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Nr. 457.
Morgen - Ausgabe.
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§otr ücrs 4. ^puarfal* 1908
auf das
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Später, als man allgemein erwartet hatte, wird der Deutsche Reichstag in diesem Herbst zusammentreten: Erst am 4. November werden sich die Pforten des Wallothauses den Volksvertretern wieder öffnen. Nur diesenigen Mitglieder des Hauses, die der sozialpolitischen Kommission anachören, werden sich bereits in der zweiten Oktoberhälfte in die parlamentarische Arbeit stürzen: da der Reichstag im Frühjahr nicht geschlossen, sondern vertagt worden ist, so kann die Kommission die von ihr begonnenen Beratungen über verschiedene Gesetzentwürfe sozialpolitischen Charakters ohne weiteres fortsetzen. Ob freilich die Beratung sozialpolitischer Fragen durch die Kommission sonderlich dringlich ist, bleibe dahingestellt. Wie die Dinge liegen, ist kaum anzunehmen, daß der Reichstag bis zur nächsten Sommerpause sozialpolitische Vorlagen von besonderer Bedeutung wird erledigen können. Aller Voraussicht nach wird die Verabschiedung der N e i ch s f i n a n z - r e f o r m und die Bewilligung des Etats last die gesamte Arbeitszeit der Volksvertretung in Anspruch nehmen: was dein Reichstag daneben noch an Zeit zur Verfügung steht, dürfte so gering bemessen sein, daß es zur Erledigung der nun nicht länger aufschieübaren Beamtenaufbesserung nur gerade noch hinreicht.
Die Finanzreformvorlage wird dem Reichstag sofort bei seineni Zusammentritt unterbreitet werden und dürfte eine außerordentlich umfangreiche erste Lesung im Gefolge haben. Unmittelbar nach der ersten Lesung der Finanzreform und noch vor der Weihnachtspause wird das Haus die Beamtenvorlagen in Angriff nehmen müssen. Auch hier dürste sich die erste Lesung sehr ausgedehnt gestalten, und es ist kaum damit zu rechnen, daß außer diesen beiden großen Vorlagen und
Wiesbaden, Mittwoch, Sv. September 1908.
dem vor Weihnachten ebenfalls noch in erster Lesung zu erledigenden Etat irgend eine andere Vorlage überhaupt noch zur Erörterung kommt. Aber auch nach der Weihnachtspause wird für andere als diese drei Vorlagen keine Erörterungsmöglichkeit bestehen. Höchstens wird der Reichstag die noch aus der Frühjahrstagung restierenden kleinen Gesetzentwürfe, wie den Entwurf, betreffend die Herstellung von Zigarren in der Hausarbeit. und allenfalls noch den Entwurf, betreffend Maßnahmen gegen den Rückgang des Ertrages der Maischbottichsteuer, verabschieden können. Aber auch nur dann, wenn er sich einer längeren Erörterung dieser Vorlagen enthält.
Von den beiden großen sozialpolitischen Entwürfen, der großen G e w e r b e o r d n u n g s - N o v e l l e, die neben der Regelung der Frauen- und Kinderarbeit in Fabriken auch eine einschneidende Änderung des Schankkonzessionswesens bringen soll, und von. der I u st i z r e f o r m , die wir auch zu den sozialpolitischen Entwürfen rechnen, wird in dieser Tagung des hohen Hauses nicht mehr die Rede sein können. Dasselbe gilt von dem Gesetzentwurf, betreffend die Sicherung der Bauforder un ge n, von der Wechsel st empel- st e u e r n o v e I l e und der Novelle zum Hilfs- k a f s e n g e s e tz. Selbst wenn die Regierung den Reichstag im künftigen Frühjahr außergewöhnlich lange tagen lasten wollte, wäre es doch unmöglich, diese Vorlagen auch nur in Angriff zu nehmen. Bis zum April wird die Volksvertretung alle Hände voll zu tun haben, um die zweite und dritte Lesung der drei großen, untrennbar mit einander zusammenhängenden Finanzvorlagen.. Etat, Reichsfinanzreform und Beamtenbesoldung, zu bewältigen. Nach dem l. April große Vorlagen überhaupt noch zur Debatte zu stellen, ist in jedem Falle zwecklos, ob man nun den Reichstag im Frühjahr wieder nur vertagt oder die Session schließt. Man wird sich deshalb ini Volke mit dem Gedanken abzufinden haben, daß sowohl die große Gewerbeordnungsnovelle wie die Strafprozetzreform erst in der nächsten Herbsttagung zur Erörterung und, wenn überhaupt, io erst in der nächsten Frühjahrstagung zur Verabschiedung kommen werden. Auch die Zivilprozeßnovelle wird kaum früher Gesetz werden.
Diese ganze Wahrscheinlichkeitsrechnung kann sich natürlich nur dann bestätigen, wenn die Reichsfinanz- reform in einer für die Regierung annehmbaren Ge- statt zustande kommt. Geschieht das nicht, so gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder das Ministerium Büloiv tritt zurück oder der Reichstag wird aufgelöst. Sollte es in der Tat zu keiner Verständigung zwischen der Negierung und dem Reichstag im Punkt der Neichsfinanz- reform kommen, so dürste die zweite hier erwähnte Möglichkeit, die Auflösung des Reichstages, vom Kaiser der Verabschiedung Biilows ohne weiteres vorgezogen werden. Das Wort: „B e rn h a r d , d u b l e i b st ,
86. Jahrgang.
ob mit oder ohne Block!", ist tatsächlich von den Lippen des Kaisers gefallen, und eingeweihte Kreise wollen wissen, daß der Herrscher unerschütterlich entschlossen sei, nach diesem Worte zu handeln. In Regierungskreisen rechnet man vor der Hand ganz und gar nicht mit der Eventualität einer Reichstags-Auflösung. Sollte sie aber wider Erwarten doch notwendig werden, so ist man an den leitenden Stellen überzeugt, daß bei den Neuwahlen die Reichsfinanzreform eine nationale Wahlparole abgeben würde, die der Negierung eine verläßliche Mehrheit im neuen Reichstag verbürgt. Jndeß all das sind Möglichkeiten, die kaum zur Tatsache werden dürsten. Die Regierung hat zweifellos schon heute eine starke Berechtigung,. eine Verständigung mit dem Reichstag in der Finanzresorm-' frage als so gut wie gewiß anzusehen. Und so wird denn die parlamentarische Winter- und Frühjahrs- Kampagne wohl hitzige Redeschlachten, aber keine großen Konflikte oder gefährlichere innere Krisen bringen.
Der preußische Landtag
tritt am 20. Oktober wieder zusammen. Die bevorstehende Tagung dürfte sich außerordentlich lebhaft gestalten. Wenn man bisher als das Hauptstück der parlamentarischen Winterarbeit der preußischen Volksvertretung die Beamtenbesoldungsvorlagen ansehen mußte, so hat sich die Sache wesentlich geändert, nachdem der Finanzminister auch für Preußen eine Finanzreform als nächste Aufgabe der Gesetzgebung angekündigt hat. Die Beamtenbesoldungsvorlagen werden im Zusammenhang mit einer durchgreifenden Reform des Einkommensteuergesetzes zur Debatte gestellt werden. Die preußische Regierung macht das Zustandekommen der Besoldungsgesetze von einer wesentlichen Erhöhung des Einkommensieuertarifs abhängig. Es bestätigt sich, daß Herr v. Rheinbaben aus der Einkommensteuer jährlich 130 bis 160 Millionen — das heißt den Betrag, mit dem die Beamtenbesoldungsreform den preußischen Etat dauernd belastet — hcrausholon will. Und zwar so. daß^ die Progression der Steuersätze für die geringeren Einkommen dieselbe bleibt wie bisher, während die Steuersätze für höhere Einkommen teilweise erheblich — um 40 bis 50 Prozent — erhöht werden sollen. Es liegt auf der Hand, daß dieser Plan des Finanzministers aus lebhafte Gegnerschaft stoßen wird. Da aber von dem Zustandekommen der preußischen Beamtengehaltsreform auch das Zustandekommen der Reichsbeamtenaufbesse- rung abhängig ist, und da in weiten Volkskreisen seit Jahren eine stärkere Heranziehung der großen Einkommen zur Einkommensteuer dringend gefordert wird, so glaubt Herr v. Rheinbaben und mit ihm das ge- > samte preußische Staatsministerium, daß die geplante
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(Nachdruck verboten.)
Rüm tierische VesuchLkarterL«
Das Abgebcu von Visitenkarten bei Besuchen, die einen gewissen Anstand erfordern, ist heute noch immer ein weitverbreiteter Brauch, der im Geschäfts- wie im Privatverkehr gleich stark geübt wird. Dieser Brauch mag nun schon oder unschön, passend oder unpassend sein, etwas Nüchternes erhält er jedenfalls schon dadurch, daß die Karten selbst nichts weiter erfüllen als die Vermittelung der Namen hin und her in mehr oder weniger schöner Druckschrift, auf mehr oder weniger schönem Karton. Der Gedanke nun, daß es wohl an der Zeit und allgemein wünschenswert sei, die Besuchskarten durch künstlerisch bildnerische Ausschmückung zu schönerer Bedeutung zu erheben, gab Anregung zu einem bedeutsamen Preisausschreiben, das im Frühjahr 1908 von der Kgl. Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Gemeinschaft mit dem deutschen Buchgewerbeverein in Leipzig erlassen wurde. Die Kronprinzessin Cecilie und die Prinzessin Johann Georg von Sachsen protegierten dies Unternehmen, indem sic erlaubten, daß die an dem Preisausschreiben teilnehmenden Künstler für sie besondere, dem Rang ihrer Person entsprechende Entwürfe in künstlerischen Besuchskarten ausführen durften. Das Preisausschreiben hatte den besten Erfolg. Reichlich 2000 Entwürfe gingen ein, davon wurden 464 ansgewählt und zu einer Ausstellung vereinigt, die jetzt im Buchgewerbehaus zu Leipzig zum erstenmale das Ergebnis in einem kleinen Raume bequem übersehen läßt.
Der Hauptzweck des Preisausschreibens war, wie schon gesagt, dieser: die Besuchskarte, die heute nichts mehr als ein nichtiges Blatt darstellt, das gegeben, genommen und wcggeworfen wird, zu einer künstlerischen Ausstellung heranzuziehen und sie dadurch, wie das Exlibris, zu höherem Wert zu erheben Im 18. Jahrhundert wurde bekanntlich dieser Besuchskarte künst
lerisch sowohl wie drucktechnisch der grüßte Fleiß gegönnt, und wie man ans der Ausstellung verfolgen kann, sind damals viele solcher Karten verfertigt worden, die verdienten, als Blätter von Kunstwert aufbewahrt zu werden. Dieses bedeutende Gebiet der künstlerischen Betätigung für die graphischen Künste und Techniken znrück- zugewinncn, mußte natürlich vor allem wünschenswert erscheinen und es wäre nur erfreulich, wenn diese erste Anregung einen großen Aufschwung in der Verbesserung der heutigen Besuchskarten nach sich zöge. Die Ausstellung deutet immerhin das Beste an, wenn sie im ganzen auch nicht verkennen läßt, daß es sich hier um einen ersten Versuch handelt, denn überall an den Entwürfen spürte man eine gewisse Unsicherheit heraus und viele zeigen eben darin die größte Unvollkommenheit, daß sie in der Vereinigung von Schrift und Verzierung die harmonische Ausgleichung entbehren lassen; zumal mit dem Feld, das den Namen trägt, ist hier und dort unglücklich genug verfahren worden. Einteilen lassen sich die Entwürfe wohl in solche mit rein ornamentaler, figürlicher und landschaftlicher Ausschmückung; einige tragen indessen auch nur 1Ec Schrift, andere auch verbinden das Figürliche mit dem Landschaftlichen. Techniken sind alle möglichen verwendet worden, vorwiegend aber Radierung und Lithographie. Die Arbeiten durften auf Charakter, Berits, Herkunft oder Neigung einer Person bezug nehmen. Auf eine gute Schrift war Wert zu legen. Im ganzen ist viel stilisiert, symbolisiert und allegorisiert worden. Es tritt da unter den Entwürfen als auffallend hervor, daß Namen von Personen in irgend einer Weise gleichsam versinnbildlicht werden, so etwa der Name Hatzler durch eine Hirschhatz, der Name Vogel durch einen Vogel, Gärtner durch Gärten usw. Diese Art des BczugneHmenS auf eine Person ist, sofern die Versinnbildlichung des Namens ernst genommen werden soll, kaum glücklich zn nennen, denn auf einer Besuchskarte, im Bilde dargestellt, kann so etwas leicht komisch wirken, und zwar unfreiwillig komisch. Anders freilich steht es ln diesem Fall, wenn man die Versinnbildlichung humoristisch anvackt und in die Sem Namen
entsprechende bildliche Darstellung gleich das Komische in bedeutender künstlerischer Form hineinlegte. Das humoristische Genre tritt in den Entwürfen auch vereinzelt hervor, doch in wenig bedeutender Ausführung. Indessen wäre die humoristische Besuchskarte, sofern sie in der bildlichen Ausgestaltung so vornehm als nur möglich gehalten ist, wohl zu empfehlen, denn wo sie abgegeben würde, brächte sie sogleich Fröhlichkeit in ein Haus und veranlaßte vielleicht, daß sich Personen mit weniger Steifheit, unbefangener, herzlicher kennen lernten.
In den Entwürfen mit reiner Ornamentik, Umrahmungen (tu Kränzen, Girlanden, Ranken und dergl meist stilisiert), dekorativen Verzierungen, ist man wenig über das Allgemeine hinansgekommen, höchstens daß in Schriften Neues, auch Hübsches geliefert worden ist. Mehrfach hat man sich hier auch verleiten lassen, die Vereinfachung zu übertreiben, indem man den Namens- zng auf einen denkbar engsten Raum derart dicht zusammendrängte und mit einer steifen Verzierung umkleidete, daß es Mühe braucht, die einzelnen Buchstaben zu bestimmen; wer mag sich die Zeit nehmen, auch noch den Namen zusammen zu buchstabieren! Das allzu strenge geometrische Abzirkeln bei dekorativen, stilisierten Verzierungen auf kleinen Karten ist in mancher Hinsicht zu verwerfen, denn hierbei ist man immer leicht geneigt- ins Bizarre, Gesuchte, allzu Verschnörkelte zu verfallen^ was dem Zweck einer Besuchskarte, in schöner, leicht lesbarer Schrift einen Namen zu vermitteln, durchaus nicht günstig ist. Bei anderen Entwürfen mit landschaftlichem Schmuck erscheint hier und da wieder verfehlt, daß daS Feld mit dem Namen in Form eines länglichen Streifens mit hellem Grunde, ohne jede Motivierung, einfach quer über die Landschaft gelegt wurde, wodurch denn natürlich das Bild seine Wirkung völlig cinbüßte. Wie ein Hans von reinem Stil durch ein Reklameschild entstellt wird, wie es entwürdigend ist, in einer schönen Landschaft eine Reklamewand anfzustellen, so muß auch hier das Bild einer Karte durch die unglückliche Anbringung eines Feldes seinen Wert verlieren. Indessen — eS läßt sich ein Name doch auch als Runenschrift in
