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Nr. 4G7.
Morgen - Busgabe.
i. Wtcrtt.
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Ire Fremdenlegiourirr.
Diejenige Frage, welche die Großmächte seit einer Reihe von Jahren am meisten beschäftigt und wiederholt einen Weltbrano zu entfachen gedroht hat, die marokkanische Frage, ist auf dem Wege schiedlich-friedlicher Lösung, und die in versöhnlichstem Geiste geführten Unterhandlungen über die Bedingungen, unter denen der neue Sultan Muley Hasid die Anerkennung der Mächte finden soll, nähern sich ihrem Abschluß, da die französische Regierung allem Anschein nach bereit ist, diejenigen Bedingungen fallen zu lassen, die der Erzielung eines Einverständnisses im Wege stehen. Angesichts dieser Sachlage ist nicht daran zu zweifeln, daß auch der Zwischenfall in Casablanca bald seine friedliche Lösung finden und daß die französische Regierung nicht zögern wird, für die krassen Übergriffe gegen die Beamten des deutschen Konsulats in Casablanca, die sich in berechtigter Ausübung ihrer Befugnisse der deutschen Fremdenlegionäre angenommen hatten, die geforderte Genugtuung zu geben.
Ist aber mit Sicherheit aus eine befriedigende Erledigung dieses auf das Verschulden untergeordneter französischer Stellen zurückzuführenden Zwischenfalles zu rechnen, so ist es doch begreiflich, wenn hierdurch aufs neue die Erörterung darüber angeregt wird, ob es nicht irgend welche Mittel gäbe, der noch immer sehr zahlreichen Abwanderung deutscher Staats- angehöriger in die französische Fremdenlegion eiir Ende zu machen oder sie wenigstens zu erschweren. Leider rekrutiert sich die Fremdenlegion noch immer zu einem nicht geringen Teil aus Deutschen, und insbesondere sind es zahlreiche junge Leute aus Elsaß-Lothringen, die, verhetzt durch eine gewisse französische Presse, sich dem deutschen Heeresdienst entziehen, um den in der französischen Fremdenlegion freiwillig auf sich zu nehmen. Dieser chauvinistischen Begeisterung folgt freilich gar schnell die schwere, bittere Enttäuschung.
Durch Berichte über die Schicksale zurückgekehrter Fremdenlegionäre, die der einen oder anderen Zeitung Mitteilungen über die Erfahrungen ihrer Dienst- und Leidenszeit machen, wird die Öffentlichkeit von Zeit zu Zeit darüber unterrichtet, wie furchtbar die Zustände in der französischen Fremdenlegion sind. Der Dienst ist anstrengend und hart, das Klima in Afrika, Tongking und so weiter vielfach mörderisch und die Behandlung, wie das bei einer so bunt zusammengewürfelten Truppe freilich kaum zu verwundern ist, außer- ordentlich streng und vielfach entsetzlich grausam. Diejenigen jungen Leute, die aus angeborener Abenteuer- sucht oder weil irgend eine unglückselige Lektüre bei ihnen den Drang zu Heldentaten erweckt hat, in die Fremdenlegion eintreten, werden nur zu bald bitter
FenUleto».
„Me MMAst des nidjt MWsMtten".
Von dem jungen Ungar Dr. Ludwig Hatvany, der deutsche Universitäten mit Fleiß und Nutzen besucht hat, ist (bei Julius Zeitler in Leipzig) ein Buch erschienen, dessen Titel — er steht an der Spitze dieses Aufsatzes — wie ein Programm voll lakonischer Strenge, wie ein lapidares Gesetzgebungswort und wie ein nach waltendem Gesetz gefällter Urteilsspruch wirkt. Die Wissenschaft, die nicht wert ist, so zu heißen, oder die sich vielmehr mit Dingen beschäftigt, die cs nicht wert sind, gewußt zu werden, das ist die klassische Philologie, wie sie von den Philologieprofessoren an unseren Hochschulen gelehrt wird. Ist das wahr? Hatvany sagt es, Hatvany beweist es sogar, aber trotzdem springt die widerlegte, erschlagene, mit spitzer Feder erdolchte Frage wieder auf und meldet sich von neuem und tut, was eben Fragen tun, weil es ihr Lebensberuf ist, fragt also: Ist es wirklich so? Läßt sich nichts mehr daran ändern, daß die klassische Philologie das nicht Wissenswerte fälschlich noch Wissenschaft nennt und als solche traktiert?
Das Berliner Wilhelmsgymnasium feierte jüngst sein fünfzigjähriges Bestehen. Aus diesem Anlaß gab die Lehrerschaft eine Festschrift heraus, in der sich u. a. eine Übertragung des ersten Gesanges von „Hermann und Dorothea" in das Griechische befand. Welche Gelehrsamkeit! Welche Mühe! Welche Narrheit! Wie diele Nächte wird der Mann durchschwitzt haben, der sich in die Tintenflut dieses Alexandrrnertums warf! Aber wenn's auch für niemand von Nutzen ist, so trage ich: Wem schadet es? Wen geht es an. wenn dieser ehr
Wicsbcrdcn, Dienstag. G. Oktober LÄDT.
enttäuscht, und jene, die sich auf diesem Wege dem deutschen Heeresdienst entziehen wollten, erkennen schnell, daß sie aus dem Regen in die Traufe gekommen sind. Nun könnte man vielleicht meinen, daß die Berichte der entlassenen und vor allem die der glücklich cnr- kommenen Fremdenlegionäre parteiisch gefärbt sind. Aber wir können uns für die Darstellung der Zustände in der Fremdenlegion auf einen gewissen einwandfreien Zeugen berufen. Der Präsident der „Schutzgesellschaft der französisch gebliebenen Elsaß-Lothringer",. Graf d'Haussonville, veröffentlichte vor Jahresfrist eine Erklärung, in der er unter anderem zugab, daß es besonders schwer sei, für die entlassenen Legionäre Arbeit und Stellungen zu finden, „weil die Gesundheit von vielen unter ihnen, erschüttert durch einen langen Aufenthalt in den Kolonien, oft viel zu wünschen übrig läßt". Dies Zugeständnis von französischer Seite bedeutet eine wertvolle Ergänzung der Schilderungen, welche die Legionäre selbst von ihrer Leidenszeit geben, und der stummen Anklagen aller jener, welche über ihre Schicksale nichts mehr zu berichten vermögen, weil sie auf fremder Erde einsam und verlassen verdorben und gestorben sind.
Es sind nun neuerdings allerlei Vorschläge gemacht worden, wie man diese bedauerlichen Menschenopfer verhindern oder doch wenigstens einschränken könnte. Unter anderem ist die Anbahnung eines Abkommens mit der französischen Regierung angeregt worden, um den Eintritt von Deutschen in die Fremdenlegion zu verhindern. Aber die Franzosen werden sich hüten, aus ein solches Abkommen einzugehen, da ihnen Deutschland kein Äquivalent hierfür bieten kann, denn in die deutsche Armee werden ohnehin keine Ausländer eingestellt. Noch unpraktischer ist der Gedanke, diese Frage dem nächster; internationalen Friedens ko n g r eß zu unterbreiten, denn ein etwaiger Beschluß des Kongresses, demzufolge sämtliche Nationen sich verpflichteten, keine Ausländer für ihr Heer anzuwerben, hätte nur dann praktischen Wert, rvenn er einstimmig gefaßt würde. Daran ist aber nicht zu denken, da außer Frankreich auch die Nordamerikanische Union, deren Heer zum großen Teil aus eingewanderten Europäern besteht, rind Großbritannien, welches ohne die deutschen Seeleute feine Flotte nicht zu bemannen vermag, cincnr solchen Beschluß nie ihre Zustimmung geben würden. Neben der sehr erwünschten Androhung verschärfter Strafen für die französischen Werber wird somit das beste Mittel zur Bekämpfung dieser bedauerlichen Abwanderung in die Fremdenlegion immer die Aufklärungsarbeit seitens der Behörden, wie sie insbesondere in den Reichslanden ausgeübt wird, und vor allem die seitens der Presse sein, eine Tätigkeit, die durch den in Cöln bestehenden Verein ehemaliger Fremdenlegionäre tatkräftig^ unterstützt wird. Durch unermüdliche, immer wiederholte Warnungen wird zwar dieser Zug deutscher Abenteurer und Leichtfüße „nach dem Westen" nie ganz verhindert, aber doch die Anzahl der Opfer der Fremdenlegion vermindert werden können.
same Philologe seine Kunstfertigkeit zeigt wie ein Seiltänzer die seinige? Niemand braucht _ sich darum zu kümmern, der gelehrte Herr bereitet vielen sogar das Vergnügen erquickenden Spotts und des beglückenden Gefühls der Überlegenheit. Schließlich spült der große Strom des Lebens alle diese Kindereien mit sich fort, jedes kräftige Wort darüber ist schon ein Wort zu viel. Und dann, es gibt doch Menschen, denen solche Ver- spieltheiten Freude machen, die sich gern Masken vor- binden und rnit munterer Laune die Jahrtausende und ihre Kulturen durcheinanderwirbeln. Man braucht noch kein eingetrockneter Herbariumsmensch zu sein, wenn man sich an philologischem Kleinkrarn_ ergötzt. Man braucht noch nicht den Sinn für Großes eingebüßt zu haben, wenrc inan das Bric-ä-brac zärtlich streichelt. Und Bric-ä-brae gibt es überall: so zum Beispiel ;n der Goethephilologie, so in der historischen Forschung. Man lasse nur jeden gewähren, und wenn nicht die Kärrner wären, die ihr Behagen an diesem nieder:; Dienst haben, könnten die Könige nicht bauen.
Aber Wehe über die imglückliche Neigung zur G e - rechtigkeit! Macht sie nicht schwach und schwankend? Ja, sie lähmt die Kraft, mit der man stoßen soll, was fallen will. Ja, sie wird zur Ungerechtigkeit gegen sich selbst, da sic dem zu Bekämpfenden Daserns- rechte zuschreibt, die l ä n g st v e r w i r fjsind, _ verwirkt durch die Unfähigkeit, abgestorbene Säfte wieder in Bewegung zu bringen. Generation auf Generation leidet furchtbar unter dem Joch eines geistlos gewordenen Schulbetriebes, wir starren w>.e gelähmt auf dies gehäufte Nationalunglück, das Herz belastet von Trauer und Zorn, wir hören die Stimmen der Warner, aber nur wenig geschieht zirr Besserung der Krankheit. Mal hier, mal da wird ein Pflästerchen ausaeleat, sonst bleibt es. wie es i;t. Und wenn man
ES. Jahrgang.
UslMschs Übersicht.
RrMrnrd als Käufer.
ri. Kopenhagen, 4. Oktober.
Der Fall Alöerti erregt hier die Gemüter noch immer außerordentlich und auch in der Kammer hat er zu scharfen Reden geführt. Man scheint dabei ganz zu vergessen, daß es ja nicht das erste Mal ist, daß ein dänischer Minister mit seinen „Geschäften" recht unangenehmes Aufsehen in der Öffentlichkeit erregt hat, rvenn auch Herr Alberii den Ruhm für sich beanspruchen darf, der erste Schwindler großen Stiles ans dänischen Ministersesseln gewesen zu sein. Der frühere Fall ist interessant genug, um erzählt zu werden, um so mehr, als seine Details damals nicht in die größere Öffentlichkeit drangen: Der dänische Kriegsminister hatte ein Maschinengewehr erfunden, das wohl sehr gut sein mußte, denn Rußland — cs war in der Zeit des russisch-japanischen Krieges bestellte sofort 1200 Stück davon. Wohl „der Einfachheit wegen" beauftragte der Erfinder die staatliche Geschützgießerei mit der Herstellung der Waffen und cs wäre alles glatt gegangen, wenn man nicht mit dem Vermittler des Geschäfts sich in Differenzen über die Revision eingelassen hätte. Der aber lief wutentbrannt zu der Redaktion des führenden Sozialistenblattes und dies schlug der Neu- iralitätsverletzung wegen und weil es sich gerade um den Russenzaren handelte, sofort Lärm, eine Interpellation im Landtage folgte und — der Herr Minister stolperte über seine Geschäftstüchtigkeit. Die Sache hat aber noch ein Nachspiel, das in die allerneueste Zeit fällt und eine gewisse Aktualität gerade für Deutschland besitzt. Als der Skandal lvsging, waren nämlich bereits 180 von den bestellten 1200 Maschinengewehren albgeliefert, die Rußland auch behielt. Nun ging cs ans Zahlen — sollen (es handelt sich im ganzen um rund 1 Million Mark), da erklärte das Kricgsministerium kühl und gelassen, daß es gar nicht daran denke, die 180 Stück zu bezahlen, cs habe 1200 Stück bestellt und bis diese nicht geliefert seien, rücke es nicht eine Kopeke heraus! Das snnd viele andere, ja längst bekannte Fälle. D. Red.) wirft ein recht eigentümliches Licht ans den guten Willen des Zarenreiches, seine Schulden zu bezahlen und man hat daher die telegraphische Gratulation des Deutschen Kaisers an die mit den großen russischen Aufträgen beglückte Werft hier mit einigem Kopfschüttcln ausgenommen. Zum Glückwünschen ist doch vorläufig gar kein Grund — erst heißt es abwarten, ob Rußland auch zahlt, was es bestellt hat!
Wir Ferdinand Fürst von Bulgarien wurde,
davon weiß ein Mitarbeiter des „Petit Journals" nähere Einzelheiten zu berichten, die der verstorbene Stambulow, der vor dem Regierungsantritt des Fürsten Ferdinand und auch dann noch mehrere Jahre lang mit fast diktatorischer Strenge die Regierung führte, kurz nach seinem Sturze dem Journalisten er- zählt hat. „Ich und einige Delegierten der bulgarischen Nation", so schilderte der verbitterte, nicht unparteiische Stambulow den Hergang, „waren S25 der
recht betrachtet, ist der letzte Grund des Übels immer der entseelte, entkernte, ausgehöhlte, spitzsindig-alexaudrinische Betrieb der a l t e n S P r a ch e u aus unseren Gymnasien, diesen Zwangsan st alten für unschuldige Kinder, wie Hatvany sie nennt. Das Unglück ist, daß es zu viel altklassische Philologen gibt. Wer rettet uns vor ihnen?
Es gäbe wohl ein Mittel. Wenn die Universitätslehrer Männer von geradem Wuchs, gesunden Lebensregungen wären und keine verdorrten Mumienseelen, dann gingen aus ihren seminaristischen Drillanstalten vielleicht Jünglinge hervor, die das heilige Feuer der Antike in glühenden Herzen wahren und den begierig sich herandrängenden Knaben wie einen geweihten Schatz in die empfänglichen Gemüter senken könnten. Statt dessen, was sehen wir? Gymnasiallehrer, denen es eine tückische Wonne ist, junge «Seelen in die Wolfsgruben grammatikalischer Kniffliglei ten zu locken und bei der Beschäftigung mit den griechischen Dichtern d i e S ch ö n heit h i nauszujagc;;. Wir sehen Lehrer, die ihre Schüler die irrealen hypothetischen Sätze übertragen lassen und mit dieser Akrobatendressur eine Erziehung für das Leben vorzubereiten behaupten. „Irreale hypothetische Sätze, schwere grammatische Übungen sind also scheinbar jene Kulturelemente, welche das Altertum der Moderne darreicht. Ist das menschenmöglich? Steht man vor einem Absurden, welches zu allgemein ist, als daß es in der Willkür eines einzelnen, in einer Nationalgewohnheit oder Modetorheit seinen Ursprung haben könnte, und sucht man doch nach den Ursachen, so grbt einem nicht der gesunde Menschenverstand Antwort, sondern die Geschichte, die Mag'istra vitae, die graue Erzieherin. die verbissene Gouvernante des Lebens."
