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Nr. 466,

Wiesbaden, Montag, 5. Oktober 1908.

SK. Jahrgang»

Kvenö-Ausgabe.

1. MLatt.

Die Mlbmg der Dine ns dm Dilds».

^ Wiesbaden. 8. Oktober.

Die Lage im Wetterwinkel des europäischen Kon­tinents beginnt ein so bedrohliches Ansehen zu gewinnen, daß man die Entwickelung der Dinge in den nächsten Tagen auf dem ganzen Welttheater mit der größten Spannung beobachten wird. Alle anderen Fragen, selbst diejenige von Marokko und des letzten Zwischenfalles von Casablanca, dieses herausfordernden Übergriffes der französischen Gewalthaber in Casablanca, auf dessen gebührende Zurückweisung durch die deutsche Regierung wir bisher noch warten, stehen augen­blicklich zurück vor dem Interesse, das der Umschwung der Dinge auf dem Balkan beansprucht. Denn während an einer friedlichen Beilegung des deutsch-französischen Zwischenfalls einstweilen niemand zweifelt die franzö­sische Negierung wird sich eben zu einer gebührenden Genugtuung um so mehr entschließen müssen, als die neueste Beförderung des reichlich anmaßenden Generals D'Amade fast wie eine Belohnung für die Übergriffe in Casablanca anssieht steht die Sache im Südosten Europas zurzeit auf des Messers Schneide. Nach zwei Richtungen hin hat die so friedlich verlaufene Um­wälzung im ottomanischen Reiche Folgcaktioncn gezeitigt, die trotz der ruhigen Auffassung der Dinge, die man sich in den Schreibstuben der Diplomaten einstweilen noch bewahrt, mit einem Schlage wie eine Brandfackel im Pulverfaß die angehäuften internationalen Zündstoffe auf dem Balkan zu einer Explosion bringen können, einer Explosion, die dann trotz aller noch so friedlichen Tendenzen der internationalen Großmächte die Auf­rollung des ganzen Balkanproblems mit zwingender Notwendigkeit nach sich ziehen könnte. Von der einen Angelegenheit, der bosnischen Frage, gilt dies weniger als von der andern, der bulgarischen.

Österreich-Ungarn, dessen Galkanpolitir seit einiger Zeit schon mit dem Sandschakbahnprojekt einen aktiveren Charakter annahm, will die Gelegenheit be­nutzen, um die ihm im Berliner Vertrag zur Ver­waltung anvertrauten ehemaligen türkischen Provinzen iVosmen und Herzegowina in irgend einer Form sich staatsrechtlich anznzliedern. Wie die unten wiederge- gebenen Meldungen beweisen, hat es eine umfassende diplomatische Aktion in diesem Sinne bei den Kabinetten angeregt. Da es sich in Wirklichkeit dabei nur um die Billigung eines äs facto schon vorher bestehenden Ver­hältnisses handelt, ist es kaum anzunehmen, daß aus dieser Frage ernstere Schwierigkeiten sich ergeben. Aller­dings ist mit dem Widerstande der Serben zu rechnen.

Ein weit gefährlicheres Aussehen hat jedoch die türkisch-bulgarische Frage genommen. Während noch die Verhandlungen über eine gütliche Beilegung des durch unrechtmäßiges Vorgehen auf bulgarischer Seite hervor­gerufenen Orientbahnprojekts unter den Mächten schweben, scheint Bulgarien den Augenblick für ge­kommen zu erachten, seine Unabhängikeit von der Türkei zu proklamieren. Nach einer unten mitgeteilten Meldung ist üaS sogar schon geschehen. Daß die in Konstantinopcl augenblicklich am Rüder befindlichen Jungtürken wenn sie nicht alles aufs Spiel setzen wollen das ruhig hinnehmcn würden, ist nicht anzunehmen. Auf beiden Seiten werden denn auch in fieberhafter Tätig­keit Kriegsvorbereitungen getroffen und man kann nicht wissen, was die nächsten Tage bringen. Jedenfalls werden die Großmächte alles tun, um noch in letzter Stunde den fast unvermeidbar gewordenen Ausbruch des offenen Konflikts zu verhindern.

Aus der Fülle der vorliegenden telegraphischen Meldungen geben die nachstehenden einen Überblick:

Die Türkei und Bulgarien.

Der türkische Kriegsrninistcr ordnete weitere Ge­schütz- und Munitionssendungen nach Adrianopel und Saloniki an.

Nach einer Meldung aus Konstantinopel erhielten 6 Kavallerie-Regimenter gestern Befehl zum Abmarsch, so daß mit den an der bulgarischen Grenze bereits ausge­stellten 14 Reiterregimentern eine fürs erste ausreichende Grenzbewachung vorhanden ist. Gleichfalls aus Kon­stantinopel liegt eine Depesche über starke Bewegung rumänischer Truppen längs der Landesgrenze vor.

. Paris, 5. Oktober. (Drahtbericht.) Aus Sofia meldet derMatin": Für den Fall, daß die Türkei sich für die Kriegserklärung entschließen sollte, sind die bulgarischen Maßnahmen bereits getroffen worden. Fn wenigen Tagen würde A d r i a n o p e l besetzt sein und die bulgarischen Truppen sich aus dem Wege nach stonstantinopel befinden.

Die bulgarische Regierung hat Freitag, wie der an zuständmer, Stelleerfahrcn hat. den Vertretern

der Mächte in Sofia eine Erklärung überreicht, die mit ihrem bereits mitgetcilten Expose ungefähr gleichlautend ist. Als eine befriedigende Antwort kann dies nicht gelten, da jedes Entgegenkommen gegenüber der Pforte wie auch gegenüber den Protesten der Signatarmächtc fehlt.

Der Fürst von Bulgarien traf gestern abend in Rustschuk ein, wo er von sämtlichen Ministern erwartet wurde. Es fand ein Ministerrat unter dem Vorsitz des Fürsten statt, in welchem die schwebenden Streitfragen zur Entscheidung gelangen sollten.

Die bulgarischen Blätter verzeichnen den Entschluß des Ministeriums, die Erklärung der U n a b h ü n g i g - kert Bulgariens durchznsetzen oder zu demissionieren.

DerTemps" will wissen, Fürst Ferdinand von Bul­garien werde sich heute in Tirnowo zum unabhängigen Souverän proklamieren und den TitelZar der Bulgaren" annehmen.

Die bulgarische Regierung erteilte der Orientbahn auf ihren Protest folgende Antwort: Die bulgarische

Regierung ist nicht in der Lage, die Eisenbahn her- auszugeben unb wird auch nicht in dieser Ange­legenheit mit der Pforte unterhandeln. t Sofia. 5. Oktober. (Eigener Drahtbericht.) Die Alliance Vulgare" meldet: Bulgarien ist in Tirnovo zum unabhängigen Königreich proklamiert worden.

wb. Cöln, 3. Oktober. DieCöln. Ztg." schreibt zu dem bulgarischen Gewaltstreich u. a.: Uns will scheinen, daß der von Bulgarien eingeschlagene Weg, die Bclriebsgesellschaft der orientalischen Eisenbahn solle mit Bulgarien über die Abtretung des Vahnnetzes verhandeln, insofern nicht gangbar ist, weil, abge­sehen von allen Rechtsfragen, die Türkei alS eigentlicher Besitzer der Bahn doch unmöglich ausgeschaltet werden kann. Der inzwischen von Rußland gemachte Vorschlag, die Streitfrage den Signatarmächten des Berliner Kon­gresses zu unterbreiten, beschäftige augenblicklich die europäische Diplomatie. Es wird sich nun fragen, ob durch den russischen Vorschlag, d. h. durch eine formell gemeinsame Behandlung ebenso rasch ein Ergebnis hcr- beigeführt werden kann wie durch eine individuelle Ein­wirkung der einzelnen Staaten. Eine Gesamterklärung aller Mächte würde natürlich ein größeres Gewicht haben,- aber aus den früheren Botschaftcrkonfcrcnzen in Konstantinopel kann man sich erinnern, daß dieser Mechanismus recht langsam arbeitete. Und darin könnte man vielleicht Bedenken gegen den an sich durchaus korrekten russischen Vorschlag erblicken, zumal eine recht schnelle Erledigung des Zwischenfalles zu wünschen ist.

. Wien, 8. Oktober. (Drahtbericht.j Die Verwal­tung der Orientbahn hat das hiesige Ministerium des Äußern ersucht, ihren Protest gegen die Besitzergreifung der bulgarischen Strecke bei der Regierung in Sofia zu unterstützen. Die Verwaltung verlangt von der bul­garischen Regierung einen S ch a d c n S e r s a tz von 15 000 Frank für jeden Tag der widerrechtlichen Fortführung ihrer Besitzergreifung. Im übrigen ist die Betriebsgc- fcllschaft der orientalischen Eisenbahn geneigt, den bul­garischen Ansprüchen gerecht zn werden, wenn Bulgarien mit der Türkei in Verhandlungen zwecks Ablösung em- tritt. Die Verwaltung verlangt aber 45 Millionen Mark als A b l ö s n n g s g n o t e.

wb. London, 4. Oktober. (Drahtbericht.) Wie das Rcntersche Bureau erfährt, hat die englische Regierung der türkischen und der bulgarischen Regierung Vor­schläge zur Beilegung der die Orkentvahn betreffen­den Streitfrage gemacht. Die Türkei habe sich bereit erklärt, einer Übertragung des mit der Orientbahngesell­schaft abgeschlossenen Pachtvertrages ans die bulgarische Regierung znzustimmen, vorausgesetzt, daß die Bahn vorläufig der Gesellschaft z u r ü ck g c g e b e n würde und die Rechte der türkischen Regierung gewahrt würden. Die englische Regierung hat die Signatarmächtc des Ber­liner Vertrages ersucht, der Negierung in Sofia diese Lösung der Streitfrage zu empfehlen, um den normalen Standpunkt wiederherznstellen. Dem Vernehmen nach sind die Großmächte übereingekommen, entsprechend vor- zugchen.

Keine Mobilisierung in Rumänien.

Eine Meldung derPol. Korresp." aus Bukarest bezeichnet das Gerücht, die rumänische Regierung hätte sich durch den Charakter, den der türkisch-bulgarische Kon­flikt angenommen habe, veranlaßt gesehen, die M obili­ste r n n g einer Armeedivision zu verfügen, für ganz n-- zntreffend. In Rumänien seien absolut keine militäri­schen Maßregeln getroffen worden, die mit den türkisch- bulgarischen Streitigkeiten irgendwie Zusammenhängen.

Zur bosnischen Frage.

Die Änderung des staatsrechtlichen Verhältnisses Bosniens und der Herzegowina zur Monarchie »>t nun­mehr beschlossene Sache. "Die Ankündigung dieser Maß­regel wird bereits im Laufe der Delegationstagung Er­folgen und damit begründet werden, daß eine Selbst­verwaltung der "okkupierten Provinzen nur möa-

lich ist, wenn vollständige Klarheit über das staats­rechtliche Verhältnis herrscht. Wahrscheinlich wird der Antrag auf Annexion- aus beiden Delegationen selbst heraus gestellt werden. Maßnahmen zur Verstärkung der Truppen in Bosnien und der Herzegowina sind ge­troffen. Ob eine vollständige Annexion der okkupierten Provinzen erfolgt, steht noch nicht definitiv fest, sicher aber wird Bosnien und die Herzegowina staats­rechtlich enger als bisher und in unverkennbarer Form in den Nahmen der Monarchie eingepatzt werden.

Wien, 6. Oktober. (Drahtbericht.) Wie von bcst- nnterrichterer Seite verlautet, wird die Frage der Be­sitzergreifung Bosniens und der Herzegowina durch Österreich in folgender Werse geregelt werden: Um den Berliner Vertrag nicht zu verletzen, wird der Versuch gemacht werden, die Erklärung der Annexion zu vermeiden. An Stelle dessen soll die Verkündigung der österreichisch-ungarischen Souveränität über Bos­nien und die Herzegowina erfolgen. Der österreichisch- ungarische Botschafter Szögyenyi ist gestern nach Berlin abgereist. Ebenso hat sich der österreichisch-ungarische Botschafter in Petersburg von hier nach Petersburg bc- geben, um mit den dortigen Regierungen zu verhandeln.

Wie dieAgenzia Stefani" aus Wien erfährt, reiste der österreichisch-ungarische Botschafter in Rom, Gras v. Lützow, mit einem eigenhändigen Schreiben des Kaisers Franz Joseph an den König Viktor Ernanucl nach Racconigi ab.

London, 8. Oktober. (Drahtbericht.) Der öster­reichische Botschafter in London begab sich gestern nach Schloß Balmoral, um dem König Eduard ein Hand­schreiben des Kaisers Franz Josef zu überreichen.

An Wiener informierter Stelle verlautet, daß in dem Handschreiben des Kaisers Franz Joseph an den Präsi­denten Fallier es betont wird, daß es bringend not­wendig geworden sei, eine Änderung in den bisherigen Verhältnissen der Okkupationsgebiete der österreichisch­ungarischen Monarchie eintreten zu lassen, doch werde dabei ausdrücklich versichert, daß diese Änderung sich innerhalb des Rahmens des Berliner Vertrages halten werde.

. Belgrad, 8. Oktober. (Drahtbericht.) Der Schritt der österreichischen-ungarischen Regierung in Paris wegen Bosnien hat hier die größte Sensation er­regt. Man nimmt an, daß ein gleicher Schritt auch bei den anderen Mächten erfolgt ist, um die Regierungen über die österreichisch-ungarischen Absichten auszuklären und die Abneigung gegen die Angliedcrung Bosniens zu überwinden.

Nach Äußerungen Her serbischen Presse zu schließen, rechnet man in Serbien bezüglich der Annexion Bos­niens und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn wie ans eine beschlossene Sache. Man ist wohl sehr unzu­frieden mit dem Vorhaben der Nachbarnwnarchie, aber man hält die Annexion für u n a u f h a l t b a r.

London, 5. Oktober. (Drahtbericht.) Wie dieTimes" erfährt, sind Deutschland und Italien entschlossen, Öster­reich hinsichtlich der Annexion Bosniens und der Herzegowina keinerlei Schwierigkeiten zu machen.

Paris, 8. Oktober. (Drahtbericht.) Der Budapestcr Korrespondent deFPetit Parisien" meldet, daß er eine Unterredung mit dem Abgeordneten Okolicsanns hatte, welcher erklärte, daß seiner Ansicht nach die Signatar­mächtc sich einer Annexion der Okkupationsländer n i ch t widersetzen würden. Man betrachte die Sache als eine Angelegenheit, welche zwischen Österreich und der Türkei allein zu regeln sei.

Pariser Prcßstimurerr.

Die Pariser Blätter kommentieren sehr lebhaft den Empfang des österreichischen Botschafters im Elysöc. Matin" behauptet, Ereignisse von größter Wichtigkeit würden ans dem Balkan vorbereitet. In dem Briefe an den Präsidenten Fallisres stelle Kaiser Franz Joseph Frankreich und die übrigen Mächte vor eine vollen­dete Tatsache. Das Einvernehmen ganz Europas sei notwendig, um den drohenden Brand ans dem Balkan zu ersticken. Präsident Fallisres wird demEcho de Paris" zufolge im Einvernehmen mit Clemencea» und Pichon die Antwortnote an Österreich verfassen. Der nächste Ministerrat wird sich mit dieser Angelegenheit beschäftigen.Ganlois" glaubt, daß das Haager Schieds­gericht angerufen werden wird.Petite Ropnbliquc" er­klärt, daß der Brief des Kaisers an den Präsidenten ein friedlicher Schritt sei und daß der Kaiser das Ende seiner Regierung nicht durch einen Krieg wegen der Orientfrage getrübt sehen wolle.

Rußland und die bosnische Frage.

Eine den russischen Regierungskreisen sehr nahe­stehende Persönlichkeit hat sich einem unserer Mitarbeiter gegenüber über den Standpunkt Rußlands einer Annexion Bosniens durch die österreichische Regierung in folgendem Sinne geäußert: Man hat bei uns einer Anfrage der österreichischen Regierung über dieses Thema aus diesem Grunde keine abschläaiae Antwort besKieden,