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Nr. 449.

Morgen - Kusgabe.

_ 1. Mtcrtt.

Iüw öcrs 4. ^irawLerl' 1908

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Am Norabrnd einer Kesormara.

Noch niemals, soweit wir zurückdenken mögen, sind oem Reichstag so umfassende und schwierige Aufgaben zugedacht gewesen wie am Vorabend der demnächst be­ginnenden neuen Session. Denn es handelt sich nicht nur um die Reorganisation der Reichsfinanzen, sondern auch um die lange herbeigewünschte Reform der Ar- beiterversicheriingsgesetze. Man scheint vielfach anzu- nehmen, daß das Reichsschatzamt allein nahezu aus­schließlich im nächsten Winter das parlamentarische Terrain im Reichstag beherrschen wird: das ist jedoch, wie dieSozialpolitische Rundschau" versichert, keines­wegs der Fall. Das Reichsamt des Innern ist völlig gerüstet, einen großen Teil der bevorstehenden parla­mentarischen Arbeiten zu bestreiten. Die Reform der Arbeitervorsichcrungsgesetze toll unter allen Umständen dem Reichstag noch in der nächsten Session vorgelegt werden. So wünscht es wenigstens das Rcichsamt.des Innern. Der Nachfolger des Grafen Posadowsky, Staatssekretär v. Bethmann-Hollwea, möchte nicht ein ganzes Jahr lang die Arbeiten zurückstellen, an denen er persönlich regen Anteil genommen hat, und die ge­wissermaßen die Züge seines eigenen Wesens und Wollens an sich tragen sollen. Man will zwar, da es die Umstände so erfordern, der Reichsfinanzreform die Vor­hand lassen, glaubt aber im Reichsalnt des Innern, das große Reformwerk in den ersten Monaten des neuen Jahres den Reichsboten mit der Zumutung präsen­tieren zu dürfen, daß diese etwa 68 Tage der ersten Lesung opfern und alsdann die sehr umfangreichen Vorlagen einer Kommission zu weiterer Bearbeitung übergeben. Falls diese Kommission von etwa 21 Mit­gliedern durchweg aus Personen zusammengesetzt ist, welche an der Steuerreformkommission nicht beteiligt sind, so ist kein Grund einzusehen, warum nicht zwei große schöpferische Kommissionen nebeneinander tagen sollen. Daß der Reichstag die Reform der Versicherungs. gesetzgebnng noch vor dem Sommer 1909 zum gesetz-

FenMelorr.

rNachdruck verboten.)

Die EesberNKg öee Höhe.

Gedanken über die L u f t s ch i f f a h r t.

Von Ewald Gerhard Seeliger.

Man bemüht sich heute, das Problem des Fluges auf zwei Arten zu lösen, ohne und mit Ballonaustrieb. Die Maschinen, die aus den Ballonauftrieb verzichten, sind schwerer als die Luft und werden lediglich durch den Stoß ihrer Propeller im Schweben gehalten. Der Grundfehler dieses Systems liegt in seiner. Bctriebs- unsicherheit. Ein Versagen des Motors führt zum Sturz und zur Vernichtung, lind dieser Übelstand wird niemals behoben werden können, weil es unmög­lich ist, einen absolut sicheren Motor zu bauen. Da­gegen besitzen die Fahrzeuge, die wie das Zeppelinsche Modell durch ihren Ballonauftrieb leichter sind als die Luft, eine fast unverwüstliche Stabilität, können nach Bedarf ihre Triebwellen zum Stillstand bringen, um Reparatur daran vorzunehmen, und kennen die fürchter­liche Gefahr des Absturzes nicht. Zum Verständnis des Jdealmodells nun, dessen Idee ich in meinem Welt­romanDer Schrecken der Völker" (Concordia, Deutsche Verlagsanstalt, Berlin) entwickelt habe, ist es nötig, vollständig umzulernen. Man muß sich vor allen Dingen von den beiden Neigungen befreien, die das Luftschiff in Beziehung zum Freiflugballon und zum Wasserfahrzeug sehen wollen. Die Hülle des tragenden Ballons ist ohne Zweifel noch stark verbesserungsfähig. Trotzdem wird man das Ideal der hermetisch ge­schlossenen Ballonwand nicht restlos erreichen können. Dafür ließe sich Ersatz schaffen, indem man einen Vor­rat des tragenden Wafserstossgascs in flüssiger oder

Wiesbaden, Freitag, 25. September 1908.

56. Jahrgang.

geüerischen Abschluß bringt, wird freilich nicht erwartet. Doch soll im Herbst nächsten Jahres das sozialpolitische Werk in vorderster Linie stehen., damit die Bestimmun­gen über die Versorgung der Hinterbliebenen mit dem Jahre 1910 plntzgreisen können. Kann der hier ange­deutete Geschäftsgang nicht eingehalten werden, dann wird der Reichstag einen Beschluß fassen müssen, wie er den bekannten Trimbornschen Antrag zum Zolltarif­gesetz von 1902 zu verwirklichen gedenkt. Das Jahr l 9 10 wird die ihm auferlegte Psticht der Witwen- und Waisenversorgung nur unter der Bedingung ,zu er­füllen imstande sein, wenn den dringenden Wünschen des Reichsamts des Innern bezüglich Berücksichtigung seiner Vorlagen vom Reichstag gebührend Rechnung getragen wird. Eine Entschließung über,die Verteilung der Geschäfte iin menen Reichstag ist nicht ganz leicyt schon jetzt zu fassen, weil schlechterdings nicht zu über­sehen ist, wie der Kaie der Reichssinanzreform lausen wird. Der Inhalt dieser Reform siebt auch heute noch nicht in unzweideutiger Klarheit fest, weil die Aus­schüsse des Bundesrats vom Standpunkt ihrer prinzi­piellen Bedenken aus einige einschneidende Eingriffe in das Reformbündcl zu machen gesonnen sein sollen. Mehrere Vertreter des Bundesrats haben kein Hehl daraus gemacht, wie bedenklich ihnen einzelne Stücke der Reichsfinanzreform erscheinen, und baben durch et­liche Vorschläge eine Verringerung des ungeheuren Mehrbedarfs des Reichs herbeizuführen gesucht, damit besonders anstößige Steuerschrauben ohne, Beein­trächtigung der Gesamtkomposition auch noch in letzter Stunde beseitigt werden können. 8. R.

politische Übersicht.

Neues uom Uegus.

m. R o m , 23. Scptcmlücr.

Negus Menelik hat einem Austräger, den die Tribuna" zu ihm gesandt, sein Herz ausgcschüttet: wenn auch das Interview gerade keine welterschuttern- den Neuigkeiten enthält, io wirft es doch ganz inter­essante Streiflichter auf die augenblicklichen Zustande im Osten Astikas. Menelik sprach u. a. den Wunsch aus, mit allen Negierungen Europas , gute Beziehun­gen zu unterhalten und erklärte, daß bei den momentan stattfindenden Verhandlungen mit Italien über die Grenzfeststellung auf beiden Seiten der beste Wille zu einer Verständigung vorhanden sei, die man infolge­dessen ja auch bald erzielen werde. Uber die Verhand- hingen mit dem Mullah äußerte er sich ebenfalls: diese dienten dazu, die Wiederkehr von Raubzügen Zu ver­hindern und den Abmarsch einzelner, vom, Mullah, ab- hängioer Stämme herbeizusühren beides Dinge, welche"weder den Rechten Italiens zu nahe träten, noch in irgendeiner Weste das gute Verhältnis dieses Landes mit Abessinien stören konnten. Wie Menelik nebenbei erwähnte, lernt der präsumtive Thronfolger. Prinz

fester Form mitnimmt. Seine Verflüssigung ist schon gelungen, es handelt sich für unsere Chemiker nur darum, diesem Professorenexperiment die Praxis zu er­schließen. Der letzte Unfall des Grafen Zeppelin be­weist die Gefahr, die dieses leichtexplosive Gas m sich birgt. Deshalb wird man sich von ihm so weit als möglich emanzipieren müssen. Und hier gewinnt die alte Idee, mit dem luftleeren Raume, dem Vacuum, zu fliegen, erhöhte Bedeutung, Damit würde auch die Ballastfrage spielend gelöst werden können. Der Ben­zinmotor, den man heute überall zur Fortbewegeung benutzt, wird nur eine Zwischenstufe sein, weil er zu leicht Störungen ausgesetzt ist. Das Ideal einer An­triebsmaschine ist und bleibt der Elektromotor. Es fragt sich nur, woher die Kraft nehmen, ihn zu speisen. Und hier eröffnen sich drei Möglichkeiten: zunächst der Akkumulator oder das leichte Dauerelement. Die zweite Möglichkeit ist die Kraftzuführung von unten. Große Stromwerke, über die Erdoberfläche verteilt, werfen ihre hochgespannten Energien in die Atmosphäre hinaus. Als dritte Möglichkeit endlich bleibt die Nutz­barmachung der natürlichen Elektrizitatsspannung, dre stets vorhanden ist und im Gewitter ihre stärksten Ent- ladungen findet. Vornehmlich diesen Weg habe ich m meinem Weltroman zu entwickeln versucht. Außerdem kranken alle bisherigen Systeme daran, dast^ die An- triebskraft nicht im Schwerpunkt des, ganzen Fahrzeugs angreifen kann. Dieser Ubelstand wird sofort beseitige, wenn man die Gondel mit der Triebmaschine zwischen zwei kongruente, parallelschwebende Tragkörper an­bringt. Diese Anordnung macht außerdem die soge­nannten Stabilitätsflossen überflüssig. Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, zwei Motorgondeln unter- znüringen. Dies wiederum löst das Problem der freien Umsicht. Und endlich ermöglicht diese Anordnung auch die Vereinfachung der Lenkung, Das Jdeolmodell braucht weder Seiten- noch Höhensteuer, man lenkt es

Lig Jan zurzeit Englisch und Französisch und soll später auch italienischen Unterricht erhalten. Übrigens macht sich zurzeit unter den Raubstämmen der abessinisch- sudanischen Grenze wieder beträchtliche Unruhe bemerk­bar, die von den Engländern, ebenso wie von Abessinien, sehr unangenehm empfunden wird. Beide Staaten haben Truppenabteilungen in die bedrohten Gebiete entsandt, um die Ruhe wiederherzustellen.

Die amerikanische UrMderrterrmatzl.

iv. London, 23. September.

Das Bild, welches uns die Kabeldepeschen von jen­seits des großen Wassers übermitteln, wechselt kaleido­skopartig, doch beginnt sich eines immer stärker fühlbar zu machen: Die hierzulande gangbare politische Theorie von demRückschwünge des Pendels" scheint auch in der Union ihre Bestätigung zu finden, wenigstens sind fast alle neuen Gesichtspunkte, welche die Wahl beein­flussen könnten, den Demokraten günstiger als den Republikanern. Unter den letzteren herrscht denn auch ein gewisses Unbehagen, das seinen, Ausdruck in den letzten Tagen bereits in einem Schritte gefunden hat, der in der politischen Geschichte der Union ein Novum darstellt. Wie die leitenden Parteiblätter berichten, ist nämlich der ganze republikanische Feldzugsplan, den Hitschcock, Präsident des republikanischen National- Komitees, entworfen, auf Veranlassung von Roosevelt und Taft völlig umgestoßen worden: Hitschcock bleibt .zwar dem Namen nach Leiter der Kampagne, die tat­sächliche Führung aber geht anältere und erfahrenere" Politiker über. In erster Reihe dürfte Senator Crane von Massachusetts, einer der gerissensten Parteimänner des Landes, die Direktion in die Hand nehmen. Welche Folgen eine solche Palastrevolution haben wird, ist natürlich gar nicht abzusehen . . .

Roosevelt selbst ist, wie republikanische Zeitungen zu berichten wissen, im allgemeinen sehr unzufrieden mit dem Gange der Wahlkampagne, bei der die nötige Energie seiner Meinung nach fehlt: er besteht darauf, daß die Republikaner mehr von sich reden macherr müßten. Auch in Wallstreet ist man des Taftschen Sieges nicht mehr so sicher wie zur Zeit der Nomination, doch hoffen die republikanischen Führer gerade ans dieser Nervosität der Finanzkreise Kapital (im mate­riellsten Sinne des Wortes!) zu schlagen, das sie ihrer Erklärung nach sehr notwendig brauchen.

Fünfrig Jahre der Girtivicklrrng.

g. Sidney, im August.

Etwas mehr als ein halbes Jahrhundert ist ver­strichen, seit der erste Gouverneur derKronkolonie Neu-Seeland" von seinem Posten zurücktrat, und diese Tatsache gibt der Presse des Landes Gelegenheit zu einigen Reminiszenzen, die auch für weitere Kreise Interesse haben, da sie zeigen, wie rasch seitdem der Aufstieg derDominion" vor sich gegangen ist. Um diese Ziffern richtig zu würdigen, inuß man sich schließ­lich mich noch vergegenwärtigen, daß Neu-Seeland

mit der verlagerungssähigen Propellerachse. Man treibt und lenkt bereits mit solchen beweglichen Hand­motoren kleine Boote. Bei jeder Verlagerung der Schraubenachse zeigt der Kiel das heftige Bestreben, von seiner Richtung abzuweichen. Beim Luftfahrzeug kann das mit Leichtigkeit praktisch ausgeführt werden. Der Propellerachse wird man naturgemäß auch die senkrechte Bewegungsebene öffnen müssen, um das Aufwärtsfahren zu ermöglichen. Zweimal muß das Luftfahrzeug mit der Erdoberfläche in Berührung kom­men, bei der Auffahrt und beim Abstieg. Nicht jeder Ort eignet sich für diese Manöver. So wird die Auf­stellung der Ballonhalle in einem tiefen Gebirgstal, das von den allgemeinen Luftströmungen bewahrt bleibt und dessen lokale Winde man genau kennt, viel zweckmäßiger sein als ihre Aufrichtung in der unge­schützten Ebene oder am Ufer eines nach allen Seiten hin offenen Sees. Den Aufstieg hat das Fahrzeug aus eigener Kraft zu bewerkstelligen. Die Gefahr einer Kollision mit dem Halleninnern kann dadurch ver­hindert werden, daß man die hervorspringendcn Seiten- achsen mit Rädern versieht, die unter passenden Wand- schienen entlang . lausen. Der Kernpunkt der ganzen Frage liegt aber gar nicht imLandenkönnen", sondern dasNichtlaudenniüssen" ist für die Stabilität und da­mit für die Aktionsfähigkeit ausschlaggebend. Das Jdealmodell, das sich tagelang in seinem Element auf­zuhalten vermag, kann sich Ort und Stunde des Ab­stiegs wählen und hat nicht nötig, sich den schweren Gefahren einer Landung im Siurni auszusetzen.

Betrachtet man das Luftschiff als Kriegswaffe, sc fällt zunächst ins Auge, daß es sich infolge seiner Leicht- verletzlichkeit nur zum Angriff eignet. Der schnelle und weitreichende Stoß ist die erste Bedingung seines Effekts, die zweite beruht auf _ der Masse _ und der Brisanzgewalt seiner Angriffsmittel. __ Es^rnrd nötig fein, einen Sprengstoff zu suchen, dessen Schwere im

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