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Nr. 478.
Kbenö -Ausgabe.
1. Wccrtt.
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Die OrieutKrisls.
N' Wiesbaöen, 12. Oktober.
Nach wie vor läßt sich ein klares Bild der Lage aus dem immer noch vorliegenden Wust von telegraphischen Meldungen vom Balkan und aus allen europäischen Hauptstädten noch nicht herausdestillieren. Schienen in den letzten Tagen der vorigen Woche, besonders dank der herausfordernden und frechen Haltung der edlen Serben, die Gegensätze sich zu verschärfen, und fehlt es auch heute noch nicht, so aus Paris, Belgrad und Sofia, an pessimistischen Stimmen und alarmierenden Meldungen, die den Ausbruch des serbischen, natürlich „heiligen" Krieges als unmittelbar bevorstehend an die Wand malen, so wird man doch aus dem Überblick über die Gesamtheit des vorliegenden Nachrichtenmaterials heraus den Eindruck gewinnen, daß über Sonntag die Spannung erheblich nach zu lassen begonnen hat. Zwar hat Fürst Nikita, der Fürst der schwarzen Berge und dereinstige einzige „Freund" des weißen Zaren, noch wieder eine rührselige Kundgebung erlassen, in der er mit „weinendem Herzen" gegen das schreiende, den Brüdern in Bosnien und der Herzegowina angetane Unrecht protestiert; zwar lärmen die Kriegshetzer in Belgrad nach wie vor mit einer an Wahnsinn grenzenden Wut, noch gestern Sonntagmittag haben neue Kundgebungen statt gefunden, bei denen auch der hoffnungsvolle Kronprinz, von dem man schon so viele schöne Dinge gehört hat, sich zu großen Worten aufge- schwungen hat, — und zwar kommen auch aus Albanien noch beunruhigende Nachrichten; — doch scheint nach allem die Aufregung im Abflauen begriffen zu sein. Die Mächte, auch Deutschland, haben in Belgrad sichtlich durch ihre ernsten Vorstellungen abkühlend gewirkt; die Skupschtina hat sich infolgedessen mit erheblicher Mehrheit gegen den Krieg erklärt, und die weiteren Kundgebungen, die den Eindruck der Lächerlichkeit streifen, sind daher Wohl schon mehr als R ü ck z u g s g e p l ä n k e I aufzufassen, mit dem man zugleich hofft, noch etwaige „Kompensationen" berauszuschlagen. Ebenso wenig ist Montenegros Haltung ernst zu nehmen. Nachdem Österreich-Ungarn notgedrungen militärische Gegenmatzregeln trifft, wäre ■— was ja allerdings schon von vornherein auch der Fall war — jedes weitere aggressive Verhalten der Serben der reine Selbstmord. Griechenland zögert, ebenso unter dem Druck der Mächte, die Angliedernng Kretas offiziell zu vollziehen. Und die Bulgaren können nicht genug tun, ihre friedlichen Absichten zu betonen. Wenn daher nicht die K o n f e r e n z f r a g e doch noch zum Konflikt führte — über die man sich noch nicht schlüssig ist, und so bald auch noch nicht schlüssig werden dürfte ■— haben wir in Mitteleuropa vorläufig keine weitere Veranlassung, uns über die Dinge auf dem Balkan noch zu erhitzen. Unsere Aufgabe ist es, ruhig zuzu-
FerMetE.
IRliLdiuik dcrboien.»
Dom Frankfurter Oktakerreunen.
Die schönen Tage unseres Rennvereins sind nun siir diese Saison vorüber. Sie waren, wie fast immer, vom herrlichsten Wetter begleitet und ein Rückblick auf die verflossenen Veranstaltungen dürfte den Frankfurter Rennklub in das neueste Berliner Schlagwort „Donnerwetter — tadellos —" ausbrechen lassen. Was Vornehmheit des Gesellschaftsbildes anbelangt, so war der zwar weniger, aber doch immerhin gut besuchte Samstag dem stark besetzten Sonntage vorzuziehen. In der Eleganz der Toiletten war die _ alte Dame Natur entschieden Favorit. Sie trug die modernen Farben rot, braun, grün mit entzückendem Scharms, lächelte mild und gütig auf dis eitlen kleinen Menschenkinder herunter, die sich in Extravaganzen nicht genug tun konnten, und hüllte sich zum Schluß der Rennen kokett in ein paar duftige graue Schleier, die sie von der noch immer grünen Wiese bei Niederrad auf- hob, um sich vornehm damit zu drapieren.
Aber auch außer der würdigen Dame gab es nach manche Vertreterin irdischer Weiblichkeit, die durch elegante Gewandung sich auszeichnete. Ich brauche eigens das Wort „Gewandung", denn Kleider werden heutzutage kaum noch getragen. Stil Direktoire ist Trumpf. Unterkleider gibt es nicht mehr, gerade so wenig wie es eine markierte Taille gibt. Man stellt im Bilde der modernen Iran möglichst einen Lilien
Wiesbaderr, Montag, 12. Oktober LVV8.
sehen, nachdem wir allerdings unsere Stellungnahme wenn auch sehr „allmählich" kundgegeben haben. Diese Kundgebungen haben denn auch bereits angefangen, in Konstantinopel beruhigend auf die deutsch-feindliche Stimmung zu wirken. Inzwischen ist diese Stellung der unparteiischen Haltung Deutschlands über Sonntag noch von Berlin aus unterstrichen.
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Noch eine deutsch-offiziöse Kundgebung.
Die „Noröö. Allg. Ztg." schreibt: Ein Berliner Blatt sprach die Vermutung aus, der Kaiser habe bereits während der K a i s e r m a n ö v e r in Elsaß-Lothringen durch den österreichisch-ungarischen Thronfolger Kennt- urs von den Plänen der österreichisch-ungarischen Negierung hinsichtlich Bosniens und der Herzegowina erhalten; andererseits wurde behauptet, daß die geplante Annexion schon im Mai dem deutschen Kaiser in Wien mttgeteilt worden sei. Wir find zu der Erklärung ermächtigt, daß die Behauptungen vollkommen unwahr sind.
Die türkischen Blätter veröffentlichen eine Erklärung, welche der deutsche Botschafter Frhr. Marschall v. Bieberstein dem Großwesir machte: „Ich bin namens Sr. Majestät beauftragt, mit größtem Nachdruck gegen die S u p p o s i t i o n zu protestieren, daß die letzten Vorfälle auf dem Balkan auf eine Entente Deutschlands mit Österreich-Ungarn oder einer anderen Macht basieren. Dieselben erfolgten, ohne die Ansicht Deutschlands einzuhvleu."
Die Wirkung der deutschen Erklärungen.
Die vom Botschafter Baron M a r s ch a l l abgegebene bedeutungsvolle Erklärung hat allseitig, soweit zu konstatieren ist, den tiefsten Eindruck gemacht. Das von Deutschland erwartete Wort kam, wie auch der „Franks. Ztg." aus Konstautinopel telegraphiert wird, spät, aber hoffentlich nicht zu spät, um das Nebelgebildc zu zerreißen, welches geschäftige Geister zu schaffen verstanden haben, um Deutschland als den wirklichen Urheber der jüngsten österreichisch-ungarischen und bulgarischen Aktionen hinzustellen. Es werde langer Zeit bedürfen, so meint der Korrespondent des genannten Blattes weiter, um diese Eindrücke zu verwischen. Das Wort des Kaisers werde zweifellos die höchste Würdigung erfahren.
. Die für türkische Verhältnisse auffallende Schnelligkeit, mit der die Pforte die kaiserliche Auslassung der Presse übermittelte, beweist, welch hohen Wert auch die konstitutionelle Regierung auf die Klarstellung der Beziehungen zu Deutschland legt. Das führende Blatt „Jkdam" sagt: Diese vom deutschen Kaiser ausgehende Erklärung beweist die hohe Achtung vor den bestehenden Verträgen und ist eine Handlung der Gerechtigkeit gegenüber dem türkischen Reiche. Das türkische Volk wird diese Erklärung mit Gefühlen tiefen Dankes aufnehmen. — „S ab ah" sagt, daß Deutschland an dem österreichisch-ungarischen und bulgarischen Vorgehen nicht beteiligt sei. Es bedurfte einer besonderen Bekräftigung, welche nunmehr erfolgt sei. — „Jeni Gazeta", das Organ der Großwesirs, hebt hervor, daß die allerdings begreifliche falsche Auffassung über Deutschlands Stellungnahme nunmehr haltlos geworden sei, nachdem der Nachweis
stengel dar, auf dem sich als Krönung eine Art Wagenrad befindet, mit allerlei Körperteilen abgemurkster Tiere. Da sieht man Hüte, auf welchen ein junger Fuchs hingelagert ist. Dann wieder solche, die mit den Federn eines Geflügelhofes beladen sind, oder mit Blumen, gegen welche die größte Sonnenblume ein Fingerhütchen bedeutet. Kurzum, noch selten hat die Mode solche Auswüchse gezeitigt wie in diesem Jahre. Wahrhaft wohltuend berührten daher am Samstag, dem ersten Tage des letzten, Meetings dieser Saison, die vielen im „xenre lailteusS" gearbeiteten Kleider, die häufig ganz in Schwarz gehalten und durch wirklich schöne, nicht allzu große Kopfbedeckungen mit kostbaren Federn ergänzt waren.
Auffallend erschien es, daß Haute-voMe und Haute-finane© nur in geringer Zahl anwesend waren. Auch von der Kunst sind an beiden Tagen mehr die Mitglieder des Residenz- und Schumanntheaters vertreten gewesen, denn die Angehörigen der städtischen Bühnen, M i z z i F r e 11 e r, die beliebte Naive am früheren Orpheum, trug eine sehr schicke Toilette im Herrengenre, aus rotem Tuch mit reicher Soutachierung. Ihr fröhliches Stumpfnäschen hat den Schaden, den^ ein Automobilunfall ihm kürzlich zugefügt, glücklich überstanden und sag, — selbst ohne vermummenden Schleier — die köstliche Herbstluft, die vom Walde nach dem Rennplatz wehte, behaglich ein! —
Der > Sonntag brachte natürlich wieder ein weit stärkeres Aufgebot von Besuchern. Unter diesen machten sich besonders die bunten Mützen der gegenwärtig hier versammelten S t u d e n t e n bemerkbar. Daß die Gesichter unserer zukünftigen Herren Doktoren. JüstiL-
56. Jahrgang.
erbracht worben sei, baß Deutschland mit dem Vorgehen Österreich-Ungarns und Bulgariens, bas die Rechte der Türkei schwer verletzte, nicht einverstanden gewesen sei
Die Stimmung tu der Türkei.
Die Zirkularprotestnote der Türkei betreffs Bosniens ist sämtlichen Botschaftern, mit Ausnahme des österreichisch-ungarischen, überreicht worden.
In Konstantinopel fand eine große Kundgebung von 1600 Serben u n d Montenegrinern statt, welche die Straßen mit Fahnen durchzogen und eine Demonstration in der Nähe des Palais des Großwesirs veranstalteten. Man rief: „Nieder mit Österreich und Bulgarien. Es lebe die Türkei."
Die Plakate mit den Boykotterklärungen österreichischer und deutscher Firmen, die schon einmal entfernt worden waren, sind wieder zahlreich angebracht worden. Die Polizei ist dagegen machtlos.
Der österreichisch-ungarische Botschafter hat gegen die Boykottierung österreichisch-ungarischer Waren beim Großwesir Beschwerde eingelegt. Der letztere versprach Abhilfe.
In Saloniki fand eine antiösterreichische Versammlung statt, bei welcher höchst aufreizende Reden gehalten wurden. Die bulgarische Bevölkerung wird von bulgarischen Agenten offen für eine Revolution aufgefordert.
Wenig beruhigend lauten die Nachrichten auS A l b a n i e ». Es besteht eine starke Bewegung dort, um die gänzliche Unabhängigkeit zu fordern.
Die Erregung in Serbien.
Vor dem Proklamationsgebäude fanden anläßlich der Eröffnung der Skupschtina Kundgebungen statt. Nach dem feierlichen Gottesdienste trat die Skupschtina zusammen. — Wie weiter aus Belgrad gemeldet wird, wurde dann in einer nachmittags abgehaltenen Konferenz der Skupschtinamitglicöer der Antrag auf sofortige Kriegserklärung mit 93 gegen 66 Stimmen ab- gelehnt, dagegen die Dringlichkeit eines Antrages, wonach dem Kriegsminiftcr 30 Millionen Dinar für alle Eventualitäten zur Verfügung gestellt werden sollen, angenommen.
In der geheimen Sitzung der Skupschtina gab der Minister des Äußern Milowanowitsch ein Expose über die Lage. Nach ihm hielt der Kriegsmtnister Stefanowitsch eine längere Rede. Sodann wurde die Debatte eröffnet.
Ein offiziöses Communiqus bezeichnet alle Mel, düngen über Mobilisier nngsabsichten der Negierung als falsch. Im ganzen stehen nur 40 000 Mann unter Waffen. Weitere Einberufungen von Reservisten seien nicht in Aussicht genommen.
Der „Politika" zufolge hat sich ein aus den angesehensten Bürgerkreifen, Politikern, Generalen, Universitätsprofessoren und Journalisten bestehendes Komitee für die nationale Verteidigung konstituiert. Das Komitee hat sich die Aufgabe gestellt, Sie ganze Bewegung gegenüber der Annexion Bosniens und der Herzegowina zu leiten. — Dem „Mali Journal" zufolge hat sich auch ein revolutionäres Komitee zur Leitung einer Banden-Aktion gebildet.
Gerichts- und anderen Räte gerade zurzeit so furchtbar verbauen und zerschnitten erscheinen, wie man es diesmal fast bei jedem Bruder Studio bemerken konnte, hat doch eigentlich wenig Wert. Warum ein wohlgeratenes Ebenbild Gottes just verhackt tverden muß, um zu beweisen, daß sein Besitzer einst auf der Universität ein forscher Kerl gewesen, ist mir noch schleierhaft. Jedoch liegt auch hier vielleicht ein tiefer Sinn im k i n d ' s ch e n Spiele. ■—
Die Fürstenloge blieb auch am Sonntag leer. Auch die Offiziere waren in geringer Zahl erschienen, nur unser „Kommandierender", Exzellenz Eichhorn, der fast immer den Rennen beiwohnt, war wiederum anwesend. — Von famoser Wirkung ist stets die Abfahrt vom Turfplatze, jurnal das neue Sprcngungsmittel, das den Staub bändigen soll, sich auf's beste bewährt. Das fauchende Automobil hat doch noch nicht völlm die bekannt-schönen Frankfurter Equipagen verdrängt. In endlos langer Reihe zog sich die Abfahrt, oft zum Korso sich bildend, hin, flankiert von den Tausenden, die gekommen waren, diesem schönen Schauspiele wirklicher Eleganz beizuwohnen. Daß die Polizei musterhafte Ordnung zu halten versteht, wenn cs gilt, einen Riesenverkehr glatt abzuwickeln, hat sich auch diesmal
wieder gezeigt.-Nun haben wir noch den letzten
Tag, den Dienstag, vor uns; dann versinkt der Turfplatz mit seinen schönen, weltstädtischen Bildern für ein halbes Jahr wieder in stille Waldeinsamkeit und Knecht Ruprecht hat Zeit, dort um Mitternacht fleißig Ruten zu schneiden, oder dem Christkind zu helfen, die lieben trauten Weibnachtsbäume auszusuchen! —
A. Lill.
