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Nr. 488.

Wiesbaden, Sonntag, 27. September 190®.

88. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

PgLMsche Mscheuschmr.

Zwei große Veranstaltungen haben in der letzten Zeit in Berlin stattgefnnden, die. beide sehr wohl ge- eignet erscheinen, einer Verständigung der Nationen die Wege zu ebnen und damit eine weitere Erhaltung des Weltfriedens sichern. Namentlich der Inter­parlamentarische Kongreß, die Begegnung von Volksvertretern aller Länder; die Bekanntschatt zwischen derartigen einflußreichen Persönlichkeiten kann sehr wohl dazu dienen, sich gegenseitig verstehen zu lernen und langjährige Mißverständnisse und Diffe­renzen aus dem Wege zu schaffen. Die Aufnahme, welche dieser Kongreß in der Reichshauptstadt gefunden hat, dürste gleichfalls dazu beigetragen haben, bei gar manchen Delegierten eine andere Meinung, über Deutschland zu erzeugen, und ganz besonders die her- vorragende Friedensrede des Fürsten Bülow war ein Moment, das die Bedeutung dieses Kongresses wert Wer diejenige der vorhergehenden hinanshob. Aber auch dem in dieser Woche stattgehabten Inter­nationalen Pressekongretz kommt ern ge- wisfer politischer Charakter zu, in dem die Personnch- keiten, welche die öffentliche Meinung ihres Landes rm freundschaftlichen oder feindlichen Sinne zu beein­flussen in der Lage sind, hier Fühlung nehmen, manche Verhältnisse ans eigener Anschauung kennen lernen und daß dabei mit manchem Vorurteil zum Segen der Beziehungen der Nationen untereinander aufgeräumt wird. Beide Veranstaltungen sind glänzend verlaufen, auch nicht der geringste Mißton hat sie getrübt, und die Delegierten dürften sämtlich einen Eindruck mitge­nommen haben, der hoffentlich nicht ohne segensreiche Folgen bleiben wird.

Daß auch die Regierungen selbst bestrebt, sind, jeden Stein des Anstoßes beiseite zu schaffen, beweist der Ver­laut der jüngsten Phase der Marokko-Affäre. Das Drängen Deutschlands auf Anerkennung Muley Hafids und die französisch-spanische Marokko-Note schien die Gefahr in sich zu bergen, die Dinge erneut zuzu­spitzen, und vor allem mußte man darauf gespannt fein, welche Antwort Deutschland auf die Marokko- Note haben wiirde, denn daß sie nicht so ohne weiteres akzeptiert würde, darüber war man sich selbst an der Seine von vornherein nicht im Zweifel gewesen. Nun ist die deutsche Antwort iiberreicht worden, sie lautet sehr entgegenkommend, macht aber doch mancherlei Vor­behalte, die freilich nicht allzu sehr ms Gewicht fallen, und siehe da, an der Seine zeigt man sich von diesem Bescheide doch im großen und ganzen zusriedengestellt

fntslkism*

(Nachdruck verdaten.)

Die Wiesbadener Vorsrte.

Bon Ludwig Anders. lE i g e n e r Bericht.)

V.

Schierstein.

(Schluß aus der gestrigen Abend-Ausgabe.)

Ein anziehendes Bild gewährt der Hafen an schönen Sommer ragen gegen Abend, wenn er von zahlreichen Gondeln belebt ist und an seinen Ufern Badende sich in die kühlen Fluten stürzen. Bei den nicht unerheblichen Tiefen des Hafens ist dies kein ganz ungefährliches Un­terfangen, weswegen cs nur des Schwimmens kundigen Leuten angeraten sei. Auch die Warnung der Bootver- lether, das Hafengebiet nicht zu verlassen, ist ganz be­rechtigt, denn die Strömung des Rheins ist so stark, dasc ihr nur kräftige, des Ruderns kundige Personen wider­stehen können. Mancher überkluge Ruderer wurde abge­trieben und war froh, wenn er weit vom Hafen das Land gewann, das Boot irgendwie befestigen und den Schiffer ersucherr konnte, es selbst zurückzuholen, was meist mit einem tiefen Griff in den Geldbeutel verbunden war.

Sowohl dem Hafen als auch der Schiersteiner In­dustrie dürfte eine sehr rege Entwickelung beschieden sein, wenn erst das langgehegte Projekt einer Hafen­bahn verwirklicht werden wird. Zwischen den inter­essierten Kreisen: Industrie, Gemeinde, Staat, haben deswegen öfters und schon seit Jahren Verhandlungen stattgefunden, ohne daß sie bislang zu einem Resultat führten. Die Hafenbahn soll dort von der Rheingan- bahn äbzweigen, wo diese die nach Wiesbaden führende Schiersteiner Landstraße kreuzt. Bis zur Ziegelei Peters und Stüber ist schon ein Geleisestrang vorhanden; es würde sich also um dessen Fortsetzung bis zum Hafen und weiter längs des Users handeln. Die Hafenbahn toll in de» Geoand des Restaurants «Tivoli die. Bezirks-

nnd erwartet eine baldige Verständigung, wobei aus­drücklich versichert wird, daß Frankreich in jeder Be­ziehung geneigt sei, Entgegenkommen zu zeigen, um eine Einigung baldmöglichst herbeizuführen. Cm großer Teil der Mächte, namentlich England voran, hat der Marokko-Note «ans fagon zugestimmt, aber das fällt kaum wesentlich ins Gewicht, zumal die übri­gen Angehörigen des Dreibundes, Österreich und Italien, sich dem Vorgehen Deutschlands vollkommen anschließen und mit Überreichung ihrer Note gewartet haben, bis die deutsche Antwort erfolgt ist. Nach alle­dem kann man überzeugt sein, daß die weitere Ent­wickelung der Marokko-Affäre in voller Ruhe vor sich gehen wird, ohne daß Komplikationen zu befurchten sein werden. ^

Nicht so zuversichtlich kann dagegen der Schatz- sekretär Sydow in die Zukunft blicken. Seme Vorschläge' ruhen jetzt im Bundesrate, der mehrere Wochen sich mit ihnen beschäftigen muß und kaum viel früher als bis zulir Wiederzusammentritt des Reichs- tages damit fertig sein wird. Ist doch das Schicksal seines Entwurfes völlig dunkel und auch seine Be­sprechungen mit den verschiedenen Parteiführern, unter denen sich bemerkenswerterweise auch Vertreter des Zentrums befanden, dürften wohl kaum allzu große Hoffnungen erweckt haben. Um nun etwas günstigere Stimmung für seine Pläne zu machen, hat der Schatz­sekretär zur Feder gegriffen und in einem längeren Artikel in derDeutschen Revue", dessen Ausführungen wir mitteilten, so etwas wie ein Programm nieder­gelegt, wobei er sich freilich gerade über die am meisten interessierende' Frage, welche Steuerprojekte im ein­zelnen kommen und wie sie aussehen werden, im Hin­blick auf die übliche Diskretion in allen Tonarten aus- schweigt und sich darauf beschränkt, einige Andeutun­gen zu machen. Das wesentlichste daraus ist, daß außer einer Ausdehnung der Erbschaftssteuer auch eine Nachlabsteuer geplant ist und daß bei testamentlosen Erbschaften, wenn nur entfernt stehende Verwandte vor­handen sind, der Nachlaß dem Reichsfiskus zufallen soll. Von weitgehender Bedeutung für unsere Finanz­gebarung ist noch der Vorschlag, eine Erhöhung der Matriknlarbeiträge der Bundesstaaten vorzunehmen, mit dem Maßstabe, daß dieser Satz nicht Schwankungen unterworfen, sondern für mehrere Jahre festgelegt wer- den soll um so eine gewisse Stabilität Herbeizufuhren. Ob dieser Vorschlag freilich im Parlament Anklang finden wird, da man im Reichstag im allgemeinen von Bindung nicht viel wissen will, erscheint ziemlich un-

^Auf dem Balkan liegt man sich augenblicklich wieder einmal ein bißchen in den Haaren, der Zwi­schenfall Geschow scheint wider Erwarten doch noch weitere Folgen tragen zu sollen. Den Streik der Orientbahnangestellten hat die bulgarische Regierung

dazu benutzt, die durch ihr Land führenden Strecken militärisch zu besetzen und selbst zu betreiben, mit der Begründung, daß sie hierzu durch die Umstände ge­zwungen sei und daß namentlich die Rücksicht auf defensive Zwecke Bulgarien zu einem Eingreifen berech­tige. Man geht wohl nicht fehl, hierin eine Antwort der bulgarischen Regierung auf das Verhalten der Türkei zu erblicken, in dem man dadurch andeuten will, daß man Herr im eigenen Lande sein will; auch die Ant­wort auf die diesbezügliche türkische Note wird kurzer­hand dahin beantwortet, daß es sich hierbei um eme interne Angelegenheit Bulgariens handle. Man scheint in Sofia überhaupt gewillt zu sein, aus militärischen Gründen die bulgarische Strecke der Orientbahn an­zukaufen und man könnte ihm diesen Schritt nicht ver­denken, nur darf man nicht zu Gewaltmaßnahmen seine Zuflucht nehmen. ^ . .

Auch in der Do n a u m o n a r ch i e scheint der Nationalitätenstreit wieder in Hellen Flammen zu ent­brennen. Zwischen Slowenen und Deutschen ist es m Kroatien vielfach zu blutigen Zusammenstößen ge­kommen, welche auch anderwärts den Zwist ansleben ließen, wie beispielsweise in Prag, wo ein Massen­besuch von Slowenen zu großen Verbrüderungsfesten mit den Tschechen Anlaß gab, wobei es natürlich nicht an Ausschreitungen gegen das Deutschtum fehlte. Dieser Nationalitätenzwist wird es _ doch noch einmal sein, der die Donaumonarchie von ihrer Höhe herab- stürzt. . . .._.. . .*

Politische Übersicht.

Resrer-rrng, Mock Zsr?t«mm.

Das Zentrum hat es gut: Der Schatzsekretär Sydow lädt die Führer dieser Partei zu Besprechungen über die Neichsfinanzreform ein, und dieKreuzzeitnng findet dasselbstverständlich", da sonst das Gelingen der Reform nicht gewährleistet werden könne. Das Zentrum hat also zwei wichtige Freundschaften zurück­gewonnen, wofern es diese beiden überhaupt jemals verloren hatte. Denn im Reichsschatzamt scheint der Geist des Frhrn. v. Stengel noch immer umzugehen, und man muß zugeben, daß sich das begreifen läßt. Ein Schatzfekretär, wie er auch heißen mag, denkt natürlich zuerst und zuletzt daran, auf welchem kürzesten und reibungslosesten Wege er seine Steuerpläne durchsetzen kann. Wer ihm dabei hilft, ist ihm,nicht so wichtig wie die entscheidende Tatsache, daß ihm überhaupt ge­holfen wird. Solche gewissermaßen unpolitische Finanz- Politik, solche mindestens nicht parteipolitische Auf- fassung gehört zum Metier. Daß das Zentrum sich der liebenswürdigen Begönnerung durch die Konservativen trotz des Blocks zu erfreuen hat, ist gar nichts Neues, und auch hier kann man fragen: Warum nicht?! Nrcyt

tvahe nach Biebrich kreuzen, am Hafen nach links rbbiegen und am Ufer nnterb.ilb der Fabriken etwa bis zum Strandhcim gehen. Ein Zweiggleis, bas von Privatunternehmern also den beteiligten Industriellen zu bauen wäre, würde längs des Laöenfers gebaut and mit Auslädevorrichimngen, wie großen Kranen und dergleichen, versehen werden, während im Anschluß an dieses Gleis Lagerhäuser errichtet werden sollen. Das an die Hafenbahn grenzende Gelände, ungefähr 150 Morgen östlich des Ortes, soll tTt&uftrieXt verwertet und gegebenenfalls die neuzuerrichtenöen Fabriken mit direkten Gleisanschlüssen versehen werden.

Die Verwirklichung dieses großzügigen Projektes wurde eine neue Ära für Schierstein einleiten, denn da Wasser- und Bahnverbindung vorhanden ist, die Anfuhr der Rohmaterialien und die Verfrachtung der Erzeug­nisse also jeweils auf dem geeignetsten Wege erfolgen kann, dürfte das Gelände wohl Liebhaber finden, be­sonders dann, wenn die Gemeinde den Unternehmern in irgend einer Weise, vielleicht mit Steuernachlässcn für die erste Zeit, entgegenkommt. Dr. Peters hat, um dieses Projekt zu fördern und Hintertreibungen des Bahnbaues durch Hohe Preisforderungen zu verhindern, schon vor Jahren einen großen Teil des in Frage kommenden Geländes angekauft. Auch die Stadt Wies­baden interessiert sich für den Plan und hatte bereits die Anlage eines Umschlagplatzes tn Frage gezogen. Von der industriellen Entwicklung Schiersteins scheint sogar der Staat große Erwartungen zu hegen, denn es war schon einmal von dem Van eines eignen Industrie- Hafens in dem Alluvialgelände rechts vom jetzigen Hafen die Rede. . ,

Ehe alle diese schönen Projekte sich verwirklichen werden, wird hoffentlich eine andere Bahnfrage gelöst worden sein, die den Schierfteinern viel mehr am Herzen liegt. Das ist der Ban der elektrischen, Rheingau- Rundbahn, die dem Orte die direkte Verbindung mit Wiesbaden bringen soll. Gegenwärtig müssen die Schier­steiner sowohl mit der Siaatsbahn, al» aiich m.t der Straßenbahn über Biebrich fahren, um nach Wiesbaden

zu kommen. Wiewohl sie gegen die größere Nachbar- gemeinde nichts einzuwenden haben, behagt ihnen dieser Zustand ganz und gar nicht, sintemalen auch in Schier- stein Zeit als Geld gewertet wind, und darum wollen sic ihr eignes Stvatzenbühnle -durch die Schiersteiner Landstraße nach Wiesbaden haben. Davon ist die Eisen- bahndire-ktion kein Freund, die ein wahrhaftes Grauen gegen alle Stratzenbahnprvjekte zu empfinden scheint, bei denen sich eine überkreuzung der Staatsbahngeleise nicht vermeiden läßt. In Schierstein aber hat man eine Lösung dieser kniffligen Sache ausgeknobelt, gegen die sich die Eisenbahndirektion nicht gut wird sträuben können. Man ist nämlich übereingekommen, vor Schier­stein mit der Straßenbahn von der Landstraße nach links abzuweichen und durch das Feld bis zu einer Stelle zu gehen, wo das tiefer liegende Staatsbahngleis ohne besondere Kosten den Bau einer Überführung zuläßi. Trotz seiner Wichtigkeit steht der Bahwban aber noch in weiter Ferne und vorläufig hat die Gemeinde der Frank­furter Firma, die die Bahn bauen will, einen Aufschub bis zum 1. Januar 1909 gegeben.

Scheinen sonach die Aussichten für diese Bahn­projekte keineswegs rosig, so werden sie doch von der Gemeinde mit Interesse und Eifer verfolgt und sind diese Bestrebungen sehr verständlich. Soll die Hafenbahn die industrielle Entwicklung fördern, so hofft man, daß die direkte Stratzenbahnverbindung mit Wiesbaden die Niederlassung begüterter Leute beschleunigen und die Entwicklung Schiersteins zum Villenvororte einleiten werde. Die landschaftlich schönsten Partien der Ge­markung sind im Anschluß an die Vorschriften der Regierungsbaupolizeiverordnung der landhausmäßigen Bebauung erschlossen worden. An der Schiersteiner Land­straße die Bezirke Kreuzer und Krvsel, an der Bezirksstraße nach Walluf und der Straße nach Frauen­stein sirrd große Geländeslächen für Villenquartiere vor­gesehen. Das Terrain an der Schiersteiner Landstraße grenzt unmittelbar an den Ort, von dem aus es sanft zur Höhe steigt, einen herrlichen Blick über den Ort und Hafen Hat man von allen Punkten aut den Wem, Dis