Kontor seines Onkels.
Beim Eintritt des jungen Mannes warf der Ex
porteur rasch einen Blick ans den Kalender, griff dann unwillkürlich an die Stelle, wo er seine Brieftasche hätte, und war fest entschlossen, sie unter keinen Umständen herauszuziehen.
„Was führt dich zu mir?" fragte er dann sehr kühl und begann damit den Verteidigungskampf.
„Ich habe dir etwas mitzuteilen", erwiderte dar Neffe. „Kennst du diesen Namen?" Er reichte ihm die Visitenkarte.
Mühlberg warf einen Blick darauf. „Was, Nikolies ist hier?" rief er dann, „mein Geschäftsfreund aus Belgrad?"
„Er nicht, aber sein Sohn", meinte in gleichgültigem Tone Paul. „Er war drei Semester mein Studienkollege, und hat mich auf der Durchreise nach Belgrad ausgesucht. Er will nun ins Vaterhaus zurück."
„Warum hast du ihn nicht mitgebracht?" siel ihm Mühlberg ins Wort. „Du weißt doch. Söhne von Geschäftsfreunden sind mir immer willkommen."
„Es Mar ihm heute nicht möglich, bei dir vorzu- sprechen. Er will vor seiner Abreise hier noch ein Paar sidele Tage verleben und wird dich gewiß noch besuchen. Er läßt dich aber bitten, morgen abend mit ihm irgendwo zusammenzutrcffcn; morgen ist er allein."
„Schade, morgen kann ich nicht; du weißt doch, daß ich in den Gewerbebercin muß."
„Ach so, daran habe ich nicht gedacht!" gab Pan! gedehnt zur Antwort; „na,' er wird schon Gesellschaft finden."
„Geh' du doch mit ihm", schlug Mühlberg vor.
Der Nesse lachte. „Du willst mich Wohl foppen?" fragte er und sah ostentativ den Kalender an.
Nun mußte auch Mühlberg lächeln. „Ich zahle dir die Zeche", sagte er dann.
