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Nr. 421.
Morgen - Kusgabe.
I. Matt.
gfitr öcrs 4. gsuarfaC 1908
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Nord und Süd.
In der Oktobernummer der „Süddeutschen Monatshefte", deren Aushängebogen bereits vorliegen, gibt Abgeordneter Friedrich Payer, ausgehend von dem Gegensatz, der auf dem Nürnberger Parteitag zwischen nord- und süddeutscher Sozialdemokratie zutage trat, folgende interessante Gedanken über Süddeutschland und sein Verhältnis zu Preußen. Er schreibt:
Es geht so allmählich durch Süddeutschland ein Gefühl — nicht bloß in der Sozialdemokratie — als ob wir nachgerade von Berlin aus reichlich genug diszipliniert und b e g I ü ck t wären. Man sieht, was von dort kommt, mit einer gewissen Nüchternheit an, die vielleicht schon länger am Platz gewesen wäre.
Die süddeutschen Regierungen und B e - Hörden haben sich mit einer seltenen Rufopferungs-, ja Selbstenteignungsfähigkeit dem norddeutschen Einfluß gefügt, seit das Reich besteht. Mochte die von norddeutschem Geiste getragene, fast in allem an preußische Verhältnisse sich anlehnende Gesetzgebung und Verwaltung noch so unbequem, sa bisweilen direkt abträglich für uns fein, mit rührender, wirklich nur durch nationale Hingabe erklärbarer Gewissenhaftigkeit wurden sie bei uns durchgeführt. Selbst dann, wenn man in Preußen bereits eingesehen hatte, daß eine Vorschrift nicht klappe und sich deshalb mit weitgehender Nachsicht half, waren wir in der Durchführung hart gegen uns.
Langsam kamen wir nun von der offenen oder uneingestandenen Bewunderung norddeutscher Staatskunst zurück. In der auswärtigen Politik
KeuiUeton.
(Nachdruck verboten.)
ZranZosische StäMcMIde?.
Von Karl Lahm.
Kyo«,
Wer den Namen Lyon aussprechen hört, denkt unwillkürlich an Seide und Samt, an knisterndes Fron- Fron und schwere Brokate. Wer in die zweitgrößte Stadt Frankreichs als Tourist zum erstenmal hinein- steht, wird enttäuscht sein: in den Geschäftsstraßen ist von Seide und Samt nichts zu erblicken, jedenfalls weniger als ln anderen Städten — die bedeutendsten Tuchfabrikanten der Welt haben die Koketterie, am Orte ihrer Tätigkeit nicht mit reichen Ladenauslagen zu prunken. Der Detailverkanf am Platze interessiert sie nichts die kapitalkräftigen Einkäufer bemühen sich in ihre Ateliers, wo die mechanischen Webstühle zu Hunderten laufen. Wer sich länger in Lyon aufhält, dessen Enttäuschung wird noch größer sein als die des Touristen. Die Stadt, von der aus ganze Waggonladungen der herrlichsten Stoffe bis in die entferntesten Weltecken entsandt, und in der die glänzendsten Träume des schöneren Geschlechts erfüllt werden, hat eine Patriziergesellschaft, die sich ihr großes Vermögen in der Tuchfabrikation erworben har, und bei der es elegante Tradition ist, in der Kleidung dem Einfachsten und Schlichtesten den Vorzug zu geben. Die wohlhabende Bürgerschaft Lyons liebt familiäres, dem Luxus abholdes Leben, Interieurs ohne Prunk, Geselligkeit ohne Schwelgerei. Dafür findet man in Lyon etwas tiefere Bildung und wahrhaftigere Freude an Kunst und an Schönem als vielleicht sonst in französischen Großstädten, die das leichtsinnige, oberflächliche Paris nachahmen.
Zweifellos ist Lyon die nnpariserischste Stadt der Republik, und das ist sein Verdienst. Fast öurchgehends haben die französischen Städte nur ein Ideal — cs der Kapitale in allen Stücken nachzutun, möglichst ein Klein- Paris zu sein. Lyon besitzt auch seine Boulevards, aber es hat doch den Charakter einer reichen Industriestadt gewahrt, die ihre Arbeitsfortschritte und Kultur großenteils sicb selbst verdankt und nicht Seine-Babel. Daris
Wiesbaden, Samstag, 586. September 1908.
ist es auch wirklich unmöglich, Erfolge anzustaunen, und aus anderen Gebieten machen wir die Erfahrung, daß manche erprobte Einrichtung, die wir seinerzeit seufzend auf dem Altar der Einheit geopfert hatten, nach langen Jahren als das Neueste von Berlin wieder zu uns zurückkehrt.
So sickert allmählich, wenn auch noch etwas unsicher, das Bewußtsein durch, daß es für das Ganze und für uns selbst besser wäre, wenn wir nicht alles Heil voin Norden her erwarten, vielmehr versuchen würden, im gegebenen Rahmen und unserer bescheidenen Kraft entsprechend, das eigene Wesen und die eigene Meinung n:ehr als bisher durchzusetzen. Das geht nicht gegen die deutsche Einheit, sondern im Interesse der deutschen Einheit gegen ein Übermaß p r e u ß i- scher Vorherrschaft. Die Rückständigkeit Preußens in der inneren Politik muß in den süddeutschen Staaten, die der Reihe nach unter schweren Kämpfen das unverkümmerte allgemeine Wahlrecht durchgesetzt haben, diese Auffassung natürlich sehr unterstützen und auch das preußische V o l k ist nicht ganz unschuldig, wenn seine langjährige Passivität gegenüber dein Dreiklasienwahlrecht in Süddeutschland den Glauben an seine Führerschaft etwas wankend gemacht hat.
Teilweise sind die Folgen dieser Einsicht bereits gegen außen erkennbar. Im deutschen Reichstag ist der süddeutsche Einfluß stärker als vor zwanzig oder dreißig Jahren. Er wird in dem Maß stärker werden, in welchem Preußen es versäumt, für den politischen Fortschritt einzutreten.
Auch die großen politischen Parteien tragen den Verhältnissen Rechnung, die Süddeutschen erringen in ihnen nach und nach mehr Beachtung für ihre Anschauungen und treten teilweise auch gegen außen als Führer hervor. Vielleicht wäre auch _ der sozialdemokratischen Partei die gegenwärtige Krisis erspart worden, wenn man in der Zentralleitung in Berlin, weniger unfehlbar, sich die Mühe genommen hätte, sich etwas mehr in süddeutsche Verhältnisse und süddeutsches Wesen einzuleben und sie mehr zu berücksichtigen.
Die praktisch bedeutungsvollste Verschiebung aber wird hoffentlich bereits eingetreten sein oder wird unmittelbar eintreten müssen. Niemand, der die Verhältnisse rennt, kann bestreiten, daß im B u n d e s r a t die Stellung der kleineren Einzelstaaten sehr bescheiden gewesen ist.' Ihre Lage ist ja Preußen gegenüber, namentlich bei den ganz kleinen norddeutschen, unverkennbar schwierig, aber sie haben sich doch bisher zu
ist in Wahrheit mehr von der Provinz abhängig als die Provinz von ihm: der Fleiß der Provinz erlaubt ihm, seine Paläste und Avenuen zu bauen) dafür sucht es ihr seinen Luxus nnd seine Laster beizubringen. Die Stadt am Rhone- und Saone-Zusammcnflutz begnügte sich nicht immer mit dem Beispiel, das ihr die Kapitale in Wissenschaft und Kunst gab) sie wahrte ihrer Universität eine Sonderstellung — von ihr aus erging oft die Initiative zu Taten, die der gesamten französischen Gelehrtenwelt zum Ruhm gereichten. Die Heilkunde, die chemischen und physischen Wissenschaften haben auf der Lyoner Fakultät wie früher, als Amperes Name in aller Welt bekannt wurde, so auch heute noch ihre bedeutenden Leuchten. Es bestanden enge Beziehungen mit deutschen Universitäten, wie überhaupt die Bande, die deutsche und französische Kultur umschlangen, vielfach in Lyon ihren Anknüpfungspunkt hatten. Lyon war die erste Stadt, die Wagners „Ring" ganz aufführte und alle Musikfreunde aus der Republik zusammenzog. Darin liegt Tradition. Unmerklich wirken mittelalterliche historische Ereignisse nach: Lyon war einst Besitz deutscher Kaiser, an die es nach dem Tode Rudolfs III., 1032, fiel. Am Quai de Pierre-Seize steht in einer von Hängepflanzen umwucherten Felsengrotte das Denkmal eines Deur- schen, Johannes Klebergers, der unter Franz I. Rat der Stadt wurde, sein Vermögen an die Armen verschenkte und unter dem Namen „le Bon Allemand" im Andenken der Lyoner fortlebt. Auch in den kunstgewerblichen Sammlungen der Textilstaöt kann man feststellen, daß lange Zeit hindurch die Muster der deutschen Gewebe gern nachgeahmt wurden.
Ein strafferer Zug gebt durch das Stadtregiment Lyons, wie man schon an der Reinlichkeit der Straßen beobachten wird. Selbst in den Arbeitervierteln herrscht Licht und Luft) hohe Häuser ohne Fassadenschmuck, aber keine engen Gassen. Auf den Boulevards weniger fand- und papierbestreute Cafsterrassen, die den penetranten und doch widerlich faden Absinthgeruch ansströmen, dafür mehr Brasserien nach gemütlicher und komfortabler deutscher Auffassung, wo auch ein gutes bayerisches oder Pilsener Bier serviert wird. — Der schönste Platz Lyons ist die Place Bellecour mit der großen Reiterstatne des Sonnenkönigs — hier atmet man etwas die Atmosphäre der Bourbonenherrlichkeit: Mansart war -er Architekt der palastäünlichen Häuser 1
28. Jahrgang.
sehr imponieren lassen und haben vielfach versäumt, für das Richtige, auch wenn sie es erkannten, mit der ihnen immerhin möglichen Tatkraft einzutreten. Hätten denn beispielsweise im Reich derart klägliche Finanzzustände, wie sie die „Norddeutsche Allgemeine" nun in den beweglichsten Tönen schildert, eintreten können, wenn sie ihre Schuldigkeit, nötigenfalls unter offener Vertretung ihres Standpunkts im Parlament, getan hätten? Dazu ließen sie aber schon die kleinen Eifersüchteleien untereinander nicht kommen. Jetzt haben norddeutsche Staats- und Finanzkunst den Karren in einer Weise verfahren, die ohne Beispiel ist. Jetzt wird beschwörend an jedermanns Mitarbeit und Opferwilligkeit appelliert. Wenn die süddeutschen Staaten nicht jetzt den Augenblick erfassen, um die haushälterische Sparsamkeit, die sie für sich üben, auch aus das Reich auszudehnen und überhaupt ihre Stellung im Reich im Geiste der Verfassung zu kräftigen, dann ist ihnen nicht mehr zu Helsen, dann können sie ja innerhalb ihrer vier Pfähle noch manches Nützliche wirken, aber im Rat des Deutschen Reiches werden sie über die Rolle eines äußerlich gut behandelten L-tatisten nicht hinauskommen.
Diese ganze Entwicklung ist nichts weniger als verwunderlich. In allen großen Reichen machen sich gewisse Gegensätze zwischen den einzelnen Bevölkerungsteilen bemerkbar, die durch die geographischen Verschiedenheiten und die Unterschiede des Temperaments und der historischen Entwickelung nicht bloß erklärt, sondern auch gerechtfertigt werden. Es entspricht durchaus dem deutschen Wesen, daß im Reich diese Unterschiede durch die bundesstaatliche Form offiziell sanktioniert sind, und es ist ein Glück, daß dem so ist. Der politische Fortschritt, auch viele Kultursragen fahren ganz gut dabei. Es ist verständlich, daß in den ersten Jahrzehnten des Reichs die Macht und das Ansehen des Vorstaates, Preußen auf allen Gebieten maßgebend waren. Es ist ebenso verständlich, wenn jetzt auch Süddeutschland, zumal es sich der Einsicht nicht mehr verschließen kann, daß man auch im Staat Preußen mit Wasser kocht, nach Berücksichtigung seiner Stellung und seiner Art verlangt.
Das ist nicht die Mainlinie, wie norddeutscher Partikularismus diese Strömungen zu verdächtigen sucht, sondern das Wiedererstehen der Mainlinie wird gerade dadurch verhindert, daß man alle gelten läßt. Das deutsche Einheitsgefühl ist so stark, daß es lieber noch den Einheitsstaat auf sich nähme, als einen bleibenden Schnitt zwischen Nord- und Süddeutschland. Aber das eine ist so undenkbar wie das
gewesen, btt Hinter den schattenspendenden Bäumen ihre aristokratisch vornehmen Linien ziehen. Wo die Bürger am liebsten promenieren, wenn die Militärkapellen in den Musiktempeln konzertieren, da haben auch die weniger Glücklichen ihr Heim: die von demokratischem Geist erfüllte Gemeinde, die für zahlreiche Krankenhäuser und Asyle sorgt, unterhält in einem der großen Gebäude auf der Place Bellecour das Hospioe de la Charits mit 1200 Betten, das lange für alle französischen Hospitäler vorbildlich war. Die an Schreckens- ereignissen reiche Geschichte des alten phönizischen „Lugdnnum", in dem so oft Ströme von Blut flohen, wenn Pest oder Hungersnot nicht die Einwohnerschaft dezimierten, trieb die Bürger zur Mildtätigkeit.
Von der Place Belleconr hat man einen hübschen Blick auf den Hügel Fourviore, aus dessen Laubgrün die Kirche Notre-Dame aufsteigt. Mit der Drahtseilbahn gelangt man zu diesem Tempel, einem der reichsten Frankreichs, der, wie die Trinitö-Kirche in Paris, als Sühne für den Krieg von 1870/71 erbaut, 1872 begonnen und 1896 mit 8 Millionen Frank Kosten vollendet wurde. Erzbischof Ginonlhtäc hatte das Gelübde abgelegt, auf dem Berg ein Gotteshaus zu errichten, wenn die Stadt von der deutschen Invasion verschont bliebe. Lyon erinnert sich noch anderer Invasionen wenn auch die Preußen keine Barbaren waren, so gab es doch Leute, die an Septimius Serverus dachten, der nach seinem Sieg über Albin in die Stadt einfiel, sie in Flammen aufgehen und alle Einwohner — 18 000 Christen — erwürgen ließt Auch die Österreicher, die vor und nach der Elba-Episode Napoleons Lyon besetzten, standen noch in bösem Andenken. — Notre-Dame de Fourvisre ist ein recht phantastisches kirchliches Gebäude, dessen Stil Simplizistcn als „byzantinisch" bezeichnen, dessen Haupttürme man aber frankweg maurischen Schloßzinnen nachbildete, dessen hinteres Minaret türkisch anmutet, dessen Mittelkuppel im Ogivalstil und dessen Portal in griechischem Tempel- stil ausgeführt wurden. Der Architekt Pierre Boflan, der von Gotik nichts wissen wollte, schuf ein sehr origk- nelles Werk, das von seiner Höhe und aus der Nähe gleicherweise imponiert. Vom Observatorium auf einer der Turmterrasscn, wo man sich 310 Meter, über dem Meeresspiegel befindet sdie Place Bellecour liegt schon 170 Meter hoch), genießt man eine ganz wundervolle Aussicht über das Häusermeer Lvons, die fruchtbaren
