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Nr. 46W.
Wiesbaden, Mittwoch, 7 . Oktober ISOg.
56. Jahrgang.
Morgen- Kusgabe.
_ i. Wtcrtt.
Eine Anklageschrift.
* Wiesbaden, 6. Oktober.
Wer weiß davon, daß an: 3. September ein „Deutscher Verein für Motor-Luftschiffahrt" begründet worden ist? Dies Ereignis ist merkwürdig spurlos vorübergegangen, und das Bekenntnis kann gemacht werden, daß die jedenfalls darüber in den Blättern erschienenen Notizen übersehen worden sind. Im Grunde genommen will das sagen, daß die Öffentlichkeit keine intimere Fühlung mit dem Vorgänge genommen hat. Jetzt erinnert eine Broschüre von R u ö o I f Martin, die sich als heftige Anklage gegen den Geheimrat Le- wald aus deni Neichsamt des Innern einführt (sie ist betitelt: „Der Verlust des Luftkreuzers" und ist bei
Kohlhammer in Stuttgart erschienen), an die Gründung des Vereins von neuem, Martin ist freilich irrt wahren Wortsinne „der nächste dazu", denn er selbst bekennt sich als den Vater des Gedankens. Er allein hat den Verein ins Leben gerufen, der nichts Geringeres bezweckt, als aus den regelmäßigen Jahresbeiträgen ferner Mitglieder und aus freiwilligen Spenden die Kapitalien für die Anschaffung von Motor-Luftfahrzeugen und die Herstellung von Luftschifshäfen zu entnehmen. Den Mitgliedern wird die verlockende Aussicht eröffnet, kraft ihrer Beiträge kostenfrei Fahrten mit den zu bauenden Luftschiffen zu untet'nehmen. Wer 20 Mark jährlich entrichtet, hat das Recht auf eine kurze Luftreise, so weit der Vorstand hierzu die Möglichkeit hat; mehr als 20 Kilometer aber dürfen es nicht sein. Ein Jahresbeitrag von 40 Mark berechtigt jedoch zrr 60 Kilometern, ein Jahresbeitrag von 60 Mark zu 80 Kiloinetern, ein Jahresbeitrag von 300 Mark zu 750 Kilometern. Will ein Mitglied länger fahren, so muß es die weiteren Kilometer bezahlen. So ungefähr denkt sich Martin die nächsten Gegenwerte für die Teilnahme an seinem neueit Verein, Eine Prophezeiung wäre ein gewagtes Ding. Es könnte vielleicht doch sein, daß die Sache in Fluß kommt, vorausgesetzt, daß sich die rechten Männer finden, um der Anregung eine breitere Bahn zu eröffnen. Das längste Buch von Rudolf Martin erweckt nun aber nach einer andern Seite hin jedenfalls ein stärkeres und wahlberechtigtes Interesse. Es handelt sich hier, wie gesagt, um eitle herbe Anklage, und was zu ihrer Begründung beigebracht wird, läßt sich hören, muß auch gehört werden. Zwar nachträglich ändern kann man an den beklagten tlbel- ständcn nichts mehr, aber nützlich bleibt cs doch, die Dinge selbst in der rechten Beleuchtung zu sehen.
Martin behauptet denn also: Die Schuld att dem Verluste des Zeppelfttschett Luftschiffs Nr. 4 trifft die
FemAetorr.
Machdruck verboten.)
Dkl internationale MMmrch in DeuWand.
Vom internationalen Pressekongreß erhalten wir die folgende Betrachtung von einem a u s l ä n ö i s ch e tt Teilnehmer.
Indem ich versuchen will, dem mir ausgedrücktcn Wunsche gemäß eitrige Eindrücke wioderzugeben, die der internationale Preffekongretz in Deutschland aus die Ausländer gemacht hat, bin ich mir nur zu wohl bewußt, daß die einfachste Regel der Gastlichkeit es erheischen würde, Sie lediglich mit Komplimenten zu überschütten. Für so etwas wäre ich nun allerdings nicht zu haben. Aber ich weiß auch, daß Ihnen damit auch nicht gedient sein würde. Darf ich daher den Gepflogenheiten ein Schnippchen schlagen und dreist reden, wie mir's vom Herzen kommt? ES bleibt dann immer noch genug übrig, worauf Sie stolz sein können, denn ich will nur gleich betonen: Ich habe schon manchen Kongreß in manchen Landen mitgemacht und ein gar freundliches Entgegenkommen gefunden, aber so etwas Großartiges und Herzerquickendes zugleich, wie bei dem Kongreß in Deutschland uns geboten, sowohl von seiten unserer geschützten Kollegen wie auch vom Publikum und ganz insbesondere auch von dctt Behörden des Landes, Haben wir alle zuvor nirgends erfahren. Darüber herrscht unter den fremden Gästen nur eine Stimme, und wenn sic öffentlich vielleicht nicht immer fo laut zum Ausdruck gebracht worden ist wie tat engeren Kreis der Ausländer selbst, so kommt das daher, daß die Aufnahme, die wir erfahren haben, ganz überwältigend war und geradezu Beklemmungen verursachte. Selbst Journalisten — wenigstens die ausländischen — sind doch nur Menschen! Die vor Ihnen Kongresse ab- hielten, lassen sich nicht gern in den Schatten stellen, und die nach Ihnen kommen, hätten es erst recht lieber gesehen, wenn Berlin, Frankfurt und Wiesbaden eine
Reichsverwaltung, insbesondere den Reichs- kommissar aus dem Reichsamt des Innern, den Geheimrat Lewald. Seine Aufgabe wäre es gewesen, nach der zwölfstündigen Dauerfahrt des Grafen Zeppelin durch die Schweiz am 1. Juli die Initiative zum Ankauf des Luftschiffs zu ergreifen. Alt ihm war es, für einen Verzicht aus die 24stündige Dauerfahrt einzu- treten. Graf Zeppelin wäre gern bereit gewesen, an jedem Tage seit dem t. Juli 1908 sein Aluminium- Luftschiff Nr. 4 dem Reiche zu verkaufen. Er war überhaupt gar nicht itt der Lage, den Verkauf zu verweigern, da die Vereinbarung. zwischen ihm und dem Reiche schon vor Monaten geschlossen worden war. Das Reich nahm aber trotz der glänzenden 12stündigen Dauerfahrt am 1. Juli das Luftschiff nicht ab, sonderit bestand auf der Bedingung der 24stündigen Dauerfahrt, die nur bei ganz besonders günstigen Verhältnissen glücken konnte und aller Wahrscheinlichkeit nach den Untergang des Luftschiffs und möglicherweise auch des Grafen Zeppelin und seines gesamten Stabes an Ingenieuren herbeiführen mußte. Für die Zwecke des. Heeres uitd der Marine genügte der Befähigungsnachweis für eine zwölfstündige Dauerfahrt über 400 Kilometer, der ani I. Juli bereits erbracht worden war, vollkommen. Graf Zeppelin konnte als Erfinder nicht um Milderung der strengen Bedingungen bitten.
Dies die Anklage. Leider fehlt der Raum, die jeden- falls eindrucksvollen weiteren Beweise für die aufgestellte Behauptung hier anzuführen, aber einen Passus möchten wir doch nicht übergehen. Man wird Rudolf Martin kaunt widersprechen können, wenn er tt. a. schreibt: „Als man tu Frankreich und Eitgland er
kannte, daß die deutsche Reichsverwaltung das Aluminium-Luftschiff Nr. 4 ans Grund der zwölfstündigen Fahrt noch nicht abMnehmen gewillt war, muß man dort aufrichtige Freude empfunden haben, denn das starre Festhalten der Reichsvertvaltung an der Bedingung einer 24stllndigen Dauerfahrt war geeignet, die Entwicklung des deutschen Systems der lenkbaren Luftschiffe aufzuhalten uitd vielleicht auf Jahre hinaus unmöglich zu machen. Die Bedingung einer 24stündi- gen Dauerfahrt war so schwer ztr erfüllen, daß der Untergang des Aluminium-Luftschiffs Nr. 4 und der Tod des Erfinders und seiner Ingenieure überaus wahrscheinlich war. Würde Gras Zeppelin, Baron v. Bassus, der Oberingenicur Dürr, der Ingenieur Stahl, die beiden Luftschifskapitäne, sowie die Monteure und Chauffeure einer Katastrophe zum Opfer gefalle, t sein, so war es mit der schnellen Fortbildung dieses Systems zu Ende. Die deutsche Schule^ der Motorluftschiffahrt wäre von der französischen Schule geschlagen worden. Sowohl bei dem Versttch der 24- stüttdtgen Dauerfahrt ant 14. und 16. Juli als am 4. August 1908 barg das Aluminiumluftschiff Nr. 4 in seinen Gondeln und in seinem Laufsteg fast alle Ver
nicht ganz so glänzende Gastlichkeit entfaltet hätten. Und so hörte man mehrfach nur den Ausdruck: „Das sind ja -die reinen Protze n".
Ähnliche Gefühle des „N icht-zur tickst eh c n -wollen s" mögen denn auch auf deutscher Seite sich wohl geltend gemacht haben. Es war mir zuweilen, als hätte man sich gesagt: „Wir wollen unseren fremden Besuchern doch einmal zeigen, was wir können". O, ich möchte die Bc- weggründe der erwiesenen Gastlichkeit damit nicht ver-- kleinern. Mancher möchte wohl mal was zeigen, wenn er es nur könnte. Die Deutschen haben nicht nur gewollt, sie haben cs auch g e k o n tt t.
Da war zunächst die Schwierigkeit der freien Eiscn- vahnmhrt zu überwinden. In allen anderen Ländern hattet! die Kongresststen stets freie Fahrt. „Seht" hieß cs nun, „wie viel weniger die Journalisten in Deutschland geachtet werden, sic müssen für ihre Eiscnbahn- fnhrten bezahlen wie andere Menschen." Und die ausländischen Kollegen hüttcit sich auch dazu bequemen müssen. Aber die Deutschen hatten im Auslande freie Fahrt gehabt und nun sollten ihre Gäste zu ihnen auf eigene Kosten kommen? Das ging doch nicht an. Und die Schwierigkeit wurde einfach dadurch gelöst, daß die deutschen Gastgeber in ihre eigene Tasche griffen — o über die golöstrotzenden Taschen deutscher Journalisten! — und so den Gästen ihre Fahrkarten präsentierten. WaS nun aber das Verhalten der deutschen Eisenbahn- Behörden anbelangt, so verstehe ich auch deren Standpunkt vollkommen. Sic erwarten ja keine Dienste von der Presse, warum sollen sie ihr da Vergünstigungen erweisen? Ich darf wohl gestehen, daß ich persönlich unser System vorziehe — aber die deutsche Anschauung der Dinge immerhin achten mutz. Wer könnte aber nach dem, was wir erlebt haben, noch wähnen, die deutschen Männer der Feder genossen bei den höchsten Behörden des Landes nicht das Ansehen und das Entgegenkommen wie die Presse in anderen Ländern, wenn wir erwägen, wie der Reichskanzler selbst uns alle zu einer besonderen G a r ten - Ge s cllschaft zu sich lud, und durch feine Ansprache sofort aller Herzen eroberte, dazu
sönlichkeiten, die als die Träger des starren Systems zu betrachten sind. Ging dieser Lufttreuzer bei der 24- stündigen Dauerfahrt zugrunde, so wurde auch ein großer Teil des praktischen Wissens uitd Könnens, welches durch die Arbeit eines Jahrzehnts_ in diesen Männern anfgestapelt war, für itnmer vernichtet!" So Martin. Es ist ein magerer Trost, daß der Bureaukra- tismus auch jenseits des Ozeans seinen schweren vernichtenden Gang tut. Auch Orville Wright ist ein Opfer dieses sich überhebenden Systems des Besserwissens oder des Alleinwissens geworden. Auch er hatte zuviel Stolz, um die amerikanische Regierung tim Milderung der schweren Bedingungen zu bitten. ^ Dorr fallt es zur Katastrophe, die ein Menschenleben kostete, ein anderes kostbares Menschenleben wahrscheinlich um einen Teil seiner physischen und vielleicht auch geistigen Kräfte brachte. Ist die Katastrophe auf deutschem Boden unblutig abgegangen, so bleiben ihre Lehren und Anklagen dafür noch eindringlicher.
Die Kriegsgefahr auf dem Kalkan.
Die düsteren politischen Wetterwolken auf dem Balkan lenken die Aufmerksamkeit auf die Armee der Türkei und ihres bisherigen Vasallenstaates, des bulgarischen Fürstentums, das nicht davor zurückzuschrecken scheint, der Türkei und zugleich ganz Europa Trotz zu bieten. Wenn auch immer noch anzunehmen ist, daß — vor allen Dingen infolge_ der augenblicklichen Schwäche der Türkei — der Krieg vermieden wird,.—- so werden doch Angaben über die Stärkeverhältnisse der beiden Gegner von großem Interesse sein:
Die bulgarische Armee.
Die Friedensstärke der bulgarischen Armee wird nach den ziemlich genauen Angaben des Jahres 1907 mit insgesamt 3278 Offizieren und rund 55 000 Unteroffizieren und Mannschaften angegeben. Seit jeher ist das Heer der besondere Stolz der bulgarischen Nation, und in ihm erblickt auch die Politik, der als letztes, heimliches Ziel stets die Unabhängigkeit des Landes vorgeschwebt hat, die gewichtige Waffe, mit der über die Zukunft der Nation dereinst entschieden iverden wird. Darum bildete der Ausbau und die Pflege des Heerwesens eine Hauptaufgabe der Regierung; heute opfert man nahezu 30 Prozent aller Staatseinnahmen für die Armee, int Jahre 1907 hat man mehr als 35 Millionen Leu ausgegeben und für das laufende Jahr sind sogar 16 Millionen Leu Mehrausgaben angekündigt. Ein jeder Bulgare ist ungeachtet seiner religiösen Überzeugung wehrpflichtig. Zwar genießen die Mohamme- daner noch das Recht, sich gegen eine Summe von 400 Mark loszukaufen, aber die Zahl der Mohammedaner in der bulgarischen Armee ist von Jahr zu Jahr zurück- gegangen. Die Wehrpflicht beginnt mit dem 18. Jahre
aber fast das gesamte Kabinett am Eröffnungstage des Kongresses bei uns sich einsand? Was will man mehr, wenn so die Minister und Journalisten wie Kinder des Hauses bei einander ein- und ausgehen? Ich habe mir auf die Mitteilung socher Eindrücke hin von deutschen Journalisten allerdings sagen lassen müssen, daß diese solche Höflichkeitsbezeigungen wesentlich skeptischer beurteilen. Sic meinen, man könnte viel sagen, aber ganz anders denken und handeln: sie hätten durchaus keine Veranlassung, über die richtige Einschätzung der kulturellen Bedeutung der Presse in ihrem eigenen Lande sonderlich befriedigt zu sein. Und doch, wie unermüdlich die leitenden Staatsmänner waren, uns aus die hohe Bedeutung, den unermeßlichen Einfluß usw. uftv. der Presse aufmerksam zu machen! Man darf also wohl hoffen, daß sie diese Wertschätzung ihren eigenen Worten gemäß auch unseren deutschen Kollegen in Zukunft in gleicher Weife entgegenbringen, wie jetzt den internationalen Vertretern. Unsere deutschen Kollegen sind zum Teil aber selber in der Bewertung des unermeßlichen Einflusses der Presse bescheiden. Wir sind uns dessen schon lange bewußt gewesen!
Aber bescheiden sind unsere Gastgeber und wie selbst- verleugnend! Als der Andrang gar zu groß wurde, um bei gewissen Festlichkeiten — wie dem Bankett tat Rathaus — allen Raum zu bieten, da traten die Deutschen, selbst viele Delegierte, zurück, nur um die Gäste nicht un,gebührlich zu beengen. Das wurde aber nicht etwa an die große Glocke gehängt. Ich habe cs nur ganz zufällig erführen, nur weil ich eben so manchen deutschen Mann der Feder vermißte. Und wie anerkennenswert auch die Beweggründe waren, die dadurch benötigte Abwesenheit so mancher einheimischen Größen habe ich immerhin mit Bedauern empfunden. Indessen selbst der bewundernswerte Herr Schweitzer und alle i seine Getreuen, denen sonst alles möglich war, konnten doch nicht gerade Wände erweitern. Wie hat sich dem gegenüber in anderen Ländern ein lokales Schmarotzertum oft breit gemacht!
Man hat sich uns überall von der besten Seite ge-
