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Nr. 434.
Wiesbaden, Montag, £8. September rSV8.
ZS. Jahrgang.
Kbenö-Ausgabe.
1. Matt.
Irrv öcrs 4. HucwLal! 1908
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Uolitische Übersicht.
Z«m Falle Guisnbrtrg.
W iesbaö en, 28. September.
Wir leben in einer Zeit, in der uns mehr als ein „Fall" identsich gemacht hat, Las; in der Exekutive unserer lJnstiz recht vieles zu wünschen übrig bleibt. Freilich, alle menschlichen Einrichtungen sind und -bleiben Stück- Werk, das sagt sich jeder ruhig Beobachtende und Denkende, rvälhrend der Impulsive und Urteilslose folg lei ch die ganze Straße für miserabel erklärt, wenn er zufällig in eine kleine Pfütze trat. Aber wo sich die Fälle häufen, in -denen -dem „allgemeinen Rechtsbewußtsein" direkt ins Gesicht geschlagen wird, da wird es Zeit, daß „etwas geschieht". Zstn Falle Enlenbnrg, der als der Fall des F n r st e n Enlenbnrg von allem, was liberal und volkstümlich empfindet, nämlich von der übergroßen Mehrheit des deutschen Volkes, besonders mißtrauisch betrachtet wird, ist jenem allgemeinen Rechtsbewiitztsein nicht immer entsprochen worden. Hat man sich aber im Mc o l t k e - Ha rö c n-Pr vz eß, aus dem der jetzige resultiert, sehr über das warme Eintreten des Staatsanwaltes Fsesibiel für den Fürsten gcwnnidert, und es mindestens als aller sta-atsanwaltlichen Tradition wenig entsprechend gefunden, so hat man sich jetzt über die übergroße Liberalität des Gerichtshofesaufgeregt, der den mit dem Dringendsten Verdacht eines schweren Verbrechens Äußerst belasteten, gefürsteten Mann ohne Schwierigkeiten und ohne die sonst in solchen Fällen meist übliche, hohe Kaution aus der Untersuchungshaft freiließ, weil -er als schwer krank galt. Und siehe da, kaum war der Vogel soweit frei, wie er es den Umständen nach nirr sein konnte, d-a schwellte dies Freihcitsgefnhl seine Brust, er gesundete zusehends, und der Mann, den man schon halb -tot wähnte, -konnte sogleich eine aus-gedehnte Auto- mobi'lfa'hrt nach seinem festlich bewimpelten Schloß riskieren. Mit gelegentlichen AutomobAfahrten hatte man ihn fa schon in der UntersuchnngNH-Äst erfreut und damit eine in der Geschichte der Untersuchungshaft vereinzelt stehende Neueinrichtung geschaffen, die hoffentlich ein Präjudiz für alle anderen schwer kranke, weniger belastete UntersuchnngAgef-angene bildet. Fürst Enlenbnrg weilt also dank der Liberalität eines Gerichtshofes, so weit es die Verhältnisse gestatten, guter Dinge in seinem Schloß, und Alldeutschland mit wenigen Ausnahmen regt sich -darüber auf. Nun aber kommt ein anderer Gerichtshof und korrigiert den ersten, intdem er an die vorläufige Haftcn-tlnssung des Fürsten die Bedingung einer -Kaution von 100 000 M. knüpft, in Ansehung der Schwere der Verfehlung und des Vermögens des Fürsten -eigentlich nur ein K-autiönchen. Immerhin ist dieser Gerichtsbe-schluß ein bescheidenes Äquivalent für das beleidigte RechtAgefübl -weiter Volkskreise. Man darf auch Hoffen,, daß man der Durchlaucht trotz der Kaution ordentlich ans den Dienst paßt und -daß cs aus der angeblich beabsichtigten Übersiedelung Des des Meineids und ekler Schmutzereien Verdächtigen nach Rortschach im freien Lande Schweiz nichts wird. Jeder arme Teufel, der aus Hunger ein Pfund Wurst gestohlen hat, wird rücksichtslos verknurrt, mit dem hochgeborenen Verbrecher soll ebenso wenig Federlesen gemacht werden. so will es das Gerechtigkeitsgefühl des Volkes -und unserer demokra-t-ischen Zeit. Behalten wir den -Fall Enlenbnrg" sorgfältig im Auge. **
Die „Leipziger Neuesten Nachrichten" schreiben u. a. über die Sache:
Eben hat sich Fürst Eulcnburg noch bei seiner Rückkehr nach Liebenberg dort in -ausgiebigster Weise feiern lassen, von allen Seiten trafen Blumens-penden, Glückwunschschreiben und -öcpeschen ein, auch Graf Kuno Moltke soll -gratuliert haben. Das'sind Erscheinungen, die verständlich wären, wenn der Fürst von dem Verdachte des Meineids f r e i g e s p r o ch c n worden wäre. Da er aber lediglich ans Rücksicht auf seinen Gcsund- heitsznstand aus der Haft entlassen worden ist, so können dieie Glückwünsche ciaen-tliclj nur so ausgefaßt werden,
daß man den Fürsten zu dem Stärkcgrad seines Leidens, der seine Haftentlassung ermöglichte, gratuliert. Eine etwas seltsame Idee. Nun, diese ungemischte Freude hat nicht allzu lange gewährt. Die Forderung der Staatsanwaltschaft, die das Mindestmaß dessen enthält, was -zur Sicherung vor unliebsamen Überraschungen nötig ist, ist von dem Strafsenat anerkannt worden.
Das Schicksal der Falü-Kavterrstsner.
In Bundesratskreisen wird es nicht für ausgeschlossen gehalten, daß anstatt der vom -Staatssekretär Srsdow in Aussicht gestellten völligen Aushebung der Fahrkarten st euer -zunächst -der Versuch gemacht werden -wird, die Fahrkartensteuer zu verbessern durch -Einführung mäßiger -fester Sätze und auch durch Heranziehung der vierten W a g e n k l a s s c zur Steuer, wodurch der Abwanderung in die niederen Klassen gesteuert werden soll.
-Man müßte diesen Versuch, falls er wirklich geplant ist, von vornherein als ein höchst unglückliches Beginnen ansöhen, von der Fahrkartensteuer, die ein so -glänzendes Fiasko gemacht hat, noch etwas zu retten. Würde doch die Heranziehung der 4. Wagenklaffe viel weniger die in die untere Klaffe abwan-dcrnden Schichten treffen, als die ohnehin und von jeher die 4. Klaffe benutzenden, am wenigsten bemittelten Vevölkerungs- Llaffen. Es -wäre das somit eine neue, ungerechte Belastung -gerade der schwächsten Schultern, eine Maßnahme 'übrigens, zu der sich im Reichstag doch wohl nicht so leicht eine Majorität -finden wird. *
Deutsches
* Hof- und Personal-Nachrichten. Der Kronprinz und die Kronprinzessin, -die Samstag von Klrtschen- dorf in Berlin cmtrafen, -begaben sich im Automobil zu rnchr- tägiacm Jagdaufenthait nach Groß-Mützelburg.
Der Erbprinz und die Crbprinzessrn von Sachsen-Meiningen trafen zum Besuch -der Familie Vandevbilt iirt „Kaiscrhof" in Nauheim ein.
* Zum Besuch Jswolskis bei Staatssekretär von Schön besagt eine offiziöse Meldung: Ter Besuch des russischen Ministers des Äußern Jswolski bei dem deutschen Staatssekretär v. Schön in Berchtesgaden entsprang dem natürlichen Wunsche, langjährige, persönliche politische Freundschaftsbeziehungen zu Pflegen. Ein Gedankenaustausch über politische Dinge hat ergeben, daß zwischen Deutschland und Rußland keinerlei, weder direkt noch indirekt ftc berührende Fragen vorliegen, welche geeignet wärest, die von beiden Seiten gewünschte Fortführung der traditionellen freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland zu erschweren oder zu vereiteln.
* Ein Zusammenschluß der rheinischen Städte. In Koblenz wurde der Rheinische städtetag gegründet. Der neugegründete Verband umfaßt sämtliche Städte der Rheinprovinz. Zum Vorsitzenden wurde Ober- bürgcrmeister Marx-Düsseldorf gewählt. Es wurde schlossen, nach Bekanntgabe des Entwurfs der Elektrizitätssteuer einen Städtetag zur speziellen Beratung dieser Gesetzesvorlage einzuberufen.
* Ein Denkmal für Grvßherzog Friedrich von Baden. Auf der Insel Mainau fand gestern nachmittag die Enthüllung des Denkmals für den verstorbenen Großherzog Friedrich von Baden statt im Beisein des Großherzogspaares und der Hofstaaten. Der Großherzog hielt eine Ansprache. Die Stifterin des Denkmals ist die Großherzogin-Mutter.
* Von der polnischen Genossenschaftsbank. Die Verbandsbank Polnischer Genossenschaften will ihr Aktienkapital um eine Million erhöhen.
Lürv rrrrv Motte.
Unbegründete Gerüchte. Über einen Ehrenhandel zwischen dem Grafen Zeppelin und dem Major Groß, dem Kommandeur des Lustschifferbataillons, kursieren in Berlin, wie schon mitgeteilt, unkontrollierbare Gerüchte. Die an allen in Betracht kommenden Stellen eingezogenen Erkundigungen haben jedoch bisher keine Tatsachen für die unbedingte Glaubwürdigkeit jener Behauptungen ergeben. Herr Major Groß hat auf eine an ihn gerichtete Anfrage im Gegenteil auf das bestimmteste erklärt, daß ihm von allen diesen Dingen auch nicht das mindeste bekannt sei, und daß er durchaus in A b r e d e stellen müsse, daß irgendeine persönliche Differenz zwischen ihm ' und dem Grafen Zeppelin schwebe. Feststehende Tatsache ist also nur, daß Graf Zeppelin zurzeit in Berlin anwesend ist. und daß er im Laufe des Samstagvormittags eine Reihe von Konferenzen mit verschiedenen hervorragenden Persönlichkeiten gehabt hat.
Das deutsch-ostnsiatische Detachement auf der Heimreise. Das aus China zurückkehrende deutsch-ostasiatische Detachement wurde bei seinem Eintreffen ans dem Bahnhöfe in Kaluaa von den Vertretern der russischen
Militärbehörden und einem zahlreichen Publikum empfangen. Bei einem den Offizieren gegebenen Frühstück wurden Trinksprüche auf den deutschen Kaiser und den Kaiser von Rußland gewechselt', auch die Unteroffiziere und Mannschaften des Detachements wurden bewirtet.
Linienschiff „Rheinland". Auf der Werft deS
„Vulkan" fand am Samstagmittag in Anwesenheit des Fürsten und der Fürstin zu Wied, sowie des Ober» Präsidenten v. Maltzahn-Gültz, des kommandierenden
Generals und anderer Vertreter der militärischen und Verwaltungsbehörden der Stapellauf des Linienschiffes „Ersatz Württemberg" statt. Der Oberpräsident her
Rheinprovinz Freiherr v. Schorlemer-Lieser hielt
die Festrede und schloß sie mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser. Die Taufe vollzog die Fürstin zu Wied. Das Schiff erhielt den Namen „Rheinland".
Die nmrokkmnlche Frage.
Ei» deutsch-französischer Zwischenfall.
Über einen Zwischenfall in Casablanca ist folgende amtliche Meldung eingcgangen: Bei der Einschiffung von drei deutschen Deserteuren der Fremdenlegion wurden der Sentsche Konsulatssekretär und ein Konsulatssolüat, welche die Deserteure auf dein Dampfer abliefern sollten, von französischen Marinesol Laten angegriffen: crsterer wurde von einem Offizier mit dem Revolver bedroht, letzterer wurde gefesselt und erst aus Einschreiten des deutschen DragomanS freigelaffen. Die Deserteure sind in französischer Haft. Die Bestrafung der Schuldigen ist beantragt.
Über den Zwischenfall mit den deutschen Deserteuren in Casablanca ist die Untersuchung eingeleitet, dle zweifellos von der französischen und deutschen Seite ln demselben Geiste geführt werden dürfte.
Der frühere Gesandte de Villers erklärte im Hinblick ans den Zwischenfall von Casablanca, die Regierung sei schlecht informiert gewesen, als sie nach Casablanca Truppen sandte, welche zum größten Teile aus F r c m - d c n zusammengesetzt waren und unter denen die Deutschen die Mehrheit bildeten.
Casablanca, 28. September. sDrahtbericht.) Gestern begab sich der deutsche Konsul nach dem französischen Konsulat und verlangte die Auslieferung der verhafteten Deserteure. Der französische Konsul erklärte, daß er die Forderung der französischen Militärbehörde unterbreiten werde.
Paris, 28. September. lDrahtbericht.) Der „Maiin" meldet in anscheinend tendenziöser Absicht aus Casablanca: Infolge des neuesten Zwischenfalles sei die feindselige Stimmung zwischen Deutschen und Franzosen im Zunehmen begriffen und man befürchte weitere ernste Zwischenfülle. Die nicht-deutschen Deserteure bedauerten nunmehr ihr Verhalten und beschuldigten die deutschen Legionäre, sie zur Desertion aufgewiegelt zu haben.
Paris, 28. September. lDrahtbericht.j „Echo de Paris" meldet aus Casablanca, der deutsche Konsul habe eine P r o t c st n o t e in der Frage der Deserteure dem französischen Konsul zugestellt.
Wie die „Ageucia Siefani" meldet, ist Samstagabend den Geschäftsträgern Frankreichs und Spaniens vom Auswärtigen Amt die Antwort der italienischen Regierung über die französisch-spanische Marokkonotc übermittelt worden.
Madrid, 28. September. Der Exminister Villanueva veröffentlicht aufsehenerregende Enthüllungen über die Vernachlässigung der spanischen Inte r e s s e n an der Küste von Marokko sowie über die gleichzeitige Protektion der Franzosen, deren Einfluß immer mehr wachse, durch die spanische Regierung selbst. Unter anderem habe der spanische Kriegs-Minister unrechtmäßigerweise einer französischen G.sellschaft innerhalb des Festungs-Rayons von Mclilla zum Ban von Werkstätten und Lagerräumen, die durch ihre Höhe sogar die Befestigungen überragen, die Konzession erteilt.
Paris, 28. September. (Drahibericht.j Nach Ansicht informierter Kreise wirst der Zwischenfall von Casablanca verschiedene Fragen des internationalen Rechts auf und dürfte keine besonderen ernsten Folgen nach sich ziehen. Die Regierung hat bereits von General Damade einen genauen Bericht verlangt, welcher mit dem deutschen verglichen werden soll, bevor weitere Entschlüsse gefaßt werden.
Ausland.
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Die Wiener „Pol. Korresp." erhält folgende authentische Mitteilung: Erzherzog Franz F e r d ! n a rr i von Österreich-Este beabsichtigte, im Laufe dieses Herbstes das rumänische Königspaar zu besuchen und hierbei seine
